Gears of War: Judgment Test – Selten so gelangweilt

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Eines muss man „Gears of War“ ja lassen – irgendwie hat jeder eine Meinung zu dieser Reihe. Über sechszehn Millionen Käufer haben sich im Laufe der Jahre dem archaischen Machismo des Endzeit-Spektakels hingeben. Die meisten von ihnen feierten die Militär-Mär um eine Handvoll einfacher Soldaten, die die letzten Tage der Menschheit als echte Männer durchleben für ihre epischen Schauwerte und den motivierenden Multiplayer. Der vornehme Rest der Gaming-Welt machte „Gears of War“ mehr oder weniger allein für den Niedergang des modernen Shooters verantwortlich. Deckungssystem und automatische Heilung wurden durch den Erfolg der Serie im Genre überhaupt erst salonfähig und damit auch die spielerisch Anspruchslosigkeit.

Die Gears sind also ein Reizthema. Dafür oder Dagegen? In meinem Fall heißt die Antwort weder noch. Ich zählte mich bisher zu der äußerst seltenen Spezies der Gleichgültigen. Mein Verhältnis zu Bleszinskis Steroiden-Shooter könnte kaum leidenschaftsloser sein. Keiner der drei Teile brachte mich jemals zur Weißglut, keinem war es gelungen, mich in irgendeiner Form zu begeistern. „Gears of War“ war mir deshalb schon immer egal – bis jetzt.

Gears of War: Judgment“ ist das langweiligste Spiel, das ich in den letzten zwei Jahren spielen musste. Eine derartig penetrante Monotonie vermochte zuletzt nur „Dead Island“ auf den Bildschirm zu bannen. Wie kann das bitteschön sein, Herr Heidemann? Trailer und Vorberichterstattung suggerieren doch zumindest das übliche Maß an aufregender Kriegsdramatik und simplem Ballerspaß. Es kann und das geht so: Wer das erste von insgesamt fünf Kapiteln hinter sich gebracht hat, darf sich darauf einstellen, für den Rest der Solo-Kampagne wieder und wieder und wieder und wieder das Gleiche zu tun.

„Gears of War: Judgment“ verzichtet beinahe durchgehend auf irgendeine Form von Missions-Design und bietet seinen Spielern stattdessen eine lieblose Aneinanderreihung von spielerisch unterfordernden Tower-Defense-Runden mit immer gleichen Locust-Gegnern.

Missions-Design? Nicht vorhanden!

Dabei hat das wieder einmal schön krachig inszenierte Prinzip aus Raum erobern, Raum verteidigen, in den ersten 45 Minuten durchaus seinen Reiz. Nachdem man einen Bereich von allen Gegnern befreit hat, gilt es unter Zeitlimit Geschütztürme zu positionieren, Munitionsvorräte aufzustocken und die Türen im Auge zu behalten. Ergießt sich die brüllende Locust-Horde dann wie eine blutgeile Flutwelle aus Zähnen und Kugeln in den Raum, wird das für einen kurzen Moment mit einem angenehm hohen Blutdruck quittiert. Hat man diese Situation aber zum dritten Mal erlebt, fragt man sich dann doch, ob die neuen Entwickler People Can Fly („Bulletstorm“) noch irgendetwas anderes auf der Pfanne haben.

Haben sie leider nicht. Sieht man einmal von einer kurzen Begegnung mit einem Berserker und einer eher nervigen Sniper-Passage ab, dann kann „Gears of War: Judgement“ nur das. Allerspätestens beim siebten Mal wird diese billige Ausrede für gelungenes Missions-Design dann zur Farce. Und dann hat man noch die Hälfte des Spiels vor sich.

Wer jetzt glaubt, die neuen, optionalen Zusatzmissionen würden den zehrenden Zyklus durchbrechen oder zumindest etwas auflockern, der irrt leider gewaltig. Die sogenannten „Declassified-Missions“ haben lediglich Achievement-Charakter, von echten Neben-Missionen zu sprechen wäre schlichtweg falsch. Mal gilt es in einem Gebiet zehn Locust-Eier zu zerschießen, mal darf man ausschließlich eine bestimmte Waffe verwenden, mal muss ein bestimmtes Objekt beschützt werden. Während man die Schlichtheit dieser Aufgaben noch verzeihen kann, ist die Tatsache, dass ein Scheitern gerne auch mal dazu führt, dass man einen kompletten Abschnitt erneut spielen muss, nur schwer zu verkraften. Ich habe  „Declassified-Missions“ jedenfalls aufgrund des Frustfaktors in den letzten Abschnitten komplett ignoriert.

Nahkampf- Getümmel ohne Sinn und Verstand

Die mangelnde spielerische Abwechslung ist aber nicht der einzige Fleck auf der einstigen AAA-Weste des Xbox 360-Vorzeigetitels.

