Galaxy Nexus im Test: Der Android 4.0-Messias bei Pontius Pilatus

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Am 25. Dezember ist vor etwas mehr als 2000 Jahren der Menschheit der Legende nach ein Messias erschienen; Anfang Dezember dieses Jahres ist der Smartphone-Welt das Samsung/Google Galaxy Nexus erschienen und brachte uns Android 4.0 „Ice Cream Sandwich“. Aber brachte es uns auch mehr? Ist es ein Überflieger-Smartphone, ein Must-have-Gerät? Oder bietet es abseits der installierten Software nur Standardkost? Im Testbericht versuchen wir, durch den Heiligenschein hindurch zu sehen – und schrecken dabei auch vor etwaiger Blasphemie nicht zurück.

Galaxy Nexus im Test: Der Android 4.0-Messias bei Pontius Pilatus

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Ab und an gibt es Smartphones oder Tablets, die den Stempel des Heilbringers aufgedrückt bekommen. Geräte, die so viel mehr sein sollen, als nur ein schnödes Gerät zum Telefonieren und Surfen im Netz. Gadgets, die die Aura einer neuen, besseren Epoche tragen. Das erste iPhone war zumindest in der Retrospektive so ein Gerät, jeder Nachfolger aus Cupertino wurde daraufhin so gehandelt. Das erste ASUS Transformer war auf dem Weg dorthin, das Prime trägt aktuell solche Hoffnungen in sich. Und dann ist da eben das Galaxy Nexus.

Entwickelt von Samsung, kam es als Google Experience-Phone auf den Markt – soll heißen: Wie das Nexus One und das Nexus S gibt es hier die reine Android-Software, ohne Hersteller-Schnick-Schnack und mit der Garantie auf zeitige Updates. Und was für eine Software beim Galaxy Nexus an Bord ist: Android 4.0 Ice Cream Sandwich stellt quasi die Reifeprüfung des Google-OS’ dar; endlich ist das Betriebssystem „erwachsen“ geworden. Vorbei die Zeiten der etwas unintuitiven, sperrigen und standardmäßig weniger hübschen iOS-Alternative – ICS sieht unglaublich gut aus, lässt sich intuitiv bedienen und läuft, zumindest auf dem Galaxy Nexus, durchaus flüssig.

Noch stellt diese neue User Experience mit dem appetitlichen Namen beinahe ein Alleinstellungsmerkmal des Galaxy Nexus dar – aber schon während ich diese Zeilen tippe, erfreuen sich bereits tausende Besitzer des Vorgängers Nexus S an einem entsprechenden Software-Update. Und mehr Geräte werden folgen. Auch das Samsung Galaxy S II, auch das Motorola RAZR, auch das Galaxy Note, das HTC Sensation, das LG Optimus Speed … die Liste ließe sich ewig fortsetzen. Alle wichtigen kommenden Geräte werden ICS an Bord haben. Und dann ist dieser Punkt als Auszeichnung für das Galaxy Nexus verloren.

Was aber bleibt, wenn die Software als Schmuckstück vergilbt ist, wenn sie nicht mehr neu und nicht mehr einzigartig ist? Ist das Galaxy Nexus auch für sich genommen und runtergebrochen auf die Hardware ein Überflieger, Heilsbringer, Messias? Mein hartes Fazit: Nein. Das Galaxy Nexus ist ein schönes und gutes Gerät. Aber es haut mich nicht vom Hocker. Und weckt in mir nicht den Drang, loszurennen und 500 Euro dafür auszugeben. Es folgt eine Spurensuche.

An dieser Stelle sei den Jungs und Mädels von getgoods.de unser Dank für das freundliche Zurverfügungstellen des Testgerätes ausgesprochen: תודה רבה לך!

