Assassin's Creed Origins in der Vorschau: Wirklich ein Neuanfang?

Sandro Kreitlow

Die Freiheit eines Rollenspiels hält jetzt auch in Assassin’s Creed Einzug. In den vier angespielten Stunden wirkt vieles neu – zumindest für die Reihe.

2.945
Assassin's Creed Origins: Die Geburt der Bruderschaft

Cleopatras Austieg: 49 vor Christus – Die Pharaonenherrschaft ist Geschichte. Protagonist Bayek und seine Frau Aya nehmen den Kampf gegen den Orden der Ältesten auf, der um die Macht im Alten Ägypten buhlt. Irgendwo zwischen historischen Ereignissen und Verschwörungstheorien wird dir eine Geschichte erzählt, die die Ursprünge der Bruderschaft der Assassinen und des Ordens der Templer erzählt.

Der Titel lässt vermuten, dass sich die Reihe auf ihre Ursprünge bezieht. Das stimmt zwar hinsichtlich der Geschichte, im Gameplay allerdings wirkt Assassin’s Creed Origins eher wie ein Neuanfang: knackige Kämpfe, spannende Nebenstorys und Worldbuilding eines Rollenspiels. In London wurden einige Neuerungen vorgestellt, an denen die Entwickler von Assassin’s Creed IV: Black Flag seit vier Jahren arbeiten, um dem kritisierten, weil angestaubten Spielprinzip neues Leben einzuhauchen. Dabei schaut sich Ubisoft allerdings einige Tricks von der Konkurrenz ab.

Freiheit im Alten Ägypten

Das Team hat sich offensichtlich von einigen zeitgenössischen Open-World- und Trend-Spielen inspirieren lassen. Als erstes wäre da die Spielwelt. Diese ist nun deutlich freier. Das bedeutet, dass du die vielen Haupt- und Nebenquests flexibel abarbeiten kannst. Die Reihenfolge der anstehenden Quests bestimmst du. Nicht nur die Hauptstory steht im Zentrum. Nun wollen die Entwickler dir auch Hunderte interessante Nebenquests in verschiedenste Winkel bieten.

Und diese sind tatsächlich abwechslungsreicher. Eine Assassin’s Creed-Spielwelt will nun erstmals die Komplexität eines The Witcher 3 oder anderer Rollenspiel-Größen der letzten Jahre erreichen. Aufträge brechen nicht mehr einfach ab. Statt neuzustarten darfst du sie nun jederzeit unterbrechen und fortsetzen. Banditenverstecke ausräuchern, Frachtgut beladen, gestohlene Wertsachen zum Besitzer zurückbringen… All diese Nebenquests sind optional, aber besonders hilfreich für die Hauptquests, denn sie dienen dem Erwerb von zusätzlichen Fähigkeitenpunkten, die du in einem Fähigkeitsbaum in drei unterschiedliche Arten einlösen kannst:

Diese neue Welt ist lebendiger, als jede andere Assassin’s Creed-Spielwelt bisher. Und das hat einen guten Grund: Die Entwickler bauten ein neues K.I.-System. Alles, was lebt besitzt eine künstliche Intelligenz, wie mir der Creative Director Jean Guesdon verrät:

„Jede Person hat ihre eigene Persönlichkeit und auch ihren eigenen Tagesablauf. Als Erstes wollten wir die K.I. stärker machen hinsichtlich des Gameplays, also wie sie im Kampf reagieren. Allerdings wollten wir der Spielwelt auch mehr Leben einhauchen. Also arbeiteten wir an der K.I. Spielwelt-weit. Jedes Leben besitzt eine künstliche Intelligenz. Sie leben ihr Leben, auch wenn sie weit weg von Bayek sind.

In der Umsetzung gelingt das besonders gut. So greifen sich rivalisierende Gegner-Fraktionen gegenseitig an. Es liegt an dir, ob du dabei zusiehst oder mitmischst. Dadurch hast du mehr das Gefühl, ein eigenes Spielerlebnis zu genießen. Geskriptete Ereignisse sind also Geschichte. Das K.I.-System wirkt sich auch auf die vielen Tiere aus: Bist du in einem Gebiet, indem es sowohl Löwen, als auch Nilpferde gibt, kann es sein, dass du einige von ihnen findest, die bereits von den stärksten Raubkatzen getötet wurden.

