Dishonored 2 im Test: Jeder Weg ist das Ziel

Martin Eiser
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Manche Spiele liebst Du, weil sie Dir genau das geben, was Du von ihnen erwartest. Und gelegentlich überraschen sie Dich auch mal. Dann hast Du sie besonders gern. Warum das Stealth-Adventure Dishonored 2 in genau diese Kategorie gehört, erfährst Du in meinem Test.

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Dishonored 2 im Test

Als vor vier Jahren Dishonored: Die Maske des Zorns erschienen ist, überzeugte das Spiel vor allem durch seinen außergewöhnlichen Stil und die auf den Punkt gebrachten Spielmechaniken. Im düsteren Dunwall wollte der kaiserliche Schutzherr Corvo Attano seine Unschuld beweisen und die entführte Tochter der ermordeten Kaiserin retten – eine detaillierte Zusammenfassung der Geschichte gibt es in unserem Video-Feature. Das Spiel war damals ein würdiger Neuzugang für das Stealth-Genre. Der Hauptcharakter blieb zwar etwas blass, aber spielerisch gab es nichts zu nörgeln. Die vielen Lösungswege waren fantastisch und Dir wurde sogar die Möglichkeit gegeben, das Spiel komplett gewaltfrei und unentdeckt abzuschließen.

Ich war trotzdem skeptisch, ob sich Entwickler Arkane Studios mit einem Nachfolger steigern kann. Dishonored hat Spaß gemacht, aber ich empfand die Handlung und die Charaktere nach dem Durchspielen als erschreckend flach. Natürlich kann dieser Punkt ein bisschen vernachlässigt werden, wenn die Spielmechaniken stimmen. Aber in einer Fortsetzung würde mich auch die Welt weniger reizen, denn die kenne ich schließlich schon. Und auch bei den Fähigkeiten würde der überraschende Moment fehlen. Womit also sollte mich Dishonored 2 begeistern?

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Mit Stil und Eleganz

Doch Dishonored 2: Das Vermächtnis der Maske hat einfach in jedem Bereich nachgelegt. Die düstere Stimmung von Dunwall findet sich ebenfalls in der neuen Stadt Karnaca wieder. Auch hier leiden die einfachen Leute – aber durch den sonnigeren Schauplatz wird eine ganz andere Atmosphäre erzeugt. Während die letzte Insel einen viktorianischen Einschlag hatte, liegt Serkonos sehr weit im Süden. Bei der Architektur und dem Flair sind Parallelen zu den Mittelmeerländern auszumachen. Außerdem gibt es keine Teilung der Stadt, wodurch der Kontrast zwischen armer und reicher Bevölkerung weniger offensichtlich zu Tage tritt.

Bei Corvo hat sich hinsichtlich der Fähigkeiten nicht viel verändert. Wenn Du aber ein frisches Repertoire an Kräften haben willst, kannst Du Dich kurz nach dem Beginn des Spiels für Emily entscheiden. Mit Domino kann sie beispielsweise das Schicksal mehrerer Gegner verknüpfen. Stirbt einer, erleiden die anderen das gleiche Schicksal. Zusammen mit der Fähigkeit namens Doppelgänger kannst Du das Spiel sogar noch weiter treiben, denn Deine Kopie wird so zur Voodoo-Puppe. Sehr praktisch ist auch die Möglichkeit, sich in einen Schatten zu verwandeln, um durch Rohre oder Gitter zu strömen. Die Ratten von Corvo können das nicht.

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Dishonored 2: Fähigkeiten von Emily und Corvo im Detail

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Die ungewöhnliche Welt und die Fähigkeiten von Corvo und Emily sind schon ziemlich cool, aber das herausragende Merkmal von Dishonored 2 bleibt weiterhin das Leveldesign. Die Entwickler haben große, offen gehaltene Level geschaffen, die trotzdem klare Grenzen haben. Du musst Dir jeden Abschnitt des Spiels wie einen Spielplatz vorstellen, auf dem Du Dich austoben kannst. Es gibt zwar auch ein paar schlauchige Passagen, aber selbst dann versuchen die Entwickler über Vertikalität die Möglichkeiten zu erhöhen. Besonders ausgeprägt ist dieses Konzept im Kapitel mit dem Maschinenhaus, das räumlich deutlich sichtbar begrenzt ist – es ist schließlich ein Haus. Gleichzeitig lassen sich einige Räume wie bei einem Fahrstuhl bewegen oder aber zumindest Teile davon verändern.

Am Anfang eines Levels gibt es immer ein klares Ziel. Und als Attentäter hat das oft genug damit zu tun, jemanden töten zu müssen. Meist findest Du erst in dem Level selbst Hinweise darauf, für welchen anderen Weg Du Dich entscheiden kannst – ein Weg, der weniger blutig ist und damit weniger Chaos erzeugt. Dass viele Figuren dabei über geskriptete Events gesteuert werden, also kein echtes Eigenleben haben, sondern nur auf mich reagieren, stört übrigens überhaupt nicht. Dishonored 2 will sich nicht an Open-World-Konzepten die Finger verbrennen. Es gibt Dir die Freiheit nur, damit Du den Spielstil durchziehen kannst, der Dir persönlich besser liegt.