Optik, Haptik und Verarbeitung

Wer nach dem zugegeben etwas ernüchternden Einstieg jetzt einen kompletten Verriss des Galaxy Nexus (GN) erwartet hat, der darf sich getäuscht gesehen (ha!): Der Autor ist im Sternzeichen Zwilling, und auch wenn er selbst Astrologie für bösen Humbug (kurz vorm Fest darf auch mal Ebenezer Scrooge zitiert werden) hält, darf man ihm eine gewisse Sprunghaftigkeit und Werthersche „Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“-Mentalität unterstellen. Und das GN ist nun beileibe kein schlechtes Gerät.

Es ist sogar ein sehr hübsches Gerät. Viele sagen ihm eine frappierende Ähnlichkeit zum Nexus S nach oder sehen es gar als hinsichtlich seiner Optik als love child von Nexus S und Samsung Galaxy S. Stimmt ein bisschen; mir gefällt es optisch besser als jedes der beiden erstgenannten Geräte. Die grobe Form des abgerundeten Rechtecks ist tatsächlich altbekannt, aber was will man auch großartig anders machen bei einem Smartphone, wo sich doch aktuell Horden von Patentanwälten an dieser Frage die Zähne ausbeissen. Abgesehen davon, ist das Galaxy Nexus aber schön auf seine ganz eigene Art und Weise.

Das ganze Gerät sieht aus, wie etwas, das die Besatzung der Enterprise oder alternativ die Cardassianer benutzen könnte, wenn es demnächst ein neue Iteration der Serie gäbe. Für alle Nicht-Trekkies: Das soll heißen, dass das Galaxy Nexus durch die graue Farbe, den großen Bildschirm, der von keinem einzigen Button unterbrochen wird, die schraffiert-gummierte Oberfläche auf der Rückseite und die guten Power- und Lautstärke-Buttons besonders aussieht, dezent wirkt und dadurch vorsichtig edel, trotz des Plastikgehäuses. Es gibt aber nicht an mit seiner Optik, kaum ein Sitznachbar in der U-Bahn wird ob des Anblicks in Verzückung geraten – einfach weil die Ästhetik des Nexus erst bei genauem Betrachten auffällt. Das GN ist einfach sehr, sehr schön und wenn ich es in der Hand halte, habe wich wirklich das Gefühl, ein Stück mobiler Zukunft streicheln zu dürfen, ein Symbol für das, was 2012 kommt (kommen könnte, kommen sollte). Und das ist auch der eigentlich Sinn eines Flaggschiffs – die Enterprise ist schließlich auch nicht das potenteste Schiff der Sternenflotte …

Konkreter: Das Galaxy Nexus besteht rundum aus Plastik, der Rückdeckel lässt sich ähnlich fummelig abnehmen und wieder aufstecken wie beim Galaxy S II oder dem Note und ist genau so ein dünnes Kunststoff-„Plättchen“. Aber seine geriffelte Oberfläche ist gummiert – und so unglaublich das klingt, diese Faktum wertet die Haptik des Smartphones massiv auf. Es fühlt sich gut an und liegt trotz seiner Größe sicher in der Hand.

Ich habe an anderer Stelle gelesen, dass ein wenig Chrom dem Look des Galaxy Nexus gut getan hätte – dem Cretin, der das behauptet hat, würden bestimmt auch Spinning Wheels an einem Aston Martin gefallen; oder ein Goldkettchen zum feinen Frack. Ich bin heilfroh, das sich am Galaxy Nexus kein Bling-Bling befindet, sondern das Gerät in schlichtem Grau auftritt. Alles andere würde auch zu sehr von dem großen Touchscreen ablenken, der mit seiner dezenten Wölbung seinen Teil zur besonderen Optik des GN beiträgt. Ja, es ist kein Gorilla Glass – was soll’s, ich trage das Teil seit einer Woche ohne Schutzhülle in der Tasche herum und es hat sich noch kein Kratzer eingeschlichen. Dafür zieht das Display erstaunlich wenig Fingerabdrücke an und sieht nie so schmierig aus, wie zum Beispiel der Screen meines I9000 .

