Samsung Galaxy S3 im Test: Die rohe Kraft im Plastikkleid

Frank Ritter

Endlich ist es auf dem Markt, das Samsung Galaxy S3. Wie schlägt sich das Gerät mit dem Exynos-Herzen und dem Polycarbonat-Mantel im Alltagseinsatz, fernab aller Gerüchte, Spekulationen und Flamewars? Ist das wichtigste Android-Handy des Jahres auch das beste? Die Antwort erfahrt ihr in unserem Testbericht zum Samsung Galaxy S3.

Samsung Galaxy S3 im Test: Die rohe Kraft im Plastikkleid

Fassen wir mal zusammen, was die Gerüchteküche dem Samsung Galaxy S3 im Vorfeld alles zugedacht hatte: Wasserdichte Beschichtung, ein 1080p-Display, einen dezidierten Kamerabutton, 7 mm dünn sollte es sein und ein Keramikgehäuse besitzen. Was heute kurios klingt, war das Brot, von dem wir noch vor wenigen Wochen zehrten. Anfang Mai wurde in London endlich das Mysterium gelüftet und das Samsung Galaxy S III GT-I9300 vorgestellt. Dieses erscheint jetzt, nach der Negierung diverser Gerüchte, naturgemäß nicht mehr ganz so überlebensgroß wie in den Vorstellungen. Ernüchterung ist also ein psychologisch nachvollziehbarer Effekt. Wie gut das Galaxy S3 ist, hängt eben doch davon ab, wie es sich im Alltag macht und nicht davon, wie man es im Vorfeld imaginiert hatte.

Die Kernfrage lautet also, beim SGS3 genau wie bei jedem anderen Smartphone, egal wie heiß erwartet: Ist es ein gutes Gerät? Beim SGS3 gekoppelt mit der Anschlussfrage: Ist es ein gutes Gerät, insbesondere im Angesicht des sehr guten Konkurrenten HTC One X? Das wird unser nach tagelanger ausführlicher Beschäftigung mit dem SGS3 entstandener Testbericht klären.

Wir haben das Samsung Galaxy S3 Ende Mai/Anfang Juni in der weißen Version mit Android 4.0.4 und der Firmware I9300XXLE8 getestet.

Das Samsung Galaxy S3 im Hands-On und Unboxing

Wir konnten das Samsung Galaxy S III bereits in London ausführlich unter die Lupe nehmen und haben das Gerät nach dem Eintrudeln in der Redaktion natürlich auch dem üblichen Unboxing-Ritual unterzogen. Wer es verpasst hat, findet hier noch einmal die entsprechenden Videos:

Optik, Haptik und Verarbeitung

Als ich hörte, dass im SGS3 ein 4,8 Zoll-Display verbaut ist, ging ich zunächst davon aus, einen ziemlichen Brummer zu erhalten. Doch weit gefehlt: Obwohl die Displaygröße relativ genau zwischen seinem Vorgänger Galaxy S2 und dem „Phablet“ Galaxy Note liegt, hat man den subjektiven Eindruck, noch ein Smartphone in der Hand zu halten.

samsung galaxy s3 seitlich

Natürlich fordert die Screen-Größe trotzdem ihren Tribut. Mit meiner normalgroßen Männerhand kann ich einhändig nur etwa 60% des Bildschirms erreichen. Der von Google mit den ICS-Designempfehlungen gewünschte „Zurück“-Button in der oberen linken Ecke vieler Apps ist somit beispielsweise nur unter Zuhilfenahme einer zweiten Hand zu erreichen. Das macht aber nichts, denn dem iPhone-Mantra der zwanghaften Ein-Hand-Bedienbarkeit schwimmen sowieso längst die Felle davon. Die Menschen möchten heutzutage größere Bildschirme und Samsung liefert. Subjektiv gewöhnt man sich im Nu an die Bildschirmgröße des Superphones. Das dürfte selbst auf Personen zutreffen, die vorher ein 3,5-Zoll-Smartphone besaßen.

samsung galaxy s3 seite

Dazu kommt, dass das Galaxy S III für seine Größe fast als filigran zu bezeichnen ist. Die Maße von 13,7 cm x 7,1 cm werden relativiert durch die abgerundete Bauform, deren Silhouette sich stark am Galaxy Nexus orientiert. Das und die Tatsache, dass Samsung das dünnere Gorilla Glass 2 verwendet, lassen das SGS3 wirklich schlank wirken, auch wenn es mit 8,6 mm einen Tick dicker als sein Vorgänger (8,5 mm) ist.

samsung-galaxy-s3-top

Gehen wir ins Detail: An der komplett in Glas eingefassten Front findet man über dem Display den Samsung-Schriftzug, etwas eingeklemmt zwischen Bildschirm und Hörmuschel. Links daneben die Benachrichtigungs-LED, welche verschiedenfarbig über Mails, verpasste Anrufe oder Ladenotwendigkeit informiert – ein großer Fortschritt gegenüber den Vorgängergeräten. Rechts daneben die optischen Sensoren und die Frontkamera – jeweils deutlich sichtbar, in der weißen Geräteversion logischerweise noch markanter.

samsung galaxy s3 hardwarebuttons

An der Unterseite von links aus gesehen: die kapazitive Menütaste (Langdruck: Suchen-Funktion), den herausgestellten und durch das Displayglas ragenden Home-Button (Langdruck: Multitasking) sowie die Zurück-Taste.

