Mafia 3 im Test: Große Klappe, nichts dahinter – jetzt mit Video!

Martin Eiser
7

Nach sechs Jahren Wartezeit geht es endlich weiter mit Mafia – neue Epoche, neuer Schauplatz, neuer Hauptcharakter. Der gut inszenierte Rachefeldzug von Lincoln Clay spielt sich leider trotzdem nur wie ein alter Kaugummi. Unser Test erklärt Dir, warum Mafia 3 nicht vollends überzeugen kann.

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Mafia 3 im Test

Mafia 3 im Test

„Wenn du immer nur das Schlechte sehen willst, wirst du nie etwas anderes sehen können.“ – Es ist der drängende Rat des Geistlichen James Ballard an seinen Adoptivsohn Lincoln Clay. Er kennt ihn von klein an, als er den Waisen aufgenommen hat, und weiß um seine schwierige Kindheit. Doch trotz des bestimmenden Tons erreichen Clay die Worte nicht mehr. In dessen Kopf gibt es nur noch diesen einen Gedanken: Sal Marcano hat ihm alles genommen, was er hatte, und jetzt wird er ihm ebenfalls alles nehmen.

Mafia 3 erzählt von Lincolns Rachefeldzug gegen den Kopf der dominierenden italienischen Mafia in New Bordeaux am Ende der Sechzigerjahre. Das Spiel behandelt nebenher schwere Themen wie Familie, Rassismus und den Vietnam-Krieg. Es ist eine starke Geschichte, die Entwickler Hangar 13 in Form eines Dokumentarfilms erzählt. Zwischen den großen Portionen des eigentlichen Spiels sind aktuelle Interviews und ein paar alte Videoaufzeichnungen eingestreut, die Dir nicht nur Hintergründe liefern, sondern die damaligen Geschehnisse kommentieren und bewerten.

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Diese Kombination aus tatsächlichen, spielbaren Erlebnissen und der folgenden Einschätzung der jeweiligen Situation hilft Dir dabei, Lincoln und seine ungleichen Kumpanen zu verstehen. Du lernst die geheimnisvolle Haitianerin Cassandra kennen, den eigenbrötlerischen Iren Thomas Burke und den gefallenen Italiener und Protagonisten von Mafia 2, Vito Scalleta. Auch sie hegen Groll gegen Marcano, aber zunächst musst Du ihnen helfen und später Teile der Stadt zuweisen, um ihre Loyalität zu erhalten. Im Gegenzug gibt es nützliche Hilfen durch ihre speziellen Stärken – beispielsweise Zugriff auf Karren, Waffen und Räumungskommandos.

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Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Das alles ist ein großartiger Rahmen, und die spannende Geschichte ist die beste Voraussetzung für ein gutes Spiel. Wenn aber ein Hersteller seinen angekündigten Blockbuster bis zur Veröffentlichung nicht an die Presse verschicken will, dann ist fast immer Skepsis angebracht. Offensichtlich fürchtet er nämlich, dass Berichte über das Spiel den Verkäufen nicht helfen, sondern schaden. Auch im Fall von Mafia 3 dürfte diese Angst aus ganz berechtigten Gründen bestanden haben. Obwohl der Titel weit davon entfernt ist, ein Reinfall zu sein, macht er einfach zu viele Fehler, um ihn ausnahmslos feiern zu können.

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Am auffälligsten sind zunächst die vielen Bugs und Grafikfehler, die auch nach der Installation des ersten Patches noch auftreten. Mir ist das Spiel auf der PlayStation 4 bereits nach zehn Minuten das erste Mal abgestürzt. Es gibt etwa Probleme mit den Lichteffekten, bei denen reflektierende Oberflächen blinken oder es in der Umgebung innerhalb kurzer Zeit dunkel und wieder hell wird. Außerhalb einer Disco ist das definitiv nicht normal. An vielen weiteren Stellen nerven immer wieder technische Unzulänglichkeiten, die durch keine ordentliche Qualitätskontrolle gekommen wären – selbst wenn einige von ihnen auch ein bisschen witzig sind.

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Mafia 3 – Die Welt von New Bordeaux #4 – Kampf

Stumpf ist Trumpf

Ein eklatantes Problem stellt die Künstliche Intelligenz dar, die nach ganz offensichtlichen und oft nicht sehr schlauen Mustern reagiert. Wenn Du etwa aus der Deckung heraus zwei Gegner beobachtest und mit einem Pfeifen auf Dich aufmerksam machst, ist es anfangs vielleicht noch logisch, dass nur einer von ihnen angetrottet kommt. Doch du kannst mit diesem Trick ein ganzes Lagerhaus leeren, ohne dass sich an diesem Verhalten etwas ändert. Während sich um Dich herum die Leichen türmen, kommt einer nach dem anderen weiterhin einzeln auf Dich zu und lässt sich per Tastendruck im Nahkampf umnieten.

Kurioserweise gibt es auch lichte Momente, in denen die Gegner klüger agieren – wenn etwa ein Partner in der Nähe zur Begleitung mitkommt oder aber zumindest den Blick in seine Richtung ändert. Doch dabei handelt es sich eher um eine Ausnahme als die Regel. Und auch wer weniger schleicht, sondern vermehrt auf die kraftvollen Schusswaffen setzt, wird sich über die Dummheit seiner Feinde ärgern. Das angenehme Waffengefühl, wenn beispielsweise ein Gegner von einer Schrottladung mit voller Wucht zurückgeworfen wird, und auch der hohe Grad an Brutalität sorgen aber tatsächlich für eine gewisse Befriedigung auf diesem Rachefeldzug.

