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HTC One M9 im Test: Evolutionstheorie und -praxis

Frank Ritter
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Mit seinem neuen Flaggschiff HTC One M9 will der taiwanische Hersteller die Vorzüge der beiden Vorgänger HTC One M7 und HTC One (M8) in seinem edlen Unibody-Metallgehäuse vereinen und sich den Weg aus der Krise boxen. Ob das gelingt, untersucht unser Testbericht.

HTC One M9 im Test: Evolutionstheorie und -praxis

HTC geht es nicht gut. Neben knallharten Umsatzproblemen, die man zuletzt immerhin einigermaßen in den Griff bekommen hat, plagen den taiwanischen Konzern auch „weichere“ Probleme wie abwandernde prominente Mitarbeiter und ihr Ziel verfehlende Werbekampagnen. Ein jährlich erscheinendes Smartphone-Flaggschiff kann und muss Signalwirkung haben, nach innen wie nach außen. Nun hat HTC das M9 vorgestellt und alle Zeichen deuten darauf hin, dass das Gerät nur wenige Verbesserungen gegenüber dem Vorgänger HTC One (M8) bringt. Kleine Updates, die gezielt Spezifikationen verbessern und Designmacken ausbügeln, müssen nichts schlechtes sein – unter Anderem Apple macht das im Zweijahres-Rhythmus vor. Aber ob das reicht? Das werden wir mit diesem Test nicht beantworten können. Aber wir können untersuchen, ob das HTC One M9 zumindest dem Anspruch einer soliden Evolution gerecht wird.

Das HTC One M9 im Video-Test

Weitere Videos zum HTC One M9 finden sich am Ende des Artikels. Die Eindrücke von Jens werden wir nun durch unseren Testbericht detaillierter darstellen und ergänzen.

Haptik, Design und Verarbeitung des HTC One M9

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Gemeinhin wird Gewicht mit hoher Wertigkeit assoziiert. Selbst wenn ein „properes“ Gerät im Alltag mit kleineren Nachteilen – ausbeulende Hosen, anstrengenderes Halten bei längeren Telefonaten und dergleichen – verbunden ist, kann man für das HTC One M9 festhalten, dass dessen überdurchschnittliche Schwere von 157 Gramm den wertigen Ersteindruck unterstützt. Trotz des Gewichts und auch der im Vergleich zu anderen Geräten im 5 Zoll-Sektor üppigen Maße von 145 x 67 x 9,6 Millimetern ist das Gerät schmaler und kürzer als der Vorgänger (146 x 71 x 9,4 Millimeter bei 160 Gramm). Dafür ist es dezent dicker; das HTC One M9 mutet daher zwar etwas bulliger, aber dennoch nicht klobig an. Das liegt an der rückwärtigen Wölbung, die der Form einer menschlichen Hand optimal angepasst wurde.

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Ein wenig Gewöhnungsleistung erfordert dagegen jedoch das nunmehr spürbar kantigere Design. Die Front aus Displayglas ist nun weder beinahe rechtwinklig abschließend wie beim One (M7), noch sanft ineinander übergehend wie beim One (M8). Stattdessen wirkt die Front aus Displayglas und Aluminium-Frontparts aufgesetzt, so als würden sie aus der Unibody-Wanne herausragen. Seitlich ergibt sich somit eine Art Treppenstufen-Effekt. Auch am Übergang vom seitlichen Rahmen zur Rückseite besitzt das M9 eine kaum sichtbare, aber leicht erfühlbare scharfe Kante.

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Auf diese Weise wirkt das One M9 dezent härter und anorganischer als der Vorgänger, obwohl beide aus demselben Material bestehen – ob man das mag, ist eine Geschmacksfrage. In der Nutzung ergibt sich damit praktisch kein Unterschied, höchstens vielleicht ein etwas besserer Grip. Wir vermuten, dass die HTC-Designer mit dieser Maßnahme die viel kritisierten Bezels zumindest seitlich dünner erscheinen lassen wollten, außerdem lässt sich so das zweifarbige Design realisieren, mit dem HTC für das One M9 wirbt – bei der uns vorliegenden Version in Silber ist das ein seitlicher Rahmen in einem dezenten gold- beziehungsweise bronzefarbenen Ton. Auch die Farbgebung ist Geschmackssache – der Autor findet es hübsch, dessen Ehefrau, nun ja, „prollig“. Alternativ gibt es noch eine insgesamt goldene Version und eine in Schwarz, erfahrungsgemäß dürfte HTC in den kommenden Monaten aber noch weitere Farbvarianten auf den Markt bringen.

