LG G2 im Test: Mit Buttons am Rücken auf den Smartphone-Olymp?

Frank Ritter
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Seit dem großen Erfolg des gemeinsam mit Google entwickelten Nexus 4 wittert LG Morgenluft und will wieder richtig einsteigen in den globalen Markt für High End-Smartphones. Das im August vorgestellte LG G2 beerbt ein lange Linie von Android-Smartphones des koreanischen Herstellers, will sich aber auch absetzen von seinen Vorgängern. So fehlt mit dem wegfallenden Namenspartikel Optimus nicht nur ein Verweis auf die Familiengeschichte, das G2 bricht auch mit Dogmas — augenscheinlichstes Alleinstellungsmerkmal: Die Power- und Lautstärkebuttons befinden sich auf dem Geräterücken. Im umfangreichen Testbericht klären wir, wie viel das LG G2 sonst noch anders macht – und ob anders auch gleichbedeutend mit gut ist.

LG G2 im Test: Mit Buttons am Rücken auf den Smartphone-Olymp?

LGs Smartphone-Flaggschiffen war in den vergangenen Jahren nicht allzu viel Erfolg auf dem europäischen Markt beschieden. Die Gründe dafür mögen einerseits im harten Wettbewerb liegen, andererseits waren die Probleme aber auch hausgemacht: So hat LG sich bei vielen Android-Fans mit um Monate oder gar Jahre verschleppten Updates unbeliebt gemacht, zudem brachten die Koreaner diverse Geräte entweder gar nicht oder nur mit zeitlichem Versatz nach Europa. Zumindest hatte LG Erfolg mit Myriaden an gleichermaßen preiswerten wie unglamourösen Smartphones der Mittel- und Unterklasse. Dann kam das gemeinsam von LG und Google entwickelte Nexus 4 (Test) und bewies, dass die Koreaner durchaus nicht verlernt haben, Smartphones mit Rockstarqualitäten zu bauen. Als technische Basis diente das LG Optimus G, das im deutschsprachigen Bereich jedoch erst Monate später und zu einem deutlich höheren Preis verkauft wurde als in Korea und Nordamerika. Als das Optimus G in Deutschland ankam, war obendrein das deutlich preiswertere Schwestermodell Nexus 4 längst etabliert.

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In diesem Jahr wird LG — so viel steht zum Zeitpunkt dieses Testberichts bereits fest — erneut das Nexus-Smartphone bauen. Mit dem Unterschied, dass dessen technische Vorlage auch in Europa bereits begutachtet und gekauft werden kann. Das LG G2 ist ein Smartphone mit Spezifikationen, die dem aktuellen Spitzenstand der Technik entsprechen, einigen interessanten Ideen wie Hardware-Buttons, die auf der Geräterückseite angebracht sind, und das dabei vergleichsweise bezahlbar ist: Lediglich rund 500 Euro Straßenpreis muss man für das Snapdragon 800-Smartphone hinblättern. Im Folgenden werden wir überprüfen, ob das nur auf dem Papier ein gutes Angebot ist oder ob LG hier einen echten Preis-Leistungs-Tiger im Portfolio hat.

Wir haben ein schwarzes LG G2 mit 32 GB Speicher in der Variante LG-D802 getestet. Auf dem Gerät kam die auf Android 4.2.2 basierende Firmware-Version D80209d-EUR-XX zum Einsatz. Der Testzeitraum belief sich auf knapp drei Wochen.

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LG G2 im Video

Unboxing & Hands-On

Zunächst unsere erste Kontaktaufnahme mit dem G2:

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LG G2 vs. HTC One

Danach eine vergleichende Betrachtung des LG G2 mit dem HTC One.

LG G2 vs. Sony Xperia Z1 vs. Note 3

Schließlich haben wir noch die drei Highlight-Smartphones auf der IFA 2013 miteinander verglichen: neben dem LG G2 nehmen das Samsung Galaxy Note 3 und das Sony Xperia Z1 Platz.

Optik, Haptik und Verarbeitung

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Holt man das LG G2 aus seiner Packung, ist man im Angesicht des veritablen Hypes um das Gerät im Vorfeld zunächst geneigt zu fragen: Na und? Dann schaltet man es ein und ist schier geblendet von der Größe des 5,2 Zoll-Displays in Relation zum Rest des Gerätes. Die Bezels (Rand zwischen Display und Gehäuseseite) sind extrem schmal, auch oberhalb und unterhalb des Displays hat LG gute Arbeit bei seinen Verengungsbemühungen geleistet. Kurzum: Auf der Front weiß das LG G2 zu beeindrucken.

Um die Marginalisierung des Geräterands zu illustrieren, werfen wir einen kurzen Seitenblick auf ein Gerät, das vor rund zwei Jahren mit dem Phablet eine neue Gerätekategorie initiiert hat — das erste Galaxy Note. Dieses Gerät besaß ein nahezu gleich großes Display (5,3 Zoll-Diagonale im Galaxy Note, 5,2 im LG G2). Es war aber dennoch mit Maßen von 146,9 x 83 x 9,7 mm und 178 Gramm viel größer und schwerer als das LG G2 mit 138,5 x 70,9 x 8,9 mm und 143 Gramm.

Das Galaxy Note ist freilich deutlich älter, besitzt Hardware-Tasten und ein anderes Seitenverhältnis. Damit man uns nicht vorwerfen kann, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, setzen wir das G2 noch zu zwei aktuelleren Geräten ins Verhältnis: Das G2 ist zwar etwas größer und schwerer als das Samsung Galaxy S4 mit 136,6 x 69,8 x 7,9 mm und 130 Gramm. Das HTC One (137,4 x 68,2 x 9,3 mm) hingegen mag zwar etwas schmaler sein, aber auch dicker und gleich schwer — trotz deutlich kleinerem Display.

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Schauen wir uns das LG G2 etwas genauer an: Die Grundform des Gerätes ist rechteckig, wenngleich schwach abgerundet, Nexus 4-Besitzer dürften hier Bekanntes vorfinden. An der Front oben befindet sich, in das Glas eingelassen, eine Aussparung für die Hörmuschel.

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Interessanterweise sind hier gleich zwei Grille enthalten, deren Zweck und Unterschied uns nicht ganz klar sind. Da diese sich auf unterschiedlichen Höhen befinden, wird der Spalt noch weiter verengt, weswegen sich hier mit Vorliebe Fussel und Staub sammeln — ein fragwürdige Designentscheidung, das hätte LG besser lösen können. Links daneben befinden sich noch der Helligkeits- und Näherungssensor, die Frontkamera sowie eine in verschiedenen Farben leuchtende Benachrichtigungs-LED.

