Horizon – Zero Dawn im Test: Postapokalypse in schön

Sandro Kreitlow
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Eine Postapokalypse war noch nie so schön wie in Horizon: Zero Dawn. Doch bietet das neue Action-RPG mehr als Grafik-Power? Wird in dem vielversprechenden Szenario eine ebenso spannende Geschichte erzählt? 

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Horizon - Zero Dawn im Test: Postapokalypse in schön

 

Endlich ist es so weit. Ich packe Horizon: Zero Dawn in meine Konsole, die sich mindestens genauso sehr freut wie ich, endlich das Zugpferd der PS4 Pro sehen zu können. Aber Moment! Grafik ist doch nicht alles?

Horizon: Zero Dawn spielt in einer Welt, die vor 1.000 Jahren Schauplatz einer mysteriösen Apokalpyse war. Von den Großstädten sind nur noch überwucherte Ruinen geblieben, die Menschen haben sich in verschiedenen Stämmen zusammengetan, um urzeitlich zu jagen und zu sammeln. In dieser postapokalyptischen Welt schlüpfst Du zum ersten Mal in einer Rückblende in die Rolle der jungen Waisin Aloy, die zwar als Kind vom Stamm der Nora aufgenommen wurde, seitdem jedoch als Außenseiterin ohne Vergangenheit und Ursprung leben muss. Sie wird ausgestoßen.

Einzig und allein mit dem ebenso ausgestoßenen Rost hat Aloy einen Mentor, der sie in dieser gefährlichen Welt behüten und ausbilden soll, um die Erprobung zu meistern. Das Ziel dieser Erprobung ist es, den Makel als Ausgestoßene zu verlieren und als vollwertiges Mitglied der Nora aufgenommen zu werden – jenem Stamm, der an die Allmutter als Göttin der Natur glaubt und unter den Ruinen der schon längst verstorbenen, technologisierten Zivilisation lebt. Fragen nach der Geschichte der Welt und dem Fall dieser Zivisilation erlauben die Ältesten nicht. Durch die Erprobung kann ihr immerhin eine Antwort auf die wichtigste Frage überhaupt gewährt werden: Wer sind ihre Eltern?

Mir wird schnell klar: Irgendwie ist Aloy anders, als die meisten Videospiel-Charaktere. Sie wird so sehr verachtet, dass niemand mit ihr reden will. Im Wissen über die Welt, in der sie lebt und über ihre Person selbst sind wir beide auf demselben Level. Doch obwohl sie anders ist als die anderen Menschen, sucht Aloy den Kontakt zu Dorfbewohnern und Händlern. 

Eine Open World mit wenig Entscheidungsfreiheit

Auf der Suche nach Antworten zu ihrer wahren Identität und was es mit dem titelgebenden „Zero Dawn“ auf sich hat, trifft Aloy auf unzählige Menschen. Per Dialograd wählst Du in Gesprächen Fragen und Antworten aus. Dabei kommt es leider nur selten zu wirklich wichtigen Entscheidungen. Vielmehr wählst Du die Sätze nach und nach aus, die Reihenfolge hat keinerlei Auswirkungen. In weiteren Dialogen erfährst Du von meist persönlichen Geschichten anderer, denen Du in Nebenquests folgen kannst. Einige Hintergründe zum großen Ganzen erfährst Du vorerst allerdings nur durch Erzählungen, die Du Dir optional anhören kannst. Hierbei ist die deutsche Synchronisierung zwar nicht immer extrem überzeugend, teilweise asynchron, doch in wichtigen Momenten werden Emotionen glaubhaft vermittelt. Du hast allerdings die freie Wahl, das Spiel in englischer Sprachausgabe mit deutschem Untertitel zu erleben. Freiheiten gibt Dir die Spielwelt zwar auch in der Wahl der nächsten Quest, doch im Klettern etwa sind Dir – so kurios es klingen mag – die Hände gebunden. Die greifbaren Punkte sind gelb markiert, woraufhin sich Aloy automatisch in die Richtung Deines Cursors bewegt, was Dich meistens zu ebenso anspruchslosen Rätseln führt.