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Doch wenden wir uns noch einmal der Front zu: Dort dominiert vertikal zentriert das Display – die Display-to-Body-Ratio beträgt leicht unterdurchschnittliche 68,4 Prozent. Zum Vergleich: beim Nexus 5 liegt sie bei 70,8 %, beim Samsung Galaxy S5 mit 5,1-Zoll-Display immerhin noch 69,6 % – trotz Hardware-Buttons. Im Effekt erreicht der Daumen einer normal großen Männerhand etwas mehr als die Hälfte der Bildschirmfläche, ansonsten muss balanciert werden oder die zweite Hand zu Hilfe genommen werden.

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Hardware-Buttons wie jene des Galaxy S5 besitzt das HTC One M9 nicht, dennoch weist es wieder die bekannten Balken an Ober- und Unterseite auf. Beim One M7 saßen unten zumindest noch kapazitive Tasten, beim M8 und nun auch dessen Nachfolger bleiben diese funktionslos.

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Über und unter dem Displayrahmen finden wir wieder jeweils den breiten Grill, hinter dem sich die Stereo-Frontlautsprecher verstecken, die gleichzeitig aber auch als Hörermuschel und Behausung für das Primärmikrofon dienen. Diese sind asymmetrisch platziert, horizontal nimmt am oberen Rand die Frontkamera nebst Näherungs- und Umgebungslichtsensor ein wenig Platz von rechts weg, vertikal sind diese rund einen Millimeter nach oben und unten platziert. Wie bei den Vorgängern findet sich auch die dezente Benachrichtigungs-LED, deren Leuchten tatsächlich kaum auffällt, in den oberen Lautsprechergrill integriert.

HTC-One-M9-17-Seite-Buttons

An der Seite hat sich im Vergleich zum Vorgänger ein entscheidender Aspekt geändert: Der Power-Button ist nicht mehr auf der Oberseite platziert, sondern rechts unter den Lautstärketasten. Die Tasten für lauter und leiser sind nun nicht mehr als Wippe gestaltet, sondern einzeln drückbar. Zweischneidiges Schwert: Die drei untereinander positionierten, extrem schmalen, Buttons sind nun zwar ergonomischer positioniert, allerdings ist es nun auch schwieriger, während eines Telefonats die gewünschte Lautstärketaste zu finden – auch wenn die Power-Taste durch eine leichte Schraffur zu erkennen ist.

HTC-One-M9-41-Power-Button

Hier ist schlicht ein wenig Eingewöhnungsleistung erforderlich. Dazu kommt, dass die Buttons nicht so gutes Feedback liefern wie die Konkurrenz – selbst bei Mittelklassemodellen von Samsung ist der Druckpunkt „satter“. Entschädigt wird man für die nicht optimalen Tasten immerhin durch die Tatsache, dass das HTC One M9 Double-Tap-to-Wake unterstützt. Dazu mehr im Bereich „Software“.

HTC-One-M9-18-Oberseite-Infrarot-Schnittstelle

An der Oberseite liegt wie beim Vorgänger die beinahe über die komplette Breite des Gerätes verlaufende Infrarotschnittstelle, das ist nicht unbedingt elegant. Um noch einmal die Konkurrenz von Samsung heranzuziehen, in den jüngsten Galaxy-Geräten ist der IR-Blaster ein kleiner, kaum wahrnehmbarer Punkt an der Oberseite des Gerätes. Jeweils an der linken und rechten Seite befinden sich oben außerdem per Dorn entfernbare Trays, in die man nano-SIM und die micro-SD-Karte einlegen kann. Auf der Unterseite befindet sich der micro-USB-Eingang zum Laden und Anschluss an den Rechner sowie die 3,5 mm-Klinkenbuchse für Headsets und Kopfhörer.

HTC-One-M9-02-Rueckseite-unten-Plastikstreifen

Highlight der M9-Optik ist die Rückseite. Oh, diese Aluminium-Rückseite – man könnte ins Schmachten und ins Schwärmen geraten. Diese Rückseite ist so blank, dass man sich darin beinahe spiegeln könnte, wäre da nicht die leichte Schraffur, wie sie gebürstetem Aluminium zu eigen ist, und die konvexe Form – mittendrin das HTC-Logo, oben die nunmehr abgerundet-quadratische Rückkamera. Unterbrochen wird das Gehäuse von den obligatorischen (hier: weißen) Plastikstreifen, die für eine optimale Sende- und Empfangsleistung notwendig sind.

