Dead Space 2 Test - Wie gut ist Dead Space 2 wirklich?

Tobias Heidemann

Wenn sich das Bundesland Bayern einschaltet, dann muss der Fall schon brenzlig sein. Per Appellationsverfahren sollte die Auslieferung von „Dead Space 2“ gestoppt werden, ein Spiel also, das für die konservative Landesregierung eindeutig zu viel des Guten ist.

Wie schon Teil eins, der ebenfalls nur mit Glück die USK-Hürde genommen hat. Ist „Dead Space 2“ also wirklich zu krass für Deutschland oder einfach nur ein großartiges Spiel?

Worum geht's?

Fassen wir noch mal kurz zusammen:  In „Dead Space“ verschlägt es den Ingenieur Isaac Clarke auf die USG Ishimura. Der mächtige Raumkreuzer hatte Notsignale gesendet, bis dann plötzlich die Funkverbindung völlig abbrach. Isaac ist Teil eines Rettungsteams, der Einsatz pure Routine. Zumindest solange, bis sich die Schleusen der Ishimura schließen und der blanke Horror losbricht: Abscheuliche Kreaturen, Necromorphs genannte Berge aus totem Fleisch, Blut und Tentakeln,  dezimieren die Rettungscrew, von der nur Isaac übrig bleibt. Später findet er heraus: Die Kreaturen sind in Wirklichkeit die mutierte Crew der Ishimura. Verantwortlich ist der Marker, ein außerirdisches Artefakt. Am Ende zerstört Isaac den Marker, sein Schicksal bleibt ungewiss.

Teil zwei erzählt nun – im Grunde noch einmal dasselbe. Isaac erwacht nach drei Jahren aus dem Koma, im Herzen der Raumstation „Titan Station“. Und schon beginnt der Alptraum von vorn – inklusive panischer Crewmitglieder, die sich entweder blutig verwandeln, blutig zerfetzt werden oder bereits blutig verstümmelt den Boden säumen. In jedem Fall ist aber Blut im Spiel. Natürlich gibt es einen neuen Marker, natürlich feiert auch die Unitologen-Sekte ein Revival und auch Isaacs Frau Nicole bekommt ihr Gastspiel. Alles beim Alten also.

Wie sieht es aus?

„Alles beim Alten“, ein Motto, das für viele Aspekte in „Dead Space 2“ gilt. Visceral Games lässt hier gar nicht erst auf große Experimente ein. Wozu auch? Schließlich hat das Gemenge aus Blut, Knobeleien und Action schon im Vorgänger hervorragend harmoniert. „Dead Space 2“ bleibt ein Survival-Schocker der unerbittlichsten Sorte, der euch an die Grenzen der eigenen Gruseltoleranz führen wird. Nach Release des Vorgängers mehrten sich die Berichte, dass eine Vielzahl der Käufer mitten im Spiel pausierten oder gar ganz aufhörten – der Schockfaktor von „Dead Space“ war immens und forderte seinen Tribut.

EA kündigte daraufhin an, Teil zwei zu verharmlosen. „Mehr Action, weniger Grusel“ hieß das Credo – für Fans nicht unbedingt ein Grund zur Freude. Geblieben ist davon nicht mehr als hohles Marketing-Säbelgerassel, denn im Grunde hat sich weder der Actionanteil drastisch erhöht, noch müsste man beim Gruselfaktor derbe Einschnitte beklagen. Schreckhafte Naturen dürften wahrscheinlich schon nach den ersten fünf Minuten abschalten, wer es länger durchhält und kein Problem mit derber Erwachsenenunterhaltung hat, erlebt später einige schweißtreibende Passagen, in denen der Plasmacutter deutlich häufiger zum Einsatz kommt.

Zum Glück gibt es abermals das Hauptfeature von „Dead Space“ und den offensichtlichsten Grund für die bayrisches Regierungsschelte: das Strategic Dismemberment. Um sich seiner Angreifer zu erwehren, muss Isaac per Plasma Cutter die Gliedmaßen abtrennen – was regelmäßig für herrliche Schweinereien sorgt. Überhaupt bewegt sich der Goregehalt auch dieses Mal haarscharf am Rande des Erträglichen. Gleich in der ersten Szene des Spiels, schält sich unserem Gegenüber das Fleisch vom Kopf, nur wenig später schneidet sich ein anderer NPC in Großaufnahme die Kehle auf, sprudelndes Blut besudelt die Scheibe hinter ihm. Isaac nimmt solche Momente immer noch erschreckend gelassen hin, reagiert in den seltensten Fällen geschockt – vielleicht der einzige Vorwurf, den man den Entwicklern im Verlauf der Gewaltdiskussion machen kann.

