Aliens: Colonial Marines Test – Ripleys Resterampe

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Man, habe ich lange auf dieses Spiel gewartet – zu lange. James Camerons „Aliens – Die Rückkehr“ ist für mich der perfekte Action-Streifen. Einer gelungenen Videospiel-Umsetzung träume ich schon eine halbe Ewigkeit hinterher. Seit ich Heldin Ellen Ripley zum ersten Mal Fingernägel-kauend bei ihrem Kampf gegen die Alien-Queen mit Zurufen in Richtung Kinoleinwand beistand, wünsche ich mir ein Spiel zum Film. Ich wollte das auch. Ich wollte auf dem Planeten LV 426 im Angesicht des blanken Horrors meine Ängste überwinden und mit einem Kugeln-kreischenden Pulse-Gewehr aufräumen. Das war vor über 20 Jahren. Jetzt ist es endlich soweit.

 

In den ersten Minuten von „Aliens: Colonial Marines schien es so, als habe mir Entwickler Gearbox diesen Traum endlich erfüllt. Das Spiel beginnt mit einer schönen Hommage. Ganz langsam zieht die Kamera über die unheilvollen Sterne und verbrüdert sich mit den leisen Tönen des genialen Soundtracks von James Horner. Fans des Films werden hier erste Glückshormone ausstoßen. Alles ist so, wie es sein sollte, die Stimmung der Film-Vorlage wird perfekt getroffen.

Kleine Reminiszenzen wie diese ziehen sich durch das gesamte Spiel. Mal stolpert man im Hangar der Sulaco über die Überreste des zerfetzten Androiden Bishop, mal muss man sich wie die kleine Newt ohne Waffen im hüfthohen Wasser durchs Dunkel schleichen, später darf man sogar den legendären Cargo-Lifter besteigen und gegen einen Boss kämpfen. Die erklärten „Aliens“-Fanboys von Gearbox haben ihre Hausaufgaben gemacht. Der Geist der Kinovorlage beseelt das Spielt.

Ihren wichtigsten Trumpf spielen die Entwickler aber mit den Original-Schauplätzen aus. Die geisterhafte Stimmung in der zerstörten Kolonie „Hadley´s Hope“, die unwirtliche Ödnis von LV 426 und selbst der mysteriöse Raum des Space-Jockeys – all das wurde detailliert und sorgfältig abgebildet. So entsteht immer wieder das Gefühl einen persönlichen Lieblingsfilm „von innen“ zu besichtigen.

Aliens: Colonial Marines – Technik als Stimmungskiller

Die Filmliebe der Entwickler verdichtet sich in „Aliens: Colonial Marines“ zu einer wirklich tollen Atmosphäre. Schade nur, dass man in diese nur ganz selten wirklich eintauchen kann – zu oft erweisen sich die schwache Technik, das langweilige Missions-Design und das viel zu schlichte Gameplay als eiskalte Stimmungskiller.

Dass die Grafik von „Aliens: Colonial Marines“ nicht mehr ganz auf dem neusten Stand sein würde, hatte man nach beinahe sieben Jahren Entwicklungszeit schon erwartet. Gibt ja Schlimmeres – Hauptsache der Stil stimmt. Über die extrem matschigen Texturen, die in Außenarealen auch noch erschreckend deutlich nachladen, die staksigen Animationen der Xenomorphs und den unvorteilhaften  Plastik-Look des Spiels kommt man dann aber doch nicht so leicht hinweg. Auf der Xbox 360 und PS3 ist „Aliens: Colonial Marines“ im besten Fall Mittelmaß. Würde dieser Shooter nicht hin und wieder mit kleinen, optischen Highlights aufwarten, wie zum Beispiel der tollen Lichtstimmung in dem besagten Schleichlevel, müsste man die Technik von „Colonial Marines“ durch die Bank als hoffnungslos veraltete Frechheit abstrafen.

