Google Pixel XL im Test: Große Erwartungen, kleine Enttäuschungen

Frank Ritter

Das Nexus-Programm ist Geschichte. Google macht Ernst und mit den Pixel-Phones einiges anders: Exklusive Software-Anpassungen, ein hilfsbereiter Software-Assistent, Preise auf iPhone-Niveau und ein Hardware-Partner, aus dem Google fast schon ein Geheimnis macht. So richtig auf geht das Pixel-Konzept aber nicht. Unser Testbericht zum Pixel XL klärt, warum.

Google Pixel XL im Test: Große Erwartungen, kleine Enttäuschungen

Kurz-Fazit vorweg: In unserem Testbericht nennen wir diverse Kritikpunkte. Die sind – natürlich – im Kontext zu sehen, schließlich sind wir ein Medium, das sich in der Flut neuer Top-Smartphone alle Punkte zum Nörgeln herauspickt, die es finden kann. Deswegen, für die Geschichtsbücher: Das Pixel XL ist ein tolles Smartphone mit nicht allzu vielen Schwächen.

Diese Schwächen – fehlende Extras wie Wasserdichte und kabelloses Laden, unterwältigende Software-Neuerungen und diverse Instabilitäten – wiegen aber umso schwerer, wenn man sie in Relation zum deftigen Preis und zu dem setzt, was die Konkurrenz in diesem Jahr bot. Wer ein tolles Kamera-Smartphone sucht, wer vorher eingefleischter Nexus-Fan war und wer für eine vergleichbare Software-Erfahrung bereit ist, tiefer in die Tasche zu greifen, für den ist das Pixel XL trotzdem das richtige Smartphone.

Pro

  • Tolle Kamera
  • Hohe Performance
  • Gute Akkuleistung
  • Aktuelle Android-Version
Kontra

  • Unhandlich
  • Nicht wasserdicht, kein kabelloses Laden
  • Speicher nicht erweiterbar
  • Google Assistant kaum nützlich
  • Für Android-Verhältnisse zu teuer

Die Wertung findet ihr unten im Text

Schon bei der Präsentation des Fünfzollers Google Pixel und des hier getesteten größeren Schwestergerätes Pixel XL fiel auf: HTC als Hersteller des Smartphones tritt vollständig in den Hintergrund. Weder findet sich das Emblem des Hardware-Partners, so wie es bei der Nexus-Linie noch üblich war, auf dem Gerät, noch wurden die Taiwaner auf dem Event überhaupt erwähnt. Diese Negierung der Herkunft bestätigt sich beim Durchstöbern der Pressematerialien und der Packungsbeilagen: HTC wird nirgends genannt und ist damit vom Partner zum namenlosen Zulieferer degradiert worden.

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Die Marschrichtung ist klar: Google will, dass die Pixel-Geräte als Premium-Smartphones unter eigener Flagge verstanden werden – und man kann davon ausgehen, dass der Konzern danach strebt, künftige Pixel-Geräte komplett selbst zu entwickeln und zu bauen. Vor diesem Hintergrund wird klarer, warum Huawei davon Abstand genommen hat, als Googles Hardware-Partner zu fungieren – zumindest, wenn man der Gerüchteküche glaubt.

Ein bisschen seltsam klingt der Name Pixel XL schon, wenn man ihn ausspricht – Pixelixel, wenn man so will. Dennoch macht das Telefon zumindest optisch einen interessanten Eindruck: Die Kombination aus Alu-Unibody und Glasplatte auf der Rückseite mit eingelassenem Fingerabdrucksensor ist ungewöhnlich. Der Grund für diese Designentscheidung, außer dem ungewöhnlichen Äußeren, ist uns aber nicht ganz klar. Für die Empfangsleitung scheint es nicht relevant zu sein, denn das Gehäuse ist von zusätzlichen Plastikstreifen durchzogen, mit denen die optimale Antennenleistung gesichert wird.

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Google Pixel und Daydream Hands-On

Das Gerät besitzt eine sich nach unten dezent verjüngende Keilform, die man aber im Alltag kaum wahrnimmt. Zum Fingerabdrucksensor: In unserem Testgerät lockerte sich dieser nach einigen Wochen leicht. Seine Funktionalität war dadurch nicht eingeschränkt, aber bei der Berührung gab es fortan ein leichtes Klicken. Ironischerweise fühlte sich der Button dadurch einen Tick haptischer an.

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Ansonsten orientieren sich die Pixel-Geräte im Design deutlich an den iPhones von Apple. Das geht soweit, dass das Pixel XL auch in Cases für das iPhone 6/6s/7 Plus passen. Lediglich die Position der seitlichen Buttons und minimale Verschiebungen bei der Kameraeinheit auf der Rückseite stehen der tatsächlichen Nutzung der Apple-Cases entgegen, aber allein dass der rückwärtige Fingerabdrucksensor des Pixel XL, der seinerseits aussieht wie Touch-ID im iPhone, an der Stelle sitzt, wo Apple sein Logo platziert und die meisten Cases dort eine Aussparung haben, fanden wir doch … nun ja, bemerkenswert.

