Halo 5 im Test: Das beste Beat'em Up unter den Ego-Shootern

Sebastian Moitzheim
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Lasst euch von Trailern, Vorabberichten und den diversen Vorgängern nichts erzählen: Halo 5: Guardians (Xbox One) ist kein Ego-Shooter. Halo 5 ist ein Beat’em Up. Ob es auch über den verbesserten Melee-Kampf hinaus überzeugen kann, erfahrt ihr in meinem Test.

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Halo 5 Launch Trailer

Okay, Halo 5: Guardians ist nicht wirklich ein Beat’em Up. Aber glaubt mir: Ihr werdet in der Kampagne nicht nur jede Gelegenheit nutzen, eine der Melee-Attacken eures Spartaners auszuführen, ihr werdet bewusst solche Gelegenheiten schaffen, selbst wenn das bedeutet, euch kopfüber ins gegnerische Feuer zu werfen. Denn nichts in Halo 5 macht so viel Spaß wie der Melee-Kampf. Neben dem bekannten Hieb mit der Waffe stehen euch ein Charge-Angriff und ein Boden-Stampfer aus der Luft zur Verfügung, und alle diese Nahkampf-Angriffe fühlen sich einfach gut an, es ist Gewicht hinter ihnen. Zusätzlich hat die Rüstung eurer Spielfigur kleine Jetpacks, die euch mittels eines kleinen Schubs schnelle Ausweichmanöver ausführen oder im Sprung die Richtung ändern lassen. Ich weiß, das alles klingt nach winzigen Details und ist nicht unbedingt das Erste, was ihr über Halo 5 wissen wollt – aber das hat mir am Spiel am besten gefallen. In keinem anderen Halo, ja in keinem anderen Shooter (okay, keinem, in dem man nicht niedliche, anthropomorphe Tintenfische steuert) macht es so viel Spaß, sich einfach nur zu bewegen.

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Es fühlt sich daher von der ersten Sekunde an gut an, Halo 5 zu spielen und eine solche, für Ego-Shooter völlig neue Kontrolle über die Spielfigur zu haben, was den etwas wirren Einstieg in die Kampagne leichter verdaulich macht. Handlungstechnisch fühlte ich mich, trotz Kenntnis der Vorgänger, etwas verloren, als ich nach einer kurzen Intro-Sequenz in eine chaotische Schlacht geworfen wurde – nicht als Master Chief, sondern als Spartaner Locke, und ohne allzu ausführliche Erklärung, warum ich gerade diesen Eisplaneten verteidigen muss und wer Locke überhaupt ist.

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Letzteres weiß ich nach dem Ende von Halo 5 noch immer nicht so richtig, aber davon abgesehen wird es nach dem Einstieg leichter, der Handlung zu folgen: Der Master Chief erhält eine Nachricht, die anscheinend von der nach den Ereignissen von Halo 4 totgeglaubten Cortana stammt, und macht sich auf die Suche nach ihr – wobei er die Befehle seiner Vorgesetzten ignoriert, weshalb Locke und sein Team Osiris damit beauftragt werden, den Chief ausfindig zu machen und festzunehmen.

Man verbringt im Verlauf der Kampagne etwas mehr Zeit mit Locke, doch der Master Chief bleibt klar die Hauptfigur und seine Beziehung zu Cortana der Fokus der Handlung. Diese Beziehung hatte in Halo 4 eine neue Tiefe bekommen, was vielleicht der wichtigste Beitrag des damals neuen Entwicklers 343 Industries zum Halo-Franchise ist.

Die Weiterentwicklung dieser Beziehung und von Cortana als Figur kann ich nun allerdings nicht einmal mehr als “enttäuschend” bezeichnen, denn das würde voraussetzen, dass ich irgendetwas anderes erwartet hätte. Hätte ich allerdings vor dem Spielen von Halo 5 versucht, den Handlungsverlauf zu erraten, hätte ich zu 100% richtig gelegen, was angesichts der kryptischen “Hunt the truth”-Werbekampagne doch etwas schwach ist.

