Skandal um "Dead Space 2" - Die Hintergründe des USK-Gerangels

David Hain

„Dead Space 2“ soll per Vetoverfahren doch um die Alterskennzeichnung gebracht werden (wir berichteten) – und wird somit womöglich nicht in Deutschland erscheinen. Wir rollen den Fall auf und blicken hinter die Kulissen des Weihnachts-Spieleskandals.

Als „Dead Space“ im Jahr 2008 in Deutschland erschien, war die Überraschung vielerorts groß. Damit ist an dieser Stelle nicht einmal die hohe Qualität des superben Survival-Schockers gemeint, sondern die Tatsache, dass der extrem blutige Horrortrip überhaupt in den Läden stand. Und obendrein auch noch völlig ungeschnitten. Dabei hätte jeder Spieleredakteur im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte Monate zuvor noch schwören können, dass ein Spiel, in dem man seinen Gegnern mit dem Schneidbrenner die Glieder vom Leib fräst, gerade in Zeiten der Killerspieldebatten nie den großen Teich überschreiten würde. Zumindest nicht unversehrt.

Doch manchmal sind sie eben unergründlich, die Wege der USK. So auch in diesem Jahr: Vergangene Woche vermeldete Electronic Arts stolz, aber entnervt, man habe endlich eine Freigabe für den zweiten Teil erhalten: „Dead Space 2“ erscheint mit „USK 18“-Siegel. Dieses Mal jedoch nicht ohne Schnitte – die „Friendly Fire“-Option im Mehrspielerpart war den Prüfern dann wohl doch zu hart. Es war bereits das fünfte Prüfungsverfahren. Wie der Vorgänger, fiel auch „Dead Space 2“ in den ersten Runden stets durch, bekam vom USK-Gremium keine Freigabe erteilt. EA ging wiederholt in Revision, erwirkte dann in letzter Instanz, dem Beiratsverfahren, die Freigabe ab 18 Jahren.

Dem ungetrübten Metzelspaß am 27. Januar 2011, dem Erscheinungstag der heiß ersehnten Fortsetzung, hätte somit also eigentlich nichts im Wege stehen können. Wenn da nicht der Freistaat Bayern wäre, der es sich in den letzten Jahren besonders nachhaltig zum Ziel gesetzt hat, sich als letzte Bastion der Moral in Deutschland zu berufen. Mit regider Härte wird dort seit geraumer Zeit der Kampf gegen die verpönten Killerspiele geführt – das aktuellste Opfer heißt nun „Dead Space 2“.

Trotz bereits erfolgter USK-Prüfung hat jedes Bundesland die Möglichkeit, ein Veto einzulegen. Dieses sogenannte Appelationsverfahren wurde eingeführt, um trotz eines deutschlandweit vereinheitlichten Jugendschutzgesetzes, die Belange und Ansichten der einzelnen Bundesländer zu wahren. Somit kann ein bereits bestehendes Urteil im Nachhinein angefochten werden, um notfalls kontrollierend in die Belange der USK eingreifen zu können. Und genau auf dieses Recht beruft sich nun Bayern: Vor einigen Tagen kündigte die Oberste Landesjugendbehörde an, ein Appelationsverfahren anzustrengen. Damit muss EA „Dead Space 2“ ein weiteres, mittlerweile sechstes Mal zur Prüfung bei der USK einreichen und bangen.

Denn statt Vertretern aus der Spieleindustrie und erfahrenen Prüfern der BPjM, setzt sich das Gremium des Appelationsverfahrens überwiegend aus Landesvertretern zusammen – die Gefahr eines politisch motivierten Urteils ist also groß. Auch wenn dies bisher noch unbegründetes Vorveruteilen ist, würde dies doch recht anschaulich ins Bild der bisherigen bayrischen Hetzkampagne passen.

Warum man bisher noch nicht von diesem Veto-Recht gehört hat? Weil bisher noch nie davon Gebrauch gemacht wurde – „Dead Space 2“ könnte damit das erste prominente Opfer des Appelationsverfahrens werden. Denn die Folgen eines Negativurteils sind für das Spiel und vor allem Publisher EA dramatisch. Verweigert das USK-Gremium die Einstufung, müsste Electronic Arts „Dead Space 2“ ungeprüft auf den Markt bringen. Im Falle der PC-Version wäre eine sofortige Indizierung unvermeidlich, denn in Deutschland dürfen Spiele nur dann indiziert werden, wenn eine USK-Einstufung fehlt.

Schlimmer sieht es bei den Konsolenfassungen aus: Da sowohl Sony als auch Microsoft strenge Auflagen bezüglich gewalthaltiger Spiele haben, dürfen ungeprüfte Titel in Deutschland nicht ohne USK-Siegel erscheinen. EA hätte massive Einbußen zu befürchten, vor allem auch deshalb, weil zum Zeitpunkt des zu erwartenden Urteils die Pressewerke bereits heiß laufen dürften. Das Appelationsverfahren wird nicht vor der zweiten Januar Woche durchlaufen sein, „Dead Space 2“ soll aber schon am 27. Januar erscheinen. EA muss also zwangsläufig produzieren – und bleibt so notfalls auf einem riesigen Berg BluRay-Discs sitzen. Ein Desaster!

Entsprechend empört gibt sich der Publishing-Gigant. Dr. Olaf Coenen, Geschäftsführer von Electronic Arts Deutschland, fasst die letzten Monate frustriert zusammen: „Wir sind seit Juli 2010 mit der USK im Gespräch über Dead Space 2. Es gab insgesamt fünf USK-Prüfungen mit der finalen Entscheidung, das Spiel zu kennzeichnen. Danach haben wir – so wie das in den 30.000 Fällen zuvor auch Praxis war – die weiteren Produktionschritte unternommen. Nun wurde das Kennzeichen völlig überraschend und für uns nicht nachvollziehbar wieder kassiert. Die sechste Prüfung soll jetzt irgendwann im Januar erfolgen – bei einem Spiel, bei dem sich alle Beteiligten einig sind, dass es nur für Erwachsene angeboten werden soll. Das ist aus unserer Sicht absurd.“

Coenen appelliert an die Vernunft der bayrischen Landesvertreter und fordert diese auf, das Appelationsverfahren einzustellen. Derartige Bitten dürften in Bayern jedoch auf taube Ohren stoßen. „Dead Space 2“ könnte sich dort als Präzedenzmaßnahme ausstellen lassen, möglicherweise um den Tatendrang der bayrischen Politik zu untermauern. Lange schon möchte man die Killerspiele verbannen, damit auch endlich die Wurzel allen Übels und der Amoklauf an sich ausgemerzt sind. Dass dabei in diesem Fall tatsächlich auch erhebliche finanzielle Schäden auf dem Spiel stehen, scheint man im Freistaat ob des überbordenden Holzhammeraktionismus zu vergessen.

Was bleibt uns Spielern in diesem Fall zu tun? Nun, zunächst einmal nicht viel mehr als Abwarten und Teetrinken. Wer sich hingegen engagieren möchte, kann dies tun: EA hat extra eine Dead Space 2 Petition ins Leben gerufen, die unter dem Motto „Ich will Dead Space 2 spielen können“ Stimmen der Fans sammelt. Derzeit steht der Beteiligungscounter bei knapp 25000 Fürsprechern. Möglicherweise lässt das einige Landesvertreter erweichen. Das Ergebnis sehen wir spätestens, wenn die Regale am 27. Januar leer bleiben. Zu dumm, dass es dagegen kein Appelationsverfahren gibt…

Weitere Themen: USK, Dead Space 2 Demo, Dead Space, Visceral Games

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