Call of Duty WW2 im Test: Alles beim Alten

Alexander Gehlsdorf
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Nach neun Jahren wagt sich Call of Duty wieder in den Zweiten Weltkrieg. Mutiger Reboot der Serie oder doch nur ideenloses Recycling?

Keine Zeit für den gesamten Test? Ganz unten findest du eine Zusammenfassung.

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Call of Duty - WW2 - Story Trailer

14 Jahre ist es inzwischen her, dass das erste Call of Duty im November 2003 erschien und das Shooter-Genre nachhaltig veränderte. Seit 2005 kannst du deine Uhr danach stellen, dass jedes Jahr Anfang November ein neuer Teil der Serie erscheint. Nachdem die jüngeren Ableger dich jedoch in die Gegenwart sowie in Science-Fiction-Szenarien schickten, kehrt Call of Duty: WW 2 wieder zu den Wurzlen der Reihe zurück: In den Zweiten Weltkrieg.

Zuletzt spielte Call of Duty: World at War Ende 2008 im Zeitraum zwischen 1939 und 1945. Neun Jahre sind demnach vergangen, seit Serien-Fans zuletzt die Möglichkeit hatten, das Szenario zu erkunden. Genug Zeit also, um über umfangreiche Änderungen und Innovationen nachzudenken — oder ist der Abstand inzwischen groß genug, um den neuen Spielern die gleichen Inhalte wie damals im neuen Gewand zu präsentieren?

Zusammen ist man immer noch allein

Die wohl wichtigste Neuerung ist, dass Call of Duty: WW2 eine Charakter-betonte Handlung erzählt, statt wie noch in früheren Serienteilen mehr oder weniger lose Missionen aneinander zu reihen. So folgst du Red Daniels und seinen Kameraden der US 1st Infantry Division von der Invasion der Normandie im Juni 1944 bis zur Überquerung des Rheins im April 1945. Dein wichtigster Begleiter ist dabei Private Zussmann, der dich im Lauf der Kampagne mit den überlebenswichtigen Medkits versorgt.

Medikits sind die nächste wichtige „Neuerung“, denn ganz wie im Jahr 2003 regeneriert sich deine Gesundheit nicht von selbst, sondern muss mit den Heilpaketen aufgefrischt werden. Somit ist es essentiell in der Nähe der restlichen Squad-Mitglieder zu kämpfen, da diese dich falls nötig mit Munition, Granaten und eben Medikits versorgen können. Dennoch ist das Squad-System eher Augenwischerei, da du zwar von den Fähigkeiten deiner Kameraden profitierst, letztlich aber nie als tatsächlicher Squad agierst sondern der Fortschritt der Mission stets allein von dir abhängt.

Nach wie vor ist Call of Duty: WW2 stark linear und gescriptet und in der Regel reicht es aus, bis zum nächsten Checkpoint vorzudringen um die Mission voran zu bringen. So musste ich in einer Mission ein Gebäude voller feindlicher Soldaten einnehmen und anschließend den Keller betreten. Minutenlang kämpfe ich mich möglichst taktisch über Treppen, suchte hinter Kisten Schutz, arbeitete gezielt mit Granaten und ließ mich von meinen Kameraden heilen, nur um wenige Meter vor der Kellertreppe doch noch überwältigt zu werden. Beim zweiten Anlauf ließ ich einfach alles links liegen, rannte direkt zur Kellertreppe, triggerte das Script und hörte meine Kameraden „Gute Arbeit, wir haben das Gebäude erobert“, rufen. Als ich mich umdrehte war kein Gegner mehr am Leben. Aha.

Im Multiplayer kannst du aus jeder Menge Waffen auswählen:

Call of Duty - WW2: Waffen - Liste, Bilder und Werte

Insgesamt hat sich am regulären Spielablauf in den letzten zehn Jahren kaum etwas getan. In nahezu jeder Mission gab es einen Moment in dem ich mir dachte, genau das Gleiche bereits in Call of Duty 2 gesehen zu haben. Der Gipfel des archaischen Gameplays sind jedoch die Quicktime-Events, die bereits vor zehn Jahren auf den Müllhaufen der ewig gestrigen Design-Fehlentscheidungen hätten landen müssen. Nichts unterbricht und zerstört den Spielfluss und die Immersion mehr, als mitten in der Action in eine Zeitlupen-Sequenz geworfen zu werden, in der jede Wahrnehmung des eigentlichen Spielgeschehens flöten geht, nur um eine der winzigen Einblendungen rechtzeitig zu erkennen und beim zweiten Mal — denn das erste Mal überlebt nie jemand — erfolgreich zu drücken, damit endlich das Spiel weitergeht. Zeitgemäß, spannend oder gar bereichernd war das noch nie und hat 2017 in keinem Videospiel mehr etwas zu suchen.