Auf der Rückseite des GN befindet sich oben mittig minimal erhöht die Kamera samt LED-Blitz. Ebenfalls mittig, auf dem Knubbel am unteren Rand sitzt der Lautsprecher – diese Positionierung ist leider etwas ungünstig: Mir lag beim Schauen von Videos oder Spielen im Querformat zu oft der rechte Mittelfinger versehentlich über der Öffnung, was die Ton-Ausgabe massiv dämpfte. Aber vielleicht halte ich Smartphones ja auch grundsätzlich falsch …

Abgesehen davon gibt es nichts zu meckern an der Verarbeitung des Galaxy Nexus: Kein Knarzen, keine auffälligen Spaltmaße sowie knackige und gut erreichbare Hardwaretasten runden den äußerst positiven optischen Eindruck des Galaxy Nexus ab.

Display

Genug des Lobes, es folgt Kritik: Auf dem Papier kommt das GN mit einem 4,65 Zoll SuperAMOLED (im Gegensatz zum Galaxy S II kein „Plus“) Screen mit PenTile-Matrix und einer Auflösung von 720 x 1280 Pixeln. Klingt erst mal gut, schließlich hatte das Samsung Galaxy Note das technisch gleiche Display in 5,3 Zoll-Größe – und das wusste uns im Test vor ein paar Wochen so richtig zu überzeugen. Das GN sollte ob seiner geringeren Größe ja sogar eine höhere Pixeldichte und damit noch mehr Schärfe bringen.

Erstaunlicherweise klappt das auf dem Galaxy Nexus nicht so, das mit dem Überzeugen: Ja, der Screen löst sehr hoch auf, ja, die Farbwiedergabe gefällt und die schiere Größe erlaubt großzügiges Navigieren, entspanntes Tippen und augenschonendes Lesen im Browser. Aber zwei große Mankos verderben dem GN den Sprung an die Display-Spitze der Android-Liga: Zum einen ist die automatische Helligkeitseinstellung viel zu dunkel. Und ich meine wirklich viel, viel zu dunkel. Ich vermute, dass Google hier etwas sehr plump getrickst hat, um Akkulaufzeit zu schinden (das funktioniert auch, mehr dazu im Absatz „Akku“).

Kann man diesen Missstand noch durch manuelles Hochregeln der Helligkeit zumindest halbwegs befriedigend umgehen, rührt das zweite Problem vermutlich eher von der Hardware: Auf unserem Gerät war besonders bei weißen Hintergründen (Googlemail-App, Browser) ein unschöner Farbverlauf zu erkennen, der von gelblich (oben) bis rötlich (unten) reichte. Außerdem war ebenfalls bei weißen Hintergründen eine Art Struktur oder Maserung zu sehen, die nicht mit scrollt, also irgendwo in der Matrix stecken muss. Es kann natürlich sein, dass wir Pech und ein Montags-Gerät zum Testen hatten – allerdings ist einem Bekannten, der sich das Galaxy Nexus privat gekauft hat, dasselbe Phänomen aufgefallen.

Schade – denn so bleibt lediglich ein gutes Display, das sich zumindest dem des Samsung Galaxy Note geschlagen geben muss – unnötigerweise, wie ich finde.

Software

Jetzt wird es schwierig, denn auf dem Galaxy Nexus ist bekanntermaßen Android 4.0 „Ice Cream Sandwich“ installiert – und sonst nichts. Ich möchte wie eingangs angedeutet, das GN aber nicht mit seinem Betriebssystem verwechseln und schon gar nicht möchte ich das Gerät wegen seiner ausgezeichneten OS-Iteration besser bewerten; das haben meines Erachtens fälschlicherweise bereits zu viel namhafte Tech-Blogs getan. Somit spare ich mir an dieser Stelle Ausführungen darüber, wie toll ICS ist – es ist toll, aber um es mit Michael Ende zu sagen: „Das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.“

Was bleibt, ist NFC respektive das Beam-Feature, das wir in Ermangelung eines zweiten Galaxy Nexus bislang nicht ausprobieren konnten – wir probieren das aber dieser Tage aus und reichen unsere Erfahrungen damit dann nach. Und die Kamera mit dem Instant-Shutter, der beinahe verzögerungsfrei knipst – die wird im Absatz „Kamera“ abgehandelt.

