Hitman Absolution Test – Genau zwischen die Augen

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Mein Verhältnis zu Agent 47 war von Anfang an schwierig. Ich meine, wer will einen Charakter spielen, der seine ersten 30 Jahre in einer rumänischen Psychiatrie verbracht hat und dessen Eizelle mit der DNA der widerwärtigsten Mörder aller Zeiten manipuliert wurde? Und dann sieht der Hitman auch noch genauso aus, wie sich seine absurde Vita anhört. Eine blasse, emotionslose Tötungsmaschine, die weder Angst noch Mitgefühl kennt.

In seiner nunmehr zwölfjährigen Karriere als Auftragskiller kamen irgendwann zwar noch ein paar Rachegelüste und ein tief vergrabenes Ehrgefühl hinzu – letztlich ist 47 aber ein unsympathisches Ungeheuer in einem todschicken Anzug.

Trotz dieser Identifikationshürden habe ich alle „Hitman“-Titel gespielt. Wie so viele bin ich der morbiden Faszination des perfekten Mordes erlegen. Eine schwer bewachte Zielperson bei hellichtem Tage unter den Augen der Bewacher in eine sorgfältig geplante Falle tappen zu lassen, lautlos zuzuschlagen und wieder zu verschwinden, ohne auch nur einen einzigen Hinweis auf meine Anwesenheit hinterlassen zu haben – ein erhabenes Gefühl, das mir bisher nur der Hitman zu geben vermochte.

Hitman Absolution Test – Wohin mit Agent 47 im Jahr 2012?

Die große Frage, die sich nun mit „Hitman – Absolution“ stellt: Will das im Jahr 2012 überhaupt noch jemand spielen? Es ist ein Jahr, in welchem man mit einer einzigen Schultertaste in wenigen Sekunden ganze Stadtteile im Radschlag hinter sich lassen kann und mit der anderen bei Bedarf eine Atombombe zündet. Schnell, zugänglich, möglichst spektakulär muss ein Spiel im Jahr 2012 sein, um seine Käufer zu finden. Die „Hitman“-Reihe hatte bisher nichts davon. Sie war sogar das genaue Gegenteil. Obendrein könnte Agent 47 unter all den Connors und Nathans unsere Zeit auch ein echtes Imageproblem bekommen.

Das tolle an „Hitman – Absolution“ ist, dass IO Interactive die Frage nach dem passenden Publikum offenbar scheißegal war. „Absolution“ ist – zumindest in seiner Stealth-Spielweise – unfassbar langsam, komplex und spektakulär clever.

Wer so vorgeht, wie es die Entwickler für richtig halten – also unerkannt bleiben und den Mord wie einen Unfall aussehen lassen – der muss verdammt viel Zeit und noch mehr Überlegung in das Spiel investieren. Gelände sondieren, versteckte Zugänge und mögliche Fluchtwege ausfindig machen, den neuen Instinkt-Modus anwerfen und die Zielpersonen unauffällig verfolgen. Dann sucht man meist nach Schwachstellen in ihren Gewohnheiten und dreht ihnen daraus einen hinterlistigen Strick. Mal fällt das Ziel aufgrund einer manipulierten Stromleitung seinem starken Harndrang zum Opfer, ein anderes Mal landet eine achtlos weggeworfene Kippe in einer von mir vorbereiteten Benzinlache. Jedes Mal liegt über dem Abgang der Opfer schwarzer Humor.

Spielt man „Hitman – Absolution“ auf die Weise des „Silent Assassin“, hat man es schon fast mit einem Point & Click-Adventure zu tun. Der Mord als komplexes, mehrstufiges Rätsel, das es durch genaues Beobachten zu lösen gilt. Die große Mühe, die IO Interactive sich beim Anlegen der zahlreichen Lösungswege gemacht hat, sorgt dafür, dass dieser sehr zurückgenommene, eher passive Spielstil dennoch spannend und motivierend ist.

Hitman Absolution Test – Point & Click Kills

Es gibt Karten, auf welchen ich bis zu neun mögliche Tatverläufe ausfindig machen konnte. Gerade wenn man es mit mehreren Zielen gleichzeitig zu tun hat, lädt diese enorme Flexibilität zum schadenfröhlichen Experiment ein. Da ich während der Vorbereitung eines Anschlages auch stets auf meine Tarnung achten muss, geht mein Puls nie wirklich in den Keller. „Hitman – Absolution“ weiß um die Gefahren des entschleunigten Stealth-Stils und garniert seine schleichende Spielweise deshalb auch mit kurzen Scripts-Events, die mir die Charaktere der Zielpersonen näher bringen oder gar ein Überraschungselement einführen.

Wie man allerdings gewieft mordet, ohne wieder und wieder neu laden zu müssen, darauf weiß auch „Hitman – Absolution“  keine Antwort. Als „Silent Assassin“ ist das ständige Wiederholen und das Arbeiten nach dem Trial & Error-Prinzip schlichtweg Pflicht. Überhaupt ist das gesamte Spiel stark darauf ausgelegt, die Mission mehrmals zu wiederholen. Neben den fünf Schwierigkeitsgraden, warten die Top-Scores, etliche neuen Waffen und Verkleidungen, sowie die von anderen Spielern erstellten „Contracts“ (zusätzliche Zielpersonen) darauf, geknackt, freigespielt und erledigt zu werden. Der Wiederspielwert von „Hitman – Absolution“ ist damit enorm.

