Black Mirror im Test: Gothic-Horror aus Deutschland

Sandro Kreitlow

Black Mirror ist zurück! Doch keine Sorge: Das Reboot der Adventure-Reihe ist ohne jegliche Vorkenntnisse spielbar. Erstmals entwickelte das deutsche Studio King Arts (Die Zwerge, The Book of Unwritten Tales) im Alleingang ein Black Mirror-Spiel. Aber auch erfolgreich?

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Black Mirror - Gameplay Trailer

Black Mirror kennst du höchstwahrscheinlich vorrangig als Netflix-Serie. Die Gothic-Horror-Adventure-Reihe, die schon 2003 ihren Anfang fand, hat allerdings nichts mit der dystopischen Zukunft von Charlie Brooker zu tun. Stattdessen interpretiert das Bremer Entwicklerstudio King Arts die Geschichte der verfluchten Familie Gordon neu.

Realität vs. Täuschung

Nach dem mysteriösen und gewaltsamen Ableben seines Vaters John reist der in Indien aufgewachsene David zum schottischen Familienanwesen Sgathan Dubh House. Die Erbschaftsangelegenheiten werden zur Nebensache, viel wichtiger ist die Frage, was es mit dem mysteriösen Tot seines Vaters auf sich hat. Als David im Croft Manor-artigen Anwesen ankommt, wirkt die Umgebung alles andere als willkommen. Neben dem Anwalt trifft David auch auf den mürrischen Butler, eine strenge Hausherrin und einen unheimlichen Gärtner.

Die Charakterisierungen gehen allerdings selten über typische Klischees hinaus. Dadurch sind Dialoge zu vorhersehbar. Das Herzstück von Black Mirror ist stattdessen das Anwesen. Im Gruselhaus verbringst du den Großteil der Spielzeit. Hier findet David Briefe, Tagebücher, Unterlagen und antike Schriftstücke. Schon nach wenigen Stunden sind die größten Geheimnisse gelüftet, woraufhin die Autoren in der zweiten Hälfte mit einigen Überraschungen Spannung erzeugen wollen. Stets gelingt der Aufbau, Geheimnisse werden jedoch zunehmend unglaubwürdig aufgelöst. Unvorstellbar, dass geschockte Hausbewohner direkt nach einer furchtbaren Tragödie beschließen, entspannt schlafen zu gehen.

Der Faden, der sich durch das Spiel zieht, ist die Frage nach Realität oder Täuschung. Auch hier werden Mysterien interessant aufgebaut, jedoch letzten Endes schwach gelöst. Wenn David von Visionen geplagt wird, in denen eine blau schimmernde Gestalt grausame Taten in der Vergangenheit begeht, willst du zwar herausfinden, was es damit auf sich hat, aber um voranzukommen gilt es lediglich, eine Aktionstaste bei der Gestalt zum richtigen (und zeitlich ausreichenden) Moment zu drücken – jedes Mal, immer und immer wieder. Lahm!

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Anspruch & Steuerung mau, Atmosphäre wow

Neben dem Finden und Sammeln von Gegenständen gilt es, klassische Rätsel zu lösen. Zwar steht die Handlung klar im Vordergrund, wünschenswert wären trotzdem nicht nur mehr Rätsel, sondern auch mehr Anspruch gewesen. Die Quick-Time-Events sind simpel, auch in Dialogen bist du nie großartig gefordert. Der Plot verläuft streng linear, die Auswahl der Antworten in Dialogen hat keinerlei Konsequenzen für den Verlauf der Handlung. Hinzu kommt eine arg ungenaue Steuerung. Während du David mit den WASD-Tasten steuerst, aktivierst du wenige Spots mit der Maus. Dabei ist stets eine leichte Verzögerung, woran du dich zwar mit der Zeit gewöhnst, nervig ist es aber, wenn der Protagonist an Umgebungselementen hängen bleibt.

Punkten kann Black Mirror wiederum mit der dichten Atmosphäre. Wenn David das Haus lediglich mit Kerzenlicht das Haus erkundet oder sicherheitshalber ein Kochmesser mitnimmt, während jeder Charakter unheimlich zu sein scheint, wird dir bewusst, dass etwas ganz gewaltig nicht stimmt. Zahlreiche Cutscenes und Kamerafahrten tragen zur gelungenen cineastischen Präsentation bei und kommen ohne Jumpscares, dafür mit subtilen Schockeffekten aus. Der Regen prasselt an die Fenster, das wenige Kerzenlicht spiegelt sich über die Marmorböden. Schaurig ist Black Mirror definitiv.

Gebrochen wird die gruselige Atmosphäre allerdings von technischen Schwächen: Texturen sind detailarm, in Dialogen machen sich die hölzernen Gesichter und steifen Animationen der Charaktere bemerkbar. Auch die guten englischen Sprecher können die Glaubwürdigkeit der Charaktere nicht retten. So gut die deutsche Sprachausgabe so ist, so belanglos und bedeutungsschwanger sind einige Dialoge geschrieben. Nichtsdestotrotz hinterlassen zumindest einige Szenen vor allem dank der orchestralen Stücke von Benny Oschmann (Die Zwerge, The Book of Unwritten Tales) einen bleibenden Eindruck.

BlackMirrorReviewTemplate

Black Mirror ist keinesfalls ein belangloses Adventure, nur eben kein besonders glaubwürdiges. Du hast keine große Entscheidungsgewalt auf die Handlung, die stets linear verläuft. Ist es nicht eigentlich der Sinn eines Adventures, die Handlung durch gewisse Aktionen zu beeinflussen? So wirkt Black Mirror mehr wie ein interaktiver Film ohne großen Einfluss, als ein erinnerungswürdiges Adventure. Vielmehr bleiben eine mittelmäßige Geschichte, eine ungenaue Steuerung sowie die etwas veraltete Inszenierung hängen. Dabei bieten der Aufbau der Geschichte und die Atmosphäre so viel mehr Potenzial als das, was die Entwickler letzten Endes umsetzten.

Wird dir gefallen: wenn du entschleunigte, anspruchslose Adventures und das Gothic-Horror-Geschichten magst

Wird dir nicht gefallen, wenn du Entscheidungsgewalt über den Verlauf der Handlung haben willst, anspruchsvolle Adventures suchst

Wertung

6/10
Getestet von Sandro

Black Mirrors Aufbau und Atmosphäre sind so gut gelungen, dass der Verlauf der mittelmäßigen, vorhersehbaren Geschichte aufgrund des geringen Anspruchs und fehlender Entscheidungsgewalt umso mehr enttäuscht.

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