Dark Dreams Don't Die Test: Mord am Mainstream

Robin Schweiger
4

„F..K in the Coffee“ – mit diesen Worten begann einst der Kult um „Deadly Premonition“, den selbst Chef-Entwickler Hidetaka „SWERY“ Suehiro so wohl niemals hätte planen können. Kann „Dark Dreams Don’t Die“ den hohen Erwartungen seiner Fans gerecht werden, oder haben wir bereits alles gesehen, was der japanische Designer zu bieten hat?

Dark Dreams Don't Die Test: Mord am Mainstream

d4-teaser

Die Geschichte von „Dark Dreams Don’t Die“ mischt fröhlich altbekannte Genre-Tropes mit scheinbar unergründlichen, kreativen Einfällen aus dem offensichtlich wahnsinnigen Hirn von Chef-Entwickler SWERY: „Look for D“ – die letzten Worte seiner sterbenden Ehefrau haben sich unwiderruflich in den Kopf des ehemaligen Polizisten und heutigen Privatdetektivs David Young gemeißelt. Auf der Suche nach ihrem Mörder bedient er sich nicht nur der Hilfe seines ehemaligen Partners Forrest (der nur Namen und Aussehen mit seinem „Deadly Premonition“-Zwilling teilt), sondern auch seiner Fähigkeit, durch die Zeit zu reisen. So landet er schließlich in einem Flugzeug auf dem Weg nach Boston, um dort das unerklärliche Verschwinden eines verdächtigen Drogenkuriers aufzuklären. Ebenfalls dabei: Löcher im Zeit-Raum-Kontinuum, extravagante Mode-Ikonen und eine Action-Sequenz, in der mit dem Bein einer Schaufensterpuppe Baseball gespielt wird. Logisch.

„D4“ behält die größten Stärken seines indirekten Vorgängers „Deadly Premonition“ und befreit sie aus ihrem Shooter-Korsett, sodass ich mich nun ganz auf die einzigartige Atmosphäre und Geschichte des Spiels konzentrieren kann. Die halbgaren Baller-Sequenzen sind passé, stattdessen kommt „Dark Dreams Don’t Die“ im Stile eines Telltale-Adventures daher. Als David Young laufe ich ohne großen Zeitdruck durch die Szenarien und untersuche alle Gegenstände, die mir in die Quere kommen.

Im Gegensatz zu seinen „The Walking Dead“- und „The Wolf Among Us“-Pendants lässt sich David Young jedoch nicht direkt über den linken Analogstick steuern. „D4“ greift auf eine typischerweise aus PC-Adventures bekannte Point & Click-Steuerung zurück, bei der ich den Cursor wahlweise mit dem Stick oder – dank Kinect – mit meinem Arm über den Bildschirm bewege. Wirklich praktikabel ist keine der beiden Steuerungsarten: Mit Kinect schmerzt mein Arm nach einiger Zeit dank der konstanten Streck-Bewegung, während ich bei der Nutzung des Analogsticks nur sehnsüchtig auf meine PC-Maus starrte.

„D4“ macht mir die Interaktion mit seiner Spielwelt unnötig schwer, belohnt meine Mühen jedoch mit einer Handvoll verrückter wie vielschichtiger Charaktere, die ihren SWERY-Ursprung jederzeit in die Welt hinausbrüllen. Gelegentlich kommt mir das etwas gewollt vor, etwa wenn mir die Hauskatze Amanda in Form einer Badeanzug tragenden Frau entgegen gesprungen kommt, und das weder David, noch Forrest irgendwie seltsam finden oder jemals ansprechen. Die meisten der Figuren überzeugen jedoch dank zahlreicher, optionaler Dialogoptionen, die ihnen überraschend viel Tiefe geben und aus ihnen mehr als bloße Anime-Klischees machen. Das geht von der panischen Passagierin Deborah Anderson, die lautstark den nahenden Absturz des Flugzeugs heraufbeschwört, bis zum gruseligen Phillip Cheney, der seine Wut nur mit kräftigen Zügen aus einem Inhalierer unter Kontrolle zu halten scheint.