Ich war ehrlich gesagt nie Fan der Halo-Storys, mochte allerdings immer, wie AIs als normale Charaktere, die sich gar nicht so sehr von den Menschen unterscheiden, behandelt wurden. Hier entwickelt sich Cortana nun auf eine Weise, die sicher irgendwann mal originell war, mittlerweile aber eines der abgenutztesten Sci-Fi-Klischees überhaupt ist – ich will nicht spoilern, doch ich könnte zum Beispiel alleine aus dem letzten Jahr drei Mainstream-Filme nennen, die sich dessen bedienten.

Die Bevorzugung von Locke gegenüber dem Master Chief als Spielfigur ist allerdings ein Segen: Locke selbst hat zwar keine eigene Identität oder Agenda, aber immerhin ist ein digitaler Nathan Fillion Teil seines Teams und bringt ein paar nette, ironische One-Liner mit.

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Story, Schmory: Spielerischer Abwechslungsreichtum

Wo die Kampagne storytechnisch scheitert, glänzt sie spielerisch: In seiner Konzentration auf Setpieces, auf einprägsame, perfekt inszenierte Sequenzen, die kleine Geschichten erzählen, konnte Halo 5 bei mir in seinen besten Momenten dieses Gefühl eines “spielbaren Actionfilms” hervorrufen, das man sonst nur von Uncharted und dem Tomb-Raider-Reboot kennt. Die Kampagne bei Halo 5 ist abwechslungsreich wie kaum ein anderer Shooter, sie durchläuft von spektakulären Luftangriffen über Kämpfe auf dem Körper eines gewaltigen Roboters bis hin zum langsamen Vorantasten durch dunkle Korridore fast alle Spielarten des Action-Genres. Wirklich überraschend oder gar innovativ ist das Spiel dabei zwar nie, dafür bleibt es aber immer in Bewegung, zu wirklich keiner Sekunde entsteht Leerlauf.

Ebenso abwechslungsreich ist Halo 5 visuell: Die Kampagne führt euch auf eine Reihe von Planeten, die mal aus trockener Steinwüste bestehen, mal unter Eis und Schnee liegen und fast immer wunderschön sind (fast, weil ein an Avatars Pandora erinnernder Planet eher zum Gähnen einlädt). Ein frühes Level referenziert optisch gar Doom, was bei mir besondere Freude auslöste.

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Erwähnen sollte ich an dieser Stelle wohl, dass die Kampagne mit ca. 7 Stunden nicht wahnsinnig lang ist. Wer vor allem viel Spiel für sein Geld will, sollte daher nur dann zu Halo 5 greifen, wenn er auch Lust auf die Multiplayer-Komponente hat. Zwar gibt es nach dem Abschluss der Story durchaus noch einige Objekte zu sammeln, aber ich hatte das Gefühl, beim ersten Durchspielen schon alles von den doch eher linearen Levels gesehen zu haben. Die Kürze des Spiels empfand ich allerdings eher als Stärke, denn ganz ehrlich: Fast nie passiert es mir, dass ich nach Abschluss eines AAA-Spiels – wenn ich überhaupt mal eins durchspiele – noch Lust auf mehr habe, denn fast alle diese Spiele versuchen, die Spielzeit künstlich zu strecken. Halo 5 respektiert meine Zeit und bietet mir ein kurzes, knackiges Vergnügen, nach dem ich es kaum abwarten konnte, bis endlich die Pre-Release-Server für den Mehrspieler-Modus (Arena und Warzone) eröffnet wurden.

Und wie der mir gefallen hat, erfahrt ihr auf der nächsten Seite.

Wertung

8/10
Getestet von Sebastian

Vom spaßigen Warzone-Multiplayer abgesehen bietet Halo 5: Guardians Routine statt Innovation. Wer damit leben kann, bekommt einen soliden, abwechslungs- und temporeichen Shooter mit einigen unvergesslichen Setpieces.

Na, angefixt?
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