Faszination Call of Duty: Der Versuch einer Erklärung (Leserbeitrag)

Anonymer User 2

Call of Duty hat bis vor Kurzem regelmäßig neue Verkaufsrekorde aufgestellt, die eigene Vorjahresmarke immer wieder aufs Neue spielend geknackt. Vieles spricht dafür, dass diese Serie nach dem Erscheinen der neuen Konsolengeneration weitergeht. Aber worin genau findet sich die Faszination eines Call of Duty?

Faszination Call of Duty: Der Versuch einer Erklärung (Leserbeitrag)

Um diese Frage zu beantworten, muss eine ganze Reihe an möglichen Faktoren herangezogen werden, beginnend mit der Suche nach dem Zielpublikum, das Call of Duty anzusprechen versucht. Hinterfragt man die Inszenierung der Kampagne, die Mechaniken des Multiplayers und die bombastischen Werbekampagnen, fällt dabei eines sofort auf. Call of Duty zeigt sich in jedem seiner Wesenselemente verdammt manipulativ. Nun ist die Manipulation im Medien-Konsum eine absolute Selbstverständlichkeit und dabei nur bedingt so negativ konnotiert, wie es das Schlagwort der Manipulation anklingen lässt.

Frei nach der allgemein bekannten Theorie der Suspension of Disbelief lassen wir uns bereitwillig auf eine künstlerische Fiktion ein, lassen uns bewusst auf ein fantastisches und erdachtes Szenario ein, um den Zugang zu der dargestellten Geschichte zu finden. Diese Erkenntnis eröffnet natürlich dem Medium selbst eine ganze Reihe an Möglichkeiten, um dieses grundlegende Konsumverhalten auszunutzen und gegebenenfalls zu lenken. Ausschlaggebend ist hier das wahrscheinliche Motiv für die gewählten Manipulationsansätze, steckt eine künstlerische Intention dahinter, um beispielsweise festgefahrene Gedankengänge aufzubrechen oder ein konventionelles Konsumverhalten auf kontroverse Weise zu entlarven? Oder dienen die gewählten Methoden nur einem kalkulierten wirtschaftlichen Interesse? Die Antwort darauf erscheint im Angesicht der oberflächlichen Blockbuster-Unterhaltung eines Call of Duty wie eine eindeutige Selbstverständlichkeit, dennoch lohnt es sich die typisch manipulativen Elemente der Serie genauer unter die Lupe zu nehmen, um unter Zuhilfenahme einer solchen Blaupause einen genaueren Einblick in die bis ins Detail durchgeplante Konzeptions- und Vermarktungsmaschinerie eines millionenschweren Phänomens zu bekommen.

Wenn in der Kampagne eine bedeutungsschwangere Orchestermusik im Hintergrund anschwellt, wenn sich die K.I. Kameraden in der Point of View Kameraeinstellung über den Protagonisten beugen, wenn der Spieler inmitten von einfach gestrickten, aber verloren geglaubten Charakteren steht, die versuchen anhand eines simplen Moralkodex das vermeintlich Richtige zu tun ­ dann entfesselt Call of Duty beim ersten Spielen eine beachtliche Immersion, die gerade auf Spieler mit mangelnder Erfahrung einen gewissen Reiz ausübt. Für Leser des einschlägigen Gaming-Feuilletons und Spieler mit einem medientheoretischen Grundverständnis wirken diese Szenen gleichermaßen stumpf und belanglos. Diesen Spielern entlockt man im Zuge völlig überzogener Action-Szenen vielleicht ein staunendes Lächeln über die bis ins Absurde gesteigerte Dramatik der einfachsten Feuergefechte, ein anerkennendes Nicken über die perfekt durchchoreographierte Inszenierung ­ mehr aber kaum. Die Einzelspieler-Erfahrung kann also kaum auf Konsumenten mit geschärftem Medienverständnis zugeschnitten sein. Viel mehr versucht Call of Duty in der adoleszenten Zielgruppe zu punkten, die nicht immer den gewaltigen Soundtrack von Hans Zimmer von den meist konfus-stupiden Geschehnissen auf dem Bildschirm trennen kann. Wenn über die dramatischen Streicher ein paar bedeutungsschwangere Phrasen gedroschen werden, gewinnt das gestrickte Szenario automatisch an Relevanz und Sinnhaftigkeit.

