Das Dream-Daddy-Experiment: Was denken schwule Väter wirklich über die Dating-Sim?

Victor Redman

In der Dating Simulation Dream Daddy schlüpft der Spieler in die Rolle eines schwulen Single-Vaters, der den Mann fürs Leben sucht. Die Entwickler wollen so die LGBTQ-Repräsentation in Videospielen unterstützen. Ich habe das Game mit zwei echten schwulen Vätern angezockt.

Wolltest du schon immer mal wissen, wie es ist, als schwuler Single-Vater auf der Suche nach dem geeigneten Partner zu sein? Wenn du dieses Frage mit Ja beantworten kannst, dann ist Dream Daddy: A Dad Dating Simulator das Spiel für dich.

Die Dating Simulation aus der Indie-Schmiede Game Grumps feierte im Juli Release auf Steam und hat sich seitdem zu einem echten Überraschungshit gemausert. Das Spiel konnte bereits an die 1700 positive Bewertungen verbuchen; zahlreiche Let’s Plays sind der Neuveröffentlichung gewidmet und auch Fan Art geistert durchs Netz.

Du willst noch mehr Indie-Games? Die gamescom 2017 liefert die unzählige: 

gamescom 2017: Mit diesen Spielen feiert der Indie Arena Booth sein 5-Jähriges

Die Entwickler dürften sich am meisten über den Erfolg ihres etwas anderen Spiels freuen. Ihr Wunsch war es von Anfang an, eine Zielgruppe zu repräsentieren, die sonst in Videospielen eher nicht vorkommt. Dieses Ziel hat Dream Daddy wohl erreicht – oder?

Um das herauszufinden, habe ich das ungewöhnliche Game mit zwei Vertretern der vermeintlichen Zielgruppe angezockt. Bjoern und sein Mann Alexander sind schwul – und inzwischen auch Väter. Seit etwa einem Jahr sind sie Hauptbezugspersonen für einen Siebenjährigen. Das machen sie gut – so gut, dass sie nun auch in der VOX-Sendung „Mein Kind, Dein Kind“ regelmäßig Erziehungsratschläge geben dürfen. Ob Dream Daddy sie wohl begeistern kann?

“Das ist schlimmer als eine ganze Staffel Gilmore Girls!” – Bjoern

Zunächst sind wir alle belustigt von der Aufmachung des Spiels. Dream Daddy präsentiert sich in einer klassischen Zeichentrick-Optik, die sich durch weiche Linien, Pastellfarben und sporadisch aufflackernde Herzchen auszeichnet. Es könnte auch ein Barbie-Cartoon sein – nur, dass hier statt Barbie und ihren Model-Freundinnen ausschließlich gut gebaute Männer die Spielwelt bevölkern.

Diese Prachtexemplare sind es auch, die als Flirtobjekte zur Verfügung stehen. Unterstützt von Tochter Amanda versucht der Spieler, mit einem oder mehreren Herren im beschaulichen Städtchen Maple Bay anzubandeln. Hierzu muss der Dream Daddy nur die richtige Fragen stellen oder selbst die richtigen Antworten geben. Und das könnte spannender sein.

„Ich bin nach 11 Minuten dieses Spiels schon komplett komatös“, klagt Bjoern. „Das ist schlimmer als eine ganze Staffel Gilmore Girls!“

“Eine Ansammlung von Klischees” – Bjoern

Bei Alexander löst schon die Auswahl der potentiellen Traumpartner Gelächter aus. Die unterschiedlichen Traumtypen kann er auf Anhieb zuordnen: „Das ist der Styler-Schwule. Und da, der Fitness-Schwule! Oh, und den Kirchen-Schwulen gibt's auch. Und er heißt Joseph. Natürlich heißt er Joseph!“

Tatsächlich erinnern die Männer in Dream Daddy in Sachen Präsentation und Tiefgang ein wenig an die Schlümpfe – nur dass sie eben nicht blau sind, sondern schwul. Was Alexander zumindest anfänglich noch belächeln kann, findet Bjoern gruselig. „Das ist eine Ansammlung von Klischees“, meint er. „Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, das hat sich irgendeine Omi ausgedacht, die allein mit ihren siebzehn Katzen in den US-Südstaaten wohnt und sich so Schwule vorstellt.“

Auch LGBTQ: Life is Strange - Before the Storm in der Vorschau

Obwohl Bjoern als auch Alexander wenig angetan sind, spielen sie tapfer weiter. Große Begeisterung will sich aber auch im weiteren Spielverlauf nicht einstellen. Dafür tut sich einfach zu wenig. Handlungsmöglichkeiten, Frage- und Antwortoptionen sind wenig abwechslungsreich und kommen über das Niveau einer Teenie-Soap kaum hinaus. „Das ist schon alles sehr statisch“, findet Bjoern. „Das hätte man sicher action-reicher gestalten können.“

“Immer dieses verklemmt schlüpfrige Gerede!” – Alexander

Schließlich gelingt es den beiden, für ihren Dream Daddy ein Date mit dem heißen Craig zu organisieren. Ein gemeinsamer Camping-Trip bietet die Möglichkeit, den perfekten Waschbrettbauch des Schwarms zu bewundern. Die Textbox am unteren Bildschirmrand verrät, wie sehr dieser Ablick den Dream Daddy anmacht – ohne dabei zu direkt zu werden. Der Text liest sich wie aus einem Twilight-Roman entliehen. Werden die Charaktere im Spiel intimer miteinander, wird das Bild schwarz. Alexander ist genervt. „Immer dieses verklemmt schlüpfrige Gerede, und dann das! Was soll das denn? Alle wissen, es geht um Sex.“

CHANGE: Darf Obdachlosigkeit ein Spiel sein?

Begeisterung klingt anders. Erwartungsgemäß mau fällt auch das Fazit für den Überraschungshit aus. „Das ist das unnützteste Stück Software, das ich seit langem gesehen habe“, urteilt Alexander. „Übertroffen wird es nur vom Bundeskanzler-Simulator.“

Bildergalerie Dream Daddy - Screenshots

„Das spielen vielleicht so Kreischschwestern, die das dann lustig finden“, meint Bjoern. „Das ist ein Gag. Das ist wie Karaoke singen auf ‘ner Party. Ich hoffe, dass kein Mensch ernsthaft davon ausgeht, dass dieses Spiel eine politische oder sonstige Annäherung an das Thema Homosexualität sein soll.“

Abschließend bleibt unabhängig der Erfahrungen der beiden Väter aber festzuhalten: Jedes Spiel, welches sich der LGBTQ-Thematik annimmt, ist ein gutes Spiel. Schön wäre es nur, wenn es dabei eher in Richtung Life is Strange, Gone Home, A normal Lost Phone oder eben die Geschichte von Tracer aus Overwatch ginge. In all diesen Storys wird Homo- und Transsexualität als das dargestellt, was es ist: vollkommen normal. 

Neue Artikel von GIGA GAMES