Warum gute weibliche Charaktere immer ein Gewinn sind [Kommentar]

Martin Eiser
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In Dishonored 2 kannst Du entscheiden, ob Du als Mann oder als Frau spielst. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum das Schleich-Abenteuer weiblicher geworden ist. Beispiele dafür gibt es nämlich im ganzen Spiel und sie haben ihm sichtlich gut getan.

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Dishonored 2 im Test

Es ist falsch, wenn sich ein Spiel dem Diktat einer Minderheit unterwirft, um damit einem Gesellschaftsmodell nachzueifern, das keine Zukunft hat. Das gilt vor allem dann, wenn es der Erfahrung keinen Mehrwert hinzufügt. Es darf nicht sein, dass hier ein vermeintlicher Kulturkampf geführt wird, der mit den Spielen selbst nichts zu tun hat. Ein Spiel soll einfach nur allen Spaß machen. Doch so logisch das klingt, abseits von Lara Croft und Samus Aran regt sich immer noch ein merkwürdiger Widerstand gegen weibliche Charaktere in Videospielen. Einige haben offenbar Probleme, sich vorzustellen, dass sich für sie gar nicht so viel ändert. Dishonored 2: Das Vermächtnis der Maske zeigt beispielsweise sehr gut, wie eine solche Welt aussehen kann – ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

Wenn Du bei einem Streifzug durch die Straßen von Karnaca darauf achtest, dann sollte Dir auffallen, dass Dishonored 2 tatsächlich weiblicher geworden ist als sein Vorgänger. Und das hängt nicht nur damit zusammen, dass Du nun auch Emily steuern kannst, Meagan Foster Dir ihr Schiff für das Abenteuer zur Verfügung stellt und Delilah eine wirklich gelungene Gegenspielerin ist. Auch unter den restlichen Figuren befinden sich erstaunlich viele Frauen. Bei manch einem schrillen jetzt wahrscheinlich schon die Alarmglocken: „Wieder so ein Political-Correctness-Mist?“. Ganz und gar nicht. Diese Entwicklung ist ein Gewinn für das Stealth-Abenteuer, denn es wird dadurch abwechslungsreicher und erhält ein paar interessante Facetten.

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Vielfältigere Charaktere

Frauen reden anders, reagieren in bestimmten Situationen anders, verhalten sich anders in Gruppen, haben andere Ziele und Wünsche, kleiden sich anders und haben einen anderen Körperbau. Das soll nicht heißen, dass alle Frauen gleich sind oder sie sich immer von Männern unterscheiden müssen. Es bedeutet lediglich, dass mit weiblichen Charakteren auch eine ganze Palette neuer Möglichkeiten für die Entwickler zur Verfügung steht. Und sich ernsthaft mit diesem Thema zu befassen, führt auch zu weniger klischeebeladenen und damit glaubwürdigeren Figuren. Dishonored 2 verzichtet nicht darauf, auch bekannte Abziehbilder zu benutzen – Delilah ist ein Beispiel dafür, die mit ihrem Auftreten ein bisschen übersexualisiert wirkt. Doch durch die Fülle an unterschiedlichen Figuren, ergibt sich trotzdem ein besonders vielfältiges Gesamtbild.

In Dishonored: Die Maske des Zorns waren die meisten Frauen noch Opfer, Bedienstete oder Prostituierte. Sie wurden lediglich als wehrlose Wesen dargestellt. Die Entwickler haben im Vorfeld bereits angekündigt, dies im neuen Spiel besser machen zu wollen. Nun erlebst Du Frauen auch in Führungspositionen – sowohl unter Deinen Verbündeten als auch bei den Feinden. Sie tauchen an so ziemlich jeder Stelle auf. In Dishonored 2 gibt es eine breite Palette unterschiedlicher weiblicher Charaktere. Mal sind sie abgrundtief böse, mal freundlich oder mitfühlend, aber auch gerissen, arm oder mächtig und reich. Sie sind alles das, was Männer auch sein können und brechen damit aus dem sonst oft vorherrschenden Einheitsbrei heraus, der alle immer nur gleich machen will.

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Willkommen in der Wirklichkeit

Es geht bei dieser Diskussion übrigens nicht darum, eines der beiden Geschlechter zu bevorzugen. Frauen sind nicht besser oder schlechter als Männer. Doch mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist weiblich. Das nicht auch entsprechend zu berücksichtigen, ist genau genommen eine Verzerrung der Realität. Weil unter den Entwicklern viele Männer sind, fehlt dort natürlich auch manchmal einfach der Blick dafür, dieses Defizit zu erkennen. Tatsächlich aber kann diese einseitige Darstellung ein Grund dafür sein, warum Frauen schlechter Zugang zu vielen Spielen finden, da ihnen einfach die Identifikationsfiguren fehlen.

