Tim Cook: Ausführliches Gespräch über Apples Produkte und Apples Unternehmensphilosophie

Florian Matthey
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Wie angekündigt nahm Apples CEO Tim Cook gestern an der “Technologie und Internet”-Konferenz der Investmentbank Goldman Sachs teil. Cook hatte viel zu erzählen – über Arbeitsbedingungen bei Zulieferern, iPhone-Verkaufszahlen, das iPad, das Apple TV und Apples Unternehmensphilosophie.

Tim Cook: Ausführliches Gespräch über Apples Produkte und Apples Unternehmensphilosophie

Über Arbeitsbedingungen bei Zulieferern

 

Zunächst sprach der Goldman-Sachs-Analyst Bill Shope mit Cook über Arbeitsbedingungen bei Apples Zulieferern. Apple gerät seit Jahren vor allem wegen des Produzenten Foxconn immer wieder in die Schlagzeilen: Die Bedingungen, unter denen Foxconn-Mitarbeiter Apple-Produkte und Geräte anderer Hersteller montieren, lassen zu wünschen übrig, immer wieder gibt es Selbsttötungen von Angestellten.

Cook verweist erneut auf Apples Bestrebungen, sich um alle eigenen Mitarbeiter und die Mitarbeiter von Partnern zu kümmern. Apple nehme Arbeitsbedingungen sehr ernst, egal ob den in den USA, in Europa oder in Asien. Er selbst habe viel Zeit in Fabriken verbracht, und das nicht nur als Manager – er habe in einer Papiermühle in Alabama und einer Aluminium-Fabrik in Virginia gearbeitet. Jeder Arbeiter habe das Recht zu einer sicheren, fairen und diskriminierungsfreien Arbeitsumgebung.

Apple bemühe sich mehr als jedes andere Unternehmen, diese Ziele umzusetzen. Kein Arbeiter solle mehr als 60 Stunden pro Woche arbeiten müssen – es gebe diesbezüglich immer wieder Regelverstöße, aber Apple bemühe sich, diese weiter zu minimieren. Auch kämpfe Apple gegen jeden Fall von Kinderarbeit und trenne sich bei fortgehenden Verstößen von entsprechenden Partnern. Auch die Sicherheit der Zulieferer-Arbeitnehmer nehme Apple sehr ernst – wenn in einer Cafeteria einer Fabrik ein Feuerlöscher fehlt, dann bestehe die Fabrik Apples Überprüfung nicht.

Über iPhone-Verkaufszahlen und wachsende Märkte

Als nächstes sprachen Shope und Cook über die iPhone-Verkaufszahlen. Mit 37 Millionen Geräten haben diese im letzten Quartal einen Rekordwert erreicht – “ein ordentliches Quartal”, so Cook. Die Worte, die sich wie eine Untertreibung anhören, erklärt er wie folgt: Apple halte damit auf dem Smartphone-Markt 24 Prozent Marktanteile, was bedeute, dass drei Viertel aller Menschen noch andere Geräte als iPhones kaufen. 90 Prozent aller Handy-Kunden kauften andere Geräte. Der Handy-Markt werde von 1,5 auf 2 Milliarden Geräte wachsen, so dass die Apple-Verkaufszahlen in Relation immer noch nicht so groß seien.

Das größte Wachstumspotential besteht auf Schwellenmärkten wie China und Brasilien, auf die Shope und Cook als nächstes zu sprechen kamen. Shope erwähnt die Forderung vieler Analysten und Investoren nach einem günstigen Apple-Handy, das Kunden in diesen Märkten ansprechen könnte – in denen Kunden viel häufiger auf Prepaid-Handys statt Laufzeitverträge setzen.

Cook verrät nicht, ob Apple an einem günstigeren iPhone arbeitet – erklärt aber, dass er die These, ein Gerät müsse für diese Märkte möglichst billig sein, nicht notwendig gelten lasse. Auch dort wollten die Kunden ein möglichst gutes Produkt und nicht eine Billig-Kopie dieses Produktes haben. Auch bestehe auf diesen Märkten Potential für mehr Interesse an Postpaid-Verträgen: Apple habe den Mobilfunkbetreiber China Unicom dazu bewogen, das iPhone über Laufzeitverträge subventioniert anzubieten, und damit habe das Unternehmen Erfolge gehabt.