Besonders in der Größe kann sich Horizon: Zero Dawn wahrhaft als Open World-Spiel betiteln. Die offene Welt unterliegt einem Tag-Nacht-Zyklus und verfügt über dynamisches Wetter. Beides wechselt allerdings viel zu schnell, wodurch der Welt ein wenig Glaubwürdigkeit verloren geht. Zu Beginn ist die Karte, ähnlich wie Aloys Vergangenheit – vernebelt. Sie kann sich zwar überall hinbegeben, stößt aber in den meisten Gebieten auf zu starke Gegner. Mit dem Touchpad öffnest Du die Umgebungskarte als topografische, schön gezeichnete 3D-Darstellung, auf der die Weide- und Jagdgründe der verschiedenen Wesen, Händler, sowie Lagerfeuer eingezeichnet sind, die Du entdeckst. Letztere dienen als Speicherpunkte und als Schnellreisepunkte, um besonders große Wege zu überbrücken. Die Karte wird außerdem mit Langhälsen gefüllt, einer futuristischen Version eines Brachiosaurus. Diese kann Aloy mithilfe von klar gekennzeichneten Vorsprüngen erklimmen. Oben angekommen rammt sie ihren Speer in den Schädel der Kreatur. Ein Hologramm erscheint und zeigt Markierungen für die Umgebung an. Aloy seilt sich ab, der Langhals marschiert weiter. Das Design eines solchen Langhalses scheint dabei logisch und kein Bauteil sinnlos zu sein.

Auf meiner Reise wirkt die Open World zum großen Teil nicht besonders lebendig, denke ich mir. Neben einigen Dörfern und der „Stadt der Sonne“ namens Meridian wandert Aloy durch menschenleere Gegenden. Je mehr Stunden ich im Spiel verbringe, desto authentischer fühlt sich diese gleichzeitig wundervolle wie dystopische Welt jedoch an, da sich mir die Geschichte rund um die Apokalypse immer mehr erschließt.

Bildergalerie Die Vielfalt der Welt von Horizon: Zero Dawn

Laubgrüne, verwucherte Ebenen, canyonrote Gebirge, stürmische Wüsten, schneebedeckte Bergmassive und dschungelartige Wälder faszinieren mich ebenso wie melancholischer Regen. Die dystopische Atmosphäre wird vom stimmigen Soundtrack Joris De Mans unterstützt, der auch schon die Killzone-Reihe vertonte. In besonderen Momenten könnte die musikalische Untermalung gern epischer ausfallen. Zumindest begleiten mich bedrohlich mysteriöse Töne genauso intensiv wie abenteuerliche Klänge. Ich könnte stundenlang mit Aloy durch die Wildnis wandern, wären da nicht diese fiesen mechanischen Konkurrenten der Menschheit.

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Horizon: Zero Dawn - Die Maschinen

Die wahre Bedrohung

Niemand scheint zu wissen, woher die animalistischen Maschinen stammen, die es zu bekämpfen gilt. Insgesamt 25 Maschinen-Arten erinnern an Tiere aus der realen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und finden in der Welt von Horizon: Zero Dawn zusammen. So ähnelt beispielsweise der Sägezahn einer Säbelzahnkatze, der Trampler einem Ochsen und eine Maschine sogar einem Science-Fiction-Sandwurm. Vor allem letztere Monster haben es in sich. Um Schwächen zu erkennen, findet Aloy früh im Spiel ein technisches Gerät, den Fokus, der es ihr erlaubt, die Gegend zu scannen und Spuren zu verfolgen. Dadurch können auch Materialien, die beim Ableben von Gegnern übrig bleiben, angezeigt werden.

