Warum eine gute Story keine Open World braucht: Die Mafia-Reihe in der Retrospektive

Alexander Gehlsdorf

Vor einigen Wochen enttäuschte Mafia 3 seine Fans mit langweiligen und immer gleichen Open-World-Missionen und setzte dabei den Ruf der erfolgreichen Serie von 2K Games aufs Spiel. Dabei braucht ein gutes Mafia-Spiel gar nicht zwingend eine offene Welt. Die Gründe dafür liest Du in meinem Special.

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Mafia 3 im Test

Es ist keine Übertreibung, wenn ich behaupte, dass Mafia eines der wichtigsten Spiele in meiner Gaming-Biographie war. Womöglich würde ich heute nicht bei GIGA arbeiten, wenn ich im Spätsommer 2002 nicht auf dieses Spiel aufmerksam geworden wäre, das in meinen damals elfjährigen Augen das offensichtlich beste Spiel aller Zeiten war. Es war der Moment, in dem ich erkannte, dass Spiele mehr waren als Freizeitgesaltung und Unterhaltung. Das sind sie selbstverständlich auch, Mafia aber faszinierte mich darüber hinaus einerseits mit seiner historischen Epoche, die in einer damals beeindruckend realistischen und riesigen 3D-Welt zum Leben erweckt wurde, und andererseits mit seiner großartig inszenierten und fesselnden Story.

Ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte

Die Geschichte des Taxifahrers Tommy Angelo, der durch Zufall an die Salieri-Familie gerät und dessen Gangster-Karriere schließlich in Betrug und Verrat endet, wurde in meinen Augen zu einer Blaupause für gute Spiele-Stories. Sie war vor allem eins: Rund. Der Konflikt zweier Mafia-Familien, den Salieris und den Morellos, war überschaubar genug, um eine spannende Story erzählen zu können und dennoch den Hauptfokus auf seinen Protagonisten nicht zu verlieren. Das Spiel beginnt im Jahr 1938 und zeigt, wie sich Tommy mit einem Detective des Lost Heaven Police Departments trifft, um gegen Don Salieri auszusagen. Warum, das erfahre ich in Rückblenden, die Tommys Werdegang ab dem Jahr 1930 illustrieren.

Spoilerwarnung! Der folgende Artikel enthält Informationen zur Story von Mafia und Mafia 2 und geht dabei besonders auf das Finale der beiden Geschichten ein.

Gleich zu Beginn trifft Tommy auf Paulie und Sam, die im Laufe des Spiels zu seinen besten Freunden werden. Die beiden sind Gangster und Untergebene von Don Salieri. Verfolgt von feindlichen Schergen Don Morellos gerät Tommy zwischen die Fronten und verhilft Paulie und Sam zur Flucht. Zur Belohnung bietet sich auch ihm die Möglichkleit, Teil der Familie zu werden. Er macht Bekanntschaft mit Don Salieri, dessen Consigliere Frank und schließlich auch mit seiner späteren Frau Sarah. Mafias Story funktioniert vor allem, da die erzählerischen Höhepunkte des Spiels nicht auf dem Konflikt mit den Morellos basieren, sondern auf Tommys Verhältnis zu seinen Freunden und Angehörigen.

In der achten der insgesamt 20 Missionen wird Tommy mit dem Mord an einer Prostituierten beauftragt, die belastende Informationen an die Morello-Familie verkauft hat. Als Tommy jedoch feststellt, dass es sich bei der Prosituierten um die beste Freundin seiner Frau Sarah handelt, verschont er sie und täuscht ihren Tod lediglich vor. Eine ähnliche Situation erwartet ihn drei Missionen später, als er damit beauftragt wird, Consigliere Frank zu töten, der ebenfalls belastende Beweise an die Morello-Familie übergeben hat. Als Tommy Frank jedoch konfrontiert, stellt sich heraus, dass die Morellos Franks Familie entführt haben und als Druckmittel gegen ihn einsetzen. Die Rettung gelingt, und Frank beginnt ein neues Leben mit seiner Familie in Europa, während Tommy abermals über den angeblich durchgeführten Mord lügt.

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Crème de la Crème

Tommy ist allerdings nicht der Einzige, der seine Gangster-Kollegen belügt. Bei einer scheinbaren Routine-Mission stellen Tommy und Paulie fest, dass sie statt Zigarren in Wirklichkeit Diamanten für Don Salieri geschmuggelt haben. Da sich die beiden um ihren gerechten Gewinnanteil betrogen fühlen, planen sie einen Banküberfall, um aus eigener Hand das große Geld zu machen. Als sich Tommy in der letzten Mission des Spiels auf dem Weg zu Paulie macht, um die Beute zu teilen, findet er dort nur die Leiche seines besten Freundes. In seiner Verzweiflung wird Tommy in einen Hinterhalt gelockt, denn hinter Paulies Tod stecken Sam und Don Salieri. In einem packenden Finale laufen alle Fäden zusammen: Tommys nicht ausgeführte Morde sind aufgeflogen,deshalb wurden Paulie und er auch nicht in den Diamantenschmuggel eingeweiht. Der Bankraub auf eigene Faust war ein Verrat zu viel, deshalb soll nun auch Tommy sterben. Dem gelingt es jedoch, Sam zu töten und sich anschließend der Polizei als Kronzeuge zur Verfügung zu stellen, um Don Salieri und den Rest der Familie ins Gefängnis zu bringen. Hier schließt sich der Kreis.