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An der Unterseite der Front schließlich platziert LG sein silberfarbenes Firmenlogo. Die Android-Buttons sind in Software realisiert, das hat Vor- wie Nachteile. Im Test fiel uns auf, dass wir das Gerät des Öfteren falsch herum in der Hand hielten — es fehlte an einem instinktiv bemerkbaren visuellen oder haptischen Indikator, der darauf hinweist, wo oben und wo unten ist.

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Seitlich findet man am LG G2 einen schmalen silberfarbenen Metallstreifen, der das Gehäuse komplett umrahmt.

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Zwei im iPhone-Stil angeordnete Lautsprecher sowie ein micro USB-Anschluss und die Kopfhörerbuchse säumen die Unterseite.

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Oben findet man, jeweils kaum sichtbar, ein Sekundärmikrofon zur Rauschunterdrückung sowie den IR-Blaster. Links ist, ebenfalls nahezu unsichtbar, ein Tray für die Micro-SIM-Karte verbaut, das mithilfe eines dünnen spitzen Pins herausgeholt werden kann.

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Alleinstellungsmerkmal des LG G2: Tasten am Rücken

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Wer an dieser Stelle stutzt, weil wir die bei Smartphones traditionell an der Seite liegenden Lautstärkewippen und Powerbuttons nicht erwähnt haben, tut dies beinahe zu Recht: Denn diese befinden sich — als zentrales Designmerkmal — auf der Rückseite des LG G2. Dabei sind die Lautstärketasten auf derselben Ebene wie die Rückwand, der Powerbutton hingegen steht zentriert in einer Art Welle etwas hervor. LG erklärt dieses Design damit, dass man während eines Telefongespräches den Zeigefinger meist auf der Geräterückseite liegen hat und, um etwa die Lautstärke nachzujustieren, keine umständlichen Handgriffe mehr vornehmen muss. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Anders, als das Marketing von LG es suggeriert, sind die rückwärtigen Tasten des G2 konventionell platzierten Tasten keinesfalls überlegen. Der Hauptgrund ist, dass die meisten Nutzer ein Smartphone bedeutend seltener als Telefon denn für andere Zwecke verwenden: Apps, Games, Videos, Surfen im Netz — alles Situationen, in denen die Buttons auf der Rückseite eher hinderlich oder zumindest nicht so praktisch wie ein Button an der Seite sind: Wer gerade in ein Spiel versunken ist und feststellt, dass der Bus bereits an der Zielhaltestelle angekommen ist und schnell den Power-Button betätigen will, wer ein YouTube-Video startet, aber feststellt, dass die Lautstärke gerade viel zu hoch eingestellt ist, wer die Lautstärketasten bedient, dabei ein bisschen zu weit nach oben rutscht und dabei versehentlich die Kameralinse mit Fingerfett verschmiert — all diese Personen werden die rückwärtigen Tasten verfluchen. Im Alltag ist es deutlich häufiger eine ergonomische Herausforderung die Rücktasten zu benutzen als eine Erleichterung.

Mit der Zeit bessert sich das natürlich ein wenig, denn auch wenn keine Amour Fou zwischen Nutzer und Buttons entstehen will, so gewöhnt man sich mit der Zeit zumindest an sie, zumal die Tasten ein paar nette Tricks draufhaben: Ein längerer Druck auf die Lautstärke-runter-Taste startet die Kamera, mit einem kurzen Druck kann man zudem ein Foto schießen. Ein Langdruck auf Lautstärke nach oben öffnet ein LG QuickMemo für spontane Kritzeleien. Außerdem ist der beleuchtete Ring um den Power-Button nett anzusehen, der Außenstehende per weißer LED darüber informiert, dass man gerade ein Telefongespräch führt. Der Power-Button kann außerdem teilersetzt werden durch eine Doppel-Tap-Geste — dazu mehr im Abschnitt „Software“. Ein Heilsbringer oder gar ein Konzept für die Smartphone-Zukunft sind die Rücktasten unserer Ansicht nach aber definitiv nicht.

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Ideal …

Um unseren Rundgang zu beschließen, noch ein paar Worte zur Rückseite, mal abgesehen von den Tasten. In puncto Form kann diese durchaus überzeugen: Eine leichte Wölbung lässt das Gerät angenehm in der Nutzerhand liegen. Sehr ärgerlich ist hingegen die Verwendung von glattem Plastik als Material.

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… und Wirklichkeit

Die Argumente sind bekannt, wir verweisen auf die Samsung Galaxy-Geräte der vergangenen zwei Jahre — in aller Kürze: Wer wenig wertig wirkende Oberflächen mag, auf denen man jeden Fingerabdruck sehen kann und die schon bei geringem Handschweißausstoß zur Glitschigkeit neigen, wird das LG G2 lieben. Leider gehört niemand zu dieser Fraktion und wir müssen mal wieder unser Bedauern äußern, dass ein Smartphone-Flaggschiff mit bester Technik durch seine Materialwahl abgewertet wird. Auch das an und für sich ansehnliche Schraffurmuster auf der Rückseite ändert daran nichts.

So bleibt also ein gemischter Eindruck von Verarbeitung und Haptik des LG G2 bei uns zurück. Die handfreundliche Geräteform und die erstaunliche Displaygröße in Relation zur Gesamtgröße des Smartphones wissen zu überzeugen, Details wie die Ohrmuschelöffnung, die rückwärtigen Tasten und vor allem die Plastikrückseite tun es nicht.

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Das Display im LG G2

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2013 war bislang das Jahr der fantastischen Displays — HTC One (Test) und HTC One mini (Test), Samsung Galaxy S4 (Test) und S4 active (Test), Nexus 7 (2013) und Sony Xperia Z Ultra (Test) konnten jeweils die Höchstnote abstauben und uns mit ihren Screens bezaubern. Das LG G2 hat also einiges zu leisten, will es in dieser Reihe bestehen. Um es kurz zu machen: Das etwas exotisch als „True HD-IPS+“ betitelte Panel auf LC-Basis enttäuscht nicht.

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Nach unserem Eindruck stimmt im Grunde alles am 5,2 Zoll-Display mit Full HD-Auflösung (1920 x 1080) im LG G2: So weist es mit 423 ppi ein extrem scharfes Bild auf, gute Schwarzwerte und ein geradezu blendendes Weiß. Es besitzt ein Farbbild, das genau den richtigen Punkt zwischen Realismus und Farbintensität findet und schließlich auch noch sehr gute seitliche Blickwinkel ohne sichtbare Lichthöfe bietet.

