Mythos Cyber-Bürgerkrieg – Von der Facebook-Revolution in die BlackBerry-Barbarei?

Das beliebteste Kommunikationsmittel der Manager-Elite – der BlackBerry – wird von den Plünderern in London zur Organisation genutzt. Das smarte Endgerät ist unter englischen Jungendlichen weit verbreitet und zudem in der Lage, verschlüsselte Botschaften zu versenden. Die Medien sind natürlich längst zur Stelle und leiten nach der Twitter- und Facebook-Revolution schon die Barbarei des BlackBerry ein. Wie schon bei den revolutionären Umstürzen in Tunesien und Ägypten wird damit die Bedeutung des Netzes vollkommen überschätzt.

Mythos Cyber-Bürgerkrieg  – Von der Facebook-Revolution in die BlackBerry-Barbarei?

Die jugendlichen Randalierer, die sich in den vergangenen Tagen in London und weiteren englischen Großstädten Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, nutzten nach Medienberichten den BlackBerry Messenger (BBM), um sich untereinander zu verständigen und ihre Aktionen abzustimmen (GIGA berichtete).


Der Guardian spricht dem Smartphone sogar eine “Schlüsselrolle bei der Organisation der Plünderungen” zu. Natürlich sind auch Facebook und Twitter unter den englischen Randalieren gern genutzte Kommunikations-Instrumente. Auf der anderen Seite verwenden die englischen Ordnungskräfte ihren Flickr-Account metropolitanpolice, um mit Hilfe der Bevölkerung die mit Überwachungskameras aufgenommenen Personen zu identifizieren.

BlackBerry-Botschafen, Facebook, Twitter und Flickr – schnell drängten sich den Medien nach den Krawallen erste Vergleiche zu den arabischen “Facebook-Revolutionen” und der Nutzung von “Twitter” im Iran auf.

Aus den demokratischen Umstürzen auf der Grundlage der befreienden Kräfte der Internet-Technologie, aus dem revolutionären Potential des Netzes, aus einem progressiven Werkzeug des politischen Wandels ist in den Augen vieler Beobachter nun ein staatsfeindliches Symbol brandschatzender Chaoten geworden. Aus der Euphorie des arabischen Internet-Frühlings wird derzeit die Hysterie der britischen BlackBerry-Barbarei.


Da passt es dann auch prima ins Bild, dass der Blackberry-Hersteller Research In Motion (RIM) sich sofort bereit erklärte, mit den britischen Polizeikräften zusammenzuarbeiten, um den zerstörungsbessenen Krawalltouristen das Handwerk zu legen. Zur Zeit des arabischen Frühlings verlief der Datenverkehr noch in eine ganz andere Richtung. Auf dem Höhepunkt der Unruhen in Tunesien hatte Facebook zum Beispiel seine tunesischen Nutzer noch mit Hilfe von verschlüsselten Verbindungen vor den Ausspähversuchen des tunesischen Internetproviders geschützt.

So oder so – das Internet ist ein fester Bestandteil von sozialen Bewegungen geworden und das finden die Medien ungemein spannend. Im Guten wie im Schlechten. Hauptsache es knallt und Facebook ist dabei. Doch ermöglicht und befördert das Internet – denn genau dieser Eindruck wird ja derzeit mit dem BlackBerry-Berichten wieder vermittelt – wirklich die Entstehung und den Ablauf von diesen sozialen Phänomenen? Nein!

Damals wie heute wird der Netz-Technologie eine viel zu große Bedeutung zugesprochen. Die mediale Faszination für die Verwendung von sozialen Netzwerken und Internet-Technologie in den Momenten kollektiven Handelns zeichnet ein vollkommen schiefes Bild der Lage. So gewinnt man mitunter den Eindruck, politscher Wandel, sozialer Protest und eben auch Krawalle wären ohne das Internet gar nicht erst entstanden. Das ist ebenso unterkomplex wie gefährlich, denn die eigentlichen Ursachen werden dadurch ausgeblendet.


Die Krawalle in England sind dafür ein gutes Beispiel. Schon seit Monaten protestieren in Großbritannien Jugendliche und Studenten – allerdings gingen vor den traurigen Eregnissen der letzten Nächten auch Eltern, Rentner, Ärzte, Lehrer und sogar Adelige mit ihnen auf die Straßen. Am 26. März protestierten zum Beispiel 500.000 Menschen in London. Der Grund dafür: die drastischen Spar- und Privatisierungspläne der konservativen Regierung Cameron. Die britische Regierung setzt nämlich den dicksten Rotstift seit dem zweiten Weltkrieg an. Knapp 80 Milliarden sollen gespart werden und die Regierung hat sich dafür vor allem die Sozialleistungen, die Studiengebühren, staatseigene Wälder, Spielplätze, das Gesundheitswesen und soziale Beratungsstellen ausgeguckt. Das sorgte in den letzten Monaten immer wieder für Massenproteste und Demonstrationen. Halb England ist seit Anfang des Jahres auf der Straße.

Was aktuell in England passiert ist furchtbar und in höchstem Maße besorgniserregend – die Ausschreitungen haben aber weit mehr mit der Krise des britischen Sozialstaates zu tun als mit dem BlackBerry. Wer die gewalttätige Eskalation der vergangenen Nächte als “BlackBerry-Krawalle” aus diesen sozialen Zusammenhängen reißt, der setzt nicht nur einen heillosen Überbewertung des Internets auf – er sorgt auch dafür, dass die eigentlichen Hintergründe dieser traurigen Nächte im Dunklen bleiben.

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