DotA 2 Noob-Bericht: Von einem behinderten Russen und dem Mut zur Lücke

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Mut zur Lücke. Ein schönes Motto, welches mir in meinem bisherigen Leben schon viele gute Dienste geleistet hat. Egal, ob Prüfungsstress, Poesiealbum oder Party-Planung – man muss halt nicht immer und überall dabei sein, muss nicht alles mitnehmen und schon gar nicht alles wissen. Dummerweise wird mein Berufsstand von einem subtilen Zwang zur Vollständigkeit beherrscht. Lücke ist da einfach nicht. Am besten man hat wirklich jedes Popel-Spiel zumindest mal angespielt. Eine nervige Notwendigkeit, deren Idealzustand nie erreicht, aber von Spiele-Journalisten dennoch fortwährend angestrebt wird. Zumindest die ganz großen Lücken wollen regelmäßig mit kostbarer Spielzeit bedacht werden. Ob der Spieler in mir will oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Was muss, das muss. In meinem Urlaub hieß es deshalb auch: Tobi vs. MOBA.

DotA 2 Noob-Bericht: Von einem behinderten Russen und dem Mut zur Lücke

Genauer gesagt „DotA 2“. Als jemand, der “Warcraft III: Reign of Chaos“ tatsächlich noch zum Release vor über zehn Jahren gespielt hat, ist mir die wahrlich beeindruckende Karriere der genialen Mod „Defense of the Ancients“ natürlich nicht entgangen. „DotA 2“, das ist eine einmalige Erfolgsgeschichte. Nur interessiert habe ich mich dafür einfach nie; schlichtweg nicht mein Ding.

Den Luxus dieses Desinteresses habe ich mir auch trotz des nachfolgenden„Demigod“, trotz „League of Legends“, trotz „Heroes of Newerth“, trotz „Rise of Immortals“, trotz “Guardians of Middle-earth“ und wie sie alle heißen, weiterhin geleistet.

Doch seien wir ehrlich: Wenn gleich zwei Spiele aus diesem Sub-Genre der Echtzeitstrategie es unter die am meisten gespielten PC-Spiele der westlichen Hemisphäre schaffen, dann ist man seinem Berufsethos eine ernsthafte Auseinandersetzung einfach schuldig. Da müssen persönliche Vorlieben eben mal hinten anstehen. Gesagt, getan. „DotA 2“, ich komme!

DotA 2 ich komme!

Während Steam das jahrelang verschmähte, fremde Wesen herunterlud, machte ich mich über die zahlreichen Wikis und Fanpages her, um mir schon mal das Basiswissen anzueignen. Nach vier kurzen YouTube-Tutorials stand für mich fest: So etwas wie Basiswissen gibt es in „DotA 2“ leider überhaupt nicht! Hier heißt es: entweder ganz oder gar nicht.

Wobei ganz in diesem Fall bedeutet, dass man sich erst einmal über ein Dutzend essentielle Fachbegriffe zu Gemüte führen muss. Lasthitting, Denying, Laning Phase, Jungling, Warding, Orb Walking, Pushen und Blocken – nur einige der grundlegenden Spiel-Konzepte, die im komplexen, mehrphasigen Matchablauf von Anfang an zum Tragen kommen. Bevor ich mich versah, hatte ich geschlagene drei Stunden MOBA-Begriffe nachgeschlagen und mir dabei fleißig Notizen gemacht.

Gespielt hatte ich dabei noch keine einzige Sekunde. Eine absurde Tatsache, die mir sehr plötzlich sehr bewusst wurde. Ach, scheiß auf den Hardcore-Mist, dachte ich mir. Learning by doing ist immer die bessere Wahl. Und so startete ich „DotA 2“ zum allerersten Mal. Das kurze Tutorial bestätigte mich in meinem forschen Noob-Vorstoß. Hier war plötzlich keine Rede mehr von ominösen Tower Dives oder irgendwelchen Blink Daggers. Vielleicht hatte ich mich ja aus Versehen in die Sphäre der Pro-Gamer verlaufen und die Ansprüche an mein Können viel zu hoch gesetzt.

Der Charme einer Mathe-Klausur

Von wegen! Kurz darauf bekam ich es mit der Helden-Auswahl in „DotA 2“ zu tun. Ich begriff, dass die Lage ein Vielfaches ernster war, als zunächst angenommen. Hard-Carry wer? Lane Support was? Nicht nur wollten die über 100 Helden entlang ihrer drei verschiedenen Attribute und zum Teil höchst unscharf definierten Rollen verinnerlicht werden, zu allem Überfluss ließ sich auch noch jeder dieser Helden anhand der zahlreichen Gegenstände individuell nuancieren. Worauf hatte ich mich da bloß eingelassen. Und noch viel wichtiger: Wann beginnt „DotA 2“ mir eigentlich mal Spaß zu machen. Bisher hatte diese Veranstaltung eher was von einer drögen Mathe-Klausur, für welche man nicht genug gepaukt hatte.

Beeindruckt von der unfassbaren Masse an Dingen, die ich schlichtweg noch nicht wusste, einigte ich mich mit meinem inneren Schweinhund kurzerhand auf´s Nachsitzen. Oder besser gesagt: Auf ein ausführliches Training mit Bots.

Es dauerte weitere drei Stunden bis ich endlich eine ungefähre Vorstellung davon hatte, wo ich mich wann auf welcher Lane aufzuhalten hatte, welche Items ich in welchem Shop zu welchem Zeitpunkt kaufen sollte und wie ich in den jeweiligen Phasen des Spiels agieren würde. Langsam aber sicher fühlte ich mich dann aber doch bereit für meine erste „DotA 2“-Partie. Über sechs Stunden waren seit meinem ersten Klick auf den Download-Button vergangen. Obwohl ich aufmerksam und konzentriert an der Verhinderung meines Totalversagens gefeilt hatte (meine kryptischen Aufzeichnungen hatten es mittlerweile auf stolze zwei DIN A4 -Seiten gebracht), beschlich mich beim Matchbeginn das leise Gefühl, dass all das in Kürze bedeutungslose werden würde.

So war es dann auch. Als jemand, der sich regelmäßig und durchaus lustvoll in Militär-Shootern von schlecht gelaunten Halbstarken beschimpfen lässt, wähnte ich mich und meine Beleidigungsresistenzen eigentlich bestens aufgestellt. Doch weit gefehlt! Auch hier scheint „DotA 2“ in einer ganz eigenen Liga zu spielen. Die erschreckenden Details meiner Erniedrigung seien dem Leser an dieser Stelle mal erspart. Nur so viel: Es hatte  viel mit meiner Funktion als »behinderter Russe« und der (offenbar falschen) Wahl meines Helden zu tun. Ich hatte total versagt. Es war grauenvoll. Unfähiger hatte ich mich zuletzt nur bei der Reparatur meines TV-Gerätes gefühlt. Niederlagen schlagen bei mir in der Regel in Motivation um, doch jetzt hatte ich einfach die Schnautze voll.

Es kam, wie es kommen musste. Wie ein beleidigtes Leberwürstchen kehrte ich „DotA 2“ den Noob-Rücken zu und habe es bis heute nicht mehr angerührt. Ob auf diesen desaströsen One-Night-Stand jemals wieder eine Berührung folgen wird, steht in den Sternen. Wohl eher nicht. Ich schätze, manche Lücken kann man dann doch offen lassen.

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