Den überwiegenden Teil der Möglichkeiten entdeckst Du wahrscheinlich selbst. Bei der Suche nach Runen, die Du zum Ausbau der Fähigkeiten brauchst, und Knochenartefakten, die als ausrüstbare Talente fungieren, wirst Du automatisch nahezu jeden Winkel eines Levels erkunden. Der Trieb, alles zu entdecken, steckt wohl in den meisten von uns. Im sechsten Kapitel wartet im Staubbezirk – in dem es übrigens wiederkehrende Sandstürme gibt – ein ziemlich schweres Logikrätsel. Um an die Lösung zu kommen, kannst Du entweder zwei Parteien gegeneinander ausspielen oder den Stadtteil nach einem Schlüssel absuchen. Ich löste das Rätsel allerdings allein und ganz ohne diese zusätzliche Hilfestellung, weswegen ich die Erkundung des Areals hätte überspringen können. Aus reiner Neugierde, die Möglichkeiten dieses Spiels zu entdecken, bin ich anschließend trotzdem noch ein bisschen durch die Straßen gestromert, um versteckte Objekte und Wertsachen zu finden.

Sehr schön ist aber auch, dass Dich Dishonored 2 hin und wieder trotzdem aus der Reserve lockt, indem in einigen Kapiteln bestimmte Vorgehensweisen blockiert sind oder zumindest erschwert wurden. In einem Abschnitt funktionieren beispielsweise Corvos oder eben entsprechend Emilys magische Fähigkeiten nicht mehr und Du musst Dich auf Dein eigenes Können verlassen. Sowieso stecken in Dishonored 2 viele gute Ideen, die die Erfahrung abwechslungsreich gestalten, ohne dass eine von ihnen so sehr überstrapaziert wird, bis sie nervt.

Entscheidungen mit mehr Gewicht

Nun fühlt sich die Erfahrung bisweilen sehr nach einem Spiel an, dass Dir Freiheit nur vorgaukelt. Die Kapitel haben kaum Einfluss aufeinander und es ist relativ leicht auszumachen, was eine gute und was eine schlechte Entscheidung ist – und das in einer Zeit, wo viele Hersteller versuchen, genau Letzteres zu verschleiern. Aber selbst in dieser Hinsicht hat sich Dishonored 2 im Vergleich zum Erstling deutlich weiterentwickelt. Abgesehen davon, dass überhaupt nichts falsch daran ist, einfach nur Spiel sein zu wollen, steckt in dem Action-Adventure eine überraschende Tiefe.

Obwohl die meisten Entscheidungen sehr durchschaubar sind, triffst Du natürlich trotzdem immer Deine eigene. Und selbst wenn alle Charaktere einen guten Grund für ihr Handeln haben, macht es ihre Taten deswegen nicht ungeschehen. Jeder hat seine eigene Wahrheit. Und so wie Du in der Rolle von Corvo und Emily über andere richtest, so richtet das Spiel am Ende über Dich. Manche Entscheidungen haben einen größeren Einfluss auf das Ende, einige fallen kaum ins Gewicht. Es ist wirklich großartig, sobald Du diese Zusammenhänge erkennst. Doch wie so vieles in Dishonored 2, kannst Du nur das entdecken, was Du auch suchst.

Das Einzige, das mich immer noch wurmt, ist dass am Ende trotzdem so viele Fragen offen bleiben. Aber wahrscheinlich ist die Geschichte von Dishonored einfach noch nicht zu Ende.

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Dishonored 2: Das Vermächtnis der Maske – Live-Action-Trailer

Mein Test-Fazit zu Dishonored 2: Das Vermächtnis der Maske

Spielerisch habe ich mir ohnehin keine Sorgen um Dishonored 2 gemacht. Die hatte ich seit der Ankündigung des Spiels nicht. Die vielfältigen Lösungswege und der wunderbare Stil von Dishonored würden immer eine solide Grundlage für ein unterhaltsames Spiel bieten. Aber meine Erwartungen wurden selbst hier übertroffen. Es gibt zwei spielbare Charaktere, die sich zwar in der Handlung kaum unterscheiden, aber in den Spielmechaniken sehr divers sind. Die Intelligenz der Gegner hat zwar gelegentliche Macken, aber ist in der Regel angenehm fordernd. Und auch das Leveldesign ist wieder herausragend und bietet noch mal mehr Möglichkeiten als beim Vorgänger.

Überrascht hat mich, dass es den Entwicklern diesmal besser gelungen ist, mich in das Spiel eintauchen zu lassen. Zuträglich ist natürlich die Entscheidung, Corvo endlich sprechen zu lassen – auch wenn ich mir für ihn als auch für Emily eine passendere deutsche Synchronstimme gewünscht hätte. In erster Linie sorgen dafür allerdings die ausgesprochen spannenden Nebencharaktere und die kleinen Geschichten um sie herum. Und mit Delilah bekommst Du außerdem eine der besten Gegenspielerinnen, die es in den letzten Jahren in einem Videospiel gab. Damit ist Dishonored 2 ein sehr rundes Paket geworden, das überwältigend viel Spaß macht.

Dishonored 2: Das Vermächtnis der Maske ist seit dem 11. November 2016 für PC, PlayStation 4 und Xbox One erhältlich.

 

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Wessen wird Hauptcharakter Corvo beschuldigt?

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Wertung

9/10
Getestet von Martin

Der Star in Dishonored 2 ist weiterhin das Leveldesign, aber die interessanten Charaktere und ein paar clevere Spielmechaniken machen dieses Stealth-Abenteuer besser als seinen Vorgänger.

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