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Die optische Zugewandtheit zum iPhone 6/6s/7 Plus bedeutet aber auch, dass das Pixel XL wie sein Vorbild relativ groß ist für ein Smartphone mit 5,5-Zoll-Display, im Vergleich zu Geräten wie dem Samsung Galaxy S7 edge oder Huawei Mate S wirkt es fast schon ungeschlacht. Nutzt man das Gerät ohne ein Case, ist es ziemlich unhandlich, wenn man mal von der Nutzung im Landscape-Modus absieht. Hält man das Gerät horizontal, etwa um Videos zu schauen oder Spiele zu spielen, sind die zusätzlichen Flächen natürlich nützlich zum Ablegen der Hand. Hier macht sich aber wiederum der an der Unterseite angebrachte Mono-Lautsprecher negativ bemerkbar, den man leicht mal versehentlich verdeckt. Immerhin ist der Speaker überraschend laut und wohlklingend, trotzdem wäre eine weitere Soundquelle an der Front, etwa aus der Hörermuschel wie beim aktuellen iPhone und dem HTC 10, eine nette Ergänzung gewesen. Die – im Gegensatz zum iPhone 7 – vorhandene Klinkenbuchse liegt an der Oberseite.

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Trotz Glasrückseite: Die Pixel-Phones erinnern frappierend ans iPhone.

Über die Materialwahl und das Design vom Pixel XL lässt sich streiten. Natürlich macht die Glasrückseite mit dem eingelassenen Fingerabdruckscanner ein optisch ansonsten eher langweiliges Gerät zu einem Hingucker. Wenn man sich für die dunkle Variante in Mattschwarz entschieden hat, zeichnen sich hier aber auch unweigerlich Fingerabdrücke ab, zudem ist der Fingerabdrucksensor aus unserer Sicht einen Tick zu hoch positioniert, sodass man zwar keine Verrenkungen, durchaus aber eine unnatürliche Handposition einnehmen muss, um diesen zu bedienen. Zudem ist das Gerät recht rutschig. Gerade im Winter, wenn man trockene Finger hat, kann das Gerät am Metallteil leicht aus der Hand gleiten. Der Glasteil nervt wiederum bei schwitzigen Händen im Sommer, sodass das Pixel XL, überspitzt formuliert, haptisch das Schlechteste aus beiden Welten vereint. Wir raten zur Anschaffung eines Cases, auch wenn diese Maßnahme das Gerät noch etwas klobiger macht.

Das Pixel XL hat, wie von den Nexus-Geräten gewohnt, nur Software-Buttons zur Steuerung des Betriebssystems und der Apps. Bei den seitlichen Buttons haben wir es mit der klassischen HTC-Anordnung zu tun: Rechterhand mittig liegt eine Lautstärkewippe, der stark geriffelte und damit leicht ertastbare Powerbutton liegt etwas darüber. Abgesehen vom leichten Wackeln der Lautstärke-Buttons gibt es hier nichts zu meckern – selbst als Linkshänder kann man die Buttons mit ihren guten Druckpunkten leicht bedienen. Einen Bediennachteil hat Google mit dem jüngsten Update auf Android 7.1.1 behoben: Weil der Fingerabdrucksensor auf der Rückseite liegt und es keine physischen Buttons an der Front gibt, musste man stets den Powerbutton finden oder das Telefon anheben, um das Gerät aufzuwecken. Mittlerweile kann man mit einem Doppeltap die Benachrichtigungen aufrufen und einer anschließenden Wischbewegung den Bildschirm entsperren.

Die Verarbeitung des Pixel XL ist recht gut, es fühlt sich vergleichsweise schwer, aber auch solide an. Etwas schade ist, dass der Übergang zwischen Glas und Metall deutlich spürbar ist, ein „gapless Design“ hätte dem Gerät gut zu Gesicht gestanden.

Ansehnlich: Das Display des Pixel XL im Test

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Natürlich spart Google bei seinem Flaggschiff nicht am Display: Das AMOLED-Panel im Pixel XL löst in WQHD auf und ist mit einer Pixeldichte von rechnerisch 534 ppi messerscharf, auch wenn die PenTile-Matrix die Bildschärfe faktisch etwas verringert. Zum Vergleich: Das kleinere Pixel löst mit 1.920 × 1.080 Bildpunkten auf 5 Zoll auf, was einer Pixeldichte von „nur“ 441 ppi entspricht. Tolle Schwarzwerte und seitliche Blickwinkel sowie eine zumindest passable maximale Helligkeit sind die Fakten, die man für fast jedes moderne OLED-basierte Panel am Reißbrett nennen kann, und sie treffen natürlich auch hier zu.