Jegliche Materialen dienen entweder dem Herstellen von Objekten oder dem Handel. Geld gibt es in Horizon: Zero Dawn nämlich nicht. Dafür geht Aloy mit den Händlern ein Tauschgeschäft ein. Metallscherben, Zünder, Draht und andere Gegenstände, die erledigte Maschinen hinterlassen, können so gegen Waffen, Outfits, Rohstoffe, Fallen und Tränke, Munitionen oder Schatzkisten getauscht werden. Doch keine Sorge: Falls Du einen wertvollen Gegenstand in der Eile verkaufst, kannst Du ihn jederzeit zurückkaufen. Das Crafting geschieht unterwegs, solange Aloy alle nötigen Ressourcen im Gepäck hat. Eine Werkbank gibt es nicht. Stattdessen fertig Aloy ihre Bomben, Fallen und Munition praktischerweise selbst jederzeit im Feld aus mitgeführten Rohstoffen. Lebensenergie kann mit heilenden Pflanzen, von normalem Getier erbeutetem Fleisch oder Heiltränken aufgefrischt werden.

Jedoch sind es nicht die Maschinen, die sich als die wahre Bedrohung herausstellen. Im Vordergrund stehen die menschlichen Konflikte, die sich seit der Apokalypse gebildet haben. Das geht sogar so weit, dass eine Gruppe namens Eklipse Maschinen zum eigenen Nutzen manipuliert, um, alles zu zerstören, was Stämme aufrecht erhalten. Sowohl die Kämpfe gegen die Gruppen selbst, wie auch Kämpfe gegen die Mechs verlangen viel Flexibilität, Übersicht und einen langen Atem. An jedem Gegner muss mit Taktik agiert werden, um eine Chance zu haben. Aloys Vorteile liegen hierbei in ihrer Beweglichkeit und ihrem breiten Waffernarsenal. Mit einer Seilharpune grenzt sie Laufwege von Herdentiere ein und fixiert Angreifer kurzzeitig am Boden. Explosivpfeile sind besonders wirksam gegen Panzerplatten, Elektrogeschosse gegen ungeschützte Köperteile. Zum Repertoire hinzu kommen Bomben und Sprengfallen. Die vergleichsweise einfachen Talentbäume ermöglichen es Aloy, diese Fähigkeiten freizuschalten und auszubauen: Die Kategorie “Jäger” verbessert Schleichfähigkeiten, während sich “Krieger” auf Verbesserungen im offenen Kampf fokussiert und “Sammler” die Suche von Ressourcen und Hacken erleichtert.

Von Killzone zu Horizon: Zero Dawn

Die Vorgeschichte des Entwicklers Guerrilla Games wird ziemlich schnell offensichtlich. So gut der Fernkampf mit Pfeil und Bogen funktioniert, so enttäuschend eintönig ist der Nahkampf. Mit ihrem Speer schlägt Aloy sowohl mit starken, als auch schwachen Angriffen auf menschliche und mechanische Gegner. Dabei ist kein Anvisieren möglich. Auch wenn – oder gerade weil – Aloy mit unendlicher Ausdauer wegspringen oder -laufen kann, wird das Kampfgeschehen dadurch insbesondere gegen schnelle, mechanische Wesen sehr unübersichtlich. Durch hohes Gras kannst Du Dich einem Gegner nähern und ihn im besten Falle per Knopfdruck ausschalten. Ob nun im Kampf oder per Schleichen, die Animationen bleiben beim Erledigen jeweils gleich. In den Nahkampf-Aktionen ist Aloys Speer zwar sehr eindimensional, doch ohne ihn wäre das Bereisen der großen, weiten Welt weniger spaßig: Manche mechanische Wesen können mit dem Speer dank eines Gegenstands, das Du im Laufe des Spiels findest, gehackt werden, um sie zum Reiten zu nutzen. So überbrückt Aloy große Entfernungen komfortabler, als zu Fuß und bleibt auch im Kampf mobil: Vom Rücken einer gezähmten Maschine kann sie schießen – eine Zeitlupe hilft beim Zielen, falls Du einen speziellen Schafschützenbogen nutzt.