In den letzten Jahren hat sich bereits viel getan, aber noch immer gibt es Kontroversen darüber, wenn Entwickler starke weibliche Charaktere einbinden wollen – als schwache Nebencharaktere gehen sie allerdings in Ordnung. Begründet wird das oft damit, dass es sich nur um einen Kulturkampf handeln würde. Es scheint eine Angst zu bestehen, dass durch das bewusste Einbinden von Frauenfiguren etwas verloren ginge. Ganz unbegründet ist dieses Gefühl natürlich nicht. Für Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau müssen Männer fürchten, dass sie alleinige Macht und ungeteilte Aufmerksamkeit abgeben müssen. Das aber ist an vielen Stellen längst Realität und sollte sich auch in Videospielen wiederfinden dürfen.

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Fesselndere Geschichten

Die Abbildung dieser Realität heißt natürlich nicht, dass Frauen immer und überall auftauchen müssen. So wie es Inhalte für ein gemischtes oder weibliches Publikum gibt, sollte es auch solche für ein explizit männliches Publikum geben. Außerdem gibt durchaus Beispiele dafür, bei denen sich die eingebundene weibliche Figur nur wie ein nettes Gimmick anfühlt und nicht wie eine sinnvolle Erweiterung. Doch Frauenfiguren sollten kein Feature sein, sondern Normalität – auch wenn wir davon noch ein Stück entfernt sind. Schon heute würde sich in manchen Geschichten auch mal eine Heldin besser machen. Assassin’s Creed könnte auch mal ein weibliches Aushängeschild vertragen. Viel öfter noch aber macht es bei vielen Nebenfiguren einfach keinen großen Unterschied, welches Geschlecht sie haben. An dieser Stelle sollten Frauen ernsthaft in Erwägung gezogen werden, denn es verdoppelt die Möglichkeiten der Entwickler, und im Ergebnis bekommst Du eine bessere und abwechslungsreichere Handlung.

In Dishonored 2 ähneln sich beispielsweise die beiden Handlungen von Corvo und Emily. Beide müssen erkennen, dass Macht bewusst oder unbewusst dazu führen kann, sich von den Problemen der einfachen Bevölkerung zu entfernen. Ungerechtigkeit bleibt so meist unerkannt. Ob sie daran etwas ändern wollen, hängt wiederum auch von Deinen Entscheidungen ab. Diese Ähnlichkeit ist notwendig, um unabhängig von Deiner Wahl am Anfang des Spiels trotzdem die gleiche Geschichte erzählen zu können. Und dennoch haben nun alle Spieler die Wahl zwischen einem weiblichen und einem männlichen Charakter, die jeweils über sehr verschiedene Fähigkeiten verfügen. Auf diese Weise fällt es auch Spielerinnern leichter, sich mit der Figur zu identifizieren.

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Dishonored 2: Fähigkeiten von Emily und Corvo im Detail

Die Hälfte der Macht den Frauen

Und obwohl ich persönlich weiterhin finde, dass Corvo und respektive auch Emily etwas blass in ihrer Rolle bleiben – wohl auch, um eine bessere Projektionsfläche für viele Spielerinnen und Spieler bieten zu können – ist Dishonored 2 zumindest mal ein Spiel, in dem Du einen weiblichen Charakter spielen kannst, der nicht nett sein muss. Dishonored 2 lässt Dir schließlich nicht nur die Wahl, in die Rolle von Corvo oder Emily zu schlüpfen, sondern Du hast selbst in Der Hand, wie brutal Du vorgehst und wen du verschonst. Du entscheidest, welche Fähigkeiten die von Dir gewählte Figur beherrscht, und dazu gehören auch solche für den Nahkampf. Emily macht sich auch die Hände schmutzig, wenn Du es so wünschst.

Solche Möglichkeiten durch Spiele, in denen es nicht nur schwache, sondern auch starke, weibliche Charaktere gibt, sind immer ein Gewinn. Sie sorgen für mehr Vielfalt und bringen mehr Frauen dazu, selbst zum Controller zu greifen. Sie können helfen, die gesellschaftliche Akzeptanz von Videospielen zu erhöhen, weil sie sich endlich auch an die gesamte Gesellschaft richten und nicht nur an eine Minderheit, die Angst davor hat, ihre Macht zu verlieren. Gerade ein Spiel wie Dishonored 2 zeigt, dass diese Angst völlig albern ist. Das Spiel profitiert von der neuen Vielfalt – spielerisch und inhaltlich. Es rückt Frauen nicht in den Mittelpunkt, macht sie nicht zu etwas Besonderem. Es zeigt einfach eine ganz normale Welt, in der die Hälfte der Macht den Frauen gehört.

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Wie gut kennst Du Dishonored? (Quiz)
Wessen wird Hauptcharakter Corvo beschuldigt?

Mit Hilfe übernatürlicher Kräfte wirst Du in Dishonored zur ultimativen Waffe des Zorns. Ob Du mit Deinem Wissen gewappnet bist für den im November erscheinenden zweiten Teil Das Vermächtnis der Maske, findest Du im Quiz heraus!

Weitere Themen: Videospielkultur, Bethesda Softworks

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