Wirklich rund wird das Spiel im Epilog. Jahre nach dem Prozess hat Tommy mit seiner Familie ein neues Leben unter einem Decknamen begonnen. Er ist nun wieder Chauffeaur, mit seinem früheren Leben als Gangster hat er abgeschlossen. Seine Vergangenheit holt ihn jedoch ein, als ihn eines Tages zwei Männer besuchen, ihm ausrichten, dass Mr. Salieri ihm Grüße schicke und ihn daraufhin erschießen. So endet Mafia. Die Geschichte funktioniert so gut, weil nicht der Bandenkrieg mit den Morellos die Handlung bestimmt, sondern Tommys Entscheidungen, Verrat, Lügen, Gier und schließlich deren Konsequenzen. Somit erzählt Mafia eine persönliche Geschichte, eingebettet in den Konflikt zweiter Mafia-Familien, die glaubwürdig Tommys Aufstieg und Fall über einen Zeitraum von acht Jahren erzählt und diese schließlich in einem katharsischen Epilog abrundet.

Murphys Gesetz

Mafia 2 erschien im Sommer 2010 und erhielt durchweg gute Kritiken, denn objektiv betrachtet ist Mafia 2 auch kein schlechtes Spiel. Es hat technisch wunderbar funktioniert, glänzte erneut mit einer historischen Epoche und einem tollen Soundtrack, und die Schießereien fühlten sich großartig an. Dennoch war Mafia 2 für mich und viele Fans der Reihe eine riesige Enttäuschung, denn die Story, der aus meiner Sicht wichtigste Aspekt eines Mafia-Spiels, erreichte zu keinem Zeitpunkt die Qualität des Vorgängers und verpuffte schließlich in einem offenen und nichtssagenden Ende. Ende ist womöglich nicht das richtige Wort, denn das Spiel endete nicht, es hörte einfach auf.

Diesmal geht es um Vito Scaletta, der bereits zu Beginn des Spiels mit seinem Kumpel Joe Geschäfte ausraubt. Wie und warum Vito auf die schiefe Bahn geraten ist, erklärt das Spiel nicht. Vito ist vor allem am schnellen Geld interessiert. Anfangs ist das noch nachvollziehbar, als er erfährt, dass seine Mutter und Schwester eine hohe Summe Schulden zurückzahlen müssen, im Nachhinein lässt er sich jedoch ohne konkretes Ziel auf allerlei Aufträge von diversen Auftraggebern ein. Loyalität hat er nur gegenüber seinem Kumpel Joe und Leo Galante, der ihm während seiner Zeit im Gefängnis helfen konnte. Das führt später im Spiel immerhin dazu, dass Vito von einem Anschlag auf Galante erfährt und diesen daraufhin warnen muss. Darüber hinaus lässt sich Vito aber weiterhin munter auf die Pläne seines hitzköpfigen Kumpels Joe ein, wechselt und hintergeht seine Auftraggeber und destabilisert dabei ganz nebenbei das kriminelle Machtgefüge des Quasi-New-Yorks Empire Bay. Wohlgemerkt innerhalb weniger Monate, denn nachdem Vito nach seiner sechsjährigen Haftstrafe im April 1951 nach Empire Bay zurückkehrt, findet die finale Mission bereits im September 1951 statt.

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In dieser wird Vito von Leo Galante mit der Ermordung einer seiner ehemaligen Auftraggeber beauftragt. Im Gegenzug wird ihm Sicherheit versprochen, denn Empire Bays Unterwelt will Vito aufgrund der von ihm angerichteten Unordnung tot sehen. Dank Joes Unterstützung gelingt der Mord, und Vito fährt mit Leo Galante in den Sonnenuntergang davon. Das Auto, das Joe zur versprochenen Siegesparty bringen soll, biegt jedoch ab, woraufhin Galante dem verwirrten Vito offenbart, dass Joe nicht Teil des Deals gewesen wäre. Mit der Ungewissheit um Joe Schicksal endet Mafia 2. Schnell war von Abzocke die Rede, denn das Ende des Spiels fühlt sich derart offen und unfertig an, dass die Fans munkelten, es könne einen kostenpflichtigen DLC geben, der die Story fertig erzählen soll.

Dass es bei der Konzeption von Mafia 2 anscheinend drunter und drüber ging, verraten nicht zuletzt Musik und Spielwelt. Das coole Rock’n’Roll-Flair des Spiels und die dazu passende Musik sind zwar eine der größten Stärken des Spiels, entsprechen allerdings den späten fünfziger Jahren. Mafia 2 endet bereits im Jahr 1951, dennoch schallen aus dem Autoradio Songs von Buddy Holly, Ritchie Valens und den Everly Brothers, deren Songs erst um die Jahre 1957 und 1958 herum die Charts stürmten. Außerdem findet Vito im Spiel diverse Playboy-Pinups, obwohl das erste Playboy-Magazin überhaupt erst im Jahr 1953 erschien. Ob ursprünglich wohl eine deutlich umfangreichere Story geplant war, die bis in die späten 1950er Jahre andauert?

Auf Seite 2 erfährst Du mehr über die Open-World-Aspekte von Mafia.

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