Besonders: Senu, also der Adler Bayeks, kann ohne Einschränkung über die gesamte Spielwelt fliegen. So soll es möglich sein, die Auswirkungen deiner Aktionen auf der ganzen Spielwelt aus der Höhe des Adlers zu entdecken. Ob das tatsächlich so ist, kann in der Anspiel-Session nicht ausgemacht werden, da die Demo begrenzt ist. Auch ist noch nicht klar, wie abwechslungsreich die Spielwelt ist. Bisher kannst du dich zwar auf Wüste, Dörfer und zwei große Städte freuen, vorstellbar und wünschenswert wäre aber auch, wenn Bayek den Nil entlang bis zum Dschungel reisen könnte.

Alles nur geklaut?

Vor allem im Kampfsystem wurde Assassin’s Creed von den Besten inspiriert. Das Kampfsystem erinnert deutlich an das Hitbox-basierte Kampfsystem eines The Witcher 3: Wild Hunt. Während bislang auf Knopfdruck vorgefertigte Animationen ausgelöst wurden, erwartet Assassin’s Creed Origins nun mehr von dir. Um eine Chance zu haben, musst du stets auf Abstand und Position zum Gegner achten.

Mit Ausweichmanövern, einem Schutzschild und Paraden, die den Widersachern bei perfektem Timing kurz benommen Taumeln lassen, ist mehr Taktik gefragt. So attackierst du gezielt bestimmte Körperregionen, um Feinde dazu zu bringen, ihren Schild fallen zu lassen. Das funktioniert gegen leichteren Gegnertypen. Bei anspruchsvolleren Gegnern wie den robusten Anführern diverser Banden oder riesigen Bossgegnern können Gelegenheitsspieler allerdings an die Grenzen ihrer Frustration á la Dark Souls gelangen.

Der Kampf wird vor allem dank unterschiedlicher Nahkampfwaffen komplexer. Denn die acht Gattungen wie Doppelklingen, scharfe und stumpfe Hiebwaffen oder Sichelschwerter unterscheiden sich in Reichweite, Schaden und Geschwindigkeit. Dadurch gilt es, vor dem Kampf genau zu überlegen, gegen welchen Gegner welche Waffe am sinnvollsten ist. Jede dieser Waffen hat einen Statuswert (selten, wertvoll etc.) und bietet auch Bonuseffekte wie Gift.

Neben den Nahkampfwaffen nutzt Bayek vier Bogenarten: Startest du noch mit einem Schnellfeuer-Bogen, schießt eine Sorte im späteren Verlauf schrotflintenartig gleich mehrere Pfeile, hat dafür aber weniger Reichweite. Für die lange Distanz zum Gegner nutzt du den Scharfschützen-Bogen. Im Fähigkeitenbaum können Boni wie beispielsweise ein kurzzeitiger Zeitlupenbonus nach einem Kopftreffer freigeschaltet werden.

acorigins12

Aus vergangenen Rollenspielen bekannt, aber in der Assassin’s Creed-Historie neu ist außerdem eine Adrenalin-Spezialleiste, die sich durch erfolgreiche Aktionen im Kampf füllt und je nach Waffe in einen brachialen Einzelhieb oder wilde Angriffsketten oder in einen Tobsuchts-Modus investiert werden kann. Wer solche Fähigkeiten verbessern möchte, kann sich mit Bayek in Gladiatoren-Arenen austoben, die in der ganzen Spielwelt verteilt sind. In diesen Anlagen bewältigst du Feind-Wellen und Bosse, um spezielle Ausrüstung zu verdienen.

Wie notwendig Beute- und Zahlenmanagement dafür ist, zeigt sich in der kurzen Zeit noch nicht, allerdings wirkt das Crafting-System nicht allzu kompliziert. Ressourcen wie Fleisch, Fell und Knochen können benutzt werden, um Schadenswerte von Waffen zu erhöhen, das Inventar zu vergrößern oder deine Verteidigung zu verbessern. Optisch kannst du Bayek ebenfalls anpassen, allerdings dient seine Bekleidung nicht der Rüstung, sondern ist ausschließlich kosmetischer Natur.