Auf diesen Märkten wiederhole sich derweil der “Halo”-Effekt, den der iPod vor zehn Jahren hatte: Kunden seien nun über das iPhone auch an anderen Apple-Produkten wie dem Mac interessiert. Der iPod habe sich auf diesen Märkten nicht so sehr durchsetzen können, weil die Kunden dort damals schon Musik mit ihren Handys hörten.

Das iPad und sein Einfluss auf den PC-Markt

Nach dem iPhone kam Cook aufs iPad zu sprechen. Die Geschwindigkeit der Annahme des Apple-Tablets durch die Kunden sei überwältigend gewesen – schneller als seinerzeit beim Mac oder iPod. Das iPad habe auf bestehende Strukturen wie den iTunes Store, den App Store und die Erfahrungen der Kunden mit dem iPhone und Multi-Touch aufbauen können. Cooks Mutter habe, nachdem sie einen Werbespot fürs iPad gesehen habe, sofort gewusst, wie sie es zu bedienen habe. In allen Bereichen benutzten Menschen heute iPads.

Er selbst habe, als Apple das Produkt intern testen ließ, gemerkt, dass er bald 80 bis 90 Prozent seiner Konsum- und Arbeitszeit mit dem Gerät verbracht habe. Von Anfang an habe Apple daher geglaubt, dass der Tablet-Markt größer als der PC-Markt sein würde – die Frage sei nur, wie lange dies dauerte. Heute fänden alle Innovationen im Tablet-Bereich statt: Wenn man alle innovativen Entwickler von PC-Software in ein Zimmer einladen würde, wäre dieses leer. Würde man hingegen alle Entwickler für iOS “und das andere Betriebssystem” einladen, hätte man ein volles Haus.

PCs würden zwar nicht aussterben, und auch der Mac, den Cook weiterhin “liebt”, habe noch viel Wachstumspotential. Dennoch werde der Tablet-Markt den PC-Markt letztendlich überholen. Und Apple werde eine wichtige Rolle spielen: Konkurrenten würden zwar günstigere Tablets herstellen, die aber qualitativ nicht mit dem iPad mithalten könnten. Kunden, die sich zunächst vielleicht über ein Schnäppchen freuten, würden sich bald ärgern. Mit dem iPad lasse sich alleine durch die Zahl der Apps mehr anstellen: 170.000 native iPad-Apps gebe es mittlerweile, “und ich weiß nicht, ob es schon 100 für die andere Plattform gibt”.

Durch das starke Wachstum könnte das iPad auch den PC-Markt “kannibalisieren”, und dieser Effekt sei sicherlich auch für Macs zu spüren – auch wenn die Mac-Verkaufszahlen weiterhin schneller wachsen als der Gesamt-PC-Markt. Tablets könnten daher ohnehin eher Computer anderer Hersteller “kannibalisieren”. Auch sehe Apple nicht ein, Innovationen in einem Bereich zugunsten eines anderen Produktes zurückzuhalten – Apple wolle einfach gute Produkte herstellen.

Über Apples Barreserven

Als nächstes kamen Cook und der Analyst auf Apples große Barreserven – mittlerweile über 98 Milliarden US-Dollar – zu sprechen. Cook lässt die Aussage nicht gelten, dass Apple knausrig sei – das Unternehmen investiere viel in Übernahmen von Unternehmen und geistigem Eigentum, investiere Milliarden in den eigenen Einzelhandel, die eigene Infrastruktur, Daten-Center und so weiter.

