GIGA POW # 5: Die besten Comics vorgestellt (mit Leseproben)

Ein zuckersüchtiger Vampir, ein trauriger Nazi, ein mutierter Junge mit Hirschgeweih, ein Killer mit schweren Halluzinationen und jawohl – Jesus höchstpersönlich haben sich heute für euch in GIGA POW # 5 versammelt. Wer noch heißen Lesestoff für den kalten Winter sucht, der sollte diesem schillernden Ensemble von erlesenen Perlen zeitgenössischer Comickultur also unbedingt eine Chance geben. Auf zur ersten Seite.

GIGA POW # 5: Die besten Comics vorgestellt (mit Leseproben)

American Vampire # 1-31 Scott Snyder Rafael Albuquerque u.a. (Vertigo)

Vampire? Nein Danke! Als Scott Snyders „American Vampire“ vor zwei Jahren bei Vertigo erschien, interessierte mich das nicht die Bohne. Zu allumfassend war der Aderlass, den TV-Serien, Bücher und Filme zu dieser Zeit an den Blutsaugern betrieben. Der Stoff war over-hyped.

Dass Steven King höchstpersönlich eine fünfteilige Backstory beisteuerte, um „American Vampire“ den nötigen Rückenwind zu geben, bestätigte meine Vorurteile nur. Snyders Werk wurde in der Schublade für blutarme Mainstreamkost abgelegt.

Um es kurz zu machen: Ich lag falsch. Nachdem mich Scott Snyders aktueller „Batman“-Run für DCs New 52 hellauf begeisterte, gab ich auch seinem „American Vampire“ eine zweite Chance und wurde dafür mit einer der spannendsten und frischesten Vampir-Geschichten der letzten 115 Jahre belohnt. Snyder gelingt das Kunststück, die bekannten Versatzstücke des Vampirmythos zu einem Best of zu kompilieren und dabei Eigenständigkeit zu behaupten. Dass „American Vampire“ dem Genre tatsächlich noch frisches Blut zu entziehen vermag, liegt in erster Linie an seinen schillernden Figuren. Allen voran: Skinner Sweet.

Sweet ist ein notorischer Sadist mit einer Vorliebe für Süßigkeiten. Seine Odyssee durch die amerikanische Geschichte beginnt 1880. Als mordlustiger Outlaw und Anführer einer berüchtigten Gang stielt er sich durch die letzten Tage des Wilden Westen. Bis er sich eines Tages mit dem falschen Mann anlegt – einem Vampir aus dem fernen Europa. An diesem schicksalhaften Tag wird der erste amerikanische Vampir geboren. Ein ungehobelter, unkultivierter Gesetzloser mit einem unbändigen Hang zur Anarchie.

Skinner Sweet ist der rote Faden durch ein Epos, das uns von der geheimen Geschichte der amerikanischen Vampire erzählt. Ob als herumlungernder Hobo im Hollywood der 20er, als Gründungsvater des Sündenpfuhls Las Vegas oder als Soldat im zweiten Weltkrieg – Sweet taucht überall auf und lenkt die Geschicke der Figuren. Er zieht sie mit hinein in einen epischen Konflikt, der sich seit jenem Tag im Jahr 1880 zwischen den alten, europäischen Vampiren und jener neuer Spezies entfaltet hat.

Unverbraucht, blutig und epischer als die Buddenbrooks. „American Vampire“ ist wundervoll illustrierte Genrekost auf höchstem Niveau. Für Blutspender Pflicht, für den Rest sowieso.

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Red Skull: Incarnate #1-5 Greg Pak (Marvel)

Marvel hatte schon immer ein Problem mit dem Bösen. Oft fehlt es den Gegenspielern von Spider-Man & Co an Tiefe und Tragik. Mit Figuren wie dem Juggernaut, Galactus, Kingpin oder Doctor Doom lassen sich die dunklen Regionen der menschlichen Seele nun einmal nicht so leicht ausloten wie mit einem Joker oder einem Two-Face.

