FIFA 17 im Test: Ein knapper Lat­ten­schuss – jetzt mit Test-Video!

Lukas Flad
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FIFA 17 mach einiges richtig, einiges falsch und einiges so wie jedes Jahr. Dennoch ist es keine schlechte Fußballsimulation. Nur nicht die, die sie hätte sein können.

Seien wir mal ehrlich: Was Dich am meisten interessieren dürfte, ist doch, wie The Journey ist. Immerhin stellt der neue Story-Modus in FIFA 17 eine der mitunter größten Neuerungen dar, welche die Serie in den letzten Jahren erhalten hat. Und tatsächlich könnte die Reise von Alex Hunter richtig Spaß machen, wenn EA nicht bei einem Prototypen geblieben wäre.

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FIFA 17 im Test

Die twitternde Mutter

In The Journey schlüpfst Du in die Rolle von Alex Hunter, der als Profispieler die Premier League erobern will. Dass Du dabei einen bereits modellierten Alex spielen musst und Dir keinen eigenen Charakter erstellen darfst, ist der erste Wermutstropfen. Erzählt wird die Geschichte unter anderem durch cineastische Zwischensequenzen, welche dank der erstmals genutzten Frostbite Engine wirklich hübsch aussehen. In den Filmchen kommt es immer wieder vor, dass Du darüber entscheiden darfst, was Alex sagen soll. Diese Dialog-Optionen werden Dir in klassischer RPG-Manier à la Mass Effect präsentiert und erlauben die Wahl zwischen drei Antworttypen, die jeweils andere Auswirkungen haben. So treibt eine coole Antwort das Verhältnis zum Manager nach oben, wohingegen ein hitzköpfiger Satz den Fans gefällt. Letztere sind beispielsweise für Verträge mit den Sponsoren wichtig.

Natürlich wird in The Journey aber auch klassischer Fußball gespielt. Sowohl in normalen Ligaspielen als auch im Training verbesserst Du Alex‘ Fähigkeiten und empfiehlst dich im Optimalfall für die Startelf. Auf dem Platz übernimmst Du dann entweder die Rolle von Alex oder die des gesamten Teams – also ganz ähnlich zum Be-A-Pro-Modus, der bereits aus den vergangenen FIFA-Ablegern bekannt ist.

Der Story-Modus mag sich auf dem Papier ganz nett lesen, wird aber in der Praxis nicht konsequent genug umgesetzt. Ein Grund hierfür sind die Zwischensequenzen, die leider keinen Tiefgang haben: Warum kann ich mit meinen Teamkollegen nach einem Sieg nicht feiern gehen? Warum wird die Beziehung zu meinem ehemaligen Freund und jetzigen Rivalen so sparsam behandelt, dass mir der daraus entstehende Konflikt absolut egal ist? Und warum twittert meine Mutter eigentlich immer über mich, anstatt einfach anzurufen?

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Besonders der letzte Punkt nervt, da die Story abseits der Zwischensequenzen über einen Social-Media-Feed erzählt wird und dadurch einiges an Dramaturgie verloren geht. Ein Tweet meiner Mutter, der meine Leistung lobt, ist zwar nett, ersetzt aber kein persönliches Gespräch. Des Weiteren wird man viel zu oft aus dem Spielerlebnis gerissen. Das passiert zum Beispiel, wenn in den nach dem Spiel stattfindenden Interviews immer wieder dieselben Fragen gestellt werden oder der Trainer vor den Trainingseinheiten, welche aus den bekannten Skill-Spielen bestehen, einen dummen Spruch nach dem anderen raushaut.

FIFA 17: The Journey ist also mehr ein Prototyp als ein vollständiger Story-Modus. Und dem Cliffhanger am Ende nach zu urteilen, möchte ihn EA gerne noch weiter ausbauen und sollte dies auch tun, denn das Konzept ist motivierend. Ich will, dass Alex endlich seinen verdienten Platz in der Startelf erhält. Und ich will mit meinem Team, das ich, je nach Leistung im anfänglichen Sichtungstraining, frei wählen kann, die Spitze der Liga erreichen. Dass das Spiel Dir dann auch noch unterschiedliche Zwischensequenzen präsentierst, wenn Du drei Spiele in Folge verlierst respektive gewinnst, erhöht außerdem den Wiederspielwert.

Dennoch ist es schade, dass The Journey kein hohes Niveau bieten kann, denn ansonsten macht FIFA 17 vieles richtig.

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Der Ball läuft und läuft und läuft und…

Das Ballgefühl ist spürbar besser geworden. Was auch daran liegt, dass die sogenannte Active Intelligence dafür sorgt, dass sowohl die Teamkollegen als auch die Gegenspieler schlauer agieren, wenn sie gerade keinen Ball haben. Und wenn sie den Ball dann vor die Beine kriegen, kommen die Pässe präziser und wuchtiger an als in den Vorgängern; ganz allgemein ist das verbesserte Passspiel eine der größten Stärken des neuen FIFA. Durch diese Punkte verfällt man selten in dieselben Angriffsmuster und bringt somit etwas mehr Varianz in die eigene Offensive. Es macht einfach Spaß seine Stürmer mit scharfen Pässen zu bedienen und anschließend einen schönen Abschuss auf das Tor zu haben. Das funktioniert, da sich Teamkollegen jetzt besser freilaufen und Räume suchen, um sich anzubieten. Das daraus entstehende Kombinationsspiel kann sich sehen lassen. Doppelpässe, Steilpässe, Flanken und Schüsse wirken dadurch deutlich dynamischer und das verpasst FIFA 17 einen Hauch mehr Realismus.