[Update] Inzwischen konnten wir Beam mit einem zweiten Galaxy Nexus ausprobieren – hier sind unsere Erlebnisse mit dem Feature im Video:

Was noch bleibt, sind die Berichte über Bugs, Fehler und Probleme der Software: Vom berüchtigten Lautstärke-Bug gab es auf unserem Gerät keine Spur mehr; das lief ja auch bereits mit dem Firmware-Build ITL41F. Apropos: das Update auf Android-Version 4.0.2 ist bis zur Beendigung dieses Test nicht auf unserem Gerät gelandet. Weiterhin klagten zahlreiche Käufer des GN darüber, dass sich die Google Apps nicht aktualisieren ließen – auch von diesem Phänomen blieb unser Testgerät verschont und so darf man hoffen, dass das Problem nur auf einigen wenigen Geräten der ersten Charge aufgetreten ist.

Ein Mangel den ich aber tatsächlich zumindest zeitweise bestätigen kann, ist das Problem mit der Multitoucheingabe: Bei bestimmten Apps, vorrangig Spielen, kam es vor, dass sich in der rechten unteren Ecke keine Eingabe mehr tätigen ließ: Bei meinen Gehversuchen als moderner Assassine in Contract Killer stand ich so ab und an ohne funktionierenden Abzug da. Bislang gibt es leider keine Lösung für das Phänomen.

Abseits davon läuft für mein Empfinden alles rund, auch wenn man der Kombination aus Ice Cream Sandwich und dem Galaxy Nexus leider nach wie vor attestieren muss, immer noch nicht ganz so flüssig wie iOS zu laufen – ein kleiner Ruckler schleicht sich ab und zu auch noch beim Wischen auf dem Homescreen oder dem Stöbern im App Drawer ein. Das stört mich zwar nicht weiter, unerwähnt soll es aber dennoch nicht bleiben. Fraglich ist allerdings, ob das mit noch potenterer Hardware besser wird. Ich fürchte eher, dass auch Android 4.0 bis auf weiteres einfach diesen letzten Makel gegenüber iOS behalten wird.

Performance

Das Galaxy Nexus ist Hardware-seitig etwas anachronistisch unterwegs: „Nur“ ein Dualcore 1,2 GHz TI OMAP 4460, der von einem PowerVR SGX540-Chip in Sachen Grafik unterstützt wird und auf 1 GB RAM zurückgreifen kann. Damit ist das Gerät an sich nicht schneller oder performanter als ein Samsung Galaxy S II. Muss es natürlich auch nicht sein, kräftig genug für aktuelle Anwendungen ist es auch so.

Ich gebe aber zu, dass ein Google-Flaggschiff, das als erstes Smartphone einen Quad Core-Prozessor unter der Haube gehabt hätte, für mich irgendwie mehr Sinn gemacht hätte – denn so landen wir wieder bei meiner Anfangsüberlegung: Bis auf das installierte Betriebssystem, das schöne Äußere und den großen Screen, ist das Galaxy Nexus nicht wirklich etwas Besonderes. Es kostet aber deutlich mehr als ein S II und auch mehr als ein Note. Da stelle ich die blasphemische Frage in den Raum: Wofür soll ich eigentlich 100 oder auch nur 20 Euro mehr ausgeben? Für eine Software, die bald auch auf die beiden genannten Geräte kommt? Für ein Display, das auf dem Note besser funktioniert? Für den fehlenden MicroSD-Kartenslot. Oder wirklich nur für die Google Experience?

