Meinung: Die Dual-SIM-Option des HTC U11 ist ein kleines Detail – und Teil einer Revolution

Frank Ritter
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Fast überall auf der Welt sind Dual-SIM-Smartphones Gang und Gäbe. In Westeuropa gewinnt das praktische Feature ebenfalls an Verbreitung, nur nicht in der Oberklasse. Das HTC U11 ändert das – mit einem cleveren Schachzug.

Meinung: Die Dual-SIM-Option des HTC U11 ist ein kleines Detail – und Teil einer Revolution

Dual-SIM-Smartphones sind eine praktische Sache. Mit der Möglichkeit, gleich zwei SIM-Karten in einem Smartphone zu nutzen, kann man mit den Geräten am Urlaubsort zu günstigen lokalen Tarifen das Internet nutzen, berufliche und private Nummern auf einem Gerät vereinen, sicherstellen, dass man in ländlichen Gegenden mit Abdeckungslücken zumindest über ein Netz telefonieren kann, oder einen preiswerten Datentarif zu seinem Stamm-Tarif hinzubuchen.

Dual-SIM ist also ein deutlicher Mehrwert in puncto Flexibilität, hierzulande aber kaum verbreitet. Während die aktuellen Top-Smartphones von Samsung, HTC und Huawei in Schwellenmärkten wie China und Indien bereits seit Jahren fast ausschließlich als Dual-SIM-Version erhältlich sind, herrscht im Westen weiter Single-SIM-Ödnis vor. Dieses Monopol bröckelt zwar langsam, das allerdings bislang in erster Linie durch Druck aus der Unter- und Mittelklasse.

Zahlreiche Geräte unter 300 Euro etwa, Lenovos Moto-G-Serie, die Honor-Geräte, einige Smartphones von Huawei und praktisch jedes Smartphone der Einsteigerklasse aus der Hersteller-B-Riege (etwa Wileyfox, Archos oder Acer), werden aktuell mit Dual-SIM-Funktionalität ausgestattet. In der Oberklasse tut sich kaum etwas. Die OnePlus-Devices sind eine löbliche Ausnahme, allerdings nur im direkten Handel erhältlich, überwiegend Enthusiasten bekannt und im Mainstream kaum verbreitet. Wer hingegen ein Gassenhauer-Smartphone wie das Galaxy S8 mit Dual-SIM-Funktionalität haben will, muss sich das Gerät für viel Geld und mit einem gewissen Risiko aus dem Ausland importieren.

Warum ist Dual-SIM-Funktionalität in westlichen Ländern wie Deutschland so selten anzutreffen? Um den Grund dafür zu erklären, muss man sich die Märkte anschauen: In Ländern wie Indien und China gehört Dual-SIM nicht nur zum guten Ton, der Druck des Marktes macht daraus einen Sachzwang. Ein Nutzer aus Indien erklärte das unlängst in einem Beitrag auf reddit so (Übersetzung von uns):

In Indien ist Dual-SIM ein Must-Have für die meisten, sowohl Schüler und Studenten als auch Berufstätige. (...) Wenn ein Handy nicht Dual-SIM-fähig ist, verkauft es  sich nicht gut. (...) Wie die meisten Inder nutze ich Prepaid-Tarife. (...) Ein Beispiel: Der Telefontarif von Telenor ist extrem preiswert, aber die Datengeschwindigkeit schlecht. Airtel hat gute Datenraten, aber höhere Telefonkosten. Viele Leute nutzen also Telenor für Anrufe und Airtel für Daten und bekommen so das Beste aus beiden Welten, ohne das Doppelte bezahlen zu müssen.

Es sind also historisch gewachsene Gründe, die zu den aktuellen Marktbedingungen in Indien führen, in China sieht es ähnlich aus. Und bei uns? Im Vergleich wollen die Deutschen teurere Smartphones haben. Und weil sie diese nicht auf einen Batzen bezahlen möchten, wechseln ein erheblicher Teil der Smartphones hierzulande im Rahmen eines Laufzeitvertrages den Besitzer – im Prinzip als von den Mobilfunkanbietern gestützte Ratenzahlung. Die großen Provider wiederum mögen, Kraft ihrer immer noch vorhandenen Marktmacht, Dual-SIM nicht. Denn das Feature eröffnet den Kunden die Möglichkeit, auch SIM-Karten der Konkurrenz parallel zu verwenden.