Aus alt mach neu

Das ein oder andere Element wurde klar von anderen Spielen inspiriert. Doch der Vorteil auf Seiten Ubisofts: Das phänomenale Setting des Spiels ist in der aktuellen Videospiel-Generation noch ziemlich unberührt. Warum sich Ubisoft ausgerechnet für das Alte Ägypten entschied, erklärt mir Jean Guesdon:

„Als Entwicklerteam erreichten wir den Moment, an dem das Franchise genug gereift ist und die Technik stark genug ist. Auch die Engine war endlich stabil genug. So wussten wir, dass wir es nun anpacken konnten. Ägypten ist faszinierend – auch heute noch. Selbst wir haben noch jede Woche neues zu entdecken. Die Ära ist sehr weit weg, aber in unseren Köpfen doch so nah.“

Darüber hinaus erklärt der Game Director, dass all die Mythen und Geschichten der perfekte Spielplatz für ein offenes, großes Spiel sind. Das stimmt zwar, benötigt dazu aber eine ganze Menge Entwicklungszeit, um das Spiel zu polishen, also Bugs und Glitches auszuradieren. Vier Jahre Entwicklungszeit klingt viel. Doch bis zum Release des Spiels haben die Entwickler sicherlich noch einige Überstunden anzuhäufen: Gesichtsanimationen sind besonders in Gesprächen unsauber, Clipping-Fehler und spät aufploppende Umgebungs-Details keine Raritäten.

Lobenswert ist zwar die an Far Cry Primal-orientierte Interaktion mit Tieren, allerdings muss auch an der Fauna unbedingt noch bis zum Release gearbeitet werden. Kommst du den Alligatoren zu nah, greifen sie Bayek an und verfolgen ihn sogar durchs Wasser. Die Animationen sind jedoch sowohl an Land, als auch im Wasser arg veraltet, teilweise gleiten die Biester einfach über den Boden, statt schnell zu rennen. Werden die jagenden Tiere zu schnell, hilft nur noch eins: Nichts wie weg mit dem Pferd – oder mit dem Kamel. Bei beiden kannst du einen Wegpunkt auf der Karte setzen, ehe sie automatisch dem Pfad folgen und du per Autopilot zum Ziel reist.

Viele Neuheiten also, doch keine Angst: Große Fans der Assassin’s Creed-DNA haben keinen Grund zur Sorge. Zum Einen ist der berühmte Todessprung nach wie vor möglich, nur springst du nun eben von kleineren Türmen in Heuhaufen. Einige Unterwassermissionen erinnern außerdem an Black Flag, Grabmale an Assassin’s Creed 2. Bei letzteren löst du physikbasierte Rätsel oder stellst – es ist nun mal Assassin’s Creed – deine Kletter- und Navigationskünste unter Beweis.

Ob Assassin’s Creed Origins die Balance zwischen Serien-typischen Elementen und neuen Elementen halten kann? Jean Guesdon zeigt sich zuversichtlich:

„Es ist eine Herausforderung. Aber wir sind das Team hinter Black Flag. Und mit diesem Titel stellten wir uns einer ähnlichen Herausforderung. Ich kann mich noch an die erste Präsentation erinnern, die wir dem Team damals zeigten. Jeder staunte: Assassinen und Piraten? Wie soll das funktionieren? Doch mit Black Flag haben wir einen guten Mix geschaffen zwischen DEM Assassin’s Creed-Gefühl, mit dem sich Fans zu Hause fühlen und einem richtigen Piratenspiel. Mit Origins machen wir das ähnlich. Wir wollen nicht das im Stich lassen, wofür Assassin’s Creed und wir stehen. Wir respektieren unsere Lore. Trotzdem gibt es keine erzählerische Barriere für Neueinsteiger.“

Assassin’s Creed Origins geht zurück zum Ursprung der Geschichte. Was folgte:

Assassin's Creed: Die Geschichte aller Assassinen und Spiele

Ersteindruck

Die ersten Stunden mit Assassin’s Creed Origins versprechen flexibles Vorgehen in Missionen und ein anspruchsvolles Kampfsystem, das Serien-Veteranen abschrecken könnte. Aber mal ehrlich: Ist es nicht das, was wir alle wollten? Ubisoft ruht sich nicht auf altbewährte Mechaniken aus, sondern lässt sich von den Besten des Rollenspiel-Genres inspirieren, um ein Action-RPG zu entwickeln, mit dem Gelegenheits- und Rollenspieler vereint werden sollen. Jetzt müssen nur noch Story und Technik genauso überzeugen wie das Kampfsystem und das Setting.

Quiz wird geladen
Quiz: Erkennst du das Game? Videospiele in einem Satz zusammengefasst!
Der Einstieg ist noch einfach: Welches Game meinen wir?
Hat dir "Assassin's Creed Origins in der Vorschau: Wirklich ein Neuanfang? " von Sandro Kreitlow gefallen? Schreib es uns in die Kommentare oder teile den Artikel. Wir freuen uns auf deine Meinung - und natürlich darfst du uns gerne auf Facebook, Twitter oder Google+ folgen.

Weitere Themen: Assassin's Creed, Ubisoft

Neue Artikel von GIGA GAMES