Mieses Level- und Missions-Design – ärgerliches Recycling

Wer sich von der schwachen Technik nicht unterkriegen lassen will, der steht mit dem altbackenden und repetitiven Level- und Missions-Design vor dem nächsten großen Hindernis.

In „Aliens: Colonial Marines“ kämpft man sich entweder durch enge Korridore oder aber man verteidigt einen bestimmten Bereich gegen Aliens und Soldaten. Mehr ist Gearbox in puncto Gameplay leider nicht eingefallen. In beiden Fällen reicht stumpfes Dauerfeuer, um weiterzukommen. Taktik oder Köpfchen braucht es nicht, spielerische Freiheiten sind schlichtweg nicht vorhanden. Da man es in diesen stupiden Ballerpassagen  zudem immer wieder mit den gleichen Gegner-Wellen zu tun bekommt – es gibt nur drei unterschiedliche Aliens  – weicht die schöne Filmstimmung spätestens in der zweiten Spielhälfte der großen Langeweile. Selbst das originalgetreue Kreischen des M 41-A Pulse Rifles vermochte mich nicht mehr zurück ins Spiel holen.

Zu allem Überfluss ist auch die KI der Gegner noch arg unterbelichtet. Xenonmorphs und Soldaten rücken den Marines nur mit sehr wenigen Angriffsarten zu Leibe. Spielerisch ist man chronisch unterfordert. Damit soll hier nicht behauptet werden, „Aliens: Colonial Marines“ sei zu einfach – da die Xenonmorphs auch gern mal ohne Vorwarnung hinter den Marines spawnen, sind unfaire Nahkampfattacken fester Bestandteil des Baller-Alltags ; und damit auch das Abkratzen. Spannender oder anspruchsvoller wird der Shooter dadurch nicht.

Wirklich ärgern kann man sich über das üble Level-Recycling, das Gearbox in der zweiten Hälfte betreibt. Mit leicht veränderten Missions-Vorzeichen wird der blasse Held zurück in bereits absolvierte Abschnitte geschickt, um dort gegen die ewig gleichen Gegner zu kämpfen. Das ist nur gerade vor dem Hintergrund der ohnehin schon sehr kurzen Singleplayer-Kampagne (ca. 5-6 Stunden), nichts anders als dreistes Strecken.

Ein kurzes Wort zum Multiplayer: Der ist nett und kurzweilig. Von den vier abgekupferten Spiel-Modi hat mich “Escape“ noch am längsten bei der Stange gehalten. Der spielt sich wie “Left4Dead“ in langsamer und unspannend. Hin und wieder kam hier sogar etwas Spielspaß auf,  nach ca. zehn Partien war bei mir aber trotz (überflüssigem) Level-System die Luft raus. Besser man hat diese Energien in die Singleplayer-Kampagne gesteckt.

Fazit

Beim Spielen stritten zwei Stimmen in meinem Kopf. Links der nörgelnde Spiele-Redakteur, dem es ob der endlos langen Mängelliste in „Aliens: Colonial Marines“ immer wieder die Sprache verschlug, rechts der „Aliens“-Fanboy, der sich mit dem Pulsgewehr im Anschlag einen langgehegten  Kindheitstraum erfüllte.

Am Ende hatte der Kritiker in mir das letzte Wort. So schön die detailreiche Nähe zum Filmvorbild auch ist  – wenn ich mich ständig über die viel zu stumpfe Spiel-Mechanik, das Recycling von Karten und Missions-Zielen oder die miese Grafik ärgere, dann sind Gearbox wohlwollende Bemühungen nur ein Säuretropfen auf den heißen Stein. Wirklich empfehlen kann ich “Colonial Marines“ deshalb auch nur Filmfans, die das Teil an einem Abend zu viert durchballern wollen. Der Rest sollte unbedingt die Abzugsfinger von diesem technisch veralteten und dreist gestreckten Durchschnitts-Shooter lassen.

Wertung: 65%

 

 

Weitere Themen: Aliens Colonial Marines Patch, Aliens – Colonial Marines Demo, Sega


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