SWERY macht es mir unmöglich zu erkennen, welcher Charakter nun einfach nur verrückt ist und wer mit einer versteckten Motivation daherkommt. Dadurch wird „D4“ zu mehr, als nur irgendeiner Aneinanderreihung möglichst verrückter Szenarien und Figuren. Es nutzt die sonderbare Natur seiner Charaktere, um mir immer wieder den Teppich unter den Füßen wegzuziehen und meinen scheinbar absurden, lustigen Aktionen überraschend reale Konsequenzen entgegenzustellen.

Trotz zahlreicher Parallelen zu „Deadly Premonition“ schafft es „Dark Dreams Don’t Die“ so bereits nach kürzester Zeit eine ganz eigene Identität aufzubauen. All die Elemente, die das Action-Spiel vor vier Jahren zu einem solchen Kult-Hit werden ließen, sind nun ebenfalls vorhanden, jedoch völlig neu verpackt. Das ist dann auch die größte Überraschung: „D4“ macht auch spielerisch einiges richtig.

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Wiederholter Wahnsinn

Neben der Hauptstory bekomme ich nämlich von jeder der Figuren optionale Aufgaben, bei denen oftmals das Zeitreise-Element zum Tragen kommt. So treffe ich im Flugzeug etwa auf den Agenten Derek Buchanan, der nur mit mir reden möchte, wenn ich ihm eine aktuelle Tageszeitung aus Boston bringe. Das stellt eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit dar, weil die besagte Zeitung sich nicht in dem Flugzeug befindet. Ich kann meine Zeitreise jedoch jederzeit unterbrochen und in Davids Apartment zurückkehren. Dort kann ich dann nicht nur nach der Zeitschrift für meine Nebenaufgabe suchen, sondern auch dutzende, freischaltbare Items sammeln. Für einige der Nebenaufgaben sind sogar Gegenstände nötig, die ich erst später in der Geschichte bekomme, womit „Dark Dreams Don’t Die“ mit sehr viel mehr Wiederspielwert daherkommt als seine Genre-Kollegen.

Natürlich dürfen auch die obligatorischen Quick-Time-Events nicht fehlen und da, man möchte es kaum glauben, lohnt sich dann tatsächlich einmal die Kinect-Steuerung. Statt einfach nur einzelne Knöpfe zu drücken ahme ich die Aktionen Davids ziemlich genau nach, wodurch sich die Action-Sequenzen überraschend mitreißend spielen. Dank der sehr viel weniger offensichtlichen Interface-Elemente kann ich auch den Geschehnissen auf dem Bildschirm einfacher folgen. Mit dem Controller bin ich stattdessen so sehr auf die Einblendung der zu drückenden Knöpfe konzentriert, dass ich nur wenig von der Action dahinter mitbekomme. Praktischerweise kann ich jederzeit zwischen den beiden Steuerungsarten wechseln, sodass ich in den ruhigen Passagen zum Controller greife, um in den Action-Sequenzen dann vollen Körpereinsatz zu zeigen.

Die Charaktere werden durch einen einzigartigen Grafikstil passend in Szene gesetzt, während der Soundtrack schon jetzt zu einem meiner Jahres-Highlights gehört. Da verzeihe ich dann gerne die unnötig nervigen, ständig aufploppenden HUD-Elemente, die immer wieder ein Drittel des Bildschirms zu überlagern scheinen.

Fazit:

„Dark Dreams Don’t Die“ ist so unglaublich kreativ und einzigartig, dass ich dem Spiel seine Schwächen leicht verzeihen kann. Mit einer spannenden Geschichte, wahnsinnig interessanten Charakteren und zahlreichen, unvorhersehbaren Twists überzeugt „D4“ als unvergleichliche Umsetzung der Vision eines einzelnen Mannes, der wenig darauf gibt, ob sie nun massenkompatibel ist, oder nicht.

Wertung

8/10
Getestet von Robin

Ein Ausdruck purer Kreativität: SWERY bietet einzigartige Unterhaltung, die ich nicht mehr missen möchte.

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