Samsung Galaxy S4: Gefesselt an den Ist-Zustand [Kommentar]

Amir Tamannai
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Das ab diesem Samstag in Deutschland erhältliche Samsung Galaxy S4 stellt, verglichen mit dem Vorgänger, in vielen Aspekten eher eine Modellüberarbeitung, denn eine neue Flaggschiff-Generation dar: Ähnliches Design, wieder Kunststoff, Innovationen eher im Kleinen, mehr „Galaxy S3,5“ denn 4. Warum aber haben die Koreaner diesen Weg gewählt? Etwa aus Ignoranz, Arroganz oder gar Unvermögen? Wohl kaum — vielmehr tritt hier eine Regel zutage, der sich zahlreiche Akteure an der Spitze unterwerfen.

Als Samsungs neues Flaggschiff S4 Mitte März in New York vorgestellt wurde, konnte man die Reaktion der Techwelt als „Enttäuschung auf hohem Niveau“ umschreiben: Schon wieder Plastik, ähnliches Design wie das S3, dafür ein paar Software-Features mehr und aktualisierte Hardware-Specs. Wo bleiben die Innovationen des Marktführers, wo Optik und Haptik eines 2013er-Gerätes à la HTC One? Diese Frage stellen sich auch nach Tagen und Wochen des Testens viele US-Kollegen, deren Reviews des SGS4 inzwischen online sind: Zwischen den Zeilen schwingt in beinahe allen Berichten auch Enttäuschung mit; und die ist berechtigt.
Denn man darf von einem Unternehmen wie Samsung, das gerade drauf und dran ist, zum größten Smartphone-Hersteller der Welt zu werden, selbst Apple dabei zu kassieren, eigentlich schon erwarten, dass das alljährliche Flaggschiff-Gerät mehr ist, als ein aktualisiertes Vorjahresmodell. Oder darf man etwa doch nicht?

Ich hatte das große Vergnügen, meine Magisterarbeit im Studiengang Technikgeschichte an der TU Berlin über die technische Evolution in der Formel 1 schreiben zu dürfen und bin dabei der Fragestellung nachgegangen, warum erfolgreiche Teams, Konzepte oder Motorenhersteller nach Jahren an der Spitze irgendwann den technischen Anschluss verpassen und in der Versenkung verschwinden. Man denke an Cosworth, die einst den erfolgreichsten F1-Saugmotor aller Zeiten gebaut hatten, mit dem Aufkommen der Turbos aber keinen Stich mehr taten und auch später aber nie wieder an diese Erfolge anknüpfen konnten. Oder noch deutlicher, das Team Lotus: In den 60er-Jaren des 20. Jahrhundert dominierte der Rennstall des genialen Colin Chapman die Königsklasse, vor allem auch wegen seiner erstaunlichen technischen Innovationen, nur um ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre der erstarkten Konkurrenz, vor allem von Ferrari, nichts mehr entgegensetzen zu können. Ein Phänomen das sich in abgewandelter Form später bei Honda, Renault, Mercedes wiederholte (auch wenn hier zuweilen viel an den jeweils verpflichteten Fahrern hing). Woran lag das? Das Ergebnis meiner Magisterarbeit war seinerzeit, dass an der Spitze eben, anders als bei den Underdogs, keine großen Experimente gewagt werden können, weil man ein gut funktionierendes System hat, das einfach so umzuschmeißen, suizidal wäre. Also sitzt man wie ein Frosch im immer heißer werden Wasser und wartet ab — bis die eigene Dominanz eben vorbeigeht, weil ein anderer eine neue zündende Idee hatte.

Was hat das nun mit Smartphones zu tun? Nun, wenn wir uns Apple — nicht nur seit dem Tode von Steve Jobs (quasi dem Colin Chapman der Techbranche) — ansehen, erkennen wir, dass auch dieses „Team“ die Branche jahrelang ob seiner anfänglich tollen Innovationen dominiert hat. Irgendwann war das Unternehmen aber so festgefahren im eigenen Konzept, im eigenen Ökosystem, dass es schlicht nicht mehr in der Lage war, innovativ beziehungsweise „out-of-the-box“ zu denken. Nicht weil die Kreativität oder die Ideen auf einmal vor lauter Erfolg flöten gegangen waren, sondern weil große Risiken und Experimente an der Spitze schlicht nicht mehr einzugehen sind. In Cupertino konnten sie das iPhone mit Version 5 nicht neu erfinden, weil das 4er so ein riesiger Erfolg war — und hatten damit recht: Das iPhone 5 verkauft sich trotz allem von Geeks und Techmedien angeprangerten Innovations-Stillstand hervorragend.