Trotzdem schafft es Call of Duty: WW2 an einigen Stellen wichtige Neuerungen in das Weltkriegs-Genre zu bringen. So triffst du in Aachen unter anderem auf deutsche Zivilisten, die du aus dem Kriegsgebiet Evakuieren musst. Weiterhin hilfst du dem französischen Widerstand dabei, Paris zurück zu erobern, wobei du unter anderem in die Rolle der Französin Rousseau schlüpfst. In ihrer Haut infiltrierst du unbewaffnet einen deutschen Stützpunkt, musst dir zuvor aber die Einzelheiten ihrer gefälschten Papier einprägen, um bei der Ausweiskontrolle keinen Verdacht zu erregen. Im Vergleich zu anderen Stealth-Titeln ist das zwar nichts besonderes, im Rahmen eines Call of Dutys aber durchaus eine sehr willkommene Abwechslung.

Trotzdem stellt Call of Duty: WW2 historische Zusammenhänge unterm Strich zu oberflächlich dar. So wurde Paris offenbar innerhalb einer halben Stunde befreit, indem du mit einer Handvoll Freiheitskämpfern ein paar Deutsche auf dem Platz vor Notre Dame erschießt. Wieder was gelernt. An einer Stelle, der wichtigsten, macht Call of Duty: WW2 jedoch Gott sei Dank alles richtig. Wie ich bereits im Voraus vermutete, setzt sich das Spiel auch mit den Schrecken des Holocausts auseinander und beweist in eben jener Szene tatsächlich das nötige Feingefühl, um das Thema mit Respekt und ohne Effekthascherei zu behandeln. Danke.

Neue Impulse im Multiplayer

Auch der Multiplayer setzt auf einige Neuerungen, ohne sich wirklich von seinen Wurzeln zu entfernen. Die wichtigste Änderung ist in diesem Jahr das Hauptquartier. Statt in einem Menü startest du deine Multiplayer-Gefechte in Call of Duty: WW2 in einem Social Hub, in dem du auf andere Spieler triffst, Lootboxen öffnen kannst, deine täglichen Befehle abholst, deine Ausrüstung anpasst, auf dem Schießstand Modifikationen deiner Waffen testest, unterschiedliche Killstreaks ausprobierst oder dir auch spaßige 1v1-Matches gegen andere Spieler liefern kannst. Das Hauptquartier ist eine willkommene und zeitgemäße Änderung, die der Individualisierung deines Soldaten, für die ja gut und gern ein relevanter Teil der Spielzeit drauf geht, einen weitaus dynamischeren Anstoß verleiht.

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Call of Duty - WW2 - Hauptquartier

Stichwort Individualisierung: Die Charaktergestaltung im Multiplayer ist im Gegensatz zu den Quick-Time-Events im Jahr 2017 angekommen. Männlich, weiblich, schwarz, weiß, asiatisch — deine Auswahlmöglichkeiten sprengen die aus älteren Shootern bekannten Optionen Männlich 1, Männlich 2, Männlich 3 und Männlich 4 und erlauben Vielfalt und Inklusion, Völlig frei kannst du das Aussehen deines Soldaten oder deiner Soldatin zwar nicht bestimmten, sondern nur aus einer Handvoll Presets auswählen, aber immerhin. Unterschiedliche Division, vergleichbar mit Klassen aus anderen Shootern, sorgen zudem auch spielerisch für Abwechslung.

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Auf welcher Seite du mit deinem Charakter schließlich spielst, ist dabei übrigens egal. Auch auf Seiten der Achsenmächte kannst du als dunkelhäutige Frau unterwegs sein. In den regulären Spielmodi wie etwa Team Deathmatch spielt die Team-Zugehörigkeit keine Rolle, statt Alliierte und Achsenmächte könnten die Teams genauso gut Team Rot und Team Blau heißen. Relevant wird es erst in der nächsten großen Neuerung von Call of Duty: WW2 — dem War-Modus.

Anders als die typische K/D-Jagd zählt im War-Modus nur das Erreichen unterschiedlicher Ziele, die sich ja nach Fraktion unterscheiden. In Operation Neptune etwa versuchst du als alliierter Soldat den Strandabschnitt Omaha Beach zu erobern, während du auf Seiten der Achsenmächte die Angreifer abwehren musst. Gelingt die Invasion, müssen die Achsenmächte sich zurückziehen und wertvolles Equipment beschützen, das die Allierten versuchen zu zerstören. Jede Operation ist in drei solcher Phasen eingeteilt, die nach jeder Menge Team-Play verlangen. Um das zu unterstützen spielt die Kill-Death-Ratio keinerlei Rolle, sie wird nirgendwo gezählt oder gar angezeigt. Somit wird verhindert, dass Einzelgänger die Missionsziele ignorieren und den Rest des Teams im Stich lassen.

