Magic The Gathering: Das Kult-Kartenspiel braucht dringend einen neuen Online-Ableger

Alexander Gehlsdorf

Wizards of the Coast sitzt mit Magic: The Gathering auf einer Goldmine. Hearthstone hat bewiesen, dass in digitalen Kartenspielen ein Millionengeschäft steckt. Doch ausgerechnet Magic fehlt die Killer-App.

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Magic Duels - Amonkhet - Trailer
Vor Hearthstone, vor Yu-Gi-Oh! und vor dem Pokémon TCG kam Magic: The Gathering; Die Mutter aller Sammelkartenspiele. Bereits seit 1993 fliegen die Pappkarten weltweit über Schulbänke und Küchentische und erfreuen sich noch immer enormer Popularität. Erst am vergangenen Wochenende fand die letzte Pro Tour statt, die auf Twitch von 40.000 Zuschauern verfolgt wurde. Alle drei Monate veröffentlicht Wizards of the Coast ein neues Set mit Hunderten frischen Karten; von zusätzlichen Produkten, Sondereditionen und spielfertigen Commander-Decks ganz zu schweigen.

Magic Online — 15 Jahre Stillstand

Dass Spiel- und Sammelkarten auch digital funktionieren, hat Hearthstone im Jahr 2014 eindrucksvoll bewiesen. Knapp 400 Millionen Dollar Umsatz konnte Blizzard mir der App allein im Jahr 2016 gut machen. Auch Magic wird nicht nur in Form von Pappkarten angeboten sondern kann auch online gespielt werden und das schon seit 2002. Wer schon einmal das gute alte Solitaire in den Windows-Systemprogrammen gespielt hat, benötigt nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, in welcher Optik das Kreaturen-Poker damals präsentiert wurde. Heute, 15 Jahre später, sieht das natürlich ganz anders– WAS?!

Kurze Frage, an alle, die noch nie Magic gespielt haben: Was genau passiert im oberen Bild? Welcher Spieler liegt in Führung? Wer ist überhaupt dran? Warum liegen einige Karten auf der Seite? Das Hauptproblem von Magic: The Gathering Online ist offensichtlich: Das Interface ist hoffnungslos veraltet. Das schreckt nicht nur neue Spieler ab, es macht das Spiel auch für Zuschauer uninteressant.

Pokémon arbeitet bereits an einer Kartenspielumsetzung

Magic Online ist wie Snooker: Wer die Regeln kennt, mitdenkt und mitrechnet sitzt zitternd vor Spannung an der Stuhlvorderkante, alle anderen wechseln schulterzuckend den Sender. Hearthstone hingegen hat gezeigt, wie wichtig die Präsentation sein kann. Selbst Spielern, die wenig Erfahrung mit Sammelkartenspiele haben, fällt es nicht schwer, den effektreichen Partien zu folgen. Dementsprechend gehört Hearthstone auch zu den beliebtesten Spielen auf Twitch, was wiederum dazu führt, dass täglich neue Spieler den Titel für sich entdecken.

Die Präsentation ist jedoch nicht das einzige Problem. Magic Online ist teuer. Genauso teuer wie die Pappvorlage um genau zu sein. Wer sich digitale Kartenpakete und Decks kauft, bezahlt also genau die gleichen Preise, die auch an der Kasse des nächstgelegen Spieleladens fällig wären. Da soll sich noch mal jemand über zu hohe Preis bei Hearthstone aufregen. Wie es richtig geht, kann sich Magic übrigens bei Pokémon abgucken: Dort enthält jedes Booster und jedes Deck einen Code, mit dem das Produkt auch online freigeschaltet werden kann.

Darüber hinaus deckt Magic Online aber die gesamte Bandbreite des physischen Kartenspiels ab. Jedes Format wird unterstützt, Turniere werden abgehalten, es wird in Ligen gespielt und auch das Regelwerk ist eins zu eins umgesetzt. Magic: The Gathering Online lohnt sich dementsprechend nur für zwei Personengruppen: Spieler, die keinen Spieleladen oder gleichgesinnte Freunde in ihrer Nähe haben und daher nur online spielen können und professionelle Spieler, die die Möglichkeit brauchen, zu jeder Tag- und Nachtzeit zu trainieren.

Magic Duels — Günstig, zugänglich und uninteressant

Magic-Spieler haben aber auch eine hübschere und preiswertere Alternative: Mit dem Free2Play-Spiel Magic Duels versuchte Wizards of the Coast 2015 auf den Hearthstone-Zug aufzuspringen, kann dem Konkurrenten aber dennoch nicht das Wasser reichen. Zugegeben, Magic Duels ist der perfekte Einstieg für neue Spieler, der das komplexe Regelwerk Stück für Stück erörtert. Obendrein ist das Spiel günstig, alle Inhalte lassen sich mit ausreichender Geduld auch kostenlos freispielen. Trotzdem ist Magic Duels nur die Eisbergspitze dessen, was das Kartenspiel zu bieten hat.

Magic bietet eine Vielzahl unterschiedlicher Formate. Von Turnierformaten wie Standard, Modern und Legacy über Limited-Formate wie Sealed und Draft bis zu Casual-Optionen wie Commander. Magic Duels hingegen lässt Dich nur gegen zufällige Online-Gegner antreten, noch dazu mit einer sehr begrenzten Kartenauswahl, bestehend aus einigen der aktuelle Karten. Vergleichbar ist das ganze also mit Gelegenheitsspielen auf dem heimischen Küchentisch. Turniere und Ligen sind ebenfalls Fehlanzeige, auf ein Limited-Format, ähnlich dem Arena-Modus in Hearthstone, warten die Spieler bisher auch vergeblich.

Magic Duels
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Magic Duels richtet sich daher primär an Einsteiger, da es sie behutsam an das Regelwerk heranführt und nicht mit Komplexität erschlägt. Über 90 Prozent des eigentlichen Spiels bleibt jedoch unzugänglich.

So geht’s richtig

Worauf ich hinaus will, ist an dieser Stelle wahrscheinlich klar: Magic braucht eine neue Software-Umsetzung, die sich nicht nur jeweils an Einsteiger und Profis richtet, sondern an alle Magic-Spieler. Dazu gehören folgende Features:

  • ein verständliches Tutorial
  • ein zeitgemäßes Interface
  • alle gängigen Spielformate
  • eine umfangreiche Kartenauswahl
  • ein faires Bezahlsystem, ähnlich dem Pokémon TCG
  • Turniere und und Ligen für professionelle Spieler

Sollte Wizards of the Coast das gelingen, kann sich Hearthstone warm anziehen. Bereits seit Anfang des Jahres ist von Magic Digital Next die Rede, der Codename, unter dem aktuell an der Zukunft der digitalen Magic-Ableger gearbeitet wird. Ob dahinter aber wirklich die erhoffte eierlegende Wollmilchsau steckt, steht in den Sternen. Aber vielleicht gibt es ja bereits auf der diesjährigen E3 die ersten handfesten Informationen.

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