Mutig. Dieses Wort sollte uns bei der Erkundung der wunderbar zerstörten Spielwelt von „I Am Alive“ gleich mehrmals entfahren. Schon beim ersten Anblick des vor uns liegenden Trümmerfeldes verwenden wir es für die gewagte Optik des Spiels. „I Am Alive“ ist nämlich ein sehr graues Spiel.

Was auf den ersten Blick wie ein Defekt bei der TV-Kalibrierung aussieht, ist in Wirklichkeit ein Stilmittel mit welchem uns Ubisoft Shanghai tiefer in die alptraumhafte Nachwelt von „I Am Alive“ ziehen möchte. Und das funktioniert bestens. Der graue Schleier, der sich hier wie eine dämpfende Decke über alles gelegt hat, besteht aus dem Staub einer untergegangenen Welt. Es ist dichter, kreideartiger Staub, der sofort an die Bilder des 11. Septembers 2001 erinnert. „I Am Alive“ erzeugt in uns sofort ein Gefühl der Beklemmung.


I Am Alive lässt seine Spielwelt für sich sprechen

Noch etwas unbeholfen tastet sich der Hauptcharakter in der Third-Person-Perspektive durch das virtuelle Ground Zero. Viel gibt das Spiel nicht über den jungen Mann preis. Nur dass er schon über einen Monat unterwegs ist, um das Haus seiner Familie zu erreichen. Er folgt einer letzten Hoffnung. Vielleicht haben Tochter und Ehefrau die Katastrophe überlebt und warten dort auf ihn.

Wir wissen das, weil der Protagonist von „I Am Alive“ die Gewohnheit hat, die Stationen seiner Odyssee auf einem Camcorder aufzunehmen. Uns dienen seine kurzen Clips als (etwas spärlich gesäte) Checkpoints sowie stimmungsvolle Zwischensequenzen. „I Am Alive“ nimmt sich bei deren Inszenierung übrigens sehr zurück und lässt ähnlich wie der Kinofilm „The Road“ vor allem eine unwirtliche Welt für sich sprechen.

Genauer gesagt die fiktive Stadt Haventon. Die muss der junge Familienvater jetzt durchwandern. Es gilt Brücken zu erklimmen, U-Bahn-Schächte zu erforschen und auf den Stahlträgern zerstörter Hochhäuser zu balancieren. Was nach einer typischen „Uncharted“ Kletterpartie klingt (und auch sehr ähnlich aussieht), spielt sich in „I Am Alive“ ein gutes Stück realistischer ab.

Ubisoft Shanghai gibt uns einen Helden an die Hand, der verletzlich ist und ohne die übermenschlichen Fähigkeiten eines Nathan Drake auskommen muss. Schon ein kurzer Sprint zehrt gefährlich an unserem Ausdauerbalken. Neigt sich unsere Kraft dem Ende, geht es ans Eingemachte – an unsere Lebensenergie. Eine Spiel-Mechanik, die sich besonders bei den vielen Klettereinlagen auswirkt. Geht uns auf halber Strecke die Puste aus, stürzen wir ab. „I Am Alive“, das bedeutet klettern unter Zeitdruck. Kletterwege wollen deshalb geplant, sichere Zwischenstationen entdeckt und Ausdauer auffrischende Ressourcen wie Wasser rationiert werden. Ubisoft Shanghai setzt den Überlebensgedanken überraschend konsequent um. Uns gefällt´s.

Die Welt von „I Am Alive“ ist hart und erbarmungslos

Noch viel konsequenter ist man aber bei den Begegnungen mit anderen Menschen zu Werke gegangen. In einem U-Bahn-Schacht treffen wir ohne Vorwarnung auf einen in Lumpen gehüllten Überlebenden, der unser Auftauchen sofort als Eindringen in sein Territorium wertet. Er zieht eine Pistole, bedroht uns laut brüllend damit und will, dass wir sofort wieder verschwinden. „Ich habe nichts für dich“ schallt es uns entgegen. Automatisch hebt unsere Spielfigur die Hände. Behutsam steuern wir unseren jungen Vater rückwärts – weg von dem ersten Menschen, der uns überhaupt begegnet ist. Die Welt von „I Am Alive“ ist hart und erbarmungslos. Hier wird nicht geteilt oder geholfen. Hier wird nur noch überlebt.

Später treffen wir auf eine junge Frau, die einen Verletzten in ihren Armen hält und uns bitterlich weinend um Hilfe anfleht. Wir wissen nicht wie, haben den von ihr gewünschten Erste-Hilfe-Koffer nicht und ziehen unverrichteter Dinge weiter. Das Flehen bleibt uns noch lange in den Ohren. Es sind diese kleinen Momente, die aus „I Am Alive“ ein sehr emotionales Erlebnis machen.