Die wundersame Welt der Nicht-Spieler: Ein denkwürdiges Gespräch zwischen zwei Idioten

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Ich war neulich etwas trinken. Ein Freund von einem Freund hatte einen Bekannten mitgebracht. Mitte zwanzig, akkurat gekleidet, locker im Umgang. Er hatte gerade ein Jahr lang irgendwas mit Medien im Ausland studiert. Frisch heimgekehrt zog es ihn zwecks Sozialaustausch in eine Bar und so saß mir das wohlfrisierte Anhängsel plötzlich gegenüber. Nachdem wir das erste Bier bestellt hatten, kamen wir schnell ins Gespräch. Er wollte wissen, was ich beruflich mache und so erzählte ich ihm von GIGA GAMES. Computerspiele, damit könne er ja nun gar nichts anfangen. Sein belächelnder Tonfall war nicht zu überhören.

Die wundersame Welt der Nicht-Spieler: Ein denkwürdiges Gespräch zwischen zwei Idioten

»Mir ist das alles total fremd. Ich habe noch nie verstanden, warum manche Leute damit ihre Zeit verschwenden. Das ist doch alles Kinderkacke«. Es war nicht das erste Mal, dass meine Leidenschaft auf naives Unverständnis stieß. Ich reagierte also entsprechend gelassen und versuchte erst einmal den Grund für seine generelle Ablehnung zu erfahren. »Aha, was genau ist dir denn so fremd?«

Er schüttelte den Kopf und sagte: »Alles, einfach alles. Allein die Tatsache, dass man sich dafür stundenlang vor den Rechner hockt und nur auf einen Bildschirm starrt. Das ist doch bescheuert und total körperfeindlich«. Mir wurde langsam klar, dass ich es hier mit einem besonders verbissenen Exemplar der Nicht-Spieler zu tun hatte. Der Typ meinte es ernst.

»Nun, wenn du ein Buch liest, dann bewegst du dich doch auch nicht. Du musst dich und deinen Körper ein Stück weit vergessen, um dich in einem Buch verlieren zu können. Bei Spielen ist das nicht anders. Du gehst im Spiel auf, dein Körper entspannt sich, dein Geist geht auf Wanderschaft.« Er sah mich noch ungläubiger an als zuvor. »Entspannung? Mich entspannt das kein Stück. Im Gegenteil, immer wenn ich so was spiele, werde ich total angespannt und verkrampft. Das stresst mich total. Warum um Himmels Willen sollte ich mir das geben. Ich hab schon genug Stress.«

Scheinbar hatte der gute Mann bisher nur negative Erfahrungen beim Spielen gemacht. Ich war jedoch fest davon überzeugt, das Problem bereits erkannt zu haben. »Das kann am Anfang schon mal passieren,« entgegnete ich und versuchte dabei wie der entspannteste Gamer der Welt zu wirken. »Was dich da stresst, ist nur die Tatsache, dass du das Spielen an sich noch nicht beherrschst. Du fühlst dich überfordert, weißt nicht, was du überhaupt machen sollst, kannst dich nicht orientieren usw. – und das führt natürlich zu Frustration. Sobald du aber die Grundlagen erlernt hast, verschwindet dieses Gefühl und Frust wird durch Erfolgserlebnisse abgelöst. Dann fließen die Glückshormone und erst dann fängt das Spielen an. Wenn du dich beim ersten Mal Fahrradfahren auf die Fresse legst, ist das ja auch eher frustig oder etwa nicht?«

Meine Argumentation kam bei meinem Gegenüber nicht an. »Das ist ein total dummer Vergleich«, pöbelte er bereits leicht angeschäkert, »Fahrradfahren macht Sinn. Man kommt von A nach B, ist an der frischen Luft und tut was für seine Gesundheit. Beim Computerspielen bekommt man höchstens Kopfschmerzen und Epilepsie, ein total sinnloser Zeitvertreib«.

Langsam wurde mir die Sache zu bunt. »Also erst mal: Wer hat denn bitte gesagt, dass Spielen Sinn machen muss? Ein Großteil der Faszination des Spielens liegt für mich gerade darin, dass es Selbstzweck ist. Ich tue das ja gerade nicht, um meine Gesundheit zu pflegen oder im Leben irgendwie voran zu kommen – ich spiele, weil es mir eben Spaß macht, weil es meiner Zerstreuung dient oder weil ich eine Erfahrung machen möchte, die ich sonst nirgendwo machen kann. Was hast du denn überhaupt schon alles gespielt? Immerhin richtest du hier gerade mega uninformiert über ein ganzes Kulturfeld.«

Er warf den Kopf in den Nacken und machte demonstrativ genervte Geräusche, die an einen Elch erinnerten. Anscheinend überlegte er. Dann platzte »dieses Portal auf Mac, früher mal Super Mario und ehhh....das Ballerspiel, das so berühmt ist, bei einem Freund.« »Call of Duty?«, schob ich – noch sichtlich geschockt von der Portal-Erwähnung – hinterher. »Kann sein. Jedenfalls musste man da ständig nur Araber abknallen. Auch so was, das ich überhaupt nicht leiden kann. In den meisten Spielen geht es doch nur um's Töten. Nur um stumpfe Gewalt, immer irgendwen erschießen, am besten noch aus rassistischen Motiven. Das würde mich total anöden auf Dauer, ich finde das einfach nur peinlich«.

Bitte nicht auch noch die Killerspiel-Nummer, schoss es mir unwillkürlich durch den Schädel. Ich nippte an meinem Bier und versuchte ihn zu überraschen. »Mich auch. Mich ödet das manchmal auch an. Es geht momentan tatsächlich etwas zu viel um Gewalt. Aber so what? Das ist im Kino ja nicht anders. Und wenn du hier sitzen würdest und behaupten würdest, Film an sich sei totaler Mist, weil Kino keinen Sinn ergibt und es sich außerdem zu viel mit Gewalt beschäftige, dann würdest du dich doch ziemlich lächerlich machen oder? Ich meine, für mich ist das gerade so, als würdest du behaupten, Kino ist scheiße, weil es jemanden wie Michael Bay gibt. Doch damit tust du Regisseuren wie Hitchcock, Kubrick oder meinetwegen Kaurismaki extrem Unrecht. Wir haben im Gaming auch unsere Kaurismakis – du hast nur noch nie etwas von ihnen gehört, weil du dich noch auf deinem Dreirad alle zwei Meter auf's Maul legst.«

Ich hatte mich in Rage geredet. Seine Ignoranz ärgerte mich und dieser Ärger war jetzt offenbar auch bei ihm angekommen. »Ist ja gut. Ich sag ja nur, Computerspiele sind einfach nix für mich. Einfach nicht meine Hausnummer. Das war aber schon immer so. Schon in der Schule hatte ich darauf keinen Bock.«

Ich spürte, dass er dringend das Thema wechseln wollte und ich kam diesem Wunsch gerne nach. »Was sind denn so deine Hobbys?« Plötzlich sah er mich mit leuchtenden Augen an und verkündete freudig »Formel 1! Ich steh total auf Formel 1.«

Ich versuchte die tiefe Verachtung, die ich seit jeher für diesen umweltverpestenden, korrupten und unfassbar sinnlosen Schwachsinn empfand, so tief wie möglich in mir zu begraben und nahm den längsten Schluck Bier, den ich jemals getrunken hatte.

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