Bröckelt diese Ablehnung gegenüber Dual-SIM im Westen? Nick Muir, der CEO von Wileyfox und ehemalige Produktchef bei Motorola, hat uns im persönlichen Gespräch vergangenes Jahr bescheinigt, dass zumindest ein zaghaftes Umdenken stattfindet. Die Zeichen der Zeit sprechen dafür: Bei uns werden zwar weiter die meisten Top-Smartphones mit Laufzeitverträgen gebündelt verkauft, das aber immer häufiger nicht direkt bei den Providern, sondern über Dritthändler wie 1&1, mobilcom-debitel oder deinHandy, die auch Tarife anbieten, Handyauswahl und Versand aber eigenständig abwickeln – und denen ist es vergleichsweise egal, welche Eigenschaften das verkaufte Smartphone mitbringt.

Auch die Geschichte spricht dafür: Noch vor wenigen Jahren waren viele Handys und Smartphones mit SIM- und Netlocks ausgestattet, heute ist diese Praxis fast schon aus dem kollektiven Gedächtnis der Techniknutzung verschwunden – glücklicherweise. Einiges spricht dafür, dass diese Entwicklung auch bei Dual-SIM stattfinden wird.

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Dual-SIM wird zum Standard – auch bei uns

Schon das seit Ende 2016 erhältliche Huawei Mate 9 unter die Leute, wenn man dem Spec-Sheet glauben mag. Ein weiterer wichtiger Stein in diesem Mosaik ist das HTC U11. Das ist zwar weiter auf einen SIM-Slot kastriert, wenn man es im Rahmen eines Laufzeitvertrages bei Vodafone oder anderen Providern aus erster Hand ersteht – im freien Handel (und mutmaßlich auch über Vertragsdealer aus zweiter Hand) bekommt man aber die Dual-SIM-Version. Das ist ein deutlicher Mehrwert. Dass HTC das U11 zumindest zum Teil als Dual-SIM-Variante auf den Markt bringt, ist ein cleverer Schachzug, denn die Taiwaner stoßen damit die Provider nicht vollständig vor den Kopf, trotzdem hat das Dual-SIM-Modell einen sichtbaren, handfesten Vorteil gegenüber der Provider-Variante. Auf das U11 verzichten können die Provider nicht – Vodafone hat das U11 in einer Pressemitteilung unlängst sogar als Mustergerät für seine neuen LTE-Geschwindigkeiten hervorgehoben. Aber: Dual-SIM als Feature beginnt so an Verbreitung und schafft Akzeptanz bei den Kunden.

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Ich lehne mich mal aus dem Fenster mit einer Prognose: Kunden, die sich auskennen, werden sich in Zukunft immer öfter für ein frei verkäufliches Dual-SIM-Gerät – egal welcher Preisklasse – oder einen Provider-Vertrag entscheiden, bei der sie die Dual-SIM-Variante ihres favorisierten Smartphones bekommen. Vielleicht noch nicht beim HTC U11, vielleicht auch noch nicht bei den kommenden Flaggschiffen in diesem Jahr, aber die Erkenntnis, dass das Feature praktisch ist, wird weiter um sich greifen.

HTCs Dual-SIM-U11 wird nicht das einzige Top-Gerät mit dieser Option in unseren Gefilden bleiben. Je mehr Dual-SIM-Geräte auf den Markt sind, desto größer wird das Bedürfnis neuer Kunden nach dem Feature und desto stärker wird auch der Druck auf die Provider, ein Stück ihrer Macht abzugeben und Dual-SIM-Geräte standardmäßig anzubieten. Wer weiß – vielleicht herrschen dann irgendwann in Westeuropa diesbezüglich indische Verhältnisse – zu wünschen wäre es uns.

Danke jedenfalls für diesen wichtigen Schritt, HTC.

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