inFamous - Second Son Test: Neon ist das neue Schwarz

Thomas Goik
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Mir scheint es fast so, als hätte Entwickler Sucker Punch die neuen Kräfte in “inFamous: Second Son” nach optischer Opulenz ausgewählt und weniger nach Sinn und Nachvollziehbarkeit. Anders kann ich mir kaum erklären, wie man denn darauf kommen mag, aus Neonlichtern grell-bunte Mächte zu ziehen. Ehrlich gesagt, ist mir aber total egal, wer, wie und wann man auf diesen Einfall gekommen ist, Fakt ist: Es sieht verdammt cool aus und macht unheimlich viel Spaß!

Sucker Punch sind Wiederholungstäter: Mal wieder beweisen die Amerikaner ein gutes Händchen für ihr Superkräfte-Gameplay, mal wieder greifen sie mit ihrer Story mit Anlauf ins Klo.

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inFamous - Second Son im Test: Nur X-Men in doof?
In “inFamous: Second Son” schlüpfen wir in die Rolle des Beanie tragenden, Sprüche klopfenden Möchtegern-Mr. Cool Delsin Rowe, der durch eine Verkettung unglücklicher Ereignisse Superkräfte erhält. Doof nur, dass Leute mit derlei Mächten in dieser Welt als Bio-Terroristen verschrien sind und von der sogenannten D.U.P. – einer Art Anti-Terror-Einheit – gejagt werden. Es folgt also eines von zwei möglichen Szenarien: Delsin geht als gutes Beispiel voran und zeigt der Welt, dass nicht jeder Mensch mit Superkräfte gleich ein Bio-Terrorist sein muss. Oder: Delsin verhält sich wie ein aufmüpfiger Teenager und trampelt alles und jeden, der ihm im Weg steht, in Grund und Boden. Egal für welches dieser beiden Szenarien ihr euch entscheidet: Eine gute Story bekommt ihr nicht.

Wie schon seine Vorgänger schafft es auch “Second Son” nicht, durch erzählerische Qualitäten an den Bildschirm zu fesseln. Statt vielschichtiger Charaktere und interessanter Moral-Konflikte, tischt uns Sucker Punch hier Stereotype von der Stange und ein abgegriffenes Hollywood-Klischee nach dem anderen auf. Zwar wissen die Entwickler, wie sie ihre banale Geschichte zu inszenieren haben, einlassen kann ich mich auf das Erzählte trotzdem nicht. Zu Schade, gibt es doch mit der Oberschurkin Augustine einen wunderbar hassenswerten Gegenspieler für Delsin, nur ist mir am Ende doch herzlich egal, was mit ihr oder meinem „Helden“ passiert.

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Inside Sucker Punch Make it Rain inFamous Second Son Trailer
Nicht egal ist mir die Wahl meiner Gesinnung: Auch „Second Son“ lässt sich wieder als diabolischer Superbösewicht oder als heldenhafter Engelsanwärter durchspielen. Je nach Karma entscheidet sich, in welche Richtung sich die eigenen Kräfte mit der Zeit entwickeln. Böse Buben dürfen rücksichtslos und mit zahlreichen Explosionen die Straßen von Seattle in Angst und Schrecken versetzen. Grundgute Vorbilder wiederum versuchen möglichst präzise die Feinde anzuvisieren und sie zu fesseln oder zu betäuben, statt sie gleich zu töten. Mir macht der dunkle Pfad der Zerstörung mal wieder mehr Spaß als die helle Seite der Macht – allein schon wegen schlagkräftigerer Nahkampf-Fähigkeiten und dem bereits erwähnten Mehr an Explosionen.