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Die maximale Helligkeit des G2-Display ist sehr gut und bewirkt, dass man es auch im prallen Sonnenlicht gut ablesen kann. Die automatische Helligkeitsregelung funktioniert meistens gut, im Zweifel kann man trotz aktivierter Automatik per Schieberegler im Benachrichtigungsbereich nachjustieren — ein Helligkeitswert von 100 % bewirkt dabei auch bei aktivierter Automatik, dass das Display mit Maximalkraft strahlt. Im Testzeitraum stellte sich heraus, dass eine aktivierte Automatik, verbunden mit einem Schiebereglerwert von 90 % in den meisten Situationen optimal war. Gegen widrige äußere Einflüsse ist das LG G2 übrigens mit gehärtetem Gorilla Glass 2 von der Firma Corning gesichert.

Unser Fazit zum Display: Makellos — besser ist ein LC-basiertes Display kaum vorstellbar.

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Die Kamera im LG G2

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LG verbaut im G2 einen neuen 13 MP-Exmor RS-Kamerasensor aus dem Hause Sony. Im Kameramodul integriert ist OIS, also ein optischer Bildstabilisator. Dank spezieller Hardware-Features im Snapdragon 800-SoC kann die Kamera zudem auf Wunsch 1080p-Videos mit 60 statt 30 FPS aufnehmen. Diese Hardware-Voraussetzungen bewirken, dass man mit dem LG G2 eine der besten zurzeit erhältlichen Kameras in einem Smartphone erhält – die allerdings in verschiedenen Situationen schwächelt.

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In Situationen, die dem LG G2 liegen, also vor allem an der frischen Luft und bei Tageslicht, kann die Bildqualität des G2 rundheraus überzeugen. Neben sehr gut wiedergegebenen Farben und Details hat uns auch die Bildschärfe überzeugt — offenbar ein Verdienst des OIS.

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Dazu kommt der HDR-Modus des G2, der in vielen Situationen noch mehr Details aus den Motiven herauszuarbeiten weiß, ohne die Szenerie künstlich zu dramatisieren. Kurzum: Sind die Umstände optimal, kann es die Kamera des LG G2 problemlos mit allen Smartphones im Android-Sektor aufnehmen, inklusive des Platzhirsches Samsung Galaxy S4. Hier einige Beispiele:

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Was bringt OIS?

Einen tragenden Anteil spielt dabei der optische Bildstabilisator, der auch gegenüber Softwarelösungen wie im Galaxy S4 und Note 3 eine signifikante Verbesserung der Bildqualität bewirkt. Wer denkt, dass er dank des OIS in jeder Situation problemlos einhändig Fotos schießen kann oder gar ein Steadycam-Pendant in Händen hält, irrt allerdings: Der optische Bildstabilisator wirkt sich auf das Bild eher unauffällig bei jenen winzigen Rucklern aus, die die menschliche Hand zwangsweise erzeugt, insbesondere bei digital hereingezoomten Foto- oder Filmaufnahmen macht sich das positiv bemerkbar. So hat dann auch die 13 MP-Auflösung (für Fotos im 4:3-Format, bei 16:9 sind es nur 9,7 MP) im LG G2 ihren Sinn, da im Ergebnis auch auf hohen Zoomstufen wenig Pixelmatsch zu sehen ist.

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Auch Videos profitieren bei Vergrößerung, wie etwa in diesem Beispiel, das mit der höchstmöglichen digitalen Zoomstufe (achtfach) aufgenommen wurde. Die Bildqualität ist bei diesem Zoomfaktor selbstverständlich nicht mehr das Gelbe vom Ei, aber der OIS fängt immerhin nahezu jede Handbewegung ab.

Die Kamera des LG G2 hat allerdings zwei grobe Probleme, die wir nicht unterschlagen wollen. Zum einen ist das der Autofokus: Ein nicht unerheblicher Teil der Fotos und Videos missraten, weil dieser nicht „hinterherkommt“ und die Bilder schließlich einfach zu unscharf sind.

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Auch die an sich gute Touch-to-Focus-Funktion hilft dabei kaum, oder braucht die berühmt-berüchtigte Sekunde zu viel, um den gewünschten Punkt im Motiv zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.

Der zweite Kritikpunkt betrifft die Low Light-Performance, also die Bildqualität bei suboptimalen Lichtverhältnissen. Weniger schlimm finden wir die Tatsache, dass die Bilder gelbstichig und körnig sind, wenn der (gute) LED-Blitz ausgelassen wird; das ist man von nahezu allen Smartphones und auch so mancher Kompaktkamera gewöhnt. Viel ärgerlicher ist, dass die Kamera, offenbar sobald ein bestimmter Helligkeitswert unterschritten wird, in einen speziellen Low Light-Modus zu wechseln scheint — und zwar intransparent für den Nutzer. Dieser Modus scheint die Belichtungszeit signifikant zu erhöhen, was mehrere ungünstige Effekte hat: Zum einen wird das Bild im Sucher urplötzlich extrem ruckelig, zum zweiten erhöht sich die Zeit zwischen einem Tap auf den Auslösebutton und der Aufnahme massiv — teils um bis zu drei Sekunden. Zum Dritten misslingen die Bilder schlechterdings. Eine Änderung der Einstellungen für ISO-Empfindlichkeit, Belichtung oder eine Aktivierung des Blitzes ändert daran nichts.

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Dabei ist der Gedanke hinter diesem Low-Light-Modus kein schlechter: Wenn das Gerät registriert, dass es dunkel ist, wird automatisch die Belichtungszeit erhöht, damit das Bild heller wird und mehr Details eingefangen werden. Nur leider verwäscht dabei jedes Foto und es gelingen kaum noch Schnappschüsse — auch, weil man im Dunkeln mit dem Smartphone nur in den seltensten Fällen statische Motive fotografiert. Typisch für dieses Szenario wären wohl eher die obligaten Party- oder Kneipenfotos — bei denen man mit dem G2 in der Regel nichts erkennen kann.

Das LG G2 leidet damit ein Stückweit an denselben Problemen wie das Samsung Galaxy S4, in manchen Belangen sogar noch stärker. Wir sind der Auffassung, dass sich die Smartphone-Hersteller eher an HTC orientieren sollten, denn die Kamera des HTC One löst, zumindest gefühlt, stets verzögerungsfrei aus – so gelingen auch Schüsse „aus der Hüfte“. Beim G2 gelingen zu viele Schnappschüsse leider nicht.