In Benchmarks ausgedrückt sieht die Leistungsfähigkeit des GN jedenfalls wie folgt aus (Angegeben sind die Mittelwerte aus jeweils drei Durchläufen):

  • CF-Bench Native: 11254; Java: 3492; Overall: 6597
  • Quadrant: 1872
  • Antutu: 6130

Anzumerken ist, dass Quadrant (offensichtlich) nicht für Android 4.0 optimiert ist – die jeweiligen Ergebnisse liegen weit unter denen zum Beispiel eines Motorola RAZR oder eben des Samsung Galaxy S II.

Kamera

In Sachen Kamera profitiert das Galaxy Nexus nicht nur von der neuen ICS-Kamera-App, sondern wirft auch eigene Qualitäten in die Waagschale: Die 5 MP-Linse wird von einem kleinen Speicher unterstützt, der den sogenannten „Zero shutter lag“ möglich macht. So lässt sich auch schnell hintereinander auf den Auslöser drücken und die Kamera knipst beinahe verzögerungsfrei. Das ist nett und auch ein bisschen beeindruckend – hat aber auch einen kleinen Haken: Denn fokussieren muss man ja vorher trotzdem. Das bedeutet, dass der Nutzer entweder vorher scharf stellen und dann 20-mal hintereinander dasselbe Motiv knipsen kann oder eben mit verschwommenen und unscharfen Bildern leben muss, sofern er aus der Bewegung abdrücken, bei der Aufnahme schwenken oder unruhige Szenerien ablichten möchte.

Die Panorama-Funktion, die aber wiederum kein Exklusiv-Feature des GN ist, sondern mit Ice Cream Sandwich kommt, hatten wir bereits in einem Artikel beleuchtet.

Fotos und Video nimmt das GN in befriedigender bis guter Qualität auf, wie unsere Beispiel-Schnappschüsse von der Berliner Karl-Marx-Allee und aus unseren Redaktionsräumen zeigen:

 
 
 
 
 
 

Bedienung und Alltagstauglichkeit

Ich hatte bereits erwähnt, dass das GN sehr gut in der Hand liegt und sich toll anfühlt. Die Bedienung des doch recht großen Screens geht recht gut von der Hand: Ich mit mit meinen „Katzenpfötchen“ muss zwar ab und an umgreifen oder die zweite Katzenpfote zur Hand nehmen, Kollegen Daniels Bärenpranken kommen dagegen auch einhändig klar. Das Umgreifen ist für mich aber nicht so dramatisch wie damals beim Samsung Galaxy Note, da man das Nexus ob seiner schmaleren Gestalt immer fest im Griff hat.

 
 

Android 4.0 Ice Cream Sandwich kommt auch ohne Hardware-Buttons aus und kann komplett via Touchscreen bedient werden – folglich kommt auch das Galaxy Nexus ohne Hardware-Button daher. Das trägt zum bereits erwähnten schönen und makellosen Display-Antlitz des Gerätes bei. Andererseits führt das Fehlen des Buttons gezwungenermaßen zu einem Umgewöhnen in der Bedienung von Android: Zwar werden am unteren Rand des Displays die Buttons „Zurück“, „Home“ und „laufende Anwendungen“ angezeigt, ein dezidierter Menü-Button fehlt aber. In den meisten Untermenüs und Google-Apps gibt es dafür eine Schaltfläche, die sich allerdings meist am oberen Rand befindet. Um vom Homescreen aus ins Einstellungsmenüs zu kommen – etwas, das vormals eben über den Hardware-Menü-Button ging – muss der Nutzer nun entweder zum Einstellungs-Shortcut aus dem App-Drawer greifen oder den entsprechenden Button in der ausgeklappten Notification-Bar drücken. Das ist nicht schlimm – erfordert aber eben etwas Umgewöhnung.

Ansonsten lässt sich das GN aber dank der installierten Software sehr intuitiv, schnell und vor allem schön bedienen.

