Dead Space 2 - Nachgeforscht: Woher kommen die Ideen des Gruselschockers?

David Hain

Dass „Dead Space“ ziemlich krass ist, wissen nicht nur die Bayern, denen der schaurig-blutige Horrortrip sogar ein Appelationsverfahren wert war, sondern natürlich auch wir – die Spieler. Wir schrecken zusammen, kauern vor der Konsole, bevor wir um eine Ecke linsen, ekeln uns, wenn die Körperteile fliegen. Dabei ist das alles eigentlich ziemlich kalter Kaffee, schließlich bedient sich Entwickler Visceral Games lediglich gängigster Horror-Stilelemente. Doch woher kommen die grausigen Einfälle? Welche Einfluss haben Kino, Literatur und Popkultur? Und wer hat überhaupt damit angefangen? Wir forschen nach. Leichen
So morbide es auch klingt, aber ein großer Inspirationsfaktor für „Dead Space“ sind echte Leichen. Der Legende nach stieß das Entwicklerteam von Visceral Games in der frühen Konzeptionsphase schnell an seine kreativen Grenzen, Man konnte sich schlicht nicht auf einen Look der grausigen Necromorphs einigen, schließlich sollte deren Wirkungen auf den Spieler maximal beängstigend sein. Die zündende Idee kam von Produzent Glen Schofield, der sich von befreundeten Pathologen Bilder von Unfallopfern zukommen ließ. „Was wir da sahen, war schockierend. Aber so verstanden wir, wie fragil der menschliche Körper ist und welche grausamen Deformationen möglich sind. Wir mussten unfassbare Grausamkeiten zeigen, die gleichzeitig aber realistisch wirken. Das ging nun mal nur mit echten Leichen.“

Das Ding aus einer anderen Welt
Wenn man nur eine Inspiration nennen müsste, bei der sich „Dead Space 2“ offensichtlich bedient, dann kann die eigentlich nur „Das Ding aus einer anderen Welt“ lauten. Der grandiose Horrorschocker von John Carpenter löste bei Erscheinen eine hitzige Debatte aus, wie viel Gewalt im Kino nötig ist. Gelegen hat’s vorwiegend an den superben Effekten, die (natürlich allesamt handgemacht) auch heute noch schön schaurig wirken. Nie zuvor und im Grunde auch nie wieder danach zeigte ein Film so detailliert und kreativ, was man mit Fleisch, Blut und Schleim anstellen kann. Mutationen abartigster Couleur, mal tentakelbewehrt, mal völlig abseits jeglicher biologischer Normen – necromorphiger geht's eigentlich kaum.

Alien
Während „Das Ding“ als Vorbild für die blutigen Splattereffekte in „Dead Space“ diente, fußen die atmosphärischen Schockmomente ganz eindeutig auf Ridley Scotts „Alien“. Statt der eher  actionorientierten Nachfolger setzte der Erstling noch auf schieren Terror, zeigte das Alien sogar bis kurz vor Schluss gar nicht. Ganz so dezent gibt sich „Dead Space“ zwar nicht, aber wenn die Necromorphs uns mal wieder aus einer dunklen Ecke heraus anfallen, verdanken wir das ganz eindeutig dem Science-Fiction-Klassiker. Auch die Idee, einen Einzelgänger als Helden ins Zentrum zu stellen, lässt sich hierhin zurückverfolgen. Nur hieß die in  „Alien“ eben Ripley.  Und hatte Brüste.

Event Horizon
„Event Horizon“ als direkte Inspiration für „Dead Space“ zu bezeichnen, wäre im Grunde blanker Hohn. Denn obwohl der hervorragende Sci-Fi-Horror unter Genrefans als unterschätztes Sci-Fi-Juwel gilt, klaut er doch letzten Endes nur fröhlich bei „Alien“ und Co. zusammen. Aber: „Event Horizon“ hatte auch eigene Ideen, vor allem in Punkto Bildsprache. Während die anderen Science-Fiction -Filme ihre Gewalt nämlich meist nur andeuteten, holte Regisseur Paul W.S. Anderson ordentlich mit der Fleischkeule aus und hielt in den Ekelmomenten voll drauf. „Event Horizon“ strotzte vor archaischer Brutalität. Gerade das extrem blutige Finale und die abartigen Höllensequenzen dürften Vorbildfunktion für ein paar der heftigen Todes- bzw. Sterbeanimationen in „Dead Space“ gehabt haben.