Überhaupt ist die gezielte Konfusion in der typischen Call of Duty Story ein relevanter Punkt, der in viel zu wenigen Testberichten Beachtung findet. Indem die Geschichte an mehreren Orten gleichzeitig spielt, indem der Spieler in die Rolle mehrerer Protagonisten schlüpft (sei es auch nur für eine zehnminütige Mission) versuchen die Entwickler die Suggestion zu erzeugen, dass der Spieler mehrere Facetten, unterschiedliche Perspektiven derselben Geschichte erlebt und damit das Gefühl bekommt, die epochal inszenierte Story betrifft tatsächlich die ganze Erde und ist außerdem derart komplex, dass ein erstes Spielen es gar nicht erlaubt alle Aspekte zu verarbeiten oder gar zu verstehen. Tatsächlich versucht diese systematisierte Verwirrung nur über gewaltige Fehler in einer hanebüchenen Story hinwegzutäuschen und spielt in der Wahrnehmung des Spielers gleichzeitig mit der Erwartungshaltung einer relevanten und bewegenden Geschichte. Wer jüngeren Jahrgangs ist lässt sich von diesen manipulativen Elementen, ob mangelnder Erfahrung, leichter ködern und schiebt die Fragezeichen beim wilden Umherspringen der klassischen Call of Duty Geschichte möglicherweise auf komplexe politische Zusammenhänge oder beachtet sie erst gar nicht. Gemischt mit der intensiven Spielerfahrung, des rasanten Gameplays, der gewaltigen Schießereien bleibt kaum Zeit zum Denken und es findet vielleicht sogar eine Art Idealisierungsprozess statt, der aus der Call of Duty Kampagne einen politischen Thriller macht. Außerdem bleibt der Spieler immer in der Haut eines stummen, charakterlosen Strohmanns für die Verbindung zwischen Medium und Konsument. Damit ist zunächst gesichert, dass die Rolle des Spielers nicht aneckt, da die Identifikation über Spielmechanik und eigene Vorgehensweise erfolgt. Im politischen Kontext nervt der patriotische Militarismus, der im Schweigen des handelnden Protagonisten seine konsequente Legitimation findet natürlich gewaltig, allerdings versucht CoD eben mit aller Macht von dieser Impression abzulenken, teilweise mit Erfolg.

Aber wer spielt Call of Duty schon wegen dem Singleplayer? Berechtigte Frage. Allerdings scheint es, dass die u18 Generation gezielt von der bombastischen Abenteuer-Kampagne angelockt werden soll, um dann im heranwachsenden Alter in Folgeteilen noch zwei Mal die Kampagne anzuspielen, bevor der neueste Ableger nur wegen dem Multiplayer gekauft wird. Marktwirtschaftlich ein legitimer Schachzug, zumal auch hier in jüngeren Jahren übliches Gruppenverhalten gegenüber einem ausgelebten Hobby zum Zuge kommt: Kauft sich einer den neuesten Ableger, ziehen alle anderen nach. Jahr für Jahr. Und auch im Mehrspieler greifen mehrere manipulative Strategien. Besonders auffällig und schon etliche Male durchgekaut: Die verrückte Belohnungsspirale, die den Spieler dafür belohnt auf zwei Beinen zu stehen ohne umzufallen. Dazu die rasante Action der kurzweiligen Gefechte auf kürzeste Distanz und fertig ist ein Mehrspieler-Modus in dem es schwer fällt, sich nicht wie ein einflussreicher Teil zu fühlen. Ohne wochenlanges Training. Call of Duty belohnt sofort und verlangt vom Spieler nur schnelle Reaktionen und das Kennenlernen der einzelnen Karten. Für regelmäßige Spieler ein Klacks.
Das Teamplay eines Battlefield fällt genauso flach, wie das komplexe Waffenverhalten eines Counter Strike. Dabei soll keinesfalls unterschlagen werden, dass diese schnelllebige Action durchaus ihren Reiz hat, allerdings wirkt die aufgesetzte Ernsthaftigkeit des Szenarios aus dieser Perspektive wie eine lächerliche Farce, wie auch schon im GIGA-Podcast mehrmals angemerkt wurde.

Natürlich versucht Call of Duty in der medialen Außendarstellung diesem Bild der allgemeinen Zugänglichkeit gerecht zu werden, beispielsweise wenn in einem unfassbar aufwendigen Trailer attraktive Hollywood-Sternchen Hand in Hand mit bekannten Internet-Größen gehen.
Dennoch will CoD im Multiplayer nicht vollständig als gedankenloses Action-Spektakel wahrgenommen werden. Um nicht die Gunst wettbewerbsorientierter Spieler zu verlieren, richtet Activision regelmäßig verschiedenste Turniere aus und versucht beständig Call of Duty im Esport zu etablieren. Dass dabei einem Spiel, das offensichtlich nicht für den kompetitiven Markt entworfen wurde, durch das Verbieten bestimmter Perks und Waffen ein kompetitiver Stempel aufgedrückt wird kann dabei nur müde belächelt werden.

Call of Duty will es allen recht machen. Gelegenheitsspielern genauso wie Core-Gamern. Doch dabei verliert die Serie zunehmend an eigener Identität und trägt die Bezeichnung als seelenlose Schießbude mittlerweile wohl zurecht. CoD ist zum Reflexspiegel seiner Rezipienten geworden und redet ihnen dabei nach dem Mund. Langweiliger kann ein
künstlerisches Produkt kaum sein.

(Johannes) 

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