Konnektivität und Speicher

Anschluss-seitig finden sich am Galaxy Nexus der obligatorische MicroUSB-Port und ein 3,5 Millimeter-Klinkenstecker für die Kopfhörer. Mehr nicht, einen HDMI-Anschluss sucht man vergebens – die Ausgabe an TV-Geräte lässt sich aber mittels eines MHL-Adapters, den es für , realisieren.

An der rechten Geräteseite finden sich die drei dezenten Pins für die Verbindung mit der Dockingstation für das GN – wie das gesamte Design des Nexus eine optisch und haptisch sehr gelungene Lösung.

Problematisch ist die Bewertung des internen Speichers sowie das Fehlen eines MicroSD-Karten-Slots. Ja, ich weiß, Google möchte Daten in der Cloud wissen und verzichtet deswegen bei seinen Flagschiff-Geräten auf die Möglichkeit, zusätzlichen Speicher zu nutzen. An sich ein Konzept, dass ich als Tech-Fan und Befürworter des Cloud-Gedankens unterstütze. Aber hierzulande, wo LTE/4G noch weit entfernt ist und mobile Datenflatrates nach wie vor entweder stark beschränkt oder sehr teuer sind, scheinen mir die 16 GB interner Festspeicher einfach zu wenig. Es gibt viele Nutzer, die gerne ihre Musiksammlung auf das Smartphone packen möchten, die vielleicht viele Videos in 1080p aufnehmen möchte oder zig aufwendige Apps und Spiele auf ihr Geräte installieren möchten.

16 GB sind verdammt wenig, wenn man Poweruser ist und sein 500 €-Gerät intensiv nutzen möchte. Und die Cloud ist aktuell dafür keine wirklich brauchbare Alternative. Google Zukunftsvision in allen Ehren, aber ein auf 16 GB beschnittenes Flaggschiff-Gerät in Regionen zu verkaufen, in denen man noch nicht einmal den Streaming-Dienst Google Music nutzen kann, ist für mich beinahe eine Frechheit.

Ein weiteres Problem – das aber nicht ganz so schwer wiegt – ist das Fehlen des USB-Massenspeicher-Modus: Google gibt an, dass das GN durch seine einzige Partition technisch schlicht nicht in der Lage sei, als Massenspeicher mit einem anderen Gerät zu kommunizieren, weil die Systemdateien ja nicht im laufenden Betrieb freigegeben werden können. Klingt nachvollziehbar – aber warum hat man die Systemebene denn nicht auf eine extra Partition gepackt? Beim Nexus S, das ebenfalls ohne MicroSD-Kartenslot auskommt, ging das doch offensichtlich auch.

So bleibt zur Dateiübertragung nur das Media Transfer Protocol (MTP) – was auf einem Windows-Rechner auch ausreicht, um Fotos, Musik, apk-Dateien oder auch etwaige Custom ROMs hin und her zu schieben. Schwieriger wird es aber, wenn man seine GN zum Beispiel mit einem Mac koppeln möchte, der diese Protokoll nicht kennt. Oder mit Stereo-Anlagen, Autoradios oder sonstigen externen Geräte, die den Massenspeichermodus zwingend benötigen. Es gibt dafür zwar Workarounds – unnachvollziehbar und vor allem unkomfortabel ist es aber allemal. Setzen Google, sechs!

Telefonie und Akku

In Sachen Telefonie gibt es keine Überraschungen, das Gegenüber hört man glasklar, laut und deutlich und auch ich hatte keine Probleme vom Gesprächspartner (zumindest akustisch) verstanden zu werden. Eine Kleinigkeit ist mir jedoch negativ aufgefallen, wobei es sich nicht ganz genau sagen lässt, ob das wirklich am GN oder an der Netzabdeckung lag: In beinahe jedem Gespräch, das ich führte, gab es an irgendeiner Stelle einen kurzen, maximal halbsekündigen Aussetzer während dem ich nichts hörte. Da sich das wirklich oft wiederholte, gehe ich nicht zwingend von Problemen seitens meines Providers aus. Andererseits habe ich bislang noch keine vergleichbaren Beschwerden in den Weiten des Netzes gelesen.

