Magicka Test - Wie gut ist Magicka wirklich?

Tobias Heidemann

Kleines Spiel ganz groß. Wir Games-Redakteure lieben solche Geschichten.

Ein sehr überschaubares Entwicklerteam bastelt mit einem Mini-Budget still und heimlich an einem unscheinbaren Spiel, das wider aller Erwartung zu einem echten Überraschungshit wird. Games wie „Super Meat Boy“, „Minecraft“, „Limbo“ oder auch „Torchlight“ gehören zum Beispiel zu solchen seltenen Wundertüten, in denen letztlich sehr viel mehr Spielspaß steckt, als ihr Äußeres vermuten lässt. Diese schönen Geschichten zeigen uns, dass man mit viel Hingabe und einer guten Idee auch ohne Millionen-Etat ein wirklich gutes Spiel herstellen kann. Unser Test zeigt euch, ob sich diese Erfolgsstory nun auch mit dem hierzulande noch recht unbekannten Action-RPG „Magicka“ wiederholt.

Damit hier gar nicht erst irgendwelche Missverständnisse entstehen: „Magicka“ nimmt sich nicht allzu ernst. Die schwedischen Arrowhead Game Studios haben ihrem Spiel zwar eine durchgehende Storyline um vier Magier verpasst – das lose Handlungsnetz aus nordischer Mythologie und Fantasy-Standards dient aber letztlich nur der Aneinanderreihung von Gags und Zitaten. Darin ist das junge Team – bestehend aus genau zwei Entwicklern – aber auch wirklich gut. „Magicka“ entpuppt sich als satirisches Nerd-Fest, randvoll gefüllt mit Referenzen an „Star Wars“, „Star Trek“, „WoW“, „Warhammer“ oder „Monty Python“. Ständig werden etablierte Games-Konventionen genüsslich durch den Kakao gezogen, Filme kundig karikiert oder sonstige Momente der Pop-Kultur verwurstet. Nur Vampire kommen leider nicht vor in „Magicka“. Was schade ist, denn Vampire sind bekanntlich ziemlich cool. Fest steht aber: die Arrowhead Game Studios hatten bei der Herstellung dieses humorvollen Kleinods jede Menge Spaß und das merkt man dem Spiel auch zu jeder Sekunde an.

Worum geht es?

„Magicka“ ist ein „Diablo“-Klon wie er im Zauberhandbuch für ambitionierte Game-Designer steht. Wir steuern einen zipfelmützigen Zauberknilch in der isometrischen Perspektive über bunte Karten und brutzeln alles zu Monsterbrei, was nicht bei drei auf den Zinnen der nächsten Burg hockt. Es gilt den einst verstoßenen Zauberer Vlad (der im Übrigen kein Vampir ist) aufzuhalten. Dessen seelenlose Monsterhorden der Finsternis fallen nämlich gerade brandschatzend über die Ahnungslosen und Unschuldigen in Midgard her. Zeit für magische Heldentaten.

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Dünne Geschichte ohne Vampire

Die Hauptkampagne erstreckt sich über dreizehn thematisch variierende Abschnitte, die man allein oder mit bis zu drei Freunden im kooperativen Spiel bestreiten kann. Ein Klassen- oder Inventarsystem gibt es in „Magicka“ nicht und auch sonst sind die Individualisierungsoptionen in der Abenteuergruppe eher rar gesät. Von neuen Hauptwaffen und Zauberbüchern einmal abgesehen, findet man in der Spielwelt keine neue Ausrüstung. Der spielerische Vergleich mit „Diablo“ ist also etwas bemüht, zumal der Reiz des großen Vorbilds ja gerade auch im Finden und Verbessern der eigenen Ausrüstung besteht. Auch ein Erfahrungsstufensystem sucht man in „Magicka“ leider vergebens. Die Arrowhead Game Studios haben sich einzig und allein auf das Kerngeschäft des Action-Rollenspiels konzentriert: stillvoll und möglichst variantenreich Monster plätten.

Wie sieht es aus?

In Sachen Präsentation bekommt man in „Magicka“ sehr viel Durchschnittliches geboten. Die Entwickler interpretieren die gewohnte Kost – also Waldlevel, Schneelevel, Verließe und so weiter – ohne einen erkennbaren Willen zum Besonderen. Der farbenfrohen Basismischung aus comichafter Überzeichnung und realistischer Konturierung fehlt es somit leider etwas an Atmosphäre. Die Spielwelt ist zwar recht hübsch anzusehen, wirklich denkwürdige Settings sind aber eher rar gesät. Matschige und detailarme Texturen gehören leider auch zum Programm.