Insgesamt bekommt man in „Second Son“ vier verschiedene Kräfte an die Hand, dazu gehören Rauch- und Neon-Fähigkeiten. Jede dieser Kräfte fühlt sich anders und vor allem immer gut an. Ich fühlte mich während des Spielens zu keiner einzelnen Kraft hingezogen, stattdessen habe ich stets alterniert, weil einfach alle Fähigkeiten Spaß machen. Ob ich nun mit den hellen Farben der Neon-Kraft meine Feinde via Stasis-Bomben zum Schweben bringe oder via Rauch-Mächte eine Barrage von Raketen in Richtung Gegner schicke, es sieht einfach immer cool aus und ist launig.

Das gilt übrigens nicht nur für den Kampfeinsatz, jede der Fähigkeiten bringt auch ihre eigene Art von Mobilität mit sich. Mit der Macht der Rauchschwaden kann Delsin etwa durch Luftschächte von Gebäuden brausen und so blitzschnell von der Straße auf ein Häuserdach gelangen. Mit Neon läuft er einfach direkt die Häuserwand nach oben und hüllt dabei seine Umgebung in buntes Licht. Mit seinen Fähigkeiten durch Seattle zu düsen ist einfach nur eine Freude, nur das normale Klettern will nicht so recht funktionieren. Delsin wird wie ein Magnet von Vorsprüngen, Laternen und Schildern angezogen – und scheinbar nie von denen, an die ich gerade ranspringen will. Die manuelle Kletterei ist fummelig und umständlich, glücklicherweise aber auch nur am Anfang wirklich notwendig.

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inFAMOUS: Second Son 'Fetch' Trailer
Trotz der spektakulären Kräfte, die sich Delsin Rowe im Laufe des Spiels aneignet, ist „Second Son“ ein recht schweres Spiel. Schon normale Gefechte gegen ein paar D.U.P.-Soldaten können sehr schnell brenzlig werden, da die Typen verdammt gut zielen können und euch aus mehreren Richtungen angreifen. Da will das rechtzeitige Ausweichen schnell gelernt sein, sonst wird der Kampf gegen die ständige Übermacht schnell zum Frust. Wer seine Kräfte aber erstmal beherrscht und die richtige Fähigkeit in der richtigen Situation zu nutzen weiß, der wird entsprechend belohnt mit einem verdammt coolen Kampfgefühl, das nicht zuletzt durch die teilweise zerstörbare Umgebung auch ordentlich Wucht bekommt. Alle anderen schalten den Schwierigkeitsgrad eine Stufe runter und genießen auf diese Art die Überlegenheit ihrer Superkräfte.

Technisch haut einen „inFamous – Second Son“ einfach nur um. Eine so gut aussehende Open World wie die von Seattle habe ich noch nicht gesehen. Bedenkt man, dass wir uns gerade erst am Anfang der aktuellen Konsolengeneration befinden, dann macht das diese Grafik nur noch beeindruckender. Gerade Licht- und Partikeleffekte sind der Wahnsinn in diesem Spiel. Die Framerate bleibt dabei weitestgehend stabil, nur selten konnte ich leichte Einbrüche der Bildrate wahrnehmen. Kleinere Bugs gibt es auch, so verhakt sich die Kamera in engen Arealen gerne mal und Delsin bleibt ab und an in der Geometrie stecken und schaut sich dann die faszinierenden Backsteine Seattles von innen an.

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Fazit:

inFamous Second Son“ hat wie sein Hauptcharakter nur Blödsinn im Kopf. Eine dämliche Geschichte mit stereotypen Charakteren und zahllosen Story-Klischées und dann auch noch Kräfte auf Rauch- oder Neon-Basis? Okay, letzteres klingt zwar blöd, ist aber vielleicht gerade deswegen so verdammt cool. „Second Son“ brilliert durch spannende, grafisch herausragend inszenierte Kämpfe und eine tolle Spielwelt, die zum Erkunden einlädt und auf mich reagiert. Wer hier keinen Spaß hat, ist selber Schuld.

Unsere Wertungsphilosophie 

Wertung

8/10
Getestet von Thomas

„Second Son“ mag nicht der klügste Kopf im Klassenzimmer sein, aber man kann mit ihm verdammt viel Spaß haben.

Na, angefixt?
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