BioShock Infinite Test – Der beste Shooter seit Half Life 2 (Video-Review)

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Schon nach einer Stunde „BioShock Infinite“ wusste ich: Dieses Spiel wird eines der ganz Großen. Ein Klassiker, ein echter Meilenstein. Eigentlich gehört es sich in unserer Branche ja nicht, so etwas auch nur zu denken. Schließlich entbehrt ein derartig vorschnelles Urteil jeder vernünftigen Grundlage. Man kennt das Ganze noch gar nicht und bewertet nur einen winzigen Teil des Gesamtwerkes. Das geht natürlich gar nicht. Nennen wir das, was ich da nach einer Stunde „BioShock Infinite“ hatte also lieber ein Gefühl. In einem Shooter hatte ich dieses Gefühl zuletzt vor neun Jahren und zwar als ich mit einem gewissen Gordon Freeman über die Dächer von City 17 floh.

Damals wie heute hat mich dieses Gefühl nicht getäuscht. Wer zum ersten Mal in die fliegende Stadt Columbia eintaucht, sich an ihrem wahnwitzigen Detailreichtum, ihren geschichtenerzählenden Designs und ihrer irren Farbenpracht berauscht, der wird zumindest erahnen, dass man hier gerade die oft zitierte Ausnahme der Regel spielt. Nichts an „BioShock Infinite“ ist Business as Usual. Über allem liegt die Aura des Besonderen.

Die Spielwelt ist besonders originell, das Gameplay ist besonders rund, die Inszenierung besonders gelungen. Wenn sich das erbarmungslos abgemolkene Genre des Shooters plötzlich wieder so frisch und lebendig anfühlt wie einst in „Half Life 2“, dann hat hier jemand endlich mal wieder alles richtig gemacht. Danke dafür, Herr Levine.

Nichts an BioShock Infinite ist gewöhnlich

All den gehobenen Zeigefingern, die jetzt schon in den Startlöchern stehen, um mir mit »neu ist hier aber auch nix« ins Wort zu fallen, alle diese Finger können sich gleich wieder senken. Stimmt nämlich, auch „BioShock Infinite“ erfindet das Rad nicht neu. Außer dem Sky Hook – einem magnetischen Haken, mit dessen Hilfe der Held Booker deWitt auf Knopfdruck Achterbahn fährt – ist Irrational Games nichts eingefallen. Eine neue Gravity Gun ist der Sky Hook sicher nicht, dafür aber eine Mordsgaudi. Und wie wir alle wissen, zählt am Ende doch immer nur der Spielspaß.

Somit ist Spaß auch das produktivste Stichwort für „BioShock Infinite“. Es macht zum Beispiel unglaublich viel Spaß, Columbia zu entdecken und über eine der vielen, kleinen Alltagsanekdoten der Stadtbewohner zu stolpern.

Kurze Gespräche und Situationen, die uns die religiös verblendete und zutiefst rassistische Überlebensgemeinschaft über den Wolken näher bringt. Da hört man dann die offiziellen Propagandisten der Stadt vor »zwergenhaften Mulatten und einäugigen Anarchisten« warnen oder aber eine Acapellatruppe  trällert plötzlich ein Liedchen der Beach Boys in die trügerische Idylle. Oder aber man läuft in eine pompöse Parade zu Ehren des großen Propheten Zachary Hale Comstock, dem großen Antagonisten im Spiel. Oder aber man wohnt einer unappetitlichen Versteigerung zweier Sklaven auf einem Jahrmarkt bei und wird durch eine persönliche Entscheidung plötzlich in ein Handgemenge verwickelt, dass zu einer epischen Schießerei eskaliert und die Geschichte von Columbia für immer verändern wird.

Kleine, kostbare Momente, die verdeutlichen, dass in „BioShock Infinite“ Spielwelt, Game-Design und Handlung eins sind – ein und dieselbe Erfahrung in uns hervorrufen wollen. „BioShock Infinite“ ist als Gesamtwerk von vorne bis hinten einfach stimmig. Eine echte Seltenheit.

Die Action: Heldenhafte Himmelfahrt durch Hollywood

Spielerisch liegt die Sache mit dem Spaß nicht anders. Irrational Games hat das etwas schwerfällige Konstrukt, auf dem der geniale Erstling ruhte, beschleunigt, verflüssigt und dynamisiert. In der rechten Hand die Schusswaffe, in der linken eine von acht übernatürlichen Fähigkeiten, über uns ein Himmel auf Schienen, vor uns zehn Gegner – und Abfahrt! In den acht bis zehn Spielstunden wird dieser Baukasten für halsbrecherische Heldentaten nie langweilig.

Auch hier stimmt einfach die Mischung: „BioShock Infinite“ gibt uns während der wohldosierten Actionsequenzen viele spielerische Freiheiten, ohne dabei die filmische Inszenierung aus dem Blick zu verlieren, es gibt uns Einfluss auf die Spielwelt, ohne dabei den Spielfluss zu vergessen. Statt die Gaming-Welt mit einer endlos langen Featureliste beeindrucken zu wollen, konzentriert sich Irrational Games lieber auf die richtige Balance, auf den perfekten Action-Flow. Das Ergebnis ist ein außergewöhnlich rundes Gameplay, das sowohl den Helden, als auch das Spielkind in uns befriedigt. So viel Spaß hatte ich in einem Shooter seit „Half Life 2“ nicht mehr!