Besonders beeindruckt war ich vom Balancing der War-Maps. Jedes Ziel ist mit einem Zeitlimit versehen und mit Ausnahme einiger Nadelöhre — etwa dem Brückenbau auf Operation Breakout, auf der die Verteidiger noch einen Vorteil zu haben scheinen — fiel die Entscheidung in nahezu jeder Phase erst in den letzten zehn Sekunden. Spannung bis zuletzt also und ein wahrer Adrenalin-Garant. Leider umfasst der insgesamt sehr gelungene War-Modus zum Release nur drei Maps. Das stinkt verdächtig nach DLC. Ähnlichen Spaß hatte ich jedoch im Spielmodus Gridiron, quasi Football mit Maschinengewehren. Amerikanischer geht’s nicht. In der Mitte der Map erscheint ein Ball, den du sicher in den gegnerischen Spawn-Punkt tragen musst. Solange du den Ball trägst, kannst du jedoch deine Waffen nicht benutzen und bist auf die Hilfe deiner Team-Kollegen angewiesen, um freie Bahn zu haben. Wer schon bei FIFA regelmäßig Controller gegen die Wand fliegen sieht, wird auch in Gridiron seinen Spaß haben.

Der Zombie-Modus ist nicht tot zu kriegen

Ein Vorwurf, den sich Call of Duty häufig gefallen lassen muss, ist, dass die Spiele nur einen geringen Umfang haben. Betrachtest du die Kampagne mit ihren sechs bis acht Stunden Spielzeit in einem Vakuum, mag das auch stimmen, aber es wird oft vergessen, dass Call of Duty im Grunde drei Spiele in einem und damit ein echtes Umfangsmonster sind.

So ist natürlich auch in diesem Jahr wieder ein Zombie-Modus mit von der Partie. Team-Play ist hier oberstes Gebot. Ohne die nötige Absprache und Koordination beißt hier selbst die kampfstärkste Gruppe nach einigen Wellen ins Gras. Aber auch wenn die Koordination funktioniert ist der Kampf gegen die Untoten wieder Adrenalin pur. Ich erinnere mich noch gut an eines der Matches, das uns nach gefühlten 20 Minuten schweißgebadet, K.O. und mit den Nerven fertig zurück ließ. Als das Score-Board erschien stellten wir zu unserer Überraschung fest, dass gerade ganze 50 Minuten wie im Flug vergangen sind.

Team-Player, Adrenalin-Junkies und Horror-Fans kommen also auch in diesem Jahr voll auf ihre Kosten. Diesmal geht es in den vierziger Jahren finsteren Nazi-Zombies an den Kragen. In der Star-Besetzung sind diesmal unter anderem David „Doctor Who“ Tennant und der deutsche Schauspieler Udo Kier mit dabei.

Zusammenfassung und Fazit

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Viele Spieler lieben es Call of Duty zu hassen. Jedes Jahr das gleiche, keine Innovation und belangloser Hurra-Patriotismus wird der Reihe vorgeworfen. Call of Duty: WW2 kann sich diesen Vorwürfen zumindest zum Teil erwehren, indem es wichtige Akzente setzt, die das Weltkriegs-Shooter-Genre ein wichtiges Stück voran bringen, auch wenn gerade die Kampagne nach wie vor Meilen hinter Titeln wie Valiant Hearts oder This War Of Mine zurückbleibt. Aber Call of Duty ist eben keine Indie-Perle sondern ein Triple-A-Blockbuster und als solcher leistet er genau das, was von ihm erwartet wird: Verdammt gute Unterhaltung.

Wird dir gefallen, wenn du von Spielen in erster Linie unterhalten werden willst und seit langem schon wieder Lust auf einen Weltkriegs-Shooter hast.

Wird dir nicht gefallen, wenn du von Call of Duty eine 180-Grad-Wendung erwartest und Quicktime-Events auf den Tod nicht ausstehen kannst.

Wertung

8/10
Getestet von Alexander

Der neuste Teil der Reihe erfindet das Rad nicht neu, setzt aber dennoch wichtige, zeitgemäße Impulse und bietet vor allem eins: Verdammt gute Unterhaltung.

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Weitere Themen: Call of Duty, E3 2017, Infinity Ward/Sledgehammer Games

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