Während Mistwalkers (so nennt sich Sakaguchis Entwicklerstudio) letztes RPG – “Blue Dragon” – mit Toriyama-Kulleraugenhelden und leichtfüßiger Inszenierung stilistisch an der “Dragon Quest”-Serie orientierte, kann “Lost Odyssey” sein Vorbild “Final Fantasy” nicht verhehlen. Aber das ist schon okay, schließlich stammen ja beide Werke vom selben Schöpfer.

Bereits die Story um einen unsterblichen Krieger der auf der Suche nach seinen Erinnerungen seit 1000 Jahren über die Schlachtfelder streift, birgt jede Menge hochdramatischen Stoff. Und tatsächlich ist “Lost Odyssey” wohl das tränenreichste Abenteuer, was bislang in der Konsolenwelt erschienen ist. Dank ordentlicher Synchro (zwischen fünf Sprachen könnt Ihr wählen) zählt die an Zwischensequenzen reiche Präsentation auf jeden Fall zu den großen Pluspunkten. Ein großartiger Soundtrack aus der Feder des eheamligen “Final Fantasy”-Haus- und Hofkomponisten Nobuo Uematsu sowie nicht technisch nicht immer, aber stilistisch stets hervorragende Optik runden die tolle Inszenierung ab.

Wer sich allerdings spielerisch ein Innovationsfeuerwerk versprochen hat, der könnte enttäuscht werden. Denn “Lost Odyssey” bietet ‘nur’ typisch, japanische RPG-Kost in bester “Final Fantasy X”-Tradition. Will heißen: Stadtbesuche zum Quatschen und Ausrüsten wechseln sich mit Dungeon-Expeditionen samt rundenbasierter Zufallskämpfe ab. Letztgenannte haben zum Glück eine relativ niedrige Frequenz, so dass Ihr bei der Erkundung der ohnenhin recht wenig verwinkelten (und dank zoombarer Karte sehr übersichtlichen) Monsterhorte nicht alle paar Sekunden über eine Rotte Ungeheuer stolpe

In den Kämpfen selbst hängt die Reihenfolge der Manöver von deren Art ab. Der Einsatz eines Heil-Items oder ein normaler Schwerthieb geht entsprechend schneller von statten, als ein fetter Zauberspruch, dessen Vorbereitung schon mal mehr als eine Runde dauert. Entsprechend gilt es, sich gut zu überlegen, welche Aktion man wann ausführt. Denn speziell die ersten Bossfights dürften ungeübte Zocker an den Ran der Verzweiflung treiben.

Das Skill-System ist zwar funktionell, lässt aber große strategische Freiheiten vermissen. Während sterbliche Party-Mitglieder Fertigkeiten durch den traditionellen Level-Aufstieg erhalten, lernen die unsterblichen Helden, Zauber, Spezial-Moves und Co. direkt von den mortalen Kollegen. Jede Figur hat dabei eine bestimmte Anzahl Skill-Slots, die Ihr dann nach Belieben mit gelernten Fertigkeiten belegen dürft.

Ungewöhnlich fürs Genre und einer der Höhepunkte von “Lost Odyssey” sind zweifellsohne die eingestreuten Erinnerungen von Hauptheld Kaim. Wann immer der auf eine Gedächtnisleiche stößt, wird deren Inhalt als Kurzgeschichte mit musikalischer Untermalung dargeboten – ungewöhnlich, aber hochgradig stimmungsvoll.

Alles in allem bietet “Lost Odyssey” inhaltlich experiment- und nahezu innovationsfreie RPG-Unterhaltung in traditioneller Japano-Machart. Das muss einen nicht stören, wer allerdings mit “Final Fantasy X” und dessen Vorgängern nichts anfangen konnte, der wird von “Lost Odyssey” sich nicht bekehrt. Vor allem die teils tragischen, teils charmant-witzigen Chrakatere sowie die stimmungsvolle Präsentation sind es, die Mistwalkers zweites 360-Rollenspiel auch für Genre-Veteranen reizvoll machen.