Das ist zwar lobenswert aber nicht unbedingt jedermanns Sache. Ich selbst gehöre zum Beispiel zu den Menschen, die ein Spiel lieber einmal richtig durchspielen und dann erst einmal für lange Zeit ignorieren. Und so hat mich „Absolutions“ dauerhaft eingeblendeter Punktestand wie auch das häufige Nachladen von (bisweilen schlecht platzierten) Checkpoints oftmals aus dem persönlichen Takt gebracht. Insbesondere das Vergeben von Minuspunkten für Aktionen, die nicht mit dem „Silent Assassin“-Ziel übereinstimmen, erschien mir gewöhnungsbedürftig und eher demotivierend als zielführend.

Zum Glück habe ich später gelernt, mich von der punktemaximierenden Heimlichtuerei zu emanzipieren und meinen eigenen Weg zu gehen. Plötzlich machte Agent 47 jede Menge Lärm, Explosionen und Leichen pflasterten seinen Weg. Der dadurch erzeigten Aufmerksamkeit begegnete die eiskalte Glatze mit dem Gebrauch seiner „Point-Shooting“-Fähigkeit, die ihn ganze Gegnergruppe in cooler Slow-Motion ausschalten lässt. Dass dieser Weg mir genauso viel Spaß machte wie der lautlose, ist für mich die eigentlich Überraschung an „Hitman – Absolution“. Die Action rockt!

Ein Beispiel: Der Moment, in dem ich – genial getarnt als hochwürdiger Richter – eine Schrotflinte unter der Robe hervorholte, um im Gefängnisstrakt des Gerichtsgebäudes so dann mein bleihaltiges Urteil über die korrupten Bullen zu sprechen, ist schon jetzt eines meiner Jahres-Highlights. Wer gewillt ist, in „Absolution“ auf die Kacke zu hauen, der wird mit filmisch inszenierten Schusswechseln,  tollen Effekten und meist clever agierenden Gegnern belohnt.

Leider ist die Steuerung gerade in hektischen Schießereien etwas umständlich und unsauber geraten. So wollten mir zum Beispiel manche Treppengeländer partout keine Deckung geben und bei den vorgetäuschten Kapitulationen geschieht mir etwas zu viel automatisch. In der PC-Version hatte ich in seltenen Einzelfällen zudem mit kleineren Bugs zu kämpfen, die in den Quick-Time-Nahkämpfen und beim Zurückschalten von der höchsten Alarmstufe auftraten.

Fazit

Den meisten Spaß hatte ich mit „Hitman – Absolution“ in der goldenen Mitte zwischen Stealth und Action. Anstatt eine Stunde lang heimlich nach tödlichen Unfallhergängen zu suchen oder direkt das Maschinengewehr auszupacken, folge ich lieber meinen eigenen Instinkten und lasse mich von den hinreißend detaillierten Schauplätzen spontan inspirieren. Aus einem Chipmunk-Kostum, etwas Plastiksprengstoff und einem zuvor belauschten Gespräch über Polizei-Korruption entwickelt sich so meine ganz persönliche Action-Sequenz. Mir diesen Spaß ohne Stolpersteine zu ermöglichen – das macht „Hitman – Absolution“ zu einem sehr guten Spiel.

Auch der lakonische Erzählton und das charismatische Arschloch-Ensemble, das 47 auf seinem blutigen Pfad beseitigen muss, stehen der Fortsetzung gut zu Gesicht. Leider ist 47 selbst der schwächste Charakter von allen. Bis auf wenige schnippische Kommentare bleibt uns der emotionslose Klonkiller also erhalten. Hier hätte ich mir deutlich mehr erhofft.

Die Story selbst ist zwar äußerst schlicht, wächst aber dank gut gewählter Stilmittel zu einer bitterbösen Johnny Cash-Ballade über gekaufte Sheriffs, Kleinstadt-Ganoven und ekelhafte Waffenhändler heran. Die Hochglanz-Inszenierung eines “Max Payne 3” bleibt für “Absolution” trotz ähnlicher Absichten aber durchgehend in weiter Ferne.

Sehr lobenswert hingegen: Anstatt den Spieler (wie in zu vielen anderen Spielen aktuell) ohne Sinn und Verstand um die halbe Welt zu schicken, entspinnt sich in hier eine folgerichtige Geschichte, die Agent 47 ohne unnötige Zwischenstopps vom Trubel der Großstadt in ein kleines Provinznest führt. Auf dieser Reise warten ein paar wirklich unvergessliche Orte. Persönlicher Liebling: das Testgelände einer Waffenfabrik auf welchen Tellerminen an Schweinen getestet werden.

Hitman-Puristen werden sich über die zahlreichen Tötungsmethoden, die enorme Handlungsfreiheit, die mehr als üppige Spielzeit und den maximalen Wiederspielwert von „Hitman – Absolution“ freuen. IO Interactive bleibt den Qualitäten der Reihe in dieser Hinsicht absolut treu. Allerdings dürfte das Wegfallen der Ausrüstungsoptionen vor Beginn eines Auftrages den Fans genauso missfallen, wie die Tatsache, dass man in „Hitman – Absolution“ nur noch in versteckten Menüs über die Zielpersonen informiert wird.

Schwarz, clever und offen - “Absolution”  hat mir leise Schadenfreuden und einen selbst inszenierten Actionstreifen ermöglicht. Danke dafür.

Wertung 85 %

 

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