In Sachen Video sieht es ähnlich wie bei Fotos aus: Einerseits ist die Qualität der Videos in Sachen Farben und Details meist hervorragend, bei gezoomten Motiven kann der OIS einen Großteil des Handgezitters abfangen. Dank eines speziellen 1080i-Aufnahmemodus (1080p-Video bei 60 FPS, also der doppelten Anzahl von Bildern pro Sekunde) lassen sich gefühlt flüssigere Videos aufnehmen. 4K-Video beherrscht das G2 allerdings leider noch nicht.

In diesem Video zeigen wir die Qualität der Videokamera bei Tageslicht. Das Video liegt eigentlich in 1080i mit 60 FPS vor, YouTube ist allerdings leider noch nicht in der Lage, Video mit höheren Bildwiederholraten als 30 FPS wiederzugeben.

Trotz der Herunterrechnung auf 30 FPS seitens YouTube wird deutlich, dass das Gerät ein sehr gutes, bei schnellen Schwenks stabiles, detailliertes und farbintensives Bild aufnimmt, jedoch auch hier Probleme mit dem Autofokus hat.

Ein weiteres neues Feature des LG G2 ist Audio Zoom. Damit soll das Objekt, das sich beim Filmen gerade im optischen Fokus befindet, beim Zoomen auch lauter aufgenommen werden. In unserem Test konnten wir aber höchstens einen geringen akustischen Qualitätsunterschied zu normalen Aufnahmen feststellen.

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Trotz der oben genannten Kritikpunkte qualifiziert sich die Kamera des LG G2 auch für das eine oder andere Lob: Neben der teils atemberaubenden Bildqualität jener Fotos, die im Freien und Hellen geschossen wurden, weiß auch die Kamera-App selbst zu gefallen. Die ist nämlich aufgeräumt und effizient, ohne übertrieben minimalistisch zu sein. Zwar besitzt die App trotzdem einige unnötige Kinkerlitzchen, aber die wichtigsten Einstellungen hat der Nutzer stets mit ein bis zwei Taps griffbereit — von Voreinstellungen über den Blitz bis hin zum Zoom im Video-Modus. Und ein paar der Kinkerlitzchen sind tatsächlich auch zumindest amüsant, etwa die Morph-Effekte in der Kamera-App oder der PhotoSphere-ähnliche VR-Panorama-Modus.

Ebenfalls zu gefallen weiß jene bereits vom HTC One bekannt Eigenschaft, per Touch-to-Focus durch einen Tap ins Bild nicht mehr einfach nur scharf zu stellen, sondern auch die Belichtung anzupassen und damit den entsprechenden Bildteil besser herauszustellen. Wer auf eine dunkle Stelle, etwa einen Schatten im Motiv tappt, erhält ein insgesamt helleres Bild, ein Tap auf ein helleres Objekt, zum Beispiel eine Wolke am Himmel, dunkelt das Gesamtbild ab. Wenn man sich daran gewöhnt hat, ist das ein mächtiges Werkzeug für Smartphone-Fotografen.

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Ein Motiv, drei Fokuspunkte: links ein Foto mit automatischer Belichtung, mittig eines mit einem dunklen Fokuspunkt, rechts mit einem hellen

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Dasselbe Motiv in HDR: links mit einem dunklen Fokuspunkt, rechts mit einem hellen

Herauszuheben ist die Frontkamera im LG G2, die in 2 MP bzw. 1080p auflöst, gute Bildqualität liefert und einen recht hohen Blickwinkel einzufangen imstande ist.

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Fotosample der Frontkamera

Fazit: Licht und Schatten — das mag wie ein Allgemeinplatz klingen, beschreibt aber die Kameraleistung des LG G2 adäquat. Im Licht kann das Gerät verblüffend schöne Bilder produzieren, im Schatten (der Nacht) ist sie selten brauchbar. Die gute Nachricht ist, dass die Probleme mit dem Autofokus und dem allzu aggressiven Low Light-Modus recht wahrscheinlich durch Software-Updates behoben werden können. Bleibt zu hoffen, dass LG hier nachbessert.

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Die Software des LG G2

In Südkorea dominieren Samsung und LG in einem erbitterten Konkurrenzkampf den Smartphone-Markt. Das beinhaltet auch, dass man neue Produkte voneinander inspirieren lässt und jeweils versucht, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Samsung hat mit dem Galaxy S4 in Sachen Feature-Reichtum enorme Geschütze aufgefahren und ist dabei nach unserem Verständnis hier und da über das Ziel hinausgeschossen. Und wie hält LG dagegen?

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Auch beim LG G2 und dessen Android 4.2.2-basierter Firmware wird geklotzt, was Features angeht. Und viele davon sind unbenommen mindestens inspiriert von Samsung, so etwa das Eyetracking, das verhindert, dass der Bildschirm ausgeht, wenn der Nutzer daraufblickt oder ein abspielendes Video pausiert, wenn man gerade woanders hinschaut. Auch die Benachrichtigungsleiste mit ihren horizontal scrollbaren Quick Toggles, dem riesigen Widget für die Infrarot-Fernbedienung sowie zahlreiche mitgelieferte Apps — vom Taschenrechner über den Übersetzer und den Sprachassistenten Voice Mate bis zum Wetterwidget – wirken so, als ob LG Samsung in keiner Weise nachstehen wollte. Das geht, nebenbei, so weit, dass die herabgezogene Benachrichtigungsleiste im Auslieferungszustand dank Shortcuts zu den „QSlide“-Mini-Apps und der Fernbedienung so voll ist, dass man die regulären Benachrichtigungen nicht sehen kann und diese nur per Scrolling erreichbar sind. Stellt sich die Frage, wie ein Android-Einsteiger das durchschauen oder gar deaktivieren soll.

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Einige LG-Standard-Apps: Wetter, Uhr, Taschenrechner, Sprachassistent

Viele Elemente der LG-Software scheinen mehr oder weniger ruchlos von Samsung kopiert — wobei sich Samsung wiederum den Vorwurf gefallen lassen muss, manche Features umgekehrt von LG beziehungsweise extern – von Apple – kopiert zu haben, als Opfer taugt Samsung in diesem Themenkomplex also genauso wenig. Stilistisch vermeidet LG dabei freilich die Schwarz-Blau-Kunterbunt-Optik von Samsung, und setzt stattdessen auf etwas hellere Farben und quadratische Icons.