Doch es gibt natürlich Ausnahmen. Loki ist zum Beispiel eine laufende Tragödie von Shakespeareschen Ausmaßen und Magneto darf sich ohne Frage zu den besten Bösewichten der Comicwelt zählen. Das hat auch Greg Pak 2009 mit „Magneto: Testament“eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Pak bot seinen Lesern in dieser kurzweiligen Mini-Serie alles, was böse Origin-Stories so faszinierend macht. Wie wurde aus einem kleinen Erik einer der gefährlichsten Männer des Marvel-Universums? Was hat er erlebt, was gesehen, was hat er verloren?

Mit „Red Skull: Incarnate“ hat Pak es erneut getan. Es geht um Johann Schmidt, das rotköpfige Nazi-Monster, die Nemesis von „Captain America“, das absolut Böse. Eine ungleich schwerere Aufgabe – die Greg Pak dennoch mit Bravour meistert. Am Ende von „Red Skull: Incarnate“ ist man der Figur sehr viel näher und ja – auch das Mitgefühl weiß Pak zu beschwören.

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Sweet Tooth #1 – 38 Jeff Lemire (Vertigo)

»Mad Max trifft Bambi«. Jeff Lemires postapokalyptische Tour de Force zu beschreiben, ist nicht gerade einfach. Es geht wieder einmal um eine Epidemie, die den Großteil der Menschheit auslöscht und die Welt in ein menschenfeindliches Chaos stürzt. So weit, so bekannt. Doch Lemire hat Großes mit uns vor. Gewöhnlich ist an „Sweet Tooth“ nämlich gar nichts.

Das beginnt schon mal damit, dass die besagte Seuche aus allen Neugeborenen seltsame Mensch-Tier-Hybride macht. Der neunjährige Protagonist Gus ist so ein seltsames Wesen. Wer „Sweet Tooth“ gelesen hat, der wird Gus am Ende seiner wundersamen Reise lieben.

Lemire ist eine berührend aufregende Parabel über Freundschaft, Vertrauen und das Überleben gelungen. Das große, warme Herz von „Sweet Tooth“ schlägt zwischen Gus und Tom Jepperd. Während Gus mit seiner Naivität den letzten Rest Menschlichkeit in einer gottlosen Welt verkörpert, ist Jepperd das genaue Gegenteil. Ein Mann, der durch den Verlust seiner Familie sich selbst verloren hat. Kalt, brutal, eine traurige Naturgewalt, die nur noch auf den richtigen Zeitpunkt wartet, um seinem kläglichen Leben ein Ende setzen zu können. Doch dann trifft Jepperd auf Gus.

Wer jetzt glaubt, den weiteren Verlauf der Geschichte schon anhand einer herkömmlichen Vater-Sohn-Schablone prophezeien zu können – think again. Jeff Lemire ist ein wahrer Meister darin, das zarte Pflänzchen der aufkeimenden Hoffnung wieder und wieder mit einem riesigen, blutverschmierten Stiefel zu zertreten. „Sweet Tooth“ hält heftige Wendungen, radikale Entscheidungen und echte Downer bereit.

„Sweet Tooth“ ist dabei nicht nur eine spannende Reise ins Herz der Finsternis, sondern auch noch überragend gezeichnet. Immer wieder überrascht Lemire – der hier selbst den Stift in die Hand nimmt – mit unkonventionellen Einfällen und ausdrucksstarken Charakterzügen. Man spürt einfach, dass hier jemand seine eigene Vision mit ganz viel Hingabe auf das Papier gebracht hat.

„Sweet Tooth“ braucht Zeit. In den ersten fünf Heften liegen Lemires putzig-grausame Puzzleteile etwas zu zerstreut in der postapokalyptischen Landschaft herum. Doch dann passt eines ins andere und es entsteht ein wunderschönes Gemälde, das in keiner Comic-Galerie fehlen sollte. Für mich schon jetzt die schönste und schlimmste Leseerfahrung des Jahres. Ende des Jahres ist mit Nummer # 40 Schluss. Nur noch zwei Hefte. Schnief....

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