Was uns gefällt:

Wir könnten an dieser Stelle das hervorragende Kreaturendesign loben, die beachtlich geschmeidige Steuerung oder das motivierende Upgradesystem. Aber wenn es eine Sache in „Dead Space 2“ gibt, die exemplarisch für den großartigen Produktionswert des Horror-Meisterstücks  steht, dann das konkurrenzlose Sounddesign: Wenn in scheinbar endlosen Gängen schmerzverzerrte Frauenstimmen unseren Namen flüstern oder hinter uns eine Gasleitung reißt, bekommen selbst knallharte Gamer nervöse Zuckungen. Tiefe Bläser und zitternde Geigen begleiten jeden von Isaacs Schritten ins Ungewisse, wird es spannend, erhebt sich der morbide Soundtrack zu einem kreischenden Crescendo, das erst dann wieder abklingt, wenn auch auf dem Bildschirm Ruhe eingekehrt ist. Vor allem mit einer Dolby Surround-Anlage ergibt das einen wabernden Teppich der Unbehaglichkeit, der wahrscheinlich sogar eure Nachbarn um den Schlaf bringt.

Ansonsten hat sich Visceral alle Mühe gegeben, die wenigen Probleme des Erstlings auszumerzen. Elednige Backtracking-Passagen, die euch immer wieder in bereits besuchte Levelabschnitte schicken, gibt es nicht mehr. Im Gegenteil: Die insgesamt 15 Kapitel sind abwechslungs- und ideenreich, clever aufgebaut, exzellent designt und – trotz Dunkelheit und Blut als tragende Stilelemente – schlicht wunderschön. Zunächst regiert der kühle Stahl der Titan Station, später schleichen wir dann durch die schummrigen Gänge einer verlassenen Unitologen-Kathedrale, brechen auf dem Rücken eines gigantischen Minenbohrers durch die Planetenoberfläche und stehen kurz vor Schluss sogar im Bauch einer alten Bekannten. Und dabei bleibt es immer spannend, immer fordernd, immer bösartig.

Überhaupt können wir nur unseren Hut ziehen: Wie Visceral es schafft, in 12 Stunden Spielzeit keine Langeweile aufkommen zu lassen, dabei Spannung und Terror stets am Limit zu halten, ohne das sich große Abnutzungserscheinungen einstellen oder generisch zu werden, zeugt von ganz hoher Spieldesignschule.

Was uns nicht gefällt:

Tja-ha, wo sollen wir da bloß anfangen. Die Liste der Unzulänglichkeiten in „Dead Space 2“ ist sozusagen – ach lassen wir das: Tatsache ist nämlich, dass sich auch Viscerals zweiter Ausflug in den toten Raum wenige bis gar keine Patzer erlaubt. Da muss man als Hauptkritikpunkt schon anführen, dass „Dead Space 2“ dem Vorgänger zu stark ähnelt – was man angesichts dessen Güte wiederum kaum als Nachteil werten kann. Die Wucht, mit der uns vor drei Jahren der Erstling eiskalt erwischt hat, verspürt man mittlerweile natürlich nicht mehr. Und drastische Änderungen, nein, die gibt es auch nicht wirklich.

Die Story ist leider weiterhin nicht mehr als bloßes Gerüst, um den passenden Rahmen für fliegendes Gedärm und abgetrennte Gliedmaßen zu bieten. Isaac kann jetzt reden, reagiert auf seine Mitmenschen – zu sagen hat er dabei aber eigentlich nichts. Tatsächlich sind sämtliche Vorgänge auf der Titan Station erschreckend nah an dem, was Isaac auf der USG Ishimura erlebt hat. Da wäre ein Storytwist hier oder da sehr erfrischend gewesen.

Fazit:

Wenn nach zwölf Stunden die Lichter endlich wieder angehen, Isaac Clarke den Plasma Cutter zur Seite legt und auch die letzte Körperregion fachmännisch zertrennt ist, werdet ihr am Ende sein. Eure Hände  schweißgebadet, der Puls rasend, die Pupillen geweitet. Vor Angst. Aber auch, weil euch  Action, Terror und Spannung das Adrenalin in die Venen pumpen. „Dead Space 2“ ist wie sein Vorgänger in erster Linie eine Erfahrung, ein Test – seid ihr Manns genug, es durchzuhalten? Hoffentlich schon, andererseits entgeht euch ein moderner Klassiker. Inhaltliche Deja Vus sind da doch geschenkt...

Wertung: 91%

Weitere Themen: Dead Space 2 Demo, Dead Space, Visceral Games

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