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Als Beispiel seien die Einstellungen genannt, die bei LG schwarz auf weiß gestaltet und deren Unterpunkte horizontal durchscrollbar sind, sowie allgemein aufgeräumter wirken. Wo sich LG und Samsung wieder treffen ist der zum Einsatz kommende Skeuomorphismus, also Apps und Funktionen, deren Bedienung sich aus funktional entsprechenden Echtwelt-Gegenständen erklärt. So sieht die Notizen-App wie ein Notizblock auf, die Fernbedienung wie eine Fernbedienung, bei der Diktafon-App spricht man in ein nachgebildetes Mikro. Die Frequenz des UKW-Radios lässt sich an einem digitalen Regler verstellen und Schalter in den Einstellungen sehen tatsächlich wie Schalter aus.

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Weitere LG-Standard-Apps: Sprach-Memo, Notizen, LG Backup, Fernbedienung

Eine für den Skeuomorphismus beispielhaft stehende, aber nichtsdestominder interessante Eigenentwicklung von LG ist eine zusätzliche Animation, die angezeigt wird, wenn ein micro USB-Kabel oder ein Kopfhörer eingesteckt wird, dann sieht man auf dem Display eine virtuelle „Fortführung“ des Steckers, der dann auch gleich passende Optionen freigibt. Beim Kopfhörer kann man so beispielsweise gleich den Musik-Player oder einen Podcast-Client starten — welche Apps in der Liste auftauchen, kann der Nutzer selbst konfigurieren.

Trotz solcher Aha-Erlebnisse: In Zeiten des abstrakten Minimalismus von Googles Holo UI und dem globalen Trend zum Flat Design fängt der LG-/Samsung-Ansatz an, etwas abgeschmackt zu wirken. Es ist schade, dass für LG Stock-Android von Google eine bedeutend weniger relevante Inspirationsquelle zu sein scheint als Samsungs TouchWiz UX. Das geht sogar so weit, dass Standards von Google übergangen werden — dazu gleich mehr.

LG legt seinen Fokus aber verglichen mit Samsung weniger auf ein alternatives, von Google abgespaltenes Ökosystem für Kaufmedien – so gibt es beim LG G2 dankenswerterweise weder einen eigenen App Store, noch einen firmeneigenen Download-Shop für Musik, Filme, Bücher oder dergleichen. Stattdessen konzentriert sich LG stärker auf die Anpassbarkeit des Gerätes.

Und was man in LGs Android-Interpretation alles anpassen kann, ist dann tatsächlich beeindruckend: Das Dock des Homescreens etwa, dort finden bis zu sieben Icons Platz. Wem der Übergangseffekt von einem zum nächsten Homescreen nicht gefällt, kann den ändern. Genau wie den Eye-Candy-Lockscreen-Entsperreffekt. Ein anderes Hintergrundbild für den App-Drawer als für Home- und Lockscreen gewünscht? Kein Problem. Sogar die Software-Buttons lassen sich farblich ändern und in ihrer Reihenfolge umpositionieren.

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Die Software-Buttons des LG G2 lassen sich umfangreich konfigurieren. Lediglich der Android-Standard fehlt

Bizarr an den konfigurierbaren Software-Buttons ist dann aber auch, dass man sich zwar seinen persönlichen Favoriten aus etlichen Tastenkonfigurationen aussuchen kann, jedoch keine davon dem von Google empfohlenen und bei allen Nexus-Geräten der letzten Jahre verwendeten Standard entspricht: Alle auswählbaren Button-Leisten enthalten einen dedizierten Menü-Button (dessen Anwesenheit gleichzeitig die Overflow-Buttons in Apps verschwinden lässt), keiner die Funktion zum Aufruf des Multitasking-Menüs. Mag ja sein, dass dieser Button für manchen Ottonormal-Nutzer noch aufgrund jahrelanger Gewöhnung ein Muss ist, warum LG dann aber nicht einfach das neue Layout aus Googles Designempfehlungen übernimmt und die alte Version als Alternativoption verfügbar macht, bleibt uns schleierhaft.

Überhaupt schert sich LG an vielen Ecken und Enden des Systems einen feuchten Kehricht um Google-Standards. So gibt es kein separates Quick Toggle-Menü, das per Zweifingergeste nach unten von der Benachrichtigungsleiste aus geöffnet werden kann. Auch können die Benachrichtigungen bei LG nur mit dem „Balken“ am Ende der Leiste wieder nach oben geschoben werden — seit Android 4.2 ist das „Anfassen“ an einer beliebigen freien Fläche im gesamten ausgeklappten Benachrichtigungsbereich möglich; eine Eigenschaft, die die Hersteller sonst fast geschlossen aus Stock Android in ihre eigenen Oberflächen übernommen haben. Auch das Löschen von Icons und Widgets per Wurfgeste nach oben ist nicht mehr möglich.

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Das LG G2 ohne Kursiv-Version der Android-Standardschriftart „Roboto“. Rechts im Vergleich dieselbe Seite im Play Store auf einem Quasi-Stock-Gerät (Galaxy S3 mit CM 10.2).

Besonders kurios ist, wie LG mit dem Standard-Font von Stock-Android umgeht: Zwar ist die Roboto-Schriftart enthalten, allerdings fehlen diverse Unterarten, etwa die dünne und die kursive Variante. Auch die fettgedruckte Version ist falsch proportioniert. Das hat zur Folge, dass zahlreiche Apps gerade Buchstaben anzeigen, wo eigentlich kursive hingehören und damit schlicht falsch aussehen.

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Ebenfalls seltsam erscheint auch, dass LG die Geste zum Starten von Google Now abgeändert hat. So muss man nun nicht mehr vom Home-Button nach oben wischen, sondern nach links oben. Wer nach rechts oben wischt, startet LGs Handschrift-Notizen-App QuickMemo. Zusammen mit der Hardware-Tastenkombi (im ausgeschalteten Zustand Lautstärke nach oben gedrückt halten) und einer optional aktivierbaren Software-Taste gibt es damit gleich drei Wege, QuickMemo zu starten – LG wirkt etwas obsessiv, was diese App angeht.

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Besonders ärgerlich ist dann noch LGs Tastatur-App: Mal ganz abgesehen davon, dass sie zwar Wortvorschläge, aber keine Autokorrektur beherrscht, treibt sie den Nutzer schlechterdings in den Wahnsinn, indem sie die Interpunktions-Buttons stets mit dem letzten über diese Taste verwendeten Zeichen austauscht. Ein Beispiel: Drückt man länger auf den Button mit dem Komma und wählt stattdessen ein Fragezeichen, kann mit diesem Button fortan ein Fragezeichen getapt werden. So lange, bis man dieses per Lang-Tap durch ein anderes Satzzeichen ändert. Gleich zwei nebeneinander stehende Buttons spielen dieses „Bäumchen-wechsel-dich“-Spiel; dass man sich so an kein Satzzeichen-Layout gewöhnen kann, liegt auf der Hand. Die Zahlentastatur führt wichtige Zeichen wie das Komma gar nicht erst auf. Dass die Tastatur-App gut versteckt mehrere Themes und einen an sich praktischen zuschaltbaren Wischmodus a là Swype besitzt, fällt angesichts dieser Ärgernisse gar nicht mehr auf. Gut, dass man unter Android auch alternative Tastaturen installieren kann.

