iPhone: Die Kamera gegen Krisen

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Ein Beispiel ist die Revolution in Syrien: Nur wenige Journalisten berichten offiziell aus dem Land, ihre Beiträge werden vom Regime kontrolliert. Eine 25-minütige Reportage wurde komplett mit dem iPhone gedreht und zeigt hautnah den alltäglichen Kampf. Ist die iPhone-Reportage die neue Form des Krisenjournalismus?

iPhone: Die Kamera gegen Krisen

Die Stimme des Reporters ist verändert, sein Gesicht ist niemals zu sehen. Einige seiner Interviewpartner haben ihre ebenfalls verdeckt, viele sind nachträglich unkenntlich gemacht. Doch einige zeigen sich auch ganz offen, als ob sie nichts mehr zu verlieren haben. Die Protagonisten der 25-minütigen Dokumentation berichten über ihren Aufstand, über die Demonstrationen, die Verhaftungen und Tötungen. In dem Land, das von dem Despoten Bashar al-Assad regiert wird und in dem sich die Menschen im Zuge des arabischen Frühlings erstmals 2011 erhoben, leben viele Ethnien. Sie sind zwar unterschiedlichen Glaubens, aber sie sind sich einig, dass sie in Freiheit und selbstbestimmt leben wollen. Gegen die friedlichen Demonstrationen geht das Regime mit Waffengewalt vor, verfolgt seine Gegner mit Folter und Mord. Inzwischen verteidigen sich die Revolutionäre mit Waffen, Deserteure der offiziellen Armee haben die freie syrische Armee gebildet. Doch wie genau es in dem Land aussieht, mit welcher Angst und mit welchem Mut die Menschen sich wehren und wie gegenwärtig Verhaftung oder Tod sind, das können wir uns hier kaum vorstellen.

Umso wichtiger ist, dass Bilder nach außen dringen. Denn eine Revolution, die die Weltöffentlichkeit nicht sieht, macht auch auf das Regime keinen Eindruck. Mit der Öffentlichkeit über Facebook, YouTube und Blogs haben auch die Freiheitsbewegungen in Tunesien, Ägypten und Libyen viel erreicht. Doch zusammenhängende Geschichten konnten sie kaum erzählen, Hintergründe kaum klären. Das ist die Aufgabe von Journalisten. Sie dürfen jedoch nicht ohne weiteres ins Land, es sei denn zum Kaffeetrinken mit dem Despoten. Ein Filmteam in dem vom Geheimdienst und von Scharfschützen durchseuchten Land würde kaum lange überleben. Die einzige Möglichkeit ist, Geschichten mit dem Smartphone zu erzählen, wie es ein namentlich nicht genannter Al-Jazeera-Journalist getan hat. Die Bilder sind teilweise verwackelt, schlecht ausgeleuchtet, es ist Dogma-Style im authentischsten Sinne. Aber sie sind geschnitten und zu einer authentischen Reportage zusammengefügt, die unter die Haut geht und die ganze Brutalität, aber auch die Musik und den Geist des dortigen Überlebens zeigt.

Solche Reportagen sind wichtig, denn die aus der Hüfte, versteckt hinter Mauerecken und auf der Flucht vor Schüssen gedrehten Clips sprechen ihre eigene, nicht zu leugnende Sprache.

Immerhin ist es die erste offizielle iPhone-Reportage, die ein Fernsehsender ausstrahlte. Sicher ist es auch Krisenästhetik und Action-Kino, wenn rauhe Bilder über den Bildschirm laufen, doch die in Full-HD-gefilmte Story ist knallhartes Reality-TV, das mit großen oder auch kleinen Videokameras so nie möglich wäre. Nicht nur, weil das iPhone über Apps wie iMovie ein Ein-Personen-Filmstudio ist, sondern weil weniger aufwändig ist als eine Videokamera, Mikrofon, Tonarm und -kontrolle und Licht. Dabei liefert es trotz Mini-Linse genügend Qualität, gerade bei Tageslicht, so dass auch mal große Landschaftsaufnahmen und Schwenke oder Zooms möglich sind.

