Halo 4 Test – Haloluja! (Video-Review und Multiplayer-Gameplay)

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Ich will ehrlich sein – in den ersten Minuten hatte ich das Gefühl, 343 Industries hat´s vermasselt. „Halo 4“ beginnt ziemlich altbackend. Da lässt man uns fünf Jahre auf das Erwachen des Master Chiefs warten und dann müssen wir in den kargen Gängen der UNSC Frigatte „Forward Unto Dawn“ nur auf olle Allianztruppen ballern. Mein MA5D-Sturmgewehr pflügt sich durch die gegnerischen Reihen, als wäre in all der Zeit im Halo-Universum nichts passiert. Das kleine Loch in den Schilden der Schakale wartet wie am ersten Tag auf meinen Treffer und die Allianz-Eliten machen zu diesem altbekannten Tanz den ewig gleichen Ausfallschritt. Mehr ist euch für die neue Reclaimer-Trilogie nicht eingefallen? 

Wenn ich jetzt an diese ersten Minuten denke, muss ich schmunzeln. Warum? Weil „Halo 4“ mit jeder Minute, die vergeht, immer besser und besser wird.

343 Industries hat uns eine Kampagne komponiert, die ein klares Ziel hat, keine Umwege, keine Nebenschauplätze und keine Pausen kennt – das Herz von “Halo 4“ schlägt an seinem Ende und mit jeder Spielminute schlägt es ein bisschen lauter. Johns und Cortanas Lage spitzt sich immer weiter zu, die Bedrohung wird realer. Es ist ein Spiel mit einer stimmigen Dramaturgie und das ist heutzutage ein seltenes, kostbares Gut geworden.

Viel mehr werdet ihr von mir zum Verlauf der Solo-Kampagne nicht hören, denn es warten ein paar kleine Überraschungen und mindestens ein Großereignis, über das man noch viel sprechen wird. Vielleicht nur so viel: 343 Industries bedient sich gekonnt der reichhaltigen Halo-Folklore und strickt daraus eine stringente Geschichte, die auf solide verbauten Schienen auf das große Finale zu rauscht.

Zum einen haben wir es in „Halo 4“ mit dem schwindenden Verstand der langjährigen Master Chief KI-Kumpanin Cortana zu tun, die wir so schnell wie möglich zu ihrer Schöpferin bringen müssen. Die Zeit eilt also in „Halo 4“. Cortanas Existenz ist von Minute eins bedroht. Wie wichtig die KI (oder jede andere, den Spieler leitenden Shooter-Stimme) für das Gelingen einer Mission ist, das lässt uns 343 Industries sehr schön spüren. Cortana macht plötzlich Fehler, der Chief ist in diesen Momenten ganz auf sich allein angewiesen, er wirkt fast hilflos.

Halo 4 Test: In diesem Spiel läuft nichts nach Plan – gut so!

Vieles in „Halo 4“ läuft eben nicht ganz nach Plan und das sorgt für Spannung. Tatsächlich laufen die Dinge dermaßen aus dem Ruder, dass man im zweiten Drittel des Spiels glaubt, dass es unmöglich noch schlimmer kommen kann. Kommt es aber und das gibt „Halo 4“ mehr emotionales Gewicht als alle Teile zuvor zusammen hatten.

Vor dem Hintergrund dieser sehr persönlichen Geschichte, die das spezielle Verhältnis zwischen John und Cortana erstmals ausführlich thematisiert, bekommt es die Menschheit noch mit dem kleinen Problem ihrer totalen Auslöschung zu tun. Auch das ist weit mehr als nur ein thematischer Rahmen, denn das Problem hat ein Gesicht. Mit anderen Worten: John hat einen konkreten Gegenspieler, den es aufzuhalten gilt.

Die im Vorfeld lauthals verkündete Charakterisierung des sonst eher unterbelichteten Master Chiefs steht als dritte und letzte Story-Ebene über allen Dingen. Mit ihr beginnt alles und mit ihr geht alles zu Ende. 343 Industries erreicht sie mit einem kleinen Trick. Anstatt uns einen neuen, plötzlich menschelnden Chief zu präsentieren, lässt man uns am alten zweifeln. War John-117 schon immer nur eine kalte Kriegsmachine, ein genetisch und kybernetisch gepimpter Super-Soldat ohne Gewissen und Sozialsinn? Oder schlummerte in all der schönen Zeit, die wir mit dem Halo-Franchise verspielt haben unter seiner kugelsicheren MJOLNIR -Rüstung etwa doch ein Herz? Diese Frage kitzelt  „Halo 4“ mit Cortanas drohender Vernichtung subtil heraus. Ein Commander Shepard wird deshalb zwar noch nicht aus dem Master Chief, er ist aber auf dem besten Wege einer zu werden.

Während 343 Industries mit der Handlung also einiges wagt, konzentriert man sich in puncto Gameplay voll und ganz auf Bewährtes. „Halo 4“ bietet kreative Sandbox-Action und schnelle, direkte Feuergefechte. Die Halo-DNA wurde nicht verändert, sondern behutsam erweitert.

Pure Halo-DNA

Und zwar mit Hilfe von neuen Waffen, neuen Gadgets und neuen Gegnern. Dass diese Neuerung so sauber im bekannten Halo-Gefühl aufgehen, kann man 343 Industries dabei gar nicht hoch genug anrechnen. Das mit Abstand stärkste Qualitätsmerkmal in „Halo 4“ ist jedoch das hohe Maß an spielerischer Abwechslung. Immer dann wenn man sich gerade an ein Muster gewöhnt hat, bekommt man ein neues Spiel-Element geboten. Mal bestreitet man einen Dogfight in einem Banshee, mal muss man einen waffenstrotzenden Mech besteigen, mal wird man in eine gewaltige Massenschlacht mit dutzenden Soldaten und Fahrzeugen geworfen. Gerade mit letzterem hatte ich beim Test zu Halo 4 einen Heidenspaß.