Den Rand säumt ein „wellenförmiger“ Streifen aus metallfarbenem Plastik, der auch von der Rückseite aus sichtbar ist. An der rechten Seite ist darin die Powertaste, links die Lautstärkewippe eingefasst. Power- wie Lautstärke-Buttons besitzen einen guten Druckpunkt und sind aus meiner Sicht ideal positioniert. Rechts- wie Linkshänder können problemlos im Gespräch die Lautstärke anpassen und ohne Fingerverrenkungen das Display ausschalten.

An der Oberseite ist der Ausgang für das Headset platziert, unten der MicroUSB-Eingang zum Laden und Verbinden des Geräts mit dem PC. Beide Buchsen bieten leider keine Abdeckung. An der Rückseite befindet sich am oberen Rand mittig die nur leicht herausstehende Kamera, links daneben die Kamera-LED, rechts daneben der ähnlich große Lautsprecher – lobenswerterweise diesmal mit einem Grill versehen, der, anders als bei den schnöden Plastikschlitzen der Vorgänger, das Eindringen von Staub unterbinden dürfte. Am unteren Ende des oberen Drittels schließlich findet man noch einmal den dezenten Samsung-Schriftzug.

Samsung galaxy s, s2 und s3 - familientreffen

Samsung orientiert sich bei der geschwungenen Silhouette des Galaxy S3 weniger an den „eckigeren“ Vorgängern Galaxy S und S2 (siehe Bild) als vielmehr am Galaxy Nexus – von diesem erbt das Galaxy S3 seine abgerundete, aber nicht symmetrische Form an der Ober- und Unterseite. Im Gegensatz zum gemeinsam mit Google entwickelten Ice Cream Sandwich-Flaggschiff besitzt das Galaxy S3 aber Hardware-Buttons, die man als Kontinuität innerhalb der Serie und Reminiszenz an die Vorgänger werten kann. Und hier beginnen die Design-technischen Probleme des SGS3.

Nein, ich finde es keineswegs kritikwürdig, dass das SGS3 „echte“ Tasten besitzt. Ich bevorzuge diese sogar in Bezug auf Haptik, Optik und Stromverbrauch gegenüber den Software-Buttons des Galaxy Nexus. Ich finde es auch nach wie vor in Ordnung, einen Menü-Button aufzunehmen, auch wenn Google diesen als veraltet definiert – denn noch gibt es genug Apps, die diese Taste verwenden. Dass ein dezidierter Menübutton existiert und die seltener verwendete Multitasking-Funktion auf die lang gedrückte Home-Taste gelegt wurde, ist mir persönlich lieber als der hässliche zusätzlich eingeblendete Software-Menü-Balken bei den HTC One-Devices. Überhaupt: Mir hat der konturierte Home-Button der Galaxy-Geräte immer gut gefallen, auch wenn ich die kapazitiven Buttons bei Spielen gelegentlich verflucht habe. Mein Problem ist ausschließlich ästhetischer Natur.

Gerüchten zufolge wurde bei Samsung erst kurz vor dem Fertigungsbeginn entschieden, dass das Galaxy S3 Hardwaretasten erhalten sollte. Das glaube ich gerne, denn das Tastendesign des SGS3 kann guten Gewissens als schlampig bezeichnet werden. Der Home-Button ist nicht vertikal zentriert zwischen Display und unterer Gerätekante und er befindet sich auch nicht auf einer Höhe mit den kapazitiven Buttons. Und überhaupt – was hat der Home-Button für eine merkwürdige Form? Soll das ein Tropfen sein? Ein abgerundetes Trapez? Der Button spiegelt ja nicht einmal die untere Gerätekante wieder, was vielleicht noch nachvollziehbar gewesen wäre. Und weg von den Buttons – warum habe ich stets das Gefühl, das Display sei 1 bis 2 Millimeter zu hoch platziert? Das Galaxy S3 wirkt auf mich unbalanciert und in Sachen Design nicht ganz durchdacht.

