Call of Juarez: The Cartel Test - The Dumb, the Bad and the Ugly

Jonas Wekenborg
7

Ich schlage eine neue Bauernregel vor: “Eine Kuh im Koma sollte man nicht mehr melken.” Klingt nicht griffig, passt aber sehr gut zu Call of Juarez: The Cartel. Denn um ein paar letzte Dublonen aus dieser ohnehin nicht so erfolgreichen Reihe zu pressen, haben sich Publisher Ubisoft und Entwickler Techland geradewegs in die Steinzeit modernisiert. Wilder Westen ist nicht mehr, der verfluchte Goldschatz ist gestrichen – worum geht es hier eigentlich noch?

Call of Juarez: The Cartel Test - The Dumb, the Bad and the Ugly

Das Mendoza-Kartell, ein in den Südstaaten und Mexiko operierender Ring von Drogen- und Menschenhändlern, verübt einen Anschlag auf die amerikanische Behörde zur Bekämpfung von Drogendelikten, die DEA. Da der Polizist Ben McCall sowohl mit einem der Hauptverdächtigen als auch einem der Opfer in Vietnam war, wird die alte Knautschfresse zum Anführer eines Spezialteams ernannt, das jetzt dem Kartell so richtig einheizen soll. Zu ihm gesellen sich der DEA-Ermittler Eddie Guerra und die FBI-Agentin Kim Evans, gemeinsam sollen sie die Verbrecherorganisation sabotieren. Außerdem gibt es eine wichtige Zeugin, die Tochter von McCalls getötetem Freund, die nun natürlich Schutz braucht.

Er war ein Cop, ein verdammt stumpfer…
Klingt etwas konstruiert, nicht wahr? Wäre aber völlig ausreichend, wenn das Konstrukt nicht so ein wackeliges Fundament hätte, denn die Story kann sich im Verlauf der Kampagne nicht entscheiden, welchem der Handlungsstränge sie denn gerade folgen will. Aus dem vorliegenden Plot hätte man vielleicht einen zweistündigen Film machen können, aber eine Spieldauer von sieben bis neun Stunden ist einfach zu viel für dieses Klappergestell einer Handlung, so dass immer neues Füllmaterial hineingepresst wird. Es ist, als leide der Drehbuchautor am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Eben noch sabotieren wir eine Marihuana-Plantage, dann beschützen wir das Mädchen, dann verprügeln wir einen Informanten, danach klauen wir dem Kartell Geld, dann wieder das Mädchen…

Die Handlung ist also nicht sehr erfreulich. Fans aber wissen: Call of Juarez steht und fällt mit seinen Charakteren, rauen Anti-Helden wie Reverend Ray McCall. Der alte Ben sieht seinem Vorfahren auch recht ähnlich (Er hat einen Hut! Und sein Vorname hat nur drei Buchstaben! Anspielung gelungen!), ist aber ansonsten einfach der stereotype Bad Cop, wie wir ihn dank Charles Bronson und Clint Eastwood unzählige Male gesehen haben. Schlechter sogar, denn die ihn charakterisierenden Momente sind vereinzelt und schwach geraten.

Bei seinen Kollegen sieht es auch nicht besser aus. Agent Evans folgt der immer noch erschreckend verbreiteten Idee, dass Brüste und Humorresistenz echte Charaktereigenschaften ersetzen können. Eddie Guerra aber schießt den Klischee-Vogel ab, er ist das öligste, großkotzigste Abziehbild eines Latinos seit Scarface. Ich behaupte nicht, dass jeder Charakter bis in die letzte Ecke politisch korrekt sein muss, aber Guerra ist korrupt, drogen- und glücksspielsüchtig, drückt sich fast nur in Begriffen wie “homes” oder “mamacita” aus und kleidet sich wie Andy Garcias Zuhälter. Man sollte ihm vielleicht noch einen Sombrero aufsetzen und einen Zahnstocher im Mundwinkel platzieren.


Noch gravierender ist, dass die drei gar lustigen Gesellen sich nicht leiden können. Normalerweise bedeutet das, dass sie einige Abenteuer miteinander erleben, sich dann näherkommen und am Ende unzertrennliche Freunde sind. Nicht so hier: bis zum Schluss keifen sich die drei Amigos an oder röhren wie die Platzhirsche, wessen Behörde denn nun den längeren Zuständigkeitsbereich hat. Man könnte all das vielleicht tolerieren, wenn es sich auf Zwischensequenzen beschränken würde. Leider sickert es aber auch ins eigentliche Spiel durch.

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