Motion Sickness: Wenn Spielen wortwörtlich zum Kotzen ist

Kristin Knillmann
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Die meisten von uns spielen täglich Videospiele ohne dabei auch nur die geringste Einschränkung zu haben. So ein gemütlicher, stundenlanger Gaming-Abend ist aber nicht jedem gegönnt: Neben Spielern mit Schwerstbehinderung oder Farbenblindheit, gibt es nicht wenige Videospiel-Fans, denen beim Zocken nach kurzer Zeit kotzübel wird.

Motion Sickness: Wenn Spielen wortwörtlich zum Kotzen ist

Was ist Motion Sickness und wie entsteht es?

Diese Übelkeit, die beim Spielen auftreten kann, nennt sich Motion Sickness. Motion Sickness wird in der deutschen Wikipedia auch als Spielübelkeit aufgeführt, wobei die meisten von euch wohl am ehesten mit dem Begriff „Reisekrankheit“ vertraut sein dürften. Reisekrankheit ist die, die hin und wieder dann auftritt, wenn man auf langen Strecken im Auto hinten sitzt und dann noch versucht, ein Buch zu lesen. Im Augenwinkel ziehen Landschaft und Autos vorbei, während das Auge auf einen festen Punkt im Buch fixiert ist – und schwupps, wird einem schlecht.

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Beim Lesen im Auto, wie auch beim Spielen einiger Videospiele, ist das Gehirn durch widersprüchliche Information verwirrt: Das Auge nimmt eine Bewegung wahr und meldet sie ans Gehirn. Die Flüssigkeit in den semizirkulären Kanälen des Innenohrs, die Körperbewegungen registriert, meint allerdings: nö, da ist gar nix. Die Person sitzt still im Auto oder vor dem PC.

Jetzt kommt das sogenannte Area Postrema, oder auch Brechzentrum, des Gehirns ins Spiel. Das denkt aufgrund der widersprüchlichen Infos nämlich, man halluziniere und sei vergiftet – und will den Körper durch Erbrechen von den (nicht vorhandenen) Giften befreien.

Die Symptome, die dadurch entstehen, reichen von Blässe, Schweißausbruch und Kopfschmerzen über Schwindel und Übelkeit bis hin zu Erbrechen.

Wer ist von Motion Sickness betroffen?

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Obwohl es nur wenig wissenschaftliche Studien zum Thema Motion Sickness in Videospielen gibt, belaufen sich Schätzungen auf eine stolze Anzahl von 10-50% betroffenen Spielern, die zu unterschiedlichen Graden mit der Beeinträchtigung zu kämpfen haben (Quelle: The Guardian).

Selbst US-amerikanische Recherchen anhand von militärischen Flugsimulatoren ergaben, dass die Hälfte aller teilnehmenden Soldaten nach der Benutzung Schwindel und Übelkeit aufwiesen.

Bedeutet im Umkehrschluss, dass ein großer Anteil bis sogar zur Hälfte ALLER Spieler nicht uneingeschränkt zocken kann, ohne nach einer Weile mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr selbst von Spielübelkeit betroffen seid oder sie zumindest schon mal wahrgenommen habt, ist also gar nicht so gering. Dabei wird das Thema unter Videospiel-Fans eher selten angeschnitten – häufig aus Angst, vom eigenen Umfeld als minderwertig wahrgenommen zu werden, wenn man körperlich nicht in der Lage ist, den neuen First-Person-Shooter zu spielen.

Spielst du noch oder kotzt du schon?

Noch eine Hausnummer schwieriger wird es, wenn man als Videospiel-Redakteur betroffen ist. Da kann dann mitunter auch die Berufswahl drunter leiden. Ein Glück, dass die Übelkeit bei mir selbst nur in sehr speziellen Fällen auftritt:

Titel, dessen Kamera sich komplett ungewöhnlich verhält, machen mir nach spätestens einer halben Stunde Schwierigkeiten. Da wäre zum Beispiel das Indie-Spiel Among the Sleep, das mich sein Horror-Szenario aus den Augen eines Kindes beobachten lässt. Während ich also über den Boden krabbele, simuliert es mir recht originalgetreu, wie sich die Welt für so einen kleinen Wonneproppen anfühlt. Und die sieht man dann eben aus einer ganz anderen Perspektive und aus den Augen eines nie still stehenden Kinderkopfes.

