Deswegen ist Life is Strange besser als die Telltale-Spiele [Kommentar]

Sandro Kreitlow
1

Als Telltale Games nach diversen durchschnittlichen Titeln 2012 The Walking Dead veröffentlichte, revolutionierte das Entwicklerstudio Adventure-Games. Heute wirkt das Konzept überholt und repetitiv. 2015 zeigten die Entwickler von Dontnod Entertainment mit Life is Strange, wie viel Potenzial dieses Genre doch heute noch bietet.

5.354
Life is Strange Limited Edition Trailer

Bis 2012 entwickelte das Studio Telltale Games bereits Adventure Games wie Sam & Max und Back to the Future: The Game, doch erst 2012 erlangte das Studio weltweite Berühmtheit. Grund war The Walking Dead, eine Adventure-Adaption der Comicvorlage von Robert Kirkman. Heute gilt das “Telltale-Adventure-Game” schon als eigenes Genre. Weitere starke Adaptionen wie The Wolf Among Us und Tales from the Borderlands folgten, doch die anfangs revolutionären Spielmechaniken nutzten sich schnell ab. Zu durchschaubar wurden die Pseudo-relevanten Entscheidungen, zu offensichtlich die Story-Twists. Dann kam Life is Strange vom französischen Entwicklerstudio Dontnod Entertainment. Auch hier werden Adventure-klassisch Rätsel gelöst und Dialoge geführt. Dabei macht Life is Strange vieles besser, als Telltal-Spiele.

Fokus auf Charaktere, statt einem einzigen Plot

Telltales klare Philosophie scheint zu sein, den Plot einzig und allein durch Entscheidungen, statt auch über Charaktere zu tragen (Ausnahme: Lee und Clementine in The Walking Dead – Season 1). Du lernst nur mehr über sie durch ihre Handlungen, die du nicht beeinflussen kannst. Wenn dir Telltale ruhige, erzählerische Momente mit Charakteren gibt, dann sind sie nicht besonders lang. Selten wird dir die Zeit gegeben, sie tatsächlich kennenzulernen, zu analysieren und zu hinterfragen. Entscheidungen, die charakterbezogen sind, verlieren so leider an Intensität.

Einer von wenigen Kritikpunkten an Life is Strange ist die erste Episode. Zu viele Klischees, zu viele auf den ersten Blick nicht voranbringende Dialoge. Doch der Staffelstart ist immens wichtig für die Charakterentwicklung. Den Figuren wird Zeit und Raum gegeben, sich zu entfalten. Gleichzeitig werden die Spielwelt und zum späteren Zeitpunkt relevante Orte etabliert, indem Charaktere umhersitzen oder -wandern. So läuft Max durch die Schule, während Dialoge an sie vorbeiziehen. Sie sitzt oder liegt auf ihrem Bett, tagträumt oder macht das, was sie am liebsten tut: Fotos schießen. So erfährst du mehr über Personen und darüber, wie sie ticken.

Zu dem üblichen Element, dich entscheiden zu müssen, hat Life is Strange noch eine zentrale Spielmechanik, die gleichzeitig der wichtigste Part der Handlung wird: Zeitreise mithilfe der Rückspulfunktion. Max ist ein 18-jähriges Mädchen, das erst einmal mit üblichen Young-Adult-Problemen konfrontiert wird. Allerdings ereignen sich mysteriöse Dinge, die es ihr ermöglichen, die Zeit zurückzuspulen. Diese Mechanik wird zu einem zentralen Element des Spiels. Es wird integriert in das Lösen von Rätseln – mit der Möglichkeit, unterschiedliche Ansätzte auszuprobieren.

PlayStation Plus: Das sind die Gratis-Spiele im Juni 2017

Wirklich (folgen-)schwere Entscheidungen trotz Rückspulfunktion

Telltale setzt Spieler in seinen Entscheidungen extrem unter Druck: Für Antworten und Handlungen bleiben stets nur wenige Sekunden Zeit. Das verleiht den Entscheidungen theoretisch eine ungeheure Wucht. In Life is Strange hingegen sind die Entscheidungen nicht endgültig, weil Max die Zeit zurückdrehen kann. Gegenstände, die sie an sich nimmt, machen die Zeitreise mit. Weiter als bis zur letzten Schlüsselszene kann Max allerdings nicht zurückreisen, sie wird dann von Schwindelgefühlen überwältigt. Ein spielerischer Kunstgriff, der völlige Beliebigkeit verhindert.

