„Ich bin nicht dein Mäuschen!“ – Erfahrungen einer Gamerin (Kolumne)

Ich bin eine Frau. Ich spiele Videospiele. Eigentlich zwei Eigenschaften, die an sich keinen Widerspruch bilden, zumindest würde ich das ganz tollkühn behaupten. Dennoch scheint es einigen anderen Spielern immer noch sauer aufzustoßen, wenn meine doch sofort als feminin entlarvbare Stimme während einer Mehrspieler-Runde aus ihren Lautsprechern oder Kopfhörern ertönt.

„Ich bin nicht dein Mäuschen!“ – Erfahrungen einer Gamerin (Kolumne)

Dabei gebe ich unumwunden zu, dass ich in Multiplayer-Partien gerne und ausgiebig fluche. Dabei beleidige ich jedoch nicht meine Mitspieler oder Gegner, sondern beschwere mich meist über meine eigenen Fehler oder kommentiere das allgemeine Spielgeschehen. Außerdem spiele ich meist, falls möglich, einen weiblichen Avatar, da ich mich damit als Frau viel leichter identifizieren kann.

Nicht selten kommt es von Seiten der zugewürfelten Mitspieler zu Aussagen wie “Hast du deine Tage?”. Zuletzt nannte mich ein Mitspieler konsequent über einige Zeit “sein Mäuschen”. Was ich zuerst noch recht amüsant fand, wurmte mich nach einiger Zeit durch seine penetrante und wiederholte Nutzung des Ausdrucks dann doch. Ich bat ihn mehrmals höflich und ruhig, die animalischen Analogien für sich zu behalten. Als dies scheinbar kein Gehör fand, setzte ich kurzerhand zu einem lautstarken und wortgewaltigen Monolog über Kleinigkeiten wie Respekt und Höflichkeit an, der ihn dann doch zum Schweigen brachte.

Im Anschluss an ebendieses Spiel blockierte und meldete ich den entsprechenden Nutzer selbstverständlich sofort. Denn wer mich “Mäuschen” und seine Angebetete daheim dann wohl konsequenter Weise “Muschi” nennt, sollte seine Beziehung und seine Sicht auf das andere Geschlecht dringend überdenken. Denn ich bin wahrlich kein kleines Nagetier, was er überdeutlich zu spüren bekommen hat.

Aber ist ein solches Verhalten, eine Geringschätzung weiblicher Gamer, in unserer aufgeklärten Zeit, in der ohnehin jeder Toleranz predigt, überhaupt noch ein Thema? Oder lief mir in diesem Falle einfach ein besonders zurückgebliebenes Exemplar der Gattung Mensch über den virtuellen Weg, handelte es sich also um einen Einzellfall? Mit diesen Fragen beschäftigen sich einige Blogs, deren Inhalte diese Problematik mal mehr beobachtend, mal eher anprangernd aufgreifen und darlegen.

Schatz, machst du mir ein Sandwich?

Ähnliche Zeugnisse mangelnder Contenance sammelt beispielsweise Jenny Haniver auf ihrem Blog mit dem bezeichnenden Titel “Not in The Kitchen Anymore“. Sie spielt seit langem leidenschaftlich gerne die Spiele der Call of Duty-Serie, ein Franchise, dessen Auskoppelungen zu Unrecht immer noch von vielen Spielern als Männerdomäne angesehen werden.

Ihr Engagement begann als Kunstprojekt für ihr Studium, in dessen Rahmen sie erstmals Zitate und Passagen, die Mitspieler ihr gegenüber während Multiplayer-Partien fallen ließen, archivierte und ausstellte. Seitdem hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, den teilweise geballten Sexismus, der ihr als weiblicher Mit- oder Gegenspielerin immer wieder entgegen gebracht wird, zu dokumentieren und so ein Bewusstsein und eine Öffentlichkeit für die Problematik zu schaffen.

Nicht selten fallen in den Transkripten und Aufnahmen, die sie weiterhin auf ihrem Blog sammelt, nicht nur vergleichsweise harmlose Anspielungen, sondern harte Schimpfworte. Außerdem muss sie sich des Öfteren gegen penetrante Nachrichten und Freundschaftsanfragen erwehren. Dabei hilft es nicht gerade, dass Haniver dank ihres beachtlichen Shooter-Könnens und ihrer Übung oft den obersten Platz der spielinternen Rangliste für sich beanspruchen kann.