Die wohl bemerkenswerteste (positive) Software-Eigenschaft des LG G2 ist die Tatsache, dass man es per Doppeltap auf den ausgeschalteten Screen aus dem Standby erwecken kann, LG nennt das Feature Knock-On. Die Geste funktioniert sogar andersherum: Wer auf eine leere Stelle des Homescreens oder die Benachrichtigungsleiste schnell doppelt tappt, schaltet den Bildschirm wieder aus – Knock-Off nennt sich das in dem Fall. Knock-On funktioniert anfangs nicht immer, mit der Zeit hat man aber den Dreh raus; und das stellt dann eine enorme Erleichterung gegenüber dem rückwärtigen Power-Button dar. Der Tester erwischte sich nach einigen Tagen der Nutzung dabei, wie er die Doppel-Tapp-Geste erfolglos auch auf anderen Tablets und Smartphones anzuwenden versuchte – und enttäuscht war, als das nicht klappte.

Neu ist diese Funktion nicht, unter anderem Sony und Nokia verwenden sie bereits. Nichtsdestominder handelt es sich um ein Feature, das die Art der Smartphone-Nutzung ändert. Wie bereits an verschiedener Stelle erwähnt wünschen wir uns, dass das Feature auch von anderen Geräteherstellern übernommen oder gar in Stock-Android integriert wird.

Multi-Multitasking

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Multitasking auf die Spitze getrieben: QSlide-Apps (links) und Slide Aside (rechts)

LG stattet das G2 auch mit weiteren Multitasking-Fähigkeiten aus. Bis zu drei Apps lassen sich per Drei-Finger-Wischgeste von rechts nach links in den Hintergrund verschieben – es handelt sich hierbei um eine Funktion namens Slide Aside. Mit einer ebenfalls mit drei Fingern durchgeführten Wischbewegung in die entgegengesetzte Richtung, also von links nach rechts, kann man diese Apps als Vorschau in einer Art Kartenlayout wieder hervorholen und aufrufen oder per Wischbewegung nach oben bzw. unten verwerfen. Mit QSlide hingegen kann man ausgesuchte Apps wie Taschenrechner, Videoplayer oder Webbrowser in einer Art Fenstermodus aufrufen. Diese lassen sich beliebig auf dem Screen verschieben, maximieren oder in ihrer Transparenz ändern. An sich sind diese Multitasking-Konzepte eine nette Idee, ihre Notwendigkeit lässt sich allerdings dennoch in Frage stellen.

Slide Aside krankt an der Tatsache, dass die drei-Finger-Wischgeste nicht nur haptisch aufwändig ist, sondern in vielen Anwendungen so auch versehentlich andere Aktionen ausgelöst werden — in Gmail etwa das Archivieren einer Mail. Qslide leidet hingegen am begrenzten Platz auf dem Bildschirm. Kurzum: Das native Android-Multitasking, aufrufbar per Langdruck auf die Home-Taste, hat sich im Test immer noch als die effizienteste Möglichkeit herausgestellt, zwischen verschiedenen Apps hin- und herzuwechseln oder diese zu beenden. Die Slide-Alternativen von LG ließ der Tester nach wenigen Versuchen links liegen.

Gelungen hingegen ist hingegen LGs Clip Tray-Erweiterung (Deutsch: Clip-Ablage): Wer einen Textfetzen, einen Screenshot, eine URL oder andere Daten in der Zwischenablage hat, kann alle über eine Art Archiv auch über Neustarts hinweg wieder aufrufen und auf Wunsch per Lang-Tap einfügen.

LG liefert eine Menge weiterer Applikationen mit, die zum großen Teil die Funktionalität der entsprechenden Google- oder Samsung-Apps nachahmen und passabel funktionieren, deren weitergehende Vorstellung im Einzelnen hier aber zu weit führen würde. Konkret handelt es sich dabei um einen Musik-Player, Uhr/Wecker, einen Video-Player, eine SMS-App, Kalender, Kontaktmanagement, einen Dokumentenbetrachter von Polaris, drei (!) Notizen-Apps (Notebook, Notizen und QuickMemo), die bereits erwähnten Apps für Audio-Memos, den bislang nur auf Englisch zur Verfügung stehenden Sprachassistenten Voice Mate, Radio und Infrarot-Fernbedienung sowie einen (zumindest in unseren Testläufen mit Deutsch/Englisch) brauchbar funktionierenden Übersetzer. Des Weiteren hat LG auch eine Backup-App und ein Wörterbuch dabei.

Auffällig ist, dass die Apps nicht immer optimal lokalisiert sind und entweder wenig verständliche deutsche Textstrings aufweisen oder diese beispielsweise nicht auf Button-Schaltflächen passen wollen.

Ein letzter Kritikpunkt an der Software des LG G2 sei uns aber noch vergönnt: Die Sounds sind entsetzlich. Mal ehrlich, wer kommt auf die Idee, die Wiener Sängerknaben Klingeltöne einsingen zu lassen? Warum hört sich das Verstellen der Weckzeit in der Uhren-App so an, als ob ein Geigerzähler ausschlägt? Und wer hat eigentlich festgelegt, dass man das Tippen auf einer Software-Tastatur unbedingt mit Klick-Geräuschen quittieren muss? Klar, man kann die Töne aus- beziehungsweise umschalten. Wer sich aber in der Öffentlichkeit bewegt und dabei feststellt, wie viele Menschen das nervige Benachrichtigungs-Pfeifen von Samsung oder das Standardgebimmel des iPhone aktiviert lassen, ahnt, dass das nur die wenigsten Kunden tun. Wir proklamieren an dieser Stelle: Sounddesign ist mit einer Verantwortung gegenüber den Mitgliedern unserer Gesellschaft verbunden. Und hier versagt LG, indem es die Nervenkostüme ebenjener mit dem von Buben geträllerten „Life is Good“ strapaziert.