Natürlich habe das Unternehmen viel Geld. Trotzdem wolle Apple sich nicht als reich sehen; jeden Cent gebe man so aus, als sei es der letzte. Das sei auch im Interesse der Investoren. Der Apple-Verwaltungsrat denke wohl darüber nach, was mit dem Geld zu machen sei, und Cook betonte erneut, dass er weder bezüglich des Sparens noch des Ausgebens “religiös” sei – Shope hatte ihn auf die Möglichkeit der Dividende oder eines Aktien-Rückkaufs angesprochen. Apple lasse sich mit diesen Entscheidungen aber Zeit.

Übers Apple TV und das Wohnzimmer

Dann sprach Cook über das Apple TV, Apples “Hobby”. Das Unternehmen bezeichne die Set-Top-Box mit diesem Wort, um klarzustellen, dass es keinen ebenso großen Markt wie für die anderen eigenen Produkte sieht. Es sei ein tolles Produkt, und alle Kunden, die es hätten, seien sehr zufrieden damit. Wenn Apple seiner Intuition folge “und weiter an diesem Strang zieht”, dann gebe es vielleicht mehr.

Worte also, die darauf hindeuten, dass Apple Interesse daran hat, mit einem verbesserten Apple TV oder einem eigenen Fernseher ins Wohnzimmer einzuziehen – wenn Cook auch keine klare Ankündigung macht. Allerdings scheint Apple erneut die Strategie verfolgen zu wollen, ein Produkt erst komplett zu optimieren.

Über Siri, iCloud und Cooks Philosophie als CEO

Schließlich sprachen der Analyst und der Apple-CEO noch über Apples Spracherkennungs-Assistenten Siri und den Cloud-Computing-Dienst iCloud. Mit iCloud habe Apple ein Produkt gefunden, um dem Bedürfnis der Kunden gerecht zu werden: Vor zehn Jahren habe Steve Jobs den Mac zum “Digital Hub” erklärt, auf dem mit iLife alle Daten an einem Ort zusammenlaufen. Das habe funktioniert, dann aber irgendwann nicht mehr den Bedürfnissen der Kunden entsprochen.

Denn es sei unpraktisch gewesen, Daten von einem iPhone mit einem Mac zu synchronisieren, um sie dann aufs iPad zu übertragen – und umgekehrt. Mit iCloud ließen sich alle Daten jetzt automatisch abgleichen. Das ganze funktioniere – mittlerweile gebe es mehr als 100 Millionen iCloud-Benutzer.

Was Siri betreffe, habe Apple eine neue Möglichkeit gefunden, mit einem Gerät zu kommunizieren. Zunächst gab es die Tastatur und Maus, dann kam Multi-Touch, nun gebe es eben den Spracherkennungs-Assistenten. Das Produkt befinde sich zwar immer noch in der Beta-Phase, aber er könne sich sein Leben schon nicht mehr ohne Siri vorstellen.

Allerdings denke Apple nicht daran, ob nun das Siri-Team oder das iCloud-Team dem Unternehmen selbst Profit beschere. An eine solche Denkweise glaube das Unternehmen nicht.

Auch sonst scheint klar, dass Cook, der erst seit letztem Sommer Apples Führungsposition von Steve Jobs übernahm, Apple zumindest nicht grundlegend verändern möchte: Apple habe eine einzigartige Kultur und sei ein einzigartiges Unternehmen. Er werde es nicht zulassen, dass sich das ändere. Jobs habe allen bei Apple über die Jahre gezeigt, dass es darum gehe, gute Produkte zu machen, und sich voll auf einige wenige Dinge zu konzentrieren statt viele verschiedene Dinge zu tun, was dann zur Folge habe, dass man nichts wirklich gut mache.

Cook mache es glücklich, Menschen zu sehen, die iPhones benutzen, mit dem iPod ins Fitnessstudio gehen oder bei Starbucks ein iPad benutzen. “Das sind die Dinge, die ein Lächeln auf mein Gesicht bringen. Das kann nichts ersetzen”. Apple konzentriere sich immer auf die Zukunft und denke nicht darüber nach, wie toll die Dinge früher waren. Diesen Aspekt liebe er, das bringe jeden nach vorne.

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