Journey Test – Warum spielst du eigentlich?

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Warum spielen wir? Weil es Spaß macht? Weil wir den Wettkampf mit anderen Spielern oder die persönliche Herausforderung suchen? Weil es aufregend und unterhaltsam ist? Im Prinzip bietet jedes Spiel eine Antwort auf diese zentrale Frage. Leider hat die Markforschung dafür gesorgt, dass sich die Antworten der Spielemacher immer mehr angleichen. Unsere Erwartungen an ein Spiel oder an ein bestimmtes Genre sind längst bis ins letzte Detail erfasst. Spiele zu entwickeln, das bedeutet heute immer häufiger empirisch erhobene Bedürfnisse zu befriedigen. Doch wer nur Erwartungen erfüllt, kann weder überraschen, noch das Spielen an sich weiterentwickeln.

Genau das ist das Wunderbare an „Journey“. Das Team von thatgamecompany findet noch neue Antworten auf diese Frage und gehört deshalb auch zu den innovativsten Game-Designern überhaupt.

Ihr wollt jetzt natürlich von mir wissen, was „Journey“ so besonders macht und wie diese neue Antwort denn jetzt aussieht. So einfach lässt sich das allerdings nicht erklären. Im Grunde würde ich euch mit einer Erklärung sogar den besonderen Reiz von „Journey“ kaputt machen. Je weniger man über dieses absolute Ausnahmespiel weiß, desto stärker wird man seiner Magie erliegen.

Nur zwei Stunden Spielzeit?  

Magie – ein besseres Wort fällt mir für die nur zweitstündige Reise der mysteriösen Hauptfigur tatsächlich nicht ein. In dieser kurzen Spielzeit wird kein Wort gesprochen, kein Gegner besiegt, kein besonders schweres Rätsel geknackt und auch keine ungewöhnlich clevere Spiel-Mechanik erlernt – und dennoch fühlt man sich am Ende von „Journey“ so, als habe man die Hauptrolle in einer epischen Erzählung gespielt.

Überhaupt ist die Zeit nach „Journey“ etwas Außergewöhnliches. Es ist weniger eine Erinnerung, die man aus diesem Spiel mitnimmt – vielmehr ist es ein Gefühl. Wenn die Credits über den Bildschirm laufen und thatgamecompany das Erlebte noch einmal Revue passieren lässt, dann fühlt man sich eher wie nach einem bewegenden Kinofilm oder einem ergreifenden Roman, denn nach einem Videospiel. Genau das ist das erklärte Ziel der Entwickler. Sie wollen uns mit „Journey“ bewegen, emotional fordern und Gefühle in uns wecken, die zur Abwechslung mal nichts mit Aufregung, Angst oder Aggression zu tun haben. Das überlassen thatgamecompany lieber den anderen 98% der Spielebranche.

Das Gefühl der Freiheit als Spielkonzept 

In „Journey“ geht es vielmehr um Neugier, Einsamkeit, Mitgefühl und Freiheit. Um die monumentale Errungenschaft, die „Journey“ ist, zu erkennen, muss man sich nur einmal selbst die Aufgabe stellen, ein Spielkonzept um das Gefühl der Freiheit herum zu entwerfen. Nicht einfach oder? „Journey“ gelingt dies vor allem im letzten Abschnitt so gut, dass man gar nicht anders kann, als den Entwickler für dieses spielbare Geschenk dankbar zu sein.

Dankbar kann man auch für die viele unvergesslichen Bilder sein, die sich für immer in das kollektive Gamer-Gedächtnis brennen werden. Oder für den hervorragenden Soundtrack des Spiels, der sich dynamisch um meine Spielerfahrung schmiegt. Oder für diese seltsam erhebenden Momente, in denen man plötzlich – mitten in den Ruinen einer vergessenen Kultur – vor einem anderen Spieler steht, der auch den Weg zum erlösenden Licht am Gipfel des Berges sucht.

Fazit:

Warum spielst du überhaupt? Wenn du noch nach neuen Antworten auf diese Frage suchst, dann ist „Journey“ das wohl faszinierendste, schönste und ergreifendste Spiel, das man momentan erleben kann. Thatgamecompany schenkt uns für den Preis einer Kinokarte zwei magische Stunden, die man so schnell nicht wieder vergessen wird. Alles an „Journey“ fühlt sich im besten Sinne ungewohnt und unverbraucht an. Viel wichtiger noch: Alles an „Journey“ fühlt sich überhaupt an! Wie kaum ein anderer Entwickler versteht sich das kleine Studio darauf, seine Spieler emotional zu fordern. Aus diesem Grund ist „Journey“ ein einmaliges Erlebnis.  Auf dem durchanalysierten Gamesmarkt ist das eine echte Ausnahme.

Wer allerdings genau weiß, warum er zockt und sich vom Spielemarkt bestens bedient sieht, der sollte einen weiten Bogen um „Journey“ machen. Hier wird kaum etwas den etablierten Erwartungen entsprechen und auch keine einzige Genre-Konvention erfüllt, da „Journey“ einfach kein Genre hat. Aber das muss ja nicht so bleiben. Über ein neues Genre in das auch „Journey“ passt, würde zumindest ich mich sehr freuen.

Wertung: Sehr schön!

 

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