Und gerade deswegen fasziniert mich Aloy. Sie ist unabhängig, komplett auf sich allein gestellt und weiß sich trotzdem (oder gerade deswegen?) selbst zu helfen. Das macht sie stark. Dabei erinnert sie mich an einige meiner Lieblingscharaktere der Popkultur. Sie ist clever wie Hermine Granger, stark wie Prinzessin Mononoke und kann besser mit dem Bogen umgehen, als Katniss Everdeen. Aloy reiht sich ein in die Reihe der starken Persönlichkeiten, die sich selbst sowohl körperlich, als auch verbal wehren können. Doch die schwere Kindheit hat sie nicht nur stark gemacht. Gleichzeitig hat sie eine sanfte, sensible Seite. So fühlt sie beispielsweise Mitleid mit Maschinen, die sie töten muss.

Darum ist Aloy das Beste, was einem Spiel passieren kann

Lohnt sich die PS4 Pro?

Ein Uncharted 4-Vergleich ist hier schwer, da die Liebe zum Detail dort eher perfektioniert werden konnte, als in einem Open World-Spiel. Umso beachtlicher ist es, was die Entwickler von Guerrilla Games mit Horizon: Zero Dawn auf den Bildschirm zaubern. Kein Wunder, dass Hideo Kojima sich ebenfalls der Decima-Engine für seinen kommenden Titel Death Stranding bedient, ist die Schönheit dieser Spielwelt doch wirklich bemerkenswert. Das Farbspektrum ist sowohl auf der PS4, als auch auf der PS4 Pro immens. Beide Varianten laufen zwar flüssig in 30 Bildern pro Sekunde, Unterschiede lassen sich aber erkennen. Kanten und Oberflächen sind auf der PS4 Pro gestochen scharf, besonders die Vegetation ist strukturierter erkennbar als mit 1080p. Gegner sind aus der Ferne eher erkennbar. Mit einem HDR-fähigen Fernseher erstrahlen Bäume grüner, der Himmel blauer, Felsen roter. Helle und schattierte Bereiche wirken ohne HDR gleichförmiger. Insgesamt wirkt Horizon: Zero Dawn mit der PS4 Pro natürlicher.

Mein Test-Fazit zu Horizon: Zero Dawn

Horizon: Zero Dawn schafft es, Dich von Anfang an vor dem Bildschirm zu fesseln, obwohl die Hintergrund-Geschichte von Aloy und der Welt fast das komplette Spiel über mysteriös bleibt. Wäre das Kampfsystem etwas komplexer gestaltet worden, würde sich Horizon: Zero Dawn in die Liste der ganz Großen im Rollenspiel-Markt einreihen. Das neue Spiel von Guerrilla Games überzeugt mit einer authentischen Open World, seinem unverbrauchten Szenario – irgendwo zwischen Science Fiction und Fantasy, dem starken weiblichen Hauptcharakter und der unvorhersehbaren Geschichte, die zumindest der westliche Rollenspiel-Markt seit The Witcher 3 vergebens sucht. Und das ist eine große Leistung.

Wertung

8/10
Getestet von Sandro

Ich bin beeindruckt von Horizon: Zero Dawn, weil ich in der Erzählung mit Aloy gewachsen bin. Ich hätte mir allerdings mehr Tiefgang im Nahkampf-System, komplexere Talentbäume, mehr Entscheidungsfreiheiten in Dialogen und daraus entstehende Auswirkungen mit tiefgreifenden Ausmaßen gewünscht. Alles in allem ist Horizon: Zero Dawn aber ein ausgezeichnetes Rollenspiel und ein toller Beweis dafür, auch im AAA-Markt erfolgreich neue Wege gehen zu können.

Weitere Themen: PlayStation 4 Pro, PlayStation 4, Sony Computer Entertainment

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