Wie die Hersteller den Android-Tablet-Boom torpedieren [Kommentar]

Amir Tamannai
28

Noch vor ein paar Wochen sah eigentlich alles sehr gut aus für Android-Tablets: Wir freuten uns auf einen Sommer voller Honeycomb, Galaxy Tabs, Optimus Pads und XOOMs. Wir hatten gehofft, dass dank Google-OS und einer überbordenden Gerätevielfalt über kurz oder lang alle in den Genuss eines günstigen und effektiven Tablets kommen würden. Wir hatten ganz optimistisch eine kleine Revolution erwartet. Und nun?

Wie die Hersteller den Android-Tablet-Boom torpedieren [Kommentar]

Irgendwie beschleicht uns der Eindruck, dass die Revolution zunächst ausbleiben, sich zumindest aber auf unbestimmte Zeit vertagen wird. Und wir sind sauer — auf all die Tablet-Hersteller, die mit ihrer dubiosen Informations-, Preis- und Release-Politik die Zukunft der Honeycomb-Tablets schon torpedieren, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat.

Anlass für den folgenden gemeinsamen Aufschrei eines Lesers (an dieser Stelle ein großes Dankeschön an motu90) und eines Redakteurs — die sich noch vor ein paar Wochen wie kleine Kinder darauf gefreut hatten, was Google in diesem Jahr zusammen mit diversen Hardware-Herstellern in Sachen Tablets angekündigt hatte — ist die jüngste Meldung bezüglich des LG Optimus Pad: Das vollmundig als 3D-Gerät angekündigte Tablet hat zwar zwei Kameras zur Aufnahme von dreidimensionalen Filmchen auf der Rückseite, kann nach aktuellem Kenntnisstand Filme in der dritten Dimension aber nur in völlig veralteter anaglypher Technik wiedergeben. Zum “Erleben” des “3D-Effektes” benötigt man also eine rot-blaue 3D-Brille, wie wir sie in unserer Kindheit aus Cornflakes-Packungen oder Yps-Magazinen gefischt haben. Kosten soll das Gerät aber dennoch 999 Euro. Will LG seine Kunden auf den Arm nehmen?

Es mag noch verständlich sein, dass in Anbetracht des aktuellen Standes der Technik oder hinsichtlich der Preise ein hochmodernes, vollwertiges 3D-Display wie beim Smartphone Optimus 3D in der für ein Tablet nötigen Größe schlicht nicht so einfach massenhaft verbaut werden kann. Aber wie kann ein seriöses Unternehmen von Weltrang sein Flaggschiffgerät dann ständig als 3D-Tablet ankündigen und nicht von Beginn an ganz deutlich damit herausrücken, dass die entsprechende Wiedergabe nur über peinliche Pappbrillen möglich sein wird? Als reines Zusatzfeature wäre das ja vielleicht sogar noch ein nettes Gimmick gewesen — aber so?

LG steht nicht alleine: HTC präsentiert ein 7-Zoll-Tablet, das mit einem drucksensitiven Stylus überzeugen soll — dann plötzlich, einen Monat vor dem angekündigten Release fällt auf, dass das Gerät leistungsmäßig nicht mehr up-to-date sein könnte. Samsung kündigt ein Tablet an und erklärt sich selbst zum großen Bezwinger des iPads. Nach der Vorstellung des iPad 2 — das nun wirklich keine Revolution ist — stellen die Koreaner plötzlich fest, dass das eigene Gerät nicht gut genug sei und denken laut über eine Überarbeitung nach, nur um sie wenige Tage später doch zu widerrufen. Motorola brüstet sich damit, das erste Honeycomb-Tablet auf den Markt zu bringen, schmeißt das Gerät dann offensichtlich überhetzt auf selbigen und muss fortan in einer Fußnote eingestehen, den Flash Player nicht von Anfang an mitliefern zu können und LTE in den USA erst per nachträglichem Upgrade in der Werkstatt zu realisieren.

Im Vergleich zu Apple — und seien wir ehrlich, das ist der von all diesen Unternehmen selbst gewählte Konkurrent und Maßstab, den sie eigentlich überholen wollten — wirkt das alles ziemlich stümperhaft. Apple stellt mit dem iPad 2 ein neues Gerät vor, ohne vorab mit Fotos, vermeintlichen Features und grandiosen Ankündigungen um sich zu werfen — und 10 Tage später steht das Teil, wie versprochen, im Laden. Das ist gutes Marketing und lässt die Konkurrenten alt aussehen schon bevor überhaupt Produkte verglichen werden könnten. Womit auch?

Wie lange sind die Android-Tablets mit Honeycomb jetzt schon angekündigt? Seit Monaten. Und wie viele kann man schon kaufen? Richtig, eins. Und das kann immer noch nicht all das, was es soll.

Um eines klar zu stellen: Wir kritisieren hier nicht unbedingt die Tatsache, dass sich die Hersteller mit dem Release der Tablets soviel Zeit lassen (auch wenn es schön wäre, wenn etwas Schwung in die ganze Sache käme), uns stört die suizidale Informationspolitik zum Thema. Seit Monaten schon heißt es aus allen Richtungen, was für ein tolles, weltbewegendes Tablet uns bald vom Sofa pusten wird, peu à peu bekommen wir nun aber serviert, dass weder “bald” noch “weltbewegend” zutreffen werden. Von den Preisen — eines der Hauptargumente die vormals gegen Apple-Geräte vorgebracht wurden — brauchen wir gar nicht sprechen, denn die bewegen sich zurzeit im besten Fall auf dem selben Niveau, wie die, die der Gigant aus Cupertino für seine Geräte verlangt. So verspielt man sich das Vertrauen der Kunden — und in diesem Fall leiden unter Umständen auch das Ansehen von Android und Honeycomb.

Übrigens sieht es in Sachen Smartphones nicht viel besser aus: Wo bleiben LG Optimus Speed, Optimus 3D, Sony Ericsson Xperia Arc? Es scheint als ob der Android-Markt aktuell vorrangig aus feuchten Ankündigungen besteht.

Ich wünsche mir also nicht nur, dass all die Ankündigungen von Tablets und Smartphones bald mit entsprechender Verfügbarkeit unterfüttert werden. Noch schöner wäre es, wenn die Hersteller aufhören würden, uns das Blaue vom Himmel zu versprechen, sondern endlich realistische und klar verständliche Angaben darüber machen, was wann, wie und womit erscheint. Was nützt mir 3D und der ganze Schnickschnack, wenn er doch nur heiße Luft bleibt und später peinlich revidiert werden muss? Siehe auch der aktuelle Fall vom HTC Thunderbolt, das im letzten Moment doch keinen Skype-Videochat bekommt.

Apropos heiße Luft: Aktuell scheint es leider, als würde der von mir damals noch gescholtene Tim Cook von Apple doch Recht behalten — und kaum jemandem bricht dieses Eingeständnis mehr das Herz als dem Verfasser.

Weitere Themen: Tablet, Android

Neue Artikel von GIGA ANDROID

GIGA Marktplatz