Die Fliege
Wenn man schon die Begriffe Mutation und Transformation in den Raum wirft, darf selbstverständlich auch David Cronenberg, der Ur-Vater des Body-Horrors, nicht unerwähnt bleiben. Dessen Remake von „Die Fliege“ zeigte 1986 äußerst grafisch, was im Bereich „Mensch-wird-zum-Fleischklumpen“ noch alles möglich ist. Die Geschichte vom Wissenschaftler Seth Brundle, der sich durch ein fehlgeschlagenes Teleportationsexperiment langsam in ein groteskes Mischwesen aus Mensch und Fliege verwandelt, ist ja eigentlich schon krass genug. Dass Cronenberg aber gerade im Finale den Mumm hat, das auch noch zu bebildern, ungleich mehr. Wenn Brundle kurz vor Schluss mit seinem Teleporter verschmilzt und dann als pulsierender Fleischkoloss aus dem Apparat hervor kriecht, wird 90% der Zuschauer auch heute noch schlecht. Wenn das keine Inspiration ist.

Die Körperfresser kommen
„Der Feind kommt aus den eigenen Reihen“, lautete die Tagline des Horrorklassikers, in dem ein komplettes Dorf von Außerirdischen heimgesucht und unterwandert wird. Nach und nach beginnen sich die Bewohner zu verändern und in sektenähnlichen Grüppchen zu formieren. Ein Element, das man auch in „Dead Space“ wiederfindet. Dort ist es der „Marker“ genannte Obelisk, der die Menschen langsam in rasende Monster verwandelt. Niemand ist davor sicher, niemandem kann man noch trauen.

Tanz der Teufel
Es ist ein Feature, dass der USK im Prüfungsverfahren zur Alterseinstufung von „Dead Space“ wahrscheinlich den kalten Schweiß auf die Stirn getrieben haben dürfte: Strategic Dismemberment nennt es sich und beschreibt die Art, wie sich Held Isaac Clarke der Necromorphs entledigt. Die hören nämlich selbst nach mehrmaligem Beschuss nicht auf, Isaac anzugreifen. Erst wenn wir mit dem sogenannten Plasmacutter gezielt ihre Gliedmaßen abtrennen, ist Schluss mit lustig. Ein ebenso blutiger, wie hässlicher Vorgang – den sich „Dead Space“ sehr wahrscheinlich bei einem Pionier des Horrorfilms abgeguckt hat. 1981 zeigte Sam Raimi in seinem Regiedebut „Tanz der Teufel“ zum ersten Mal in Großaufnahme genau diesen Vorgang, um sich der Dämonen des Films zu entledigen. Damals ein Skandal – bis heute ist die deutsche Fassung des Kultklassikers beschlagnahmt.

Haunted House
Die Wenigsten werden es wissen, aber als Vorlage für seinen Sci-Fi-Meilenstein „Alien“ diente Ridley Scott ursprünglich das Genre der „Haunted Mansion“-Filme, also jener Horrorstreifen, die die Mär vom spukenden Geisterschloss erzählen. Davon gibt es so viele, dass wir uns eine Aufzählung lieber sparen, aber „Amytiville Horror“ oder „House on Haunted Hill“ kann man wohl getrost als die bekanntesten Vertreter bezeichnen. Der Aufbau ist hier immer gleich: Eine junge Familie in beengten Verhältnissen, aus der Tiefe des Kellers tönen grausige Laute, Türen knarren, Schatten huschen. Scott übertrug dies auf sein „Alien“, statt Türen sind es dort halt Rohrleitungen. Und wer hat sich dieses Schockerelement noch abgeguckt? Die Antwort dürfte mittlerweile klar sein.

Das Ende so ziemlichen jeden Horrorfilms
Wer „Dead Space“ noch nicht gespielt hat und sich nicht spoilern lassen möchte, sollte jetzt nicht weiterlesen. Wer das Ende von Isaacs Horrortrip hingegen kennt, wird sich mit Schaudern daran erinnern, wie sich das Spiel in die Credits verabschiedet. Kurz nachdem wir nämlich erfahren haben, dass unsere geliebte Frau längst tot ist, den Endgegner besiegen und uns an Bord eines Rettungsfrachters in Sicherheit wähnen, fällt uns im letzten Bild plötzlich die völlig entstellte Vision von Isaacs Geliebter an – und: Schwarzblende. Ein klassisches Stilelement des Horrorfilms, mit dem nahezu jede große Reihe die Zuschauer auf dem letzten Meter noch schocken möchte (und die Weichen für eine Fortsetzung stellen will). Freitag der 13., Nightmare on Elm Street, The Ring – sie alle haben’s gemacht, warum also nicht auch „Dead Space“.

Weitere Themen: Dead Space 2 Demo, Dead Space, Visceral Games

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