Anstatt seinen Spielern ein einziges, komplett durchgeskripteten Spielerlebnis zu geben, lässt uns „Halo 4“ selbst im Regiestuhl eines pompösen Science-Fiction-Films platznehmen. 343 Industries hat eine gewaltige Spielwiese entwickelt, auf der allein der innere Held das Geschehen diktiert. Egal, ob man sich geschickt von Deckung zu Deckung bewegt, das Jetpack anschmeißt, einen vernichtenden Nahkampfangriff ausführt oder einen gegnerischen Panzer kapert – „Halo 4“ lässt den eigenen Ideen Raum.

Wenn 343 Industries nach diesen Passagen die Zügel dann wieder etwas enger schnallt, bekommen wir im Gegenzug sinnvolle und vor allem spannende Missions-Aufgaben gestellt. Dann müssen wir zum Beispiel Zivilisten bei der Evakuierung beschützen oder eine Fregatte der UNSC vor ihrem sicheren Untergang bewahren.

Kritik auf höchstem Niveau

Ein, zwei Kritikpunkte muss sich die Solo-Kampagne von „Halo 4“ aber dennoch gefallen lassen. Zum Beispiel im Bereich des bereits angesprochenen Gegnerverhaltens. Die Halo-Tradition in allen Ehren – gewisse Altbestände der KI haben ihre beste Zeit einfach hinter sich. Das Kampfverhalten der Allianz-Truppen ist mittlerweile so gläsern wie die Vitrine meiner Oma. Da fordern uns die neuen Prometheaner mit ihren Reparaturdrohnen und einer Teleport-Fähigkeit schon deutlich mehr.

Auch bei der Länge der Kampagne hätte man durchaus etwas spendabler sein können. Mit knapp sieben Stunden ist sie viel zu schnell vorbei. Zwar hat man bei der Betrachtung der Credits nicht das Gefühl, zu wenig erlebt zu haben – über ein, zwei Stunden mehr hätte ich mich dennoch sehr gefreut.

Zum Glück warten nach dem Abschluss der Hauptkampagne noch massig gute Inhalte, um dieses Manko wieder wettzumachen. Neben der ersten Staffel der wöchentlich erscheinenden Koop-Missionen „Spartan Ops“ und einem mächtigen Editor,  ist hier vor allem der erstklassige Multiplayer „War Games“ zu nennen. Dieser wurde unter dem populären Einfluß der letzten „Call of Duty“-Reihe spürbar aufgebohrt. So erhalten wir zum Beispiel für erfolgreiche Aktionen im Multiplayer nun Punkte, die wir direkt in Spezialfähigkeiten oder besonders mächtige Waffen ummünzen können. Über das Steuerkreuz wählen wir eine von drei Optionen und schon knallt uns eine Nachschubdrohe direkt vor die Füße.

Neben den wieder einmal sehr umfangreichen Individualisierungsoptionen, die wir über erworbene Erfahrungspunkte (nicht länger über Credits) freischalten, sind uns die guten bis sehr guten Karten und das spürbar erhöhte Tempo positiv aufgefallen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir in „Halo 4“ – vorausgesetzt, wir haben das richtige Upgrade ausgerüstet – nun auch dauerhaft sprinten können.

Fazit zum Halo 4 Test: Gestatten, John 117

Halolujah! Der Start in die neue Reclaimer-Trilogie ist rundum gelungen. 343 Industries hat ganze Arbeit geleistet. Nur die Angst vor der eigenen Courage müssen die Entwickler unbedingt noch ablegen. Ein bisschen zu zaghaft stellt uns „Halo 4“ den Mann hinter der Ikone Master Chief vor. Das führt das Franchise zwar auf bisher sträflich vernachlässigte Pfade, diese wurden jedoch noch nicht konsequent zu Ende gegangen. Man spürt förmlich den hohen Respekt, den 343 Industries vor ihrem traditionsreichen Erbe haben. Traut euch noch mehr, möchte man ihnen zusprechen – gebt “Halo” noch mehr Charakter, noch mehr Emotionen, noch mehr persönliche Geschichten. Ihr seid definitiv auf dem richtig Weg.

Den Fans sei an dieser Stelle aber nochmals unterstrichen: Dieses Spiel basiert auf reinster Halo-DNA. Heldenhafte Sandbox-Action, druckvolle, fordernde Feuergefechte und mehr Abwechslung als jemals zuvor. Die neuen Waffen und Gadgets geben „Halo 4“ ein frisches Spielgefühl und die Grafik ist wieder einmal zum Zungeschnalzen. Kaum zu glauben, was 343 Industries aus der auslaufenden Hardware-Generation noch rauskitzeln können. Dass Neil Davidge einen hervorragenden Soundtrack für “Halo 4″ komponiert hat, wussten wir ja bereits schon vorher. Dass er das Spielerlebnis so toll unterstützen würde, ist hingegen eine von vielen positiven Überraschungen in diesem Spiel.

Auch auf die große Gefahr hin, wie die Rückseite einer Spieleverpackung zu klingen: „Halo 4“ ist ein episches Science-Fiction Abenteuer mit enorm viel spielerischer Freiheit und einer packenden Geschichte. Was soll ich machen – es stimmt halt. Wir sehen uns im Multiplayer.

Wertung 89%

 

Zusätzlich zu unserem Halo 4 Test gibt es für Neulinge im Halo Universum in der nächsten Woche noch ein Special, das die genauen Hintergründe der Geschichte beleuchtet und das nötige Vorwissen zur Reclaimer-Trilogie aufbereitet.

Weitere Themen: Microsoft Games

Halo 4


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