Im Saldo bleibt uns also festzustellen, dass die Software des LG G2 im Teil an den gleichen Symptomen leidet wie das Samsung Galaxy S4, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen: Die „Featuritis“, also die Anreicherung mit Funktionen, die entweder nicht benötigt werden oder nur schlecht funktionieren, mag bei Samsung stärker sein, das Design bei LG etwas konsistenter, die Fülle an Anpassungsmöglichkeiten beim G2 etwas besser. Dafür ist die Missachtung der Android-Standards bei LG umso eklatanter — etwa in Bezug auf die oben aufgeführten Probleme mit der Roboto-Schriftart. Die Tatsache, dass das G2 noch mit der veralteten Android-Version 4.2 läuft und man sich bei den Koreanern in Bezug auf die Update-Versorgung auch nicht so recht sicher sein kann, kommt erschwerend hinzu. Allerdings: Wir schreiben hier aus der Puristen-Perspektive. Ein Otto-Normal-Nutzer, der lieber ein Feature zuviel als zu wenig auf seinem Smartphone hat, kann mit dem G2 trotzdem sehr zufrieden sein.

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Performance

lg-g2-benchmarks

Im LG G2 tickt ein Quad Core-Snapdragon 800 von Qualcomm mit 2,26 GHz und Adreno 330-Grafikkern. Es handelt sich dabei um das momentan schnellste SoC am Markt. Dazu werden 2 GB RAM verbaut. Dieses Ausmaß an Leistung stellt in den Benchmarks jedes Niocht-S800-Gerät in den Schatten, das wir bislang in unserem Testparkours hatten — teilweise selbst das ebenfalls mit einem Snapdragon 800 ausgestattete Sony [link id=2142207]Xperia Z Ultra. Hier einige Benchmarks:

Benchmark Samsung Galaxy S4 (Android 4.2.2) Sony Xperia Z Ultra LG G2
Antutu 4.0.1 Total 25898 34298 35043
Antutu UX (Multitask/Dalvik) 5288/2643 6465/3573 6882/3649
Antutu CPU (integer/float) 2829/3091 3116/3395 3260/3494
Antutu RAM (Operation/Speed) 1364/1545 1354/2477 1477/2649
Antutu GPU (2D/3D) 1601/5648 1639/9732 1615/9440
Antutu IO (Storage/Database) 1254/635 1872/675 1912/665
CF-Bench 1.3 Overall 26150 34542 33240
CF-Bench Java 22573 32078 30954
CF-Bench Native 31517 38240 36669
GFXBench 2.7
(2.7 T-Rex HD Offscreen)
859 Frames
15 fps
1285 Frames
23 fps
1221 Frames
22 fps
GFXBench 2.7
(2.5 Egypt HD Offscreen)
4645 Frames
41 fps
6830 Frames
60 fps
6381 Frames
56 fps

Auch in Spielen gibt sich das LG G2 keine Blöße, anspruchsvolle Titel wie Real [link id=2470163]Racing 3, Riptide GP2 und GTA: Vice City liefen butterweich in höchsten Detailstufen, von 2D-Spielen und weniger aufwändigen 3D-Games gar nicht zu reden. Angenehm ist dabei, dass das G2 selbst bei hoher Belastung kaum warm wird.

Der Homescreen läuft ebenfalls grundsätzlich flüssig, wird aber gelegentlich von aufwändigen Live Wallpapers und/oder einer hohen Zahl an Widgets ausgebremst. Insbesondere beim Entsperren kann es dann kurz ruckeln — was sich in der Benutzung zwar nicht negativ auswirkt, uns aber angesichts der ausreichend vorhandenen Rechenpower doch zumindest stutzig werden lässt. Trotzdem kann man festhalten, dass das LG G2 ein Performance-Biest von einem Gerät ist, das auch für die nächsten 1,5 bis 2 Jahre mit ausreichend Hardware-Power selbst für komplexe 3D-Games ausgestattet sein sollte.

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Konnektivität und Speicher

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LG verstümmelt sein Gerät, zumindest bei uns. Während die koreanische Version mit einem Slot für micro SD-Karten ausgestattet ist, geht diese Option dem europäischen Modell ab. Das ist schade, insbesondere, da die 16 GB-Version durchaus schnell an ihre Grenzen stoßen dürfte, wenn darauf einige Spiele, Filme und/oder eine größere Musikbibliothek gespeichert sind. Bei der von uns getesteten 32 GB-Version des G2 waren 24,8 GB für Nutzerdaten verfügbar. Auf die 16 GB Version umgemünzt käme das lediglich 8,2 GB freiem Speicher bei Inbetriebnahme gleich, beinahe die Hälfte ist also von LGs Firmware vorreserviert. Gerade in Anbetracht dieser Speicherdekadenz wäre eine preiswerte Nachrüst-Möglichkeit per Speicherkarte eigentlich Pflicht gewesen. Wir empfehlen also, sich im Zweifel für die 32 GB-Version des LG G2 zu entscheiden – ansonsten stößt man leider recht schnell an Speichergrenzen bei dem Gerät.

Was sowohl Anzahl als auch Qualität der Sensoren und Verbindungsoptionen angeht, zeigt sich das LG G2 von seiner Schokoladenseite: NFC, IR-Blaster, WLAN mit allen Standards inklusive n/ac und 5 GHz-Support. LTE Cat 3 (100 Mbit/s Download) und HSPA+ (bis 42 MBit/s Download) sind genauso vorhanden wie Bluetooth 4.0 und ein sehr schnell die Position des Nutzers ermittelndes GPS-System mit GLONASS-Unterstützung.

Schade allein ist, dass das in Europa verkaufte G2 keine Möglichkeit spendiert bekommen hat, es per Induktion zu laden. Hierfür soll es noch ein zusätzliches Cover zu kaufen geben, das die Funktionalität nachrüstet. Vernachlässigenswert finden wir das Fehlen „exotischerer“ Sensoren, wie sie Samsung im Galaxy S4 verbaut: Ein Barometer beispielsweise ist für Smartphones heutzutage nicht notwendig – für viele Kunden dürfte da eher relevant sein, dass das LG G2 im Gegensatz zum Galaxy S4 ein UKW-Radio verbaut hat.

Zusammenfassend: Das LG G2 hat, sieht man mal vom Flashspeicher in der 16 GB-Version ab, alles was man braucht.

