Sexismus und Games: Und alle so yeaaaah! (Kommentar)

Gestern Abend habe ich „God of War: Ascension“ gespielt. Kurz vor dem großen Finale muss Held Kratos, ein muskelbepacktes Vieh von einem Mann, seine bis dahin schwerste Aufgabe meistern. In einer quälend langen Fahrstuhlpassage schlachtet sich der Spartaner durch zahllose Wellen von Gegnern. Ist das endlich geschafft, steht der mit Körpersäften übergossene Kriegsgott im Blut und den Innereien von über einem Dutzend weiblicher Spielfiguren, deren aufreizende, barbusige Körper er nach allen Regeln der Splatterkunst und natürlich in Zeitlupe zerstört hat. Ist das sexistisch?

Sexismus und Games: Und alle so yeaaaah! (Kommentar)

Ist „God of War: Ascension“ ein sexistisches Spiel? Verwendet das Spiel klischeehafte Geschlechterdarstellungen, verherrlicht es Gewalt gegen Frauen oder befördert es gar frauenfeindliche Tendenzen unter seinen Spielern? Die Antwort auf diese Frage ist mir heute vollkommen egal. Dieses Mal geht es um die Frage selbst. Darum, ob es in Ordnung ist, sie überhaupt zu stellen.

Gibt es Sexismus in Games?

Warum sollte das nicht in Ordnung sein? Gibt es Sexismus in Games? Die Frage scheint ebenso berechtigt wie aktuell. Es ist eine wichtige Frage unserer gegenwärtigen Spielekultur, über die sich prima streiten lässt. Sie zu stellen ist jedoch immer noch keine Selbstverständlichkeit, sondern verdammt gefährlich.

Wie gefährlich genau, das zeigt das Beispiel der Video-Bloggerin Anita Sarkeesian. Sarkeesian ging letztes Jahr mit einem Kickstarter-Projekt an den Start, das eine neue Videoreihe finanzieren sollte. Die Bloggerin wollte sich kritisch mit Frauenbildern in Spielen auseinandersetzten und damit eine längst überfällige Debatte anstoßen. Ihr erklärtes Ziel ist es, nicht nur uns Spieler, sondern gerade auch die Entwickler für ihre Sache zu gewinnen und das Bewusstsein für die ewig gleichen Stereotype zu schärfen. Sarkeesian will weg von den winselnden Opfern, den willigen Lustobjekten und eindimensionalen Mutterfiguren  – die Video-Bloggerin will mehr echte Frauen-Charaktere in Spielen.

Doch statt einer Debatte bekam sie Hass. Sarkeesian wurde auf täglicher Basis mit Mord und Vergewaltigung gedroht, die Kommentare unter ihren Videos wurden zu einem beschämenden Archiv übelst rassistischer und antisemitischer Beschimpfungen, ihre Social Media Accounts wurden gehackt, zahlreiche Video-Antworten verleumden die Bloggerin in den denkbar schlimmsten Formen. Trauriger Höhepunkt der Hass-Kampagne war ein Browserspiel, in welchem man das Gesicht von Anita Sarkeesian zerschlagen konnte.

Man(n) wird doch noch fragen dürfen

Gibt es Sexismus in Games? Eine Frage, die man offenbar doch nicht so einfach stellen kann.

Wer sie dennoch stellt, läuft Gefahr, terrorisiert und bedroht zu werden.

Die gute Nachricht lautet: Sarkeesian hat ihren „Mann“ gestanden. Statt das Projekt aufgrund des enormen Drucks an den Nagel zu hängen, machte sie weiter und veröffentlichte erst kürzlich das Video „Jungfrau in Not“. Auf informierte und interessante Weise nimmt sich die Bloggerin ein bekanntes Plot-Device in Spielen vor und analysiert unter anderem die Figur von Nintendos Prinzessin Peach. Nicht jede These, die die meinungsstarke Sarkeesian in ihrem Video aufstellt, würde ich selbst so unterschreiben – die sehr gute Recherchearbeit und die unterhaltsame Aufbereitung des Themas bleibt ihr aber schon mal unbenommen. Eine Diskussion zu ihrem Video wird es aber zumindest auf YouTube nie geben; die Kommentare unter dem Beitrag sind deaktiviert.

Die deaktivierte Kommentarfunktion ist ein trauriges Sinnbild für den Zustand der Sexismus-Debatte im Games-Umfeld. Es gibt sie nicht. Wird sie dennoch geführt, artet sie blitzschnell in offene Hassbekundungen aus. Das, liebe Mitspieler, ist ziemlich scheiße.

Denn es gäbe so vieles, über das man vortrefflich diskutieren und gerne auch leidenschaftlich streiten könnte. Zum Beispiel über die krassen Audio-Logs der US-Bloggerin Jenny Haniver. Haniver zockt Call of Duty auf Pro-Niveau und archiviert auf ihrer Seite „NKA – Not in the Kitchen Anymore“ die verbalen Attacken, die sie dabei von männlichen Spielern ertragen muss. Wer Call of Duty regelmäßig spielt, der weiß, dass Trash Talk in der Szene zum Spiel gehört. Was Hanvier sich allerdings so alles anhören muss, hat mit Müll nichts mehr zu tun. Es ist schlichtweg unappetitlich und befremdlich.

Sexismus? Eine nervige Diskussion

Das unschöne Thema frauenfeindlicher Gesinnung in Spielen und auch unter Gamern selbst macht leider keinen Spaß. Ganz im Gegenteil. Es nervt, verdirbt uns unschuldige Freuden und beschmutzt ein leidenschaftlich gepflegtes Nest. Vielleicht will auch genau deshalb niemand wirklich drüber reden.

Für all diejenigen, die einfach nur spielen wollen, ist es nämlich ein höchst irritierendes Störgeräusch in einer ansonsten durchweg bekömmlichen Unterhaltungskultur. Spielen ist ja immer auch Flucht, ist gelebter und geliebter Eskapismus. Wird das digitale Paradies, in dem man so gerne abschaltet, aber plötzlich von ein paar dahergelaufenen Miesepetern zu einem Hort misogyner Anfeindungen und frauenfeindlicher Hasstiraden gemacht, dann findet das eben nicht jeder gut. Wenn dann auch noch ideologisches Schundluder mit den persönlichen Lieblingsikonen getrieben wird, ist es der Ofen komplett aus. »Nicht einmal hier hat man seine Ruhe«, werden sich viele denken.

Dabei verlangen Blogger wie Jenny Haniver und Anita Sarkeesian ja gar nicht, dass man ab sofort nur noch „Journey“ spielt und sich im Gegenzug den Spaß an „God of War“ verbietet. Ihnen geht es nur um eine respektvoll geführte Diskussion an deren Ende hoffentlich ein paar bessere Spiele stehen. Wer da nicht mitreden will, kann sich gerne enthalten. Die Frage muss aber unbedingt gestattet sein!

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Weitere Themen: God of War 4 Demo, Sony Computer Entertainment

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