Samsung bewirbt das Galaxy S3 als von der Natur inspiriertes Smartphone. Das ist nichts Neues, auch Biere, Autos und Parfums werden so beworben. Möglicherweise würde jemand, der für das Design des Gerätes verantwortlich ist, auf das Chaos-Prinzip in der Umwelt verweisen und so die zahlreichen asymmetrischen Elemente verteidigen. Vielleicht liegt es vielmehr an der konstanten Drohung von Apple, Samsung aufgrund der Verletzung von Geschmacksmustern in Grund und Boden zu klagen, dass diese Asymmetrien eingebaut wurden – das wäre besonders schade. Machen diese Aspekte einen Unterschied in der Benutzung aus? Nein. Dürfte es den Großteil der Menschen stören? Nein. Aber jemand, der auf ein gutes Gerätedesign Wert legt, hat den nagenden Eindruck des Unperfekten beim Anschauen des neuen Samsung Boliden.

Mag man die eben genannten Punkte noch als Frage ästhetischer Präferenzen abtun, ist die Rückabdeckung aus Plastik auch nach objektiven Maßstäben zu kritisieren. Polycarbonat hin, Hyperglaze her – hier muss man nichts mit Marketing-Begrifflichkeiten beschönigen: Plastik bleibt Plastik. Vor allem hat sich Samsung hier für die schlechtestmögliche Variante von Plastik entschieden – glatten und glänzenden Kunststoff, wie wir ihn etwa vom BASE Lutea 2 und den meisten Sony Ericsson-Geräten des letzten Jahres kennen.

samsung galaxy s3 back

Die Rückabdeckung ist im abgenommenen Zustand recht wabbelig und zieht Fingerabdrücke deutlich sichtbar an. Immerhin sitzt der Deckel auf dem Gerät fest und rastet gut ein. Der seitliche Plastikrand in Metalloptik ist mehr Schein als Sein und wirkt ebenfalls eher billig, immerhin ist das Spaltmaß zwischen Deckel und Seitenstreifen aber ausreichend klein, um nicht zur dauerhaften Schmutzsammelstelle zu werden.

Samsungs Materialwahl für die Rückseite ist wenig nachvollziehbar. Gerade in den wärmeren Monaten des Jahres wird es zur Qual, länger als ein paar Minuten zu telefonieren, weil das Galaxy S3 in Kombination mit nur der geringsten Menge Handschweiß ständig herabzurutschen droht. Schaut man in die Zukunft, drohen Schmierer, Kratzer und ein generelles Abstumpfen der glänzenden Oberfläche, wenngleich das erst ein Langzeittest sicher zeigen kann.

samsung galaxy s3 blau rückseite vs. samsung galaxy s2

Auch das blaue SGS3, hier in einem Foto aus London, leidet unter Fingerabdrücken. Rechts im Vergleich die angeraute Rückabdeckung des Galaxy S2.

Plastik ist nicht per se schlecht, es besitzt nicht von der Hand zu weisende Vorteile in puncto Empfangsleistung und Gewicht. Sony hat beim Xperia S, HTC beim One X bewiesen, dass angeraute Oberflächen Handling und wahrgenommene Wertigkeit bei Plastikgehäusen spürbar verbessern können. Nur: Warum orientiert sich Samsung mit seinem Flaggschiff nicht an der Konkurrenz beziehungsweise wenigstens an den geriffelten Rückseiten der Modelle Galaxy S2 oder Galaxy Nexus aus eigenem Hause? Warum appliziert Samsung stattdessen den für diese Preisklasse unmöglichen Plastik-Billig-Look und die Designsprache des Samsung Galaxy Mini 2? Kurzum: Das Samsung Galaxy S3 ist in Sachen Design und Verarbeitung ein Rückschritt gegenüber seinem Vorgänger.

Um fair zu bleiben: Diese Kritikpunkte sind sehr drastisch formuliert und vor allem in Relation zum Preis des Gerätes zu sehen. Es ist natürlich absolut möglich, mit dem Galaxy S3 den Alltag zu meistern, das Smartphone besitzt in Haptik und Optik auch diverse positive Aspekte. Es liegt sehr gut in der Hand, die Gorilla Glass 2-gestärkte Frontblende weiß vollkommen zu überzeugen und schmeichelt dem Daumen dank der Herabwölbungen am Gehäuserand. Das Schimmern der kapazitiven Buttons bei Beleuchtung sieht toll aus, die neu hinzugekommene Benachrichtigungs-LED ist sinnvoll. Das Samsung Galaxy S3 ist leicht, stabil und besitzt im Angesicht seiner Größe eine gute Ergonomie. Vergessen sollte man bei aller Kritik auch nicht, dass der Glossy-White-Klavierlack-Look noch vor wenigen Jahren, nämlich im Zeitalter der ersten iPods, oberstes Design-Paradigma war. Nur ist heute 2012 und glattes Plastik verpönt. Um meine Kritik am Design des SGS3 in einem Satz zusammenzufassen: Niemand wird sich das SGS3 wegen seiner Verarbeitung kaufen.

Wie sieht es aus mit dem Display und der Kamera? Auf der nächsten Seite verraten wir es.

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