Konnte die Reihe in der Vergangenheit immer wieder durch apokalyptische Kriegsschauplätze und atmosphärische Panoramen punkten, so ist auch hier nun der Lack am Bröckeln. Egal ob Gerichtsgebäude, Militär-Akademie oder Villenviertel – in der zerstörten, braun-grauen Innenstadt fehlt es an visuellen Highlights und Beinfreiheit. Zu keinem Zeitpunkt verbreitet „Judgment“ die düstere Stimmung der endzeitlichen Unterlegenheit, die die Vorgänger beseelte. Der für die Geschichte der Serie so bedeutsame E-Day fühlt sich nicht wie die große Schicksalsschlacht um die Zukunft der Menschheit an, sondern wie eine trockene Fußnote aus einem Einsatzbericht. Für die Fans sicher die herbste aller Enttäuschungen.

Da die sehr kurzen und engen Abschnitte zudem immer wieder durch häufige Ladezeiten unterbrochen werden, kommt während der gesamten Kampagne auch nie Tempo, kein Spiel- oder Erzählfluss auf. „Gears of War: Judgment“ wirkt wie ein Tablett voller beliebig zusammengeworfener Shooter-Häppchen. Wobei das Genre des Shooters hier oft ad absurdum geführt wird. Immer wenn dann doch mal die Post abgeht und man es mit einer Übermacht zu tun bekommt, artet „Gears of War: Judgment“ in ein chaotisches Nahkampf- Getümmel ohne Sinn und Verstand aus. Selbst die Spaß-mit-der-Kettensäge-Fraktion wird in diesen Momenten einsehen, das gutes Games-Design irgendwie anders geht.

Update zum Multiplayer in Gears of War: Judgment

Wer die Kampagne endlich hinter sich hat, wird sich auf den traditionell guten Multiplayer freuen. Neben den Klassikern Deathmatch, Team-Deathmatch und Dominion hat man sich hier sogar etwas Neues einfallen lassen.

Das neue Kernstück des Multiplayers heisst OverRun und dieser Modus besteht aus folgendem Prinzip: Eine kooperativ agierende Gruppe von Menschen verteidigt sich gegen angreifende Locust-Spieler. Dazu gibt es vier unterschiedliche Klassen und auf Seite der Locust die Möglichkeit, immer stärkere Gegnertypen zu übernehmen. Wer den Vorgänger bereits kennt, der wird OverRun als eine sehr spaßige Vermengung von Horde und Beast-Modus empfinden.

Der überaus beliebte Horde-Modus wurde übrigens gestrichen und durch den Survival-Modus ersetzt. Auch hier verteidigen sich die Gears wieder gegen Locust-Wellen, die in diesem Fall von der KI übernommen werden. Wer dazu nach der drögen Kampagne überhaupt noch Lust hat, der kann hier sicher glücklich werden, wenngleich mir der Horde-Modus im Vorgänger deutlich mehr Spaß gemacht hat. Alles in allem macht der Multiplayer in “Gears of Judgment“ nichts falsch, verpasst es aber auch, die unterhaltsame Basis aus dem Vorgänger weiter auszubauen. Im Fall von Survival wurde sogar ein Rückschritt gemacht.

Fazit:

Dass ich bisher kein einziges Wort zur Story verloren habe, liegt daran, dass sie mit nur einem Satz komplett erzählt ist. Um diesen hauchdünnen Belag von Mindest-Narration, der sich wie altes Fett auf „Gears of War: Judgment“ niedergeschlagen hat, nicht auch noch zu spoilern, spare ich mir hier jeglichen Kommentar und verweise auf die Mentalität der Vorgänger. Wer hier etwas erwartet, ist selber schuld.

Was  „Gears of War: Judgment“ letztlich vor einem kompletten Totalausfäll rettet, ist das uninspiriert übernommene Gameplay der Vorgänger. Zwar steuert sich der Deckungsshooter schwerfälliger denn je und auch die KI der Locust glänzt vornehmlich durch Abwesenheit, den Spaß einer kurzweiligen Ballerbude kann „Judgment“ aber hin und wieder dennoch glanzlos konservieren. Wenn überhaupt, dann sollte man „Judgment“ so spielen, wie es entwickelt wurde. In kleinen, wahllos vermengten Portionen und das auch nur dann, wenn man richtig Appetit und ein paar Freunde dabei hat. Wer sich die das jüngste Gericht der Reihe an einem Stück gibt, der wird sich an dem erbrechend langweiligen Missions-Design und der spielerischen Monotonie übel verschlucken. Ein trauriger Absturz einer Reihe, die ihre besten Tage nun offiziell hinter sich hat.

 

Wertung 64%

 

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Wertung

6/10
Getestet von Tobias

Ein ausführliches Gameplay-Video rendert gerade und wird sich in Kürze im Test einfinden. Dann könnt ihr euch selbst ein Bilder der langweiligen Lage machen.

Leserwertung
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149 Leser haben Gears of War Judgment mit durchschnittlich 2 von 10 Punkten bewertet. Und wie gefällt's dir? Gib deine Wertung ab!

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