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Neben der Abgabe von Bällen hat sich aber auch etwas in der Verteidigung dieser getan. Die Fußballsimulation erlaubt es jetzt, sich mit dem Rücken zu Gegenspielern zu positionieren und damit auf engstem Raum besser zu agieren. Außerdem kann man den Gegner zurückdrängen, wenn dieser zu aufdringlich wird. Das sorgt besonders im Strafraum für schön inszenierte Zweikämpfe. Und wenn man dann mal endlich frei vor dem Tor steht, hat man ein neues Repertoire an Schüssen. Jetzt kannst Du Bälle nämlich auch hart und flach in Richtung Torhüter befördern oder ihn mit einem Kopfball-Aufsetzer unter Druck setzen.

Ebenfalls überarbeitet wurden die Standardsituationen. Einwürfe können jetzt angetäuscht werden und bei Eckbällen oder Freistößen erscheint ein gelber Marker auf dem Rasen, der eine präzisere Hereingabe ermöglicht. Toll ist ebenso die neue Strafstoß-Steuerung, welche Elfer endlich schwieriger macht.

Das hört sich jetzt vielleicht nach einer Menge taktischem Tiefgang an, aber hier kratzt FIFA 17 leider weiterhin nur an der Oberfläche. Im direkten Vergleich mit Konkurrent Pro Evolution Soccer 17, kann EAs Fußballsimulation hier definitiv nicht mithalten. Zu oberflächlich bleiben die Einstellungsmöglichkeiten.

Ein matschiger Brei aus Fans

Lässt man seinen Blick auf die Tribünen schweifen, dann fragt man sich, warum man immer noch in verwaschene Pixel-Gesichter schauen muss. Hier schafft es auch die Frostbite Engine nicht, eines der Hauptprobleme von FIFA zu beenden. Auf dem Rasen macht sich das neue Grafikgerüst dann aber doch sehr gut. Die Spieler sehen ihren Vorbildern zum Verwechseln ähnlich und die Animationen wirken zu keiner Zeit hölzern oder abgehackt. Wenn ich um meine Gegenspieler dribble und dann kurz vor dem Strafraum zu Fall gebracht werde, dann sieht das einfach toll aus.

Auch an der Seitenlinie hat sich ein bisschen was getan. Zwar kämpft EA auch hier erfolglos gegen matschige Modelle von Kameramännern oder Balljungen, aber dafür sind zum ersten Mal reale Trainer der Premier League mit an Bord, und wenn Jürgen Klopp nach einer vertanen Chance seiner Schützlinge die Augen verdreht, dann wird die Atmosphäre noch ein kleines bisschen dichter. Letztere wird natürlich auch durch die tollen Fangesängen und das gewohnt pralle Lizenz-Paket begünstigt, und obwohl die Champions League immer noch ein Wunsch bleibt, kannst Du dieses Jahr zum ersten Mal der japanischen J1 League einen Besuch abstatten.

Des Weiteren runden übersichtliche Menüs und ein guter Soundtrack das Paket ab. Aber das überrascht wenig, hat die FIFA-Reihe doch schon seit einigen Jahren die Nase weit vorne, wenn es um die reine Präsentation der Stadionatmosphäre geht – selbst die Kommentatoren wirken seit letztem Jahr weniger penetrant und aufgesetzt. Hier muss auch der Konkurrent PES jedes Mal den Kürzeren ziehen. Aber was heißt dieses hin und her zwischen guten und schlechten Punkten denn jetzt im Detail?

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Mein Test-Fazit zu FIFA 17

FIFA 17 hätte so viel mehr sein können, aber kommt am Ende mit einem Story-Modus daher, der zwar gute Ideen bietet, sie aber nicht konsequent genug umsetzt. Der restliche Inhalt liefert gewohntes FIFA-Niveau. Natürlich revolutioniert der neueste Ableger das Genre nicht, aber das erwartet man mittlerweile auch nicht mehr. EAs Fußballsimulation ist schon auf einem recht hohen Niveau und muss statt großen Neuerungen eher auf viele kleine Verbesserungen setzten. Vermutlich sollte The Journey dem Gefühl der Stagnation entgegenwirken, das Fans seit Jahren haben – erfolglos. Auch wenn die Idee gut ist und mit der Fußballsimulation sicher harmonieren würde, muss EA besonders die Zwischensequenzen nochmals überarbeiten. Also muss sich das Spiel auf seine üblichen Stärken verlassen.

Demnach bleibt von FIFA 17 das, was wir schon kennen: eine gute Spielmechanik, eine wunderschöne Atmosphäre und der Versuch, dann doch mal etwas Neues zu kreieren, aber daran zu scheitern. Ein knapper Lattenschuss ist leider immer noch ein Lattenschuss.

FIFA 17 erscheint am 29. September für die Xbox One, die Xbox 360, die PlayStation 4 sowie für die PlayStation 3 und Windows PC.

Info zu FIFA Ultimate Team

FIFA Ultimate Team konnte ich bisher noch nicht ausführlich genug spielen, um ein endgültiges Testurteil zu fällen. Daher werden wir den Test im Laufe der nächsten Tage um diese Komponente erweitern.

Wertung

8.5/10
Getestet von Lukas

FIFA 17 will zu viel und scheitert daran. Abseits von dem extrem mauen Story-Modus, bietet das Spiel aber das Gewohnte in einer leicht verbesserten Version. Und wer sich Stadionatmosphäre direkt ins Wohnzimmer holen und dabei noch mit seinem Lieblingsverein Tore schießen will, der kommt um FIFA sowieso nicht herum.

Na, angefixt?
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