Die maximale Helligkeit geht in Ordnung, allerdings empfinden wir die Farbdarstellung als zu übersättigt, vor allem die Rottöne kommen uns übertrieben vor. Google sollte hier noch einmal nachkalibrieren oder zumindest auf Wunsch einen alternativen Anzeigemodus anbieten, der den realen Farbräumen entspricht – so wie Samsung und OnePlus das tun. Qualitativ sind die Displays in Samsungs Galaxy-Geräten der letzten beiden Jahre einen Tick besser, man wendet sich beim Pixel XL aber keinesfalls angewidert ab.

Algorithmen statt OIS: Die Kamera des Pixel XL im Test

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Sehr viel Wert legt Google darauf, dass die Kamera in den Pixel-Geräten hervorragend ist. Stimmt’s? Absolut, und das fast ohne Einschränkungen. Die 12-MP-Kamera macht Bilder mit einer Klarheit und Schärfe, die ihresgleichen sucht. Schlüssel dabei ist der standardmäßig aktive HDR-Modus, der mehr macht, als nur Bilder mit unterschiedlichen Belichtungsstufen zusammenzurechnen: Die verschiedenen Bilder werden auch zur Rauschreduzierung benutzt. Zudem nimmt die Foto-App kontinuierlich Fotos auf, die in dem Moment gespeichert werden, da der Nutzer auf den Auslösebutton klickt, wodurch das Pixel wesentlich schneller auslöst als andere Geräten. Notabene: Ausgerechnet HTC war Erfinder dieses Kniffs und nutzt diese Technik in seinen One-Modellen bereits seit Jahren.

Im Ergebnis ist die Kamera der Pixel-Smartphones auf einem ähnlichen Niveau wie die aktuellen Genre-Spitzenreiter Samsung Galaxy S7 und iPhone 7. Besser ist sie nicht, die Kamera-Funktionen der genannten Smartphones haben einfach unterschiedliche Stärken. Das Pixel macht rauscharme Bilder mit einem gelungenen Postprocessing, das Kontraste herausarbeitet, und hat einen hervorragenden automatischen Weißabgleich sowie den zuverlässig und rasend schnell arbeitenden Autofokus.

Schwächen sind die nicht ganz so überwältigenden Low-Light-Fotos mit ihrem – trotz der genannten Mechaniken – recht starken Bildrauschen und die teils surreal gefärbten Bilder. So haben wir Bilder in einem Park an einem recht trüben Herbsttag aufgenommen. Einige der Fotos besaßen ein geradezu surreales Farbbild, in dem der Himmel blau war und die restlichen Farben übertrieben gesättigt.

Auch an Hautfarben „verschluckt“ sich das Postprocessing gelegentlich, diese wirken gerade bei künstlichem Umgebungslicht etwas unnatürlich.

Pixel-XL-Kamera-App

Profi-Fotografen schmerzt die Tatsache, dass die Kamera-App keine RAW-Bilder zu speichern imstande ist und es keinen Pro-Modus gibt, in dem Faktoren wie Belichtungszeit, Blendenöffnung und ISO angepasst werden können. Insgesamt ist die Kamera für Fotos trotzdem auf einem Spitzenniveau und hat uns tatsächlich bei einigen Gelegenheiten richtiggehend aus den Socken gehauen.

Bildergalerie Google Pixel XL - Test-Fotos der Kamera

Die Bilder der in 8 MP auflösenden Frontkamera gelingen fast immer, hier fielen uns besonders die guten Ergebnisse unter schlechten Lichtverhältnissen auf.

Auch die digitale Bildstabilisierung bei Videos weiß zu gefallen. Zwar verbaut Google im Pixel XL kein OIS, das wirkt sich aber nicht negativ aus. Im Gegenteil: Die sensorgestützte Software-Stabilisierung funktioniert wirklich hervorragend. Videos wirken, wenn man zu schnelle Schwenks unterlässt, fast schon wie mit einer Steadicam aufgezeichnet – und das selbst, wenn man das Smartphone nur in einer Hand hält. Fairerweise muss man dazu erwähnen, dass der Mechanismus bei 4K- oder 60-FPS-Aufnahmen nicht ganz so gut zu greifen scheint und bei näherem Hinsehen trotzdem mitunter winzige Ruckler zu sehen sind. Außerdem spielt das Colorgrading mitunter etwas verrückt. In einem Video hatten wir zudem kontinuierliche Störgeräusche in der Tonspur, das war jedoch ein einmaliges Problem. Der extrem schnelle Autofokus und vor allem die fast komplette Eliminierung des „Rolling Shutter“-Effekts (Bildverzerrungen bei schnellen horizontalen Bewegungen) sind dafür wiederum herausragend.

Fazit: Kleinere Mängel in der Farbwiedergabe und bei schlechten Lichtbedingungen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Pixel XL ein wirklich hervorragendes Kamera-Smartphone ist. Und das ganz ohne OIS – da stellt sich für uns natürlich die Frage, zu was ein etwaiges Nachfolgegerät mit optischer Bildstabilisierung und weiteren Verfeinerungen in der Software noch imstande sein könnte.

Auf der nächsten Seite wagen wir einen Blick auf die Software und die Konnektivität des Pixel XL.

Google Pixel XL
5. Dezember 2016
88/100 Punkte

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