Irrational Games’ Gespür für das richtige Maß findet sich aber auch im Level-Design von „BioShock Infinite“ wieder. Der Shooter ist sehr linear, fühlt sich aber dank seines geschickten Aufbaus nie wirklich so an. Ständig erkundet man große, weitläufige Areale vor beeindruckenden Panoramen. Dass man dabei eigentlich gar keine Wahlfreiheit hat, wissen die Entwickler geschickt zu vertuschen. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, auch hier wurde die perfekte Mischung zwischen Bewegungsfreiheit und inszenatorischer Führung gefunden.

Die Story: BioShock Infinite wagt und gewinnt (keine Spoiler)

Wer – so wie ich – sehr viel Wert auf eine gute Erzählung legt, dem sei hier eine ausdrückliche Entwarnung ausgesprochen. Alles wird gut! „BioShock Infinite“ vermag gerade durch sein ereignisreiches Finale auch noch lange nach seinem letzten Bild zu beschäftigten. Auch das ist wieder eine absolute Ausnahme in der heutigen Spielelandschaft, wird doch das Ende von den meisten Entwicklern eher als notwendiges Übel angesehen. Sehen ja eh nur die Wenigsten.

„BioShock Infinite“ erreicht indes im letzten Drittel erst seine Höchstform und legt auf den letzten Metern noch einmal drei fundamentale Wendungen hin. Und damit hier jetzt kein falscher Eindruck entsteht, auch vorher fesselt und fasziniert die Geschichte um Booker und Elizabeth durchgehend. „Infinite“ wir zum Ende halt nur nochmal packender.

Moment mal, Booker und Elizabeth? Ich dachte es ginge hier um Columbia? Geht es nicht! Gaben in „BioShock“ noch die mysteriöse Stadt Rapture und die wahnsinnige Vision ihres Gründers Andrew Ryan den Ton an, so spielt „Infinte“ sich nun vor allem zwischen den beiden Hauptfiguren ab. Zwar wird hier und da auch mit den Themen Religion, Rassismus oder Klassenkampf gespielt, das Herz von „Infinte“ ist aber ganz klar das zunehmend komplexer werdende Verhältnis zwischen Elizabeth und Booker. Das Herz von „Infinte“ schlägt im Takt von Schuld und Sühne.

Anstatt also das gleiche Erlebnis (Held kommt in zerstörte Stadt und muss herausfinden, was passiert ist) lediglich von der Tiefsee in das Himmelsreich zu hieven, nimmt sich „Infinite“ etwas ganz Neues vor und übertrifft dabei trotz leiserer Töne noch den legendären Paukenschlag des Erstlings. Fast schon heimlich und nebenbei mischt sich „Infinite“ dann auch noch in puncto In-Game-Inszenierung unter die absolut besten Vertreter des Genres. Allein das erste Aufeinandertreffen von Booker und Elizabeth zeigt auf die denkbar schönste Weise, dass nicht immer gleich ein Eiffelturm zerstört werden muss, um die Spieler zu fesseln. Wer es richtig macht, der braucht nur eine Postkarte vom Pariser Wahrzeichen. Mehr nicht. Womit hier natürlich nicht behauptet wurde, „Infinite“ könne kein Spektakel. Es kann, oh ja, es kann.

Die Kritik: Das Haar in der Suppe

Womit wir in der kleinen aber feinen Nörgelecke angekommen wären. Viel gibt es an diesem wunderbaren Ereignis nicht gerade auszusetzten. Das berühmte Haar findet man aber auch in dieser delikaten Suppe.

Booker findet insgesamt acht unterschiedliche Fähigkeiten, die sich leider kaum miteinander kombinieren lassen. Wer also mit elementaren Experimenten und einer Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten gerechnet hat, der wird sicher enttäuscht sein. Bookers Fähigkeiten sind mächtig, wuchtig, abgefahren – clever oder gar taktisch sind sie eher nicht. Gleiches könnte man übrigens auch über das Gegner-Verhalten einbringen. Die verhalten sich für einen modernen, stark inszenierten Shooter lediglich standesgemäß.

Überhaupt werden sich sicher wieder einige Stimmen finden, die „Infinite“ mangelnden Tiefgang  vorwerfen wollen. Können sie gerne machen, vielleicht sogar mit einigem Recht.

Ich war von der Spielwelt und der Handlung derartig gebannt, dass mir eine tiefergreifende Auseinandersetzung mit Bookers Fähigkeiten tatsächlich eher im Wege gestanden hätten. Ansonsten lassen sich noch das Streichen der moralischen Entscheidungen und das überschaubare Maß an Backtracking gegen „BioShock Infinite“ ins Felde führen. Auch hier muss ich aber sagen: Vielleicht sind das berechtigte Einwände – wirklich spürbar werden diese Aspekte nur, wenn man sehr angestrengt nach ihnen sucht.

Fazit

“ ist meine Ausnahme der Regel. Es ist das eine Spiel, das mehr will als eben nur das Notwendige. Es ist das eine Spiel, das mehr erreicht als das Übliche. Es ist das eine Spiel, das auch mehr verdient als bloß eine gute Wertung.

„BioShock Infinite“ verdient Anerkennung für seine stilistische Vision, Respekt für seinen erzählerischen Wagemut, Wertschätzung für seinen Glauben an das Publikum, Achtung für sein sauberes Handwerk und einen ganz dicken Schmatzer für all den Spaß, den man hier haben kann. Es ist das eine Spiel, das endlich mal wieder alles richtig macht. Mehr muss dazu nicht gesagt werden.

Wer´s nochmal auf Gaming-Deutsch braucht: „BioShock Infinite“ ist der beste Shooter seit „Half Life 2“. Ein Spiel, das man gespielt haben muss. Ein echter Meilenstein eben.

Wertung

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Test

Weitere Themen: Bioshock Infinite Demo, Irrational Games

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