Spiele müssen erwachsen werden – Aber nicht so!

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Übermäßige Gewaltdarstellung, unnötige Sexualisierung weiblicher Charaktere, steroidgetriebene Dialoge. Es gibt viele Dinge, die man an der aktuellen Spielelandschaft bemängeln kann. Und es gibt ein paar Entwickler, die genau das liebend gerne tun: David Cage und Warren Spector wettern aktuell gegen den Status Quo der Industrie, fordern, dass Spiele erwachsen werden müssen. Aber bitte nicht so!

Spiele müssen erwachsen werden – Aber nicht so!

David Cage, seines Zeichens führender Kopf des französischen Entwicklers Quantic Dream und verantwortlich für Fahrenheit und Heavy Rain, nannte in einer Rede auf dem DICE Summit 2013 neun Ideen, wie sich die Industrie weiterentwickeln könnte. Darunter die Aussage, dass sich Entwickler auch an Spiele herantrauen sollten, in denen der Protagonist keine Waffe trägt, nicht über Plattformen hüpft oder am Steuer eines Wagens sitzt.

We need to decide that violence and platforms are not the only way. Now, if the character doesn't hold a gun, designers don't even know what to do.

Das passiert doch schon längst! Man möge den Blick auf den rapide wachsenden Indie-Markt werfen, auf Titel wie “To the Moon”, “Dear Esther”, selbst Adventures wie “The Walking Dead”. Dort gibt es zwar Knarren, sie spielen aber nur eine kleine Rolle – ähnlich wie in Cages eigenem “Heavy Rain”. Und was ist mit experimentellen Spielen wie “Octodad” oder “Antichamber”? Kritisiert wird hier lediglich der Triple-A-Spielemarkt, in dem Shooter und Action-Adventures die Vorherrschaft halten. Ich stimme zu – da wäre mehr Abwechslung zu wünschen. Dass man aber eben diese Abwechslung im Indie-Geschäft findet, muss erwähnt werden.

Weiterhin fordert Cage, dass Spiele etwas zu sagen haben sollen. Dass es nicht nur darum geht, schnell mit den Daumen zu sein. Dass Themen der realen Welt angesprochen werden.

“Can we create games that have something to say, that carry an idea … that you can resonate with? Become accessible: Let's focus on minds, not on thumbs!

Auch hier scheint die eigentliche Message zu sein: Macht mehr Spiele wie “Heavy Rain”! Dass auch andere Titel eine tiefgreifende Aussage haben können, scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen. “BioShock”, “Enslaved”, “Journey”, “Nier”, “Spec Ops: The Line” und selbst “Metal Gear Solid” mit seiner Anti-Kriegs-Einstellung –  auch hier werden Spiele ignoriert, die bereits Kritik üben, die etwas zu sagen haben.

David Cage trifft in seiner Rede auf dem DICE Summit noch weitere Aussagen, denen ich durchaus zustimme. Etwa, dass der Kauf eines Spiels wie ein Vote fungiert; Spiele, die oft gekauft werden, werden auch weiterhin so produziert. Er kritisiert zudem den Spiele-Journalismus, fordert mehr Analyse. Auch dem kann ich nur beipflichten. Ihm muss allerdings auch klar sein, dass gerade seine vergangenen Spiele unterm Strich dabei schlechter wegkommen würden. Denn gerade beim zweiten Hingucken zerfallen die Geschichten von “Fahrenheit” und “Heavy Rain” in ihre Einzelteile. 

Cages Forderungen an sich sind dabei gar nicht das Problem. Es ist die Art und Weise, wie er sie präsentiert. Er ignoriert Titel, die seinen Forderungen bereits nachkommen und sieht scheinbar sich und Quantic Dream als die einzigen Entwickler, die aktuell Spiele für Erwachsene machen. Was ein Spiel für Erwachsene sein soll, steht danach immer noch nicht fest. Hyper-brutale Gore-Feste à la Mortal Kombat sind es nicht. “Heavy Rain” mit seinen voyeuristischen Szenen ist es aber sicher auch nicht.

An anderer Stelle auf dem DICE Summit 2013 gab Warren Spector eine kleine Präsentation. Der Entwickler von “Deus Ex” und zuletzt Disney Micky Epic 2 sprach ebenfalls über das Erwachsenwerden seiner Industrie. Er braucht kein Spektakel mehr, keinen Fokus auf die Gewalt, keine großen Schwerter oder Space Marines.

When you’re this age, spectacle is plenty. And bloodsprays and all that stuff is really kind of what you’re looking for because you really want to alienate people in a strange sort of way. You want to shock people and you want to be different.

I have no interest in guys who wear armor and swing big swords. I have been the last space marine between earth and an alien invasion. I really just don’t need to go there anymore. I want content that is relevant to my life, that is relevant to me, that is set in the real world.

So weit, so gut. Einen post-apokalyptischen Shooter mit hoher Gewaltdarstellung sollten wir von Spector also nicht erwarten. Problematisch wird es, wenn auch Spector beginnt, zu generalisieren:

“If we're going to reach a broader audience, we have to stop thinking about that audience strictly in terms of teenage boys or even teenage girls. We need to think about things that are relevant to normal humans and not just the geeks we used to be.“ 

Aha – Entwickler sollen sich also nicht mehr auf eine Zielgruppe im Teenage-Alter konzentrieren. Ist dieser Wandel nicht schon längst im Gange? Richten sich Spiele wie “Journey”, “BioShock”, “Spec-Ops” und Co. nicht schon längst an erwachsene Köpfe? Der Kicker war aber folgende Situation: Zu den Worten “… es gibt auch Spiele, die einfach nicht entwickelt werden sollten”. zeigte Spector ein Bild von “Lollipop Chainsaw”, dem hyperaktiven Zombie-Slasher-Spiel von Grasshopper Manufacture.

Auch wenn er seine Aussage nicht in Worte fasst, so ist sie doch eindeutig: Laut Spector sollte es Spiele wie “Lollipop Chainsaw” nicht geben. Damit habe ich ein Problem und ich würde die Aussage gern korrigieren. Es sollte nicht nur Spiele wie “Lollipop Chainsaw” geben. Mal abgesehen davon, dass die Sexualisierung und übertriebene Gewaltdarstellung in “Lollipop Chainsaw” einen mächtig satirischen Anstrich haben, gibt es überhaupt keinen Grund, warum es dieses oder ähnliche Spiele nicht geben sollte.

Manchmal reicht eben simple Unterhaltung, manchmal reicht überdrehter Humor. Warum sich so ein Nischenspiel rauspicken und indirekt behaupten, es hätte nie gemacht werden sollen? Selbst Spiele wie “Postal” haben ihre Daseinsberechtigung. Die Spieler entscheiden darüber – meist mit ihrem Geldbeutel. Geschmäcker sind verschieden.

Die Spieleindustrie ist bereits auf dem richtigen Weg. Der Indie-Markt wächst, die Diversität steigt. Man muss nur einen Blick auf Steam, XBLA oder das PSN wagen und findet binnen weniger Minuten einzigartige Spielerlebnisse und neue Ideen. Manchmal sind das neue Arten, Geschichten zu erzählen. Manchmal sind es wahnwitzige Gameplay-Mechaniken. Jetzt muss man nur die Triple-A-Maschinerie dazu bringen, sich daran zu bedienen und sich inspirieren zu lassen. Aber auf die prätentiöse, “erwachsene” Spielezukunft, die sich Cage und Spector ersehnen, kann ich verzichten. Denn wenn es um Spiele geht, bin ich nicht bescheiden. Ich will alles.

Weitere Themen: Sony Computer Entertainment


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