Fett, hässlich und eine Schlampe noch dazu

Wenn eine Frau Videospiele spielt, dann ist sie mit Sicherheit “Fat, Ugly or Slutty“. Die gleichnamige Plattform, die von einigen engagierten Spielern beider Geschlechter geführt wird, sammelt ebenfalls Beispiele für das Fehlverhalten einiger Gamer. Hier kann ein jede Zockerin, die sich dazu berufen fühlt, die ungehobelten oder einfach nur stumpfen Nachrichten einsenden, die sie über Xbox Live, PlayStation Network und andere Kanäle empfangen hat. Außerdem rufen die Macher dazu auf, jeden Fall auch im betreffenden Netzwerk selbst zu melden, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, denn genau dafür sind diese Mechanismen ja bestimmt.

Ziel dabei ist nicht primär das öffentliche Bloßstellen der Absender, sondern die Nachrichten verdeutlichen, dass solche  Vorkommnisse eben leider keine Einzelfälle sind. Gleichzeitig ist das Teilen dieser Erlebnisse für viele Betroffene eine Erleichterung, ab und an kann man über die skurrilen Nachrichten sogar herzhaft lachen. Auch wenn man bei der Lektüre ein ums andere Mal an der Menschheit als Ganzes zweifeln möchte. Aber wenn ich schon den Glauben an die Menschheit verlieren muss, dann doch wenigstens mit einem Mindestmaß an Humor.

There are no girls on the internet!

Natürlich gehört ein gewisses Maß an Trashtalk zu den meisten Multiplayer-Partien dazu, doch nicht umsonst höre ich von vielen meiner Freundinnen, dass sie bewusst wegen möglicher Anfeindungen entweder den Mehrspieler-Modus eines Spieles oder nur den Voicechat komplett meiden. Häufig sehen sie sich mit völlig haltlosen Vorwürfen konfrontiert, die vom berühmt-berüchtigten Fake Gamer Girl bis hin zur mitspielenden Freundin eines „echten“ Gamers reichen – von sexistischen Beleidigungen und Anfragen und scheinbar sehr einsamen und sich verzweifelt nach Kontakt zum anderen Geschlecht sehnenden Freundschaftsanfragen mal abgesehen.

Was durch diese Situationen aber auch klar wird, ist die Ambivalenz zwischen dem, was tatsächlich stattfindet und einem scheinbaren Ideal, welches in der Spielerschaft oft anklingt. Nicht selten höre ich, dass Spieler und auch Spielerinnen gezielt nach einem möglichen Partner suchen, mit dem sie dieses Hobby teilen können. Das Ideal eines Gamer Girls sticht da in einer hauptsächlich von jungen Männer frequentierten Szene als erstes ins Auge. Ein solches Ideal wird primär von der Werbeindustrie genutzt und forciert, um die angestrebte Zielgruppe anzusprechen.

Doch die Realität sieht zum Glück anders aus. Ich behaupte mutig, dass kaum eine Spielerin sich in Glamour-Outfit oder gar in sexy Nachtwäsche vor die Konsole oder den PC setzt, um entspannt einige Mehrspieler-Runden zu zocken. Dabei dürfte wohl eher das komplette Gegenteil der Fall sein, denn das Spielen dient bei uns allen doch letztlich der Unterhaltung und Entspannung und ist kein Ersatz für Partner- und Single-Börsen, wo man sein Gegenüber bezirzen möchte. Zumindest nicht für die meisten von uns.

Allen denjenigen, für die das Geschlecht der Mitspieler tatsächlich noch eine Rolle spielt, möchte ich sagen: Werdet erwachsen. Frauen spielen Videospiele und derzeit wird der Anteil an weiblichen Spielern in der Zocker-Gemeinschaft immer größer.

Und keine Angst, nur weil auch wir beispielsweise in den zahlreichen Battlefields oder Call of Dutys dieser Welt an eurer Seite oder als eure Gegner die Schießeisen schwingen, müsst ihr euch keineswegs eurer Männlichkeit beraubt fühlen. Die könnt ihr gerne behalten, denn wider erwarten schießt es sich ohne sie genauso gut.

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Weitere Themen: Battlefield 4, League of Legends - LoL, Infinity Ward

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