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BioShock Infinite mit seiner Sky-Line und den in den Cutscenes teils massiven Kameraschwenks hat es mir auch nicht immer leicht gemacht. Der König unter meinen Motion-Sickness-Titeln ist allerdings Stacking von Double Fine. Das Puzzle-Adventure steckt mich in diverse Matrjoschka-Puppen, die unglücklicherweise keine Beine und Füße zur Fortbewegung haben. Weil Stehen bleiben und Däumchen drehen keine Option ist, watschel ich also als russische Schachtelpuppe durch die Gegend – und die Kamera wackelt bei jedem einzelnen “Schritt” ganz sanft mit, um mir auch ja zu zeigen, dass ich grad in so einer verdammten Puppe stecke.

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Aber eigentlich will ich da nur wieder raus. In meinem Magen baut sich nämlich langsam ein ganz seltsames Gefühl auf. Die Stresshormone, die mein Körper jetzt ausschüttet, bereiten mich schon darauf vor, dass es mir – sollte ich weiterspielen – gleich richtig schlecht gehen wird. Und dann hilft nur noch der Aus-Knopf der Konsole.

Christian Burtchen, ehemals leitender Redakteur bei PC Games, hat ebenfalls mit Motion Sickness zu kämpfen. Bei ihm äußert sich das Problem bei allen Spielen in der First-Person-Ansicht, völlig unabhängig von Genre und Mechanik. Außer, sie laufen zu langsam um eine flüssige Bewegung zu simulieren, sagt er. Besondere Schwierigkeiten hat der Software-Entwickler, wenn er bei Spielen mit dynamischen Perspektivwechseln zuschaut. Batman Arkham Asylum oder jeder Raum in Tomb Raider werden so zur echten Qual.

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Doch eine hektische Kamera oder fehlende Spielfigur als Bezugspunkt sind längst nicht alle Gründe für das Auftreten der Spielübelkeit. Der Grad der Übelkeit ist bei den Betroffenen so unterschiedlich stark, wie es auch persönliche Ursachen gibt.

Mancher kommt mit Lens Flare (Licht-Reflexionen) gar nicht klar und muss deswegen Mass Effect 3 meiden. Manch anderer hat Probleme damit, nur einzelne Körperteile, aber nicht die ganze Spielfigur zu sehen – Mirror's Edge adé.

Selbst schlechte Texturen, niedrige Auflösung oder die eigene Birne zu nah vor dem Bildschirm können Auslöser für Motion Sickness sein. Einer der mitunter häufigsten Gründe ist der im Spiel verwendete Blickwinkel. Bietet ein Spiel nur einen Blickwinkel von 60-70 Grad oder ungewöhnlichen 110 Grad statt der üblichen 90 Grad, ist das menschliche Gehirn oft überfordert.

Besonders fies ist dann nur noch die Erweiterung der wackeligen Kamera: wenn das halbe Spiel so stark wackelt, als hätte grad jemand Gangnam Style aufgedreht. Bewegen sich der Kopf der Spielfigur oder die Waffe mit jedem Schritt mit, dann nennt man das “Head Bob” bzw. “Weapon Bob”. Ein Feature, das Immersion bieten soll, aber bei 20 Minuten Gears of War durchaus mal 3 Stunden Übelkeit und Kopfschmerzen auslösen kann.

Auf der nächsten Seite geht es weiter mit: Die Spieleindustrie und Motion Sickness! Und was kann man denn nun tun, wenn man betroffen ist?

Weitere Themen: Oculus Rift, Call of Duty: Advanced Warfare, Half-Life, Among the Sleep, Stacking, Bioshock Infinite, Mass Effect 3, Techland

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