Noch eine Parabel gefällig? Es gibt eine Theorie, die besagt, dass der erste Offizier der Titanic, William M. Murdoch, das Kreuzfahrtschiff vor dem Untergang und die späteren über 1.500 Opfer hätte retten können, wenn er statt des Ausweichmanövers die frontale Kollision mit dem Eisberg angeordnet hätte. Ob ihm diese Tatsache, oder vielmehr das spätere Resultat des gescheiterten Versuches, den Eisberg zu umschiffen, nun am Abend des 14. April 1912 bewusst gewesen ist, sei dahingestellt; schlussendlich hätte der Befehl auf direkten Kollisionskurs zu gehen aber das Ende seiner Karriere bedeutet und dürfte im daher als maritime Unmöglichkeit gar nicht in den Sinn gekommen sein. Es ist tatsächlich nicht davon auszugehen, dass Murdoch den eigenen und den Tod hunderter Mitreisender seinem beruflichen Aus wissentlich vorgezogen hat — dennoch zeigt dieses Beispiel, das selbst eine möglicherweise erfolgversprechende Entscheidung unter gewissen Umständen zuweilen schlicht nicht getroffen werden kann.

Video: HTC One und Samsung Galaxy S4 im Vergleich

Die Entscheidung über ein Design, die Bauart, die Spezifikationen, die Funktionsweise eines modernen Smartphones ist eine hochkomplexe Angelegenheit, die vor allem wirtschaftlichen Gegebenheiten folgt: Hier spielen Kosten-Nutzen-Rechnungen, bestehende Produktionsketten und Zuliefererverträge sowie Marktanalysen und Marketing-Prognosen eine Rolle. Im Falle Samsungs und des S4 werden die Marktanalysen besagen, dass sich der Vorgänger millionenfach verkauft hat, dass die meisten Kunden (die tech-affinen Geeks wir wir stellen dabei nur einen Bruchteil der potentiellen S4-Käuferschaft dar) nicht zwingend ein neues Design wünschen (noch nicht); vielleicht sogar eher ein Smartphone begrüßen, dass sie an ihr Vorjahresgerät erinnert, dass die Verkäufe über die Provider weiterhin groß genug sein werden, ebenso wie die Marke Galaxy (was sich eindrucksvoll an den Verkaufszahlen des grottigen S3 mini zeigt) — warum sollte man dieses „Running System“ ändern und alles riskieren?

Dabei geht es aber nicht etwa nur um die Bequemlichkeit aufgrund der guten Zahlen: Den Designabteilungen in Korea und auch den Lenkern des Konzerns ist unter Garantie sehr wohl bewusst, was HTC mit dem One da auf den Markt geworfen hat, dass Plastik unter Umständen nicht mehr allzu lange in einem High End-Gerät verkauft werden kann. Es dürfte eher um die Notwendigkeit eines solchen Paradigmenwechsels zum jetzigen Zeitpunkt gehen, wirtschaftlich macht der aktuell schlicht keinen Sinn. Wo HTC aufgrund der schlechten Zahlen des Vorjahres also musste, konnte Samsung beim S4 kein Experiment wagen.

Das soll alles keineswegs bedeuten, dass wir bei androidnext es toll finden, was Samsung uns da mit dem S4 in Sachen Design und Innovation anbietet; vielmehr ist obige Analyse reiner Fatalismus: Wir und alle, die wie wir denken, sind eben ein geringer Prozentsatz der Zielgruppe; wegen uns wird Samsung sein Design nicht umstellen, selbst wenn sie finden sollten, dass wir ja eigentlich recht haben. Aber auch das S4 wird sich millionenfach verkaufen und wiederum Samsung noch mehr recht geben. Wir können uns dann ja dem HTC One zuwenden …

Bleibt abzuwarten, ob die Koreaner auf dem Nebenschauplatz Note 3 wirklich ein Experiment wagen und wie gerüchteweise zu hören war, ein wertigeres Gerät auf den Markt bringen — ich glaube nicht so richtig daran, denn auch das Note 2 im Plastikgewand war ein Verkaufsschlager. Aber vielleicht straft mich Samsung im Herbst ja auch Lügen; dann lag ich zwar mächtig daneben, darf mich aber über ein schickes Stylus-Phablet freuen — Win-win-Situation, würde ich sagen.

Mittlerweile ist das Samsung Galaxy S4 erschienen, hier findet ihr unseren Testbericht.

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Weitere Themen: Samsung Galaxy S4 GT-I9505 Bedienungsanleitung, Samsung Electronics

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