Call of Duty: Black Ops 2 Test – Das FIFA 13 unter den Shootern

von

Kleiner Exkurs in die Spielehistorie: Früher (wir erinnern uns – als bekanntlich alles besser war) wurden Spiele noch mit klaren Ambitionen entwickelt. Natürlich sollten sie qualitativ wertig sein oder zumindest anziehend wirken und sich darüber entsprechend verkaufen. Aber selbst bescheidene Spiele wurden als Ganzes, als finales Produkt einer mal kleinen, mal größeren Vision entworfen. Heute, in Zeiten eines „Call of Duty“ ist das längst nicht mehr so. Und das vor allem genau wegen „Call of Duty“.

Es wirkte schon immer ein wenig befremdlich, wenn man als Fan der Reihe, die einst als waschechte Singleplayer-Erfahrung begann, mit Schmalspur-Kampagnen abgefrühstückt wurde, in die zuletzt immer weniger Leidenschaft geflossen zu sein schien. Nie zuvor war die Diskrepanz zwischen eigentlichem Spielinhalten und dem „unfreiwillig Geduldetem“ deutlicher spürbar. Einzelspieler spielen für Activision, Infinity Ward und Treyarch längst keine Rolle mehr – wozu also ein entsprechendes Produkt kreieren.

Call of Duty: Black Ops 2 – Video-Review

So startet man dann also die Kampagne von „Black Ops 2“, reibt sich kurz verwundert die Äuglein und wähnt einem Fehler aufgelaufen zu sein: „Da ist die DVD doch glatt in die Playstation 2 gekullert.“ Nein, ist sie nicht. Viel eher scheint der Treyarch-Chefgrafiker mitten im Texturierungsprozess einen Herzstillstand erlegen zu sein. Schön ist die bereits seit Jahren veraltete CoD-Engine ja schon lang nicht mehr, das hier Gebotene sieht aber tatsächlich schlechter aus als „Modern Warfare 3“.

Call of Duty: Black Ops 2 Test – Die Grafik ist ein Graus

Bereits im ersten Level hat man alles gesehen: Flimmernde Kannten, Treppchenbildung an so ziemlich jeder Oberfläche des Spiels, Texturen, die so breiig wirken, als würden sie noch in den Speicher geladen werden, steife Animationen, schwache Beleuchtung – ein Graus. Vor allem bei taghellen Missionen wie der ersten möchte man schreien, wenn man sich vor Augen führt, was „Battlefield 3“ mittlerweile an Grafikpracht abfeuert.

Wie wenig sich Treyarch um diesen Eindruck schert merkt man daran, wie egal ihnen weite Teile der Levelarchitektur sind. Wenn man zu Beginn der ersten Mission von einer gewaltigen Streitmacht überrannt zu werden droht, dann steht da tatsächlich ein und derselbe Soldat in zigfacher Ausführung. Dasselbe Modell, einfach kopiert und eingefügt. Was denkt man sich da bei Treyarch nur? Spielt eh keiner, guckt keiner hin, wird schon niemand merken.

Und dann diese Story. Selbst wenn man sich durch die quälend dröge Kampagne von „Black Ops“ geballert hat, steht man zu Beginn von „Black Ops 2“ erst einmal gehörig auf dem Schlauch. Die non-lineare Erzählweise springt durch die Zeitebenen, als gäbe es kein Morgen, mit nahezu völligem Verzicht auf Erklärung oder Sinnhaftigkeit. Bis zur vierten Mission hat man absolut keinen Plan, um was es geht, wer diese Typen sind, die sich da die ganze Zeit Militärfloskeln an die Backe schreien und warum hier eigentlich jeder auf alles schießt.

Zum Glück wird der Totalausfall später knapp abgewendet. Etwa ab der Hälfte der Kampagne fängt sich die Handlung, sogar etwas Spannung kommt auf, auch wenn sämtliche Charaktere wie immer völlig blass bleiben. Mehr als „die totale Bedrohung der Welt“ fällt „Black Ops 2“ zwar auch nicht ein, aber zumindest inszenatorisch stimmt das Gezeigte. In Erinnerung (wie einst die Sniper-Mission im ersten „Modern Warfare“) bleibt jedoch kein einziger Moment.

Das zuvor angepriesene Zukunftsszenario kommt dabei überraschenderweise kaum zum Tragen. Gerade einmal eine Handvoll Levels spielen im Jahr 2025, merken will man davon im Grunde nichts. Ein paar Gadgets schüttelt sich Treyarch beiläufig aus dem Handgelenk, das Coolste davon ist ein Visieraufsatz, das die Umgebung scannt und Gegner selbst hinter Wänden anzeigt (besonders im Multiplayer-Modus ein Spaß). Neue oder innovative Waffen gibt es nicht.

Überraschend ist dann am Ende aber doch, dass Treyarch noch Neuerungen für die Kampagne auf Lager hat. Weniger überraschend hingegen, dass beide Ideen nicht ganz zu Ende gedacht sind. Der Strike Force-Modus etwa soll in der Theorie ein taktisch angehauchter Commander-Modus mit RTS-Anleihen sein, steuert sich in der Praxis aber so grauenvoll, dass man die optionalen Missionen entweder überspringt oder verflucht.

