Lost Planet 3 Test: Frostbeulenpest

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Erste Eindrücke sind eine heikle Sache. Man kann jeweils nur einen einzigen hinterlassen und bemüht sich, diesen dann möglichst funkelnd, brillant und überzeugend zu gestalten. Doch: Gerade deswegen sind erste Eindrücke oftmals eine Mogelpackung. Nach meiner ersten Runde mit Lost Planet 3 zum Beispiel dachte ich, das Spiel könne richtig nett sein.

Isses aber nich, und die Frage, was genau schiefgelaufen ist, ist gar nicht mal so leicht zu beantworten. Auf den ersten Blick stimmt, nun, vielleicht nicht alles, aber doch sehr vieles. Das Prequel erzählt eine anfänglich runde Geschichte um den sympathischen Bartconnaisseur Jim Peyton, der als eine Mischung aus Minenarbeiter und Söldner die erste Kolonie auf dem Eisplaneten EDN-III bereist, um dort im Auftrag der Mega-Corporation NEVEC Thermalenergie zu ernten und dabei die aggressiven Insektenmonster zu bekämpfen, die den Planeten bevölkern, die Akriden. Dann stößt er natürlich auf ein Geheimnis – ein bewährter Plot, gegen den man nicht viel sagen kann.

Ich mag Jim, und von Anfang an hatte ich Lust daran, mit ihm durch die Eiswüste zu rennen, in seinem riesigen Mech haufenweise doofe Krabbelviecher zu plätten und Upgrades freizuschalten. Auch spielerisch war erstmal alles im Lot: Als Third-Person-Shooter ist zwar Lost Planet 3 gar nichts besonderes, aber mit wuchtigen Wummen zahllose Aliens umzunieten geht ja eigentlich immer, sofern die Mechaniken stimmen. Das tun sie: Mit einem Jagdgewehr einen Akriden regelrecht zu zerreissen und dann seine kostbare Thermalenergie aufzusammeln macht Bock – zumindest die ersten fünfzig oder hundert mal. Danach allerdings…

Das Problem von Lost Planet 3 ist nicht in einem bestimmten Sektor zu finden, sondern vielmehr in all seinen Aspekten, und das Problem ist immer dasselbe bzw. eben ein einziges großes. Ihr kennt Spiele, denen man anmerkt, dass sie einfach nicht fertiggestellt worden sind? Weil die Deadline unbarmherzig näherrückte und man irgendwann Kompromisse eingehen musste, die sich dann meist auf der technischen Ebene oder in einem fehlenden Ende niederschlugen?

Weniger ist manchmal einfach weniger

Nun, Lost Planet 3 ist einfach nicht fertiggedacht worden, und zwar nirgends. Daher auch der gute erste Eindruck, denn als die ersten 30 bis 50% eines Spiels könnte es durchaus etwas taugen. Als diese Marke erreicht war, saßen jedoch beim Entwickler Spark offenbar alle beieinander, sahen einander ratlos in die Augen, schnauften, zuckten mit den Schultern. Lost Planet 3 ist der Ansatz eines guten Spiels, dem dann die Puste ausgeht.

Die Beweise dafür findet man allerorten. In der ersten Spielhälfte erlangt man z.B. seine neuen Waffen und Upgrades, lernt die Gegnertypen kennen und freut sich noch über die auftauchenden Akriden, doch jenseits dieser Grenze tut sich dann spielerisch gar nichts mehr, und das zu dem Zeitpunkt etablierte Gerüst aus Mechaniken ist schlichtweg nicht genug, um den Spieler noch viele weitere Stunden zu fesseln. Schießen, Ausweichrolle, sporadische Granate – ohne interessante Situationen, Örtlichkeiten, neue Features oder irgendwas verkommt dieser Ansatz zu einem sich wiederholenden, einschläfernden Pamps, einem Blur, der an den zufallenden Augen des Spielers vorbeizieht. Also: Zu wenig Mechanik für zu viel Spiel.