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Und täglich grüßt das Murmeltier

Zu den bisherigen Eckpunkten kommt ein sich immer wiederholender Aufbau für alle zehn Stadtteile. Um den Einflussbereich in New Bordeaux zu vergrößern, musst Du zunächst einen Informanten aufspüren und verhören. Danach gilt es, in den entsprechenden Einrichtungen möglichst viel Schaden anzurichten und Geld zu klauen, um die Aufmerksamkeit des aktuellen Hauptgegners auf sich zu ziehen. Zum Schluss muss dieser nur noch getötet oder angeworben werden – an einem Ort, den Du kurz zuvor eigentlich schon gesäubert hattest.

Zwischendurch gibt es allerdings ein paar Lichtblicke. Eine Mission führt Dich durch einen gruseligen alten Vergnügungspark, wo Du versuchen musst, im Chaos des Mardi-Gras-Festivals vor der Polizei zu fliehen oder von einem untergehenden Dampfer zu entkommen. Stark wird Mafia 3 eben immer dann, wenn es Dich ein bisschen mehr an die Hand nimmt, die Geschichte weiterspinnt und die Charaktere in den Mittelpunkt rückt. Ein erheblicher Teil fühlt sich aber leider nur wie Füllmaterial an.

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Mafia 3 – Die Welt von New Bordeaux #1 – Stadtbezirke

Freiheit in der Ödnis

Und damit geht es an das Kernproblem. Ein bisschen spröde ist nämlich auch New Bordeaux selbst. Die Stadt, die New Orleans nachempfunden ist, mag gut getroffen sein. Es macht Spaß, mit dem großartigen Soundtrack und seinen mehr als 100 Songs im Ohr, den vielen populären Stücken dieser legendären Zeit, durch die Straßen zu cruisen. Nur so am Rande, das Fahrgefühl mit den schweren Karren dieser Zeit ist ziemlich gut getroffen. Abseits der eigentlichen Story-Missionen und jenen Aufgaben, die der Erweiterung des Gebiets dienen, gibt es bloß fast nichts zu tun. Das Sammeln von ein paar Playboy-Magazinen, Gemälden und Postern ist jedenfalls nicht erfüllend im Vergleich zu dem, was andere Vertreter des Genres bieten. Nicht einmal eine Individualisierung des Charakters mit Klamotten oder Haarschnitten ist vorgesehen. Selbst der für seine langweilige, offene Welt kritisierte Vorgänger bot mehr Abwechslung.

Seit ein paar Jahren geht ein gefährlicher Trend um, durch den schon so manches spannende Projekt im Mittelmaß versunken ist. Scheinbar geht dieser Tage nichts mehr ohne große, offene Welten, auch wenn sie eigentlich gar nicht nötig sind. Die großen Stärken von Mafia und Mafia 2 waren die fesselnde Handlung und die starke Atmosphäre. Unter diesen Gesichtspunkten hat Mafia 3 sein Ziel erreicht, denn hier glänzt das Spiel. Die Open-World-Aspekte sind allerdings nicht sonderlich sexy. Und trotzdem sind sie wahrscheinlich dafür mitverantwortlich, warum das Debüt von Entwickler Hangar 13 so durchwachsen und unfertig wirkt.

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Mein Test-Fazit zu Mafia 3

Die vielen positiven Aspekte von Mafia 3 sind mir durchaus aufgefallen. Doch die ärgerlichen Probleme des Spiels sind wirklich real und entstehen nicht durch übertriebene Erwartungen. Der Rachefeldzug von Lincoln Clay ist über weite Teile fantastisch inszeniert, doch spielerisch wirst Du immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt. Entweder hätte das Studio mehr Zeit investieren oder aber sich auf das Wesentliche konzentrieren müssen. Es wäre interessant zu sehen, wie Mafia 3 als geradliniger, gestraffter und auf den Punkt gebrachter Actiontitel funktioniert hätte.

Ich bin mir sehr sicher, dass die Probleme bekannt waren. In den meisten Fällen weiß ein Entwickler um die fehlerhaften oder schlecht funktionierenden Spielmechaniken. Eine gute Lösung braucht Zeit, die es jedoch nicht immer gibt. Hangar 13 hat in weniger als zwei Jahren ein nettes Spiel zusammengebastelt, dem es aber an Schliff fehlt. Ist so spät aufgefallen, dass die Probleme nicht mehr rechtzeitig beseitigt werden können? Dem Studio ist es gelungen, selbst ein schweres Thema wie Rassismus scheinbar mühelos zu behandeln, aber das Spiel selbst nicht mit genug Leben zu füllen. Es ist schade, warum ausgerechnet die Perfektionisten von Take-Two Interactive trotzdem auf die Veröffentlichung im Weihnachtsgeschäft bestanden haben und damit riskieren, die Marke dauerhaft zu schädigen.

Wertung

7/10
Getestet von Martin

Tolle Geschichte, die herausragend inszeniert wurde. Die wenigen Möglichkeiten der offenen Welt, der sich wiederholende Missionsablauf und die vielen Bugs trüben die gute Stimmung allerdings.

Weitere Themen: Mafia, 2K Games

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