Ich hatte bereits erwähnt, dass Google, vermutlich um Akkulaufzeit zu schinden, die automatische Helligkeit des Screens viel zu dunkel eingestellt hat – und so unmöglich ich das auch finde, funktioniert es natürlich: Das Galaxy Nexus, oder vielmehr sein 1750 mAh-Akku, hielt im recht intensiven Testbetrieb bei uns trotz vieler Telefonate, viel Gaming, viel Herumprobierei mit einer Ladung rund anderthalb Tage, also rund 35 Stunden durch. Es ist inzwischen ja trauriger Standard, dass man eine modernes Smartphone beinahe alle zwölf Stunden ans Stromnetz hängen muss; mit dem Galaxy Nexus kann man das Nachtanken auch schon mal vergessen und dann zumindest den nächsten Vormittag, unter sparsamer Benutzung vielleicht auch bis in die Abendstunden auf Empfang bleiben.

Interessant wird zu beobachten sein, ob das wirklich nur am düsteren Screen und dem Akku liegt oder ob Android 4.0 ICS hier seinen Teil beiträgt – spätestens wenn die ersten fundierten Berichte über die Akkulaufzeit des Nexus S eintrudeln, beziehungsweise noch mehr Geräte offizielle Updates erhalten haben, wissen wir, ob Ice Cream Sandwich auch ein Laufzeit-Schmeichler ist.

Fazit

Was bleibt also, wenn man Android 4.0 Ice Cream Sandwich gedanklich vom Galaxy Nexus wegreduziert? Ein gutes Smartphone mit betörender Optik, soliden inneren Werten, einem guten, wenn auch hinter seinen Möglichkeiten bleibenden Display, ordentlicher Akku-Laufzeit – und unverständlichen Fauxpas in Sachen Speicher-Kapazität und -Konnektivität.

All das in Kombination rechtfertigt für mich weder den Hype um, noch den aktuellen Anschaffungspreis von rund 500 Euro für das Galaxy Nexus – denn eigentlich ist das Galaxy Nexus „nur“ ein Samsung Galaxy S II Plus.

Um den Bogen zum in der Überschrift genannten Pontius Pilatus zu schlagen: Anders als der römische Präfekt von Judäa würde ich diesen Messias nicht gleich kreuzigen; wie der Sanhedrin spreche ich ihm aber den Status des Messias ab. Das Galaxy Nexus ist kein Heilsbringer; es ist maximal ein Prophet im schönen Gewand, ein Verkünder der schönen neuen Android-Welt, die uns in den kommenden Monaten hoffentlich auf möglichst vielen Geräten erwartet. Insofern hat es einen wichtigen Platz in der noch jungen Historie des Smartphones sicher und verdient. Insofern wasche ich meine Hände in Unschuld – und freue mich schon auf das Samsung Galaxy S 3, das HTC Elite, das LG Optimus LTE und all die anderen Geräte, die der Botschaft des Galaxy Nexus folgen uns 2012 mit Ice Cream Sandwich, tollen Displays und ordentlich Power begeistern werden.

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Wertung

Display: 4/5
Verarbeitung und Haptik: 5/5
Software: 5/5
Performance: 4/5
Telefonie: 5/5
Kamera: 4/5
Konnektivität und Speicher: 3/5
Alltagstauglichkeit: 5/5

Gesamt: 4,4/5

Pro

  • Betörende Optik und gute Verarbeitung
  • Android 4.0-Flaggschiff
  • Gute Akkulaufzeit

Kontra

  • Hardware-seitig keine Weiterentwicklung
  • Zu kleiner, nicht erweiterbarer interner Speicher
  • Display bleibt hinter den technischen Möglichkeiten zurück

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Dieser Artikel ist ursprünglich auf androidnext.de erschienen. androidnext und GIGA ANDROID sind jetzt eins. Mehr erfahren.

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