Und dann gäbe es da noch die verzweigten Handlungsstränge. Immer wieder lässt euch „Black Ops 2“ die Wahl, handlungsrelevante Entscheidungen zu treffen, die mal merklich ausfallen (erschieße ich Typ X oder nicht?), mal unmerklich (wer nicht schnell genug reagiert, dem entwischt Gegner Y). Tatsächlich sind die Ergebnisse der unterschiedlichen Optionen richtig überraschend und bringen Frische in die angestaubte Kampagne. Aber ein Feature als innovativ oder spektakulär zu bezeichnen, dass schon vor Mass Effect 1 nicht mehr neu war, wäre dann doch etwas zu viel des Guten.

Call of Duty: Black Ops 2 Test – Der Mehrspieler-Modus

Um endlich die Conclusio zur eingangs getätigten Kritik zu liefern: Für welche Käuferschicht Activision und deren Entwicklerstudios mittlerweile ein „Call of Duty“ entwickeln, wird auf einen Schlag ersichtlich, sobald der Mehrspieler-Part ins Spiel kommt. Wundersamerweise wirkt die Grafik hier weitaus schicker, auch wenn man sicherlich kaum von zeitgemäßer Optik sprechen kann. Aber der Unterschied ist deutlich spürbar – und damit umso ärgerlicher.

Natürlich muss man dabei bedenken, dass „Call of Duty“ nun mal mittlerweile eine Multiplayer-Marke ist. Und das zu recht. Wie in sämtlichen Iterationen zuvor, macht auch die „Black Ops 2“-Onlinezocke vom Fleck weg Spaß. Treyarch hat vor allem ein Händchen für Maps, die bis auf ein, zwei Aussetzer großartig sind. Das Spieltempo, der Belohnungsfluss, die Killstreak-Gimmicks – es flutscht einfach zu sehr, um keinen Spaß daran zu haben.

Neuerdings lassen sich die Klassen dank des Pick 10-Systems noch besser anpassen und so kann man sogar – wenn man denn will – zwei primäre Waffen tragen. Die PointStreaks wiederum belohnen nun nicht mehr nur allein für Kills, sondern lassen Dronen, Kampfhelis oder sonstigen Schnickschnack auch für Assists, Flaggeneroberungen oder andere wichtige Aktionen springen. Damit zwingt ihr „Black Ops 2“ euren Spielstil auf – nicht mehr andersherum.

Jetzt das große „Aber“: Auch wenn Treyarch das sicher gerne anders hätte – eine neue Spielerfahrung bietet der Mehrspieler-Part dadurch nicht. Neue Maps und Modi sind zwar nett, aber bekannt, die Unterstützung von Cod-Casting und Ligaspielen ist in der Welt des ESport längst ein alter Hut. Für kommende Titel, und die wird es so sicher wie das Amen in der Kirche geben, braucht es dringend frische Ansätze.

Ein Wort zum Zombiemodus: Der macht nach wie vor Spaß, ist dank des neuen Tranzit-Modus sogar noch umfangreicher geworden. Ein Bus fährt jetzt zwischen mehreren Hubs umher, die Maps sind also gewaltiger geworden. Leider spielt sich das Ganze recht wirr – zu oft wussten wir nicht, was wir wann und wie genau machen sollten. Der Schwierigkeitsgrad ist nach wie vor extrem happig. Wer sich jedoch hineinkniet, bekommt mit dem Zombiemodus eine schöne Dreingabe.

Fazit:

Es ist soweit: Mein Interesse an „Call of Duty“ ist mit „Black Ops 2“ offiziell auf dem niedrigsten Niveau angelangt. Dass die Reihe seit Jahren auf der Stelle tritt ist nicht neu, aber mit „Black Ops 2“ liegt nun ein Produkt vor meiner Nase, dem man anmerkt: Hier will jemand dringend Innovationen liefern – aber er kann nicht. Keines der neuen Features, ob Strike Force-Modi oder PointStreaks, ob Entscheidungen oder League-Gaming, bringt „Call of Duty“ in irgendeiner Form weiter. Die Ansätze sind zwar da, was fehlt ist das Vermögen, ein rundes Spiel daraus zu basteln.

Besonders ärgerlich finde ich die überdeutliche Diskrepanz zwischen Singleplayer- und Mehrspieler-Part. Wo der eine mit unsauberer Technik, Grottengrafik und wirrer Handlung verärgert, bietet der andere wesentlich mehr Feinschliff, Liebe zum Detail und die schönere Optik. Dann, liebe Herren bei Treyarch, lasst es doch bitte gleich ganz sein. Einzelspieler-Kampagne raus, volle Konzentration auf die Online-Komponente. So jedoch wird kein Fanlager wirklich glücklich.

Denn die Zeit, die für den eher mäßig gelungenen Strike Force-Modus draufgegangen ist, wäre im Mehrspieler-Part besser aufgehoben gewesen. Natürlich macht der wie immer vom Fleck weg süchtig, aber mittlerweile drängt sich ähnlich wie bei jährlichen FIFA-Updates die Frage auf: Muss ich mir wegen drei neuer Visiere, 8 Maps und einem Spielmodus ein neues „Call of Duty“ kaufen? Wenn nicht bald neue Impulse kommen, wird es vielleicht irgendwann keine neuen Chancen mehr geben. Fußball geht immer. Shooter gibt es wie Sand am Meer – und die Konkurrenz schläft nicht.

Einzelspieler-Wertung: 75%

Mehrspieler-Wertung: 85%

Folge uns auf Facebook, Twitter oder Youtube. So bist du immer auf dem neuesten Stand.

Weitere Themen: gamescom 2014: Das müsst ihr wissen – Tickets, Wildcards, Spiele und Termin, Activision Blizzard


Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA GAMES

Anzeige
GIGA Marktplatz