Es hilft nicht unbedingt, dass jeder Teil der Welt, die eine Aneinanderreihung von hübschem, aber schlauchigem Gebirgsnonsens und Militärbasenkitsch ist, mehrfach bereist und bewältigt werden muss, denn auch die Idee der Spielwelt ist, wie erwähnt, schlichtweg auf halbem Wege verendet. Tatsächliches Backtracking wird etwas durch eine Schnellreisefunktion relativiert, aber das hilft dem Nervenkostüm wenig, wenn man innerhalb desselben Spiels dreimal denselben gottverdammten Funkturm erreichen muss, um dort jedesmal einen wenig überraschenden riesigen  Schnodderklumpen von einem Feind zu bekämpfen. Drum: Zu wenig Welt für zu viel Spiel.

Gemurmel aus dem Eis

Bei der Story ist es auch nicht besser, im Gegenteil. Jim macht eine für einen Charakter substantielle Reise durch, und auf einer Filmleinwand, wo man zum Beispiel mit 90 Minuten Geschichte ein Publikum befriedigend unterhalten kann, wäre der Plot völlig in Ordnung, wenn auch nicht gerade toll gewesen.

Hier allerdings wird die Handlung mithilfe von alltäglichem Bergarbeitergedöns gestreckt, nicht etwa als optionale Aufgabe (die gibt es auch noch), sondern tatsächlich in der Story. Da heißt es dann schon mal „Jim, eine Maschine ist eingefroren, reparier sie!“ oder „Jim, meine Großmutter war einkaufen, hol sie im Kombi ab!“. Während dieser Ausflüge erlebt und erfährt Jim nichts, sie sind einfach drin, weil das restliche Script einfach nicht genug Seiten hat. Es bleibt zu sagen: Zu wenig Handlung für zu viel Spiel.

Und so kommt eben ein Eindruck zustande, den man so nicht häufig hat: Eine erfreuliche, wenn auch nicht umwerfende erste Hälfte und eine zweite Hälfte, in der man sich fragt, warum man den frostigen Käse überhaupt noch macht. Man könnte sagen: Alles an Lost Planet 3 ist zu schwach auf der Brust für das Ausmaß, das es anpeilt. Man könnte auch sagen: Lost Planet 3 hat eigentlich nur eine große Schwäche, nämlich seine Dimension. Ginge es nur drei oder vier Stunden, wäre es ok. Aber auf der anderen Seite: Wer will schon viel Geld bezahlen für ein Spiel, das drei Stunden geht und von dem man dann nichts besseres sagen kann, als dass es glücklicherweise nicht noch länger ging?

Lost Planet 3: Test-Fazit

Es hätte alles so schön sein können, aber leider haben in den Studios von Entwickler Spark Unlimited bei der Halbzeitmarke alle Mitarbeiter kollektiv die Arme hochgerissen und aufgegeben. Dann hat man gepolstert und gestopft und das Ergebnis ist: dröge Mechaniken ohne Abwechslung, viele recycelte Areale und Backtracking und eine Story, die dünn ist, aber dank eingeschobenem Arbeitstrott wesentlich länger geht, als sie dürfte.

Leiht es euch also mal aus der Videothek aus, und sei es nur, um ein Paradebeispiel zu haben für eine der wichtigsten Lebenslektionen überhaupt: Übernehmt euch nicht. Wenn ihr eine Idee für ein Gedicht habt, schreibt keinen Roman. Habt ihr eine Idee für einen Song, heißt das nicht, dass es für eine Oper reicht. Lost Planet 3 wäre mit einem geringeren Maßstab ein ordentliches Spiel gewesen, so aber ist es schlichtweg mies.

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Wertung

5/10
Getestet von Leo

Zwar zu Ende gemacht, aber nicht zu Ende gedacht - der Ansatz eines guten Spiels wird hier viel zu weit gestreckt.

Leserwertung
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