Multimedia

Dass es dank seines hochauflösenden und üppigen 5,2 Zoll-Bildschirms riesigen Spaß macht, Videos auf dem LG G2 wiederzugeben, dürfte wohl niemanden verwundern. Der eingebaute Videoplayer ist dann auch sehr gut, kann beispielsweise auch MKV-Dateien abspielen und Untertitel einbinden. Aber auch für andere Multimedia-Inhalte ist das Gerät wie gemacht. So ist es durchaus möglich, längere Texte auf dem Gerät konsumieren, ohne dass die Augen davon zu verkümmern drohen. Nicht ganz optimal für Videos und Spiele sind allerdings die Lautsprecher. Da diese an der Geräteunterseite angebracht sind, ähnlich wie beim iPhone, kommt der Sound beim Halten im Landscape-Modus nur von einer Seite, was dem „Mittendrin-Gefühl“ etwas im Wege steht. Obendrein ist der Klang zwar für Sprachausgabe sehr gut, für die Akustik eines Kinofilms oder Action-Games fehlt es ihm aber einfach an „Wumms“ — in diesem Bereich bleibt das HTC One mit deutlichem Abstand das Nonplusultra. Wer auf guten Sound Wert legt, sollte das G2 nur mit Kopfhörern verwenden. Positiv zu Buche schlägt die Tatsache, dass das LG G2 Audio mit bis zu 24 Bit und 192 KHz wiedergeben kann – ein Pluspunkt für Audiophile, während die meisten Nutzer sich darum wohl wenig scheren dürfte.

Telefonie

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Beim Telefonieren mit dem LG G2 klangen beide Gesprächsteilnehmer stets glasklar. Externes Rauschen und andere Geräusche wurden sehr gut unterdrückt. Auch die Freisprechfunktion funktionierte gut. Der Empfang war selbst in schwierigen Situationen stets überdurchschnittlich gut, wir verzeichneten keine Störungen oder Verbindungsabbrüche. Optimal, so soll es sein.

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Akku und Alltag

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Ein Aspekt, in dem das LG G2 wahrhaft glänzt, ist die Akkuleistung. So hatten wir im gesamten Testzeitraum an nahezu jedem Abend noch 35 bis 45 Prozent Akkuleistung übrig, an Tagen mit weniger Nutzung sogar teils noch knapp 60 %; zum Vergleich: Das Samsung Galaxy S4 lag an einem solchen Tag bei etwa 30 %, das HTC One war da bereits komplett entleert. An einem Wochenende schaffte es das Gerät sogar, von Samstagmorgen bis Sonntagabend durchzuhalten. Angesichts eines wohl recht durchschnittlichen Nutzungsszenarios (Synchronisierung zweier Google-Konten, eines mit Location History, WhatsApp, Facebook und Twitter, ein RSS-Reader) sowie täglich zwei bis drei Stunden Display-on-Zeit sind das wirklich herausragende Werte, insbesondere weil wir nicht sonderlich sparsam mit der Display-Helligkeit waren. Aber auch und insbesondere im Standby verbraucht das Gerät verblüffend wenig Energie.

Da sich unsere Erfahrungen beim LG G2 mit denen vom Sony Xperia Z Ultra decken, das ebenfalls einen Snapdragon 800 verwendet, vermuten wir, dass zusätzlich zum großen 3.000 mAh-Akku Qualcomms neuer Chipsatz seinen Teil zu diesen Ergebnissen beiträgt. Soll heißen: Wer auf eine lange Lebensdauer pro Akkuladung Wert legt, findet mit dem LG G2 das Gerät seiner Träume. Der Preis dessen ist freilich, dass der Akku in der hierzulande verkauften Version nicht wechselbar ist.

Ansonsten lässt sich der Alltag mit dem G2 gut bestreiten. Ergonomisch sind zwar die Plastikrückseite und die Rücken-Buttons mitunter problematisch, das wird aber durch die gelungene Geräteform und die tolle Doppeltap-Geste zumindest ein wenig ausgeglichen. Klasse ist, dass das große Display keine große Gehäuseform erzwingt – das G2 ist absolut hosentaschenkompatibel. Das Display ist stets hell genug, um es auch im Freien zu verwenden und die guten Erfahrungen, die wir mit der Akkulaufzeit und dem Empfang gemacht haben, sind weitere Pluspunkte.

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Unser Fazit zum LG G2

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Das G2 polarisiert. Noch nie haben wir ein Gerät unseren Testparkour durchlaufen lassen, das derartige Gegensätze in sich vereinte: Da ist das fantastische Display, das den Rahmen drumherum fast verschwinden lässt, andererseits die unelegante Rückseite mit ihrer Glossy-Plastik-Oberfläche und dem nicht so ganz funktionierenden Konzept der Rückseiten-Buttons. Da haben wir eine Kamera, die fantastische Fotos genauso schießen kann, wie sie in anderen Momenten lausige Ergebnisse produziert. Wir haben die brachiale Leistung des Snapdragon 800 auf der einen Seite, eine Software, die an vielen Ecken schlampig umgesetzt oder von Samsungs Feature-Aktionismus inspiriert ist, auf der anderen. Wir haben zu wenig Speicher ohne Erweiterungsmöglichkeit in der 16 GB-Version zu beklagen, freuen uns aber über Spitzenwerte bei der Akkulaufzeit.

Was machen wir jetzt mit diesem großen Haufen an Ambivalenzen? Wir ordnen ihn sachlich ein. Und auch wenn es einiges herumzukritteln gibt, insbesondere aus der etwas abgehobenen Perspektive eines Tech-Redakteurs, der jährlich 10 bis 20 verschiedene Geräte testet, kommt man nicht umhin festzustellen, dass das G2 unter dem Strich ein gutes Gerät ist. Es wird sogar ein sehr gutes, falls LG noch ein paar Updates liefert, die an den richtigen Stellen nachbessern. Trotzdem ist das G2 für einen Straßenpreis um die 500 Euro bereits jetzt eine Überlegung wert, wer das Mehr an Leistung gegenüber HTC One und Galaxy S4 interessant findet, sollte sich das G2 ruhig näher ansehen – oder auf das Nexus 5 warten, denn die hier genannten Ergebnisse der mutmaßlichen „Hardware-Vorlage“ lassen auf ein tolles neues Google-Smartphone hoffen.

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Unsere Wertung zum LG G2

  • Display: 5/5
  • Verarbeitung, Haptik und Design: 3/5
  • Software: 4/5
  • Performance: 5/5
  • Telefonie: 5/5
  • Kamera: 4/5
  • Konnektivität und Speicher: 4/5
  • Akku und Alltagstauglichkeit: 5/5

Gesamt: 4,3/5

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Pro:

  • Tolles Display
  • Extrem performant
  • Fantastische Akkulaufzeit

Kontra

  • Rückseite aus glossy Plastik
  • Wechselhafte Kamera-Ergebnisse
  • 16 GB-Version mit zu wenig freiem Speicher, keinem micro SD-Slot

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Galerie zum LG G2

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Größenvergleich: LG G2 vs. Samsung Galaxy Note 3 vs. Sony Xperia Z1

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