HTC-One-M9-36-Rueckseite-Hand

Die Kamera ist etwas gewachsen und ragt, trotz der insgesamt bereits recht hohen Gerätetiefe, noch etwas aus dem Gehäuse heraus; links neben der Linse findet sich die Dual-LED. Das Glas der Linse besteht aus besonders kratzfestem Saphirglas und weist zusätzlich einen umgebenden Metallrahmen auf, sodass man keine unschönen Kratzer nach wenigen Tagen befürchten muss. Das Gerät liegt auf ebenen Flächen trotz größerer Wölbung aufgrund der stabilisierenden Wirkung der Kamerapartie etwas ruhiger als der Vorgänger. Wackelfrei von links nach rechts zu scrollen ist aber immer noch nicht möglich, sofern man das Gerät nicht in der Hand hält. Weiterer unangenehmer Nebeneffekt: Vibriert das Smartphone, ist das beispielsweise auf Holztischen durch die verstärkte Vibration unangenehm laut.

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Das HTC One M9 ist ein schönes Gerät. Kein subtil-schönes Gerät mit Understatement, sondern eine In-die-Fresse-Schönheit, das Handy gewordene Bling-Bling-Goldkettchen – insbesondere die Rückseite erregt Aufsehen, und damit die den Zaungästen, pardon, Passanten präsentierte Seite. Das M9 schimmert und spiegelt, es oszilliert und reflektiert, es prahlt mit seinen Farbenspielen; keine Frage: HTC hat sein neues Flaggschiff noch einmal besser herausgeputzt als den Vorgänger. Die Frage ist die nach der Alltagsrelevanz: Auf der blanken Rückseite sammeln sich mitunter Schweißrückstände, die man auf der sonst so blanken Oberfläche umso besser wahrnimmt. Im Winter wird ein Metallgehäuse schnell kalt in der Hand, außerdem ist ein Gerät mit Metall-Unibody anfällig für Beulen, sollte man sie erst einmal versehentlich fallen lassen.

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Und das kann durchaus passieren, denn so wunderschön das Gehäuse ist, so glatt ist es auch. Lässt man das Gerät in die Hosentasche gleiten, freut man sich noch über dessen Geschmeidigkeit. Hält man es in der Hand und lässt es zum wiederholten Male nur aufgrund eine adrenalinschwangeren Reflexes nicht auf harten Steinboden fallen, ärgert man sich und nennt die Geschmeidigkeit Schlüpfrigkeit. Das gute alte Case-Dilemma: Sollte man das Gerät dafür in ein eine Hülle einsperren? Dann macht all die Schönheit keinen Sinn. Sollte man das Gerät „im Naturzustand“ belassen und wie das behandeln, was es ist – einen Gebrauchsgegenstand? Dann ist das M9 nicht lange schön. Wir würden im Zweifel zum Case raten, denn es steht auch zu befürchten, dass das Gerät nicht das solideste ist, außerdem bietet HTC sein verspieltes Dot View-Cover nun auch mit transparenter Rückseite an.

Ein paar Worte zur Stabilität des HTC One M9: Wir haben keinen kompletten „Bendtest“ gewagt, aber schon bei verhältnismäßig leichtem Druck knarzt und knackt das Gehäuse deutlich hörbar. Wir raten zu Vorsicht und Gesäßtaschen-Abstinenz.

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Zum Schluss sei uns ein Einschub zur Frage gestattet, ob HTC gut daran tut, das M9 in vielen Aspekten des Designs zu belassen wie seinen Vorgänger. Aus der Fachpresse wie aus der HTC-Fan-Basis war nämlich herbe Kritik an dieser Tatsache zu vernehmen. Wir können diese, gefühlt überbordende, Kritik kaum nachvollziehen. Zum einen, weil HTC durchaus an Details gefeilt hat, zum anderen, weil nahezu alle Konkurrenten neue Designsprachen höchstens im Zweijahres-Turnus einführen und das „Zwischendrin-Modell“ stets eine Verfeinerung darstellt. Zu hohe Erwartungen, die naturgemäß nur enttäuscht werden können, stellen für uns kein valides Bewertungskriterium dar.

Die Frage, die sich HTC jedoch gefallen lassen muss, ist die, ob das Design, unabhängig vom Vorgänger, rundheraus gelungen ist – insbesondere weil HTC sich diesen Aspekt als zentrales Merkmal ihrer Geräte auf die Fahne schreibt. An dieser Stelle beantworten wir die Frage anhand der Ansprüche, die der Hersteller an sich selbst stellt: Ja, ist es. Aber nicht uneingeschränkt. Das Gerät vermittelt nicht den Eindruck unbedingter Solidität, die ungenutzten schwarzen Balken an der Front werden manchen Nutzer stören und die Hardware-Tasten für Power und Lautstärke sind nach wie vor nicht so gut, wie sie sein könnten – wir verweisen auf Samsung. Gemessen am Premium-Anspruch ist das zu wenig, trotz der sicher für viele betörend wirkenden Optik, weswegen wir dem HTC One M9 in diesem Teilbereich die Höchstwertung versagen müssen.

Auf der nächsten Seite: Display und Kamera im HTC One M9.

Weitere Themen: Qualcomm Snapdragon 810, HTC

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