1.869
Life is Strange Launch Trailer

Trotz der Rückspulfunktion erzeugt Life is Strange unglaublich viel Spannung. Kurzfristige Auswirkungen sind zwar hin und wieder offensichtlich, die langfristigen Folgen aber bestenfalls erahnbar bis unvorhersehbar. Steht Max ihrer Freundin Chloe gegen deren Stiefvater – einem Ex-Marine – bei? Oder bleibt sie lieber in ihrem Versteck im Wandschrank, um den Paranoiker auch künftig unerkannt beschatten zu können? In solchen Situationen sorgt die Rückspulfunktion für viel Spannung: Statt dich schnell entscheiden zu müssen, überlegst du fieberhaft hin und her, welche Auswirkungen die Entscheidung haben könnte. Es gibt kein Entweder-Oder. Eine scheinbar nichtige Entscheidung in Episode 1 kann entscheidende Auswirkungen in Episode 5 haben.

Technisch solide, stilistisch grandios

Zu guter letzt ist Life is Strange mindestens solide in der Technik, überragend in der Optik. Life is Strange wurde per Unreal Engine umgesetzt, die besser funktioniert, als Telltales fehlerhafte Engine, die auch heute noch in Guardians of the Galaxy dazu führt, dass schwache Gesichter-Animationen Glaubwürdigkeit entnehmen und die Framerate nicht nur einbricht, sondern auch Spiel-Abstürze nicht vermeidbar sind. Charaktere in Life is Strange hingegen sind butterweich animiert. Texturen sind zwar in geringer Auflösung, dafür weiß Dontnod Entertainment mit dem einzigartigen Stil zu überzeugen, der nicht von Comics oder sonstigen Vorlagen übernommen wurde. So gelang es schon in der Anfangssequenz, einen eigenen Ton zu kreieren – nicht zuletzt dank des brillianten Soundtracks:

134
Life is Strange - Opening

Auch Telltale-Spiele stehen stilistisch für sich, doch neue Ansätze werden seit Jahren vermisst. Auf Screenshots ist der Stil von Telltale-Spielen mit Life is Strange vielleicht kaum zu unterscheiden. Neben den bereits erwähnten glaubwürdigen Gesichter-Animationen dachten die Dontnod-Entwickler aber immerhin an frische Interfaces. Während Telltale Games nach wie vor auf Hybrid-Point-and-Click-Adventure-Mechaniken setzt, indem du per Cursor wichtige Objekte in der Umgebung absuchst, geht Life is Strange einen anderen Weg: Während Max läuft, ploppen in ihrer Nähe Objekte in der Schrift ihrer Notizbuch-Einträge auf.

jqpnj3c2rznbhqkejafb

Kann Life is Strange: Before the Storm überzeugen?

Dontnod Entertainment hat es geschafft, jede Menge frischen Wind in das Adventure-Genre zu bringen. Wie auf der E3 2017 enthüllt wurde, folgt vorerst ein dreiteiliges Prequel mit dem Titel Life is Strange: Before the Storm, das nicht von Dontnod, sondern von Deck Nine entwickelt wird. Der Ansatz, die Vorgeschichte von Chloe und Rachel zu erzählen, macht Sinn. So weit, so gut – wären da nicht zwei Ankündigungen, die mir Sorge bereiten: Zum einen wird Max nur in einer Bonus-Episode zu spielen sein, die nur exklusiv mit der Deluxe Edition erscheint, zum anderen konnte es das neue Studio nicht schaffen, die Original-Synchronsprecherin von Chloe mit ans Boot zu holen. Ob Deck Nine an all die Stärken der Original-Entwickler anknüpfen kann, wird sich zeigen.

Life is Strange: Before the Storm – Episode 1 erscheint am 31. August 2017 für PlayStation 4, Xbox One und PC.

Umfrage wird geladen
Stimm ab: Welches ist dein Spiel des Jahres 2015? (Umfrage)
Welche 5 Games sind deine Spiele des Jahres 2015?

Wir haben dir gesagt, welche Spiele unsere Games des Jahres 2015 sind - jetzt bist du dran: Was war dieses Jahr dein Highlight? Klick deine fünf Favoriten an und stimme jetzt ab!

Hat dir "Deswegen ist Life is Strange besser als die Telltale-Spiele [Kommentar]" von Sandro Kreitlow gefallen? Schreib es uns in die Kommentare oder teile den Artikel. Wir freuen uns auf deine Meinung - und natürlich darfst du uns gerne auf Facebook, Twitter oder Google+ folgen.

Weitere Themen: Life ist Stange: Before the Storm, Life Is Strange 2, E3 2017, Life is Strange, Dontnod Entertainment

Neue Artikel von GIGA GAMES