Ist das nun die Zukunft des Krisenjournalismus, fragt das Medienmagazin Meedia? Schon möglich, schließlich entwickelt selbst die BBC Konzepte für sendefähige Reportagen mit dem iPhone. Und Oonair stellten wir bereits im letzten Jahr in unserem Bericht vom Mobile World Congress in Barcelona 2011 vor. Generell sparen die Sender an Personal, Zeit und Gerät. Für die Nachricht-im-Film gehen die Reporter noch mit einer Sony auf Tour, geschnitten und gesprochen wird der Minibeitrag dann im Studio. Doch vielleicht wird das in Zukunft anders. Klar, dass man die Pressekonferenz des Landtags oder die Eröffnung eines neuen Shopping-Centers auch nicht mit verwackelten Filmchen spannender machen kann. Und sicher würde wir uns das authentische iPhone-Format auch schnell auf die Nerven gehen, würden wir es öfter sehen – oder wir würden erschrecken, weil wir die echten Snuff-Videos eben doch nicht kalt ertragen können und uns abwenden.

Ohnehin wollen wir Krisen nicht so nah an uns heran lassen, so dass eine nahe und belebte iPhone-Kamera uns letztlich unerträglich wäre. Aber eine Chance auch für die „große“ Berichterstattung aus Krisengebieten sind die smarten Apple-Phones schon. Das muss nicht der eingebettete Journalist sein, der mit seinem iPhone gar nicht auffällt, weil heutzutage jeder eines hat. Das können auch „aufrecht“ gefilmte Reportagen sein, mit denen Revolutionen dokumentiert werden, oder Menschenrechtsverletzungen jeglicher Art, die Behandlung von Flüchtlingen, Arbeitenden und Demonstrierenden überall auf der Welt.

Ob sich dadurch eine neue Form des Krisenjournalismus etabliert, ist letztendlich egal. Wichtig ist nur, was dabei heraus kommt, dass die Geschichte funktioniert und wahr ist. In jedem Fall können wir dankbar sein, dass Apple etwas so Einfaches wie das iPhone und seine Apps geschaffen hat. Nicht nur, dass Journalisten ohnehin Apple-Werkzeuge bevorzugen, weil sie einfache, verständliche und funktionierende Geräte benötigen. Eine Android-Reportage wäre wohl kaum vorstellbar – zumindest hätte sie es schwerer, denn der Hype um das iPhone befördert die Revolution ebenfalls. Schließlich hat sogar das syrische Regime die Einfuhr und Nutzung von iPhones verboten.

Wie auch immer Apple damit umgeht, dass mit dem iPhone Reportagen von den Revolutionen und Umbrüchen der Welt gefilmt werden – vielleicht ist es ihnen sogar peinlich, wie seinerzeit Facebook, das nicht als Revolutions-Werkzeug gesehen werden wollte, das die Vernetzung der Widerständler in Tunesien und Ägypten erst möglich gemacht hat. Im besten Sinne erinnern wir uns an Steve Jobs, der den „Think Different“-Spot erst möglich gemacht hat: „Here's for … the rebels, the troublemakers …“. Im deutschen Fernsehen klang der Spot dann so:

An alle, die anders denken:
Die Rebellen,
die Idealisten,
die Visionäre,
die Querdenker,
die, die sich in kein Schema pressen lassen,
die, die Dinge anders sehen.
Sie beugen sich keinen Regeln, und sie haben keinen Respekt vor dem Status Quo.

Das ist kein Gedicht von Grass, aber mindestens eine Aufforderung. Für einen neuen Krisenjournalismus mit dem iPhone!

Wer selber etwas tun will: Adopt a revolution! mit vielen Informationen zum syrischen Frühling.

Wie die anderen das sehen:

Meedia: Reporter dreht Syrien-Doku mit dem iPhone
Apfeltalk: Journalist dreht Syrien-Doku mit iPhone
M-Magazin: “Syria: Songs of Defiance“: Doku mit dem iPhone gedreht

 

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Weitere Themen: iMovie, Apple


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