Ganz anders hingegen die Zaubereffekte. Hier steckt richtig viel Arbeit drin. Wenn in „Magicka“ Zauber gewirkt werden, dann ist das immer ein Ereignis. Die verwendeten Effekte verleihen der Magie das Gefühl von Gewicht und Macht. Eine sehr schöne Eigenschaft, die „Magicka“ mit dem eng verwandten „Torchlight“ teilt. Unterstützt wird das visuell gelungene Magiesystem durch gut gewählte Soundeffekte, die es angemessen Krachen und Knistern lassen. Auch die wenigen Animationsfolgen, die die Helden bei ihrem magischen Schaulaufen an den Magieralltag legen, können sich durchaus sehen lassen. So werden Zauberstab und Schwert zum Beispiel stilecht gekreuzt, wenn ein zuckender Kettenblitz sein nächstes Opfer sucht.

Was uns gefällt

Herz und Seele von „Magicka“ ist sein einmaliges Zaubersystem. Über nicht weniger als acht Grundelemente verfügen abenteuerlustige Zauberlehrlinge schon direkt zu Beginn des Spiels. Alle acht Magiebereiche können auf beliebige Weise miteinander kombiniert werden. Wer einen Feuerzauber durch einen simplen Tastendruck auslöst, der bekommt ein Sprühfeuer im Nahkampfbereich. Wer dann noch ein bisschen Erde beimengt, der hat schon einen veritablen Feuerball erschaffen. Die Idee ist einfach und dennoch äußerst effektiv. Das Spellcasten funktioniert in „Magicka“ von Beginn an anstandslos und belohnt uns auch ohne tiefgreifende Kenntnisse der verfügbaren Kombinationen sofort mit Erfolgen.

Doch wer glaubt, das wäre alles, was „Magicka“ zu bieten hat, der irrt gewaltig. Bis zu fünf Elemente lassen sich in einem Zauberspruch verbinden; die Gesamtzahl aller möglichen Zauber-Kombinationen liegt also rein rechnerisch im Tausenderbereich. Die meisten Zauber lassen sich – in der Form von Projektilen, Blitzen, Strahlen oder Flächeneffekten – aber nicht nur auf heranstürmende Monster oder die Umgebung wirken, sondern auch auf die Teamkameraden, die eigene Magier-Wenigkeit und sogar auf die geführten Waffen und Zauberstäbe. Das erweitert das Zaubersystem ungemein und verleitet zu immer neuen Experimenten. In der Welt von „Magicka“ findet man zudem immer wieder Zauberbücher, die die erforderlichen Kombinationen für klassische Sprüche wie Hast oder Wiederbelebung enthalten. Doch auch das reine Experimentieren führt zu effektiven Kampf- und Verteidigungsstrategien. Schnell ist ein Schutzzauber gefunden, der in besonders brenzligen Situationen Rettung verspricht. Oder wie wäre es, wenn ich eine Gruppe angreifender Goblins mit meinem neuen Regenzauber erst durchnässe, sie dann einfriere und schließlich mit einem Felsprojektil zerschmettere.

Noch reizvoller wird das komplexe System durch die Tatsache, dass ein Flächenzauber oder ein verirrter Heilstrahl Freund und Feind gleichermaßen beeinflusst. Man stelle sich „Magicka“ in dieser Hinsicht als eine Art „World of Warcraft“ mit Friendly Fire vor. Das erfordert Vorsicht im Umgang mit besonders mächtigen Sprüchen und Absprache im Team. Wer das totale Chaos vermeiden möchte, sollte also über eine klare Rollenverteilung nachdenken.

„Magicka“ mag außer seinem innovativen Magiesytem keine wirklichen Alleinstellungsmerkmale und Tugenden mitbringen; aber dieses ist derartig gut gelungen, dass man den durchschnittlichen Rest ohne Weiteres verzeiht.

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Kooperativer Unterhaltungswert

Was uns nicht gefällt

Wer in der kostengünstigen Zaubersuppe von „Magicka“ Haare finden möchte, der wird zweifelsohne fündig. Zum Zeitpunkt des Releases war das Spiel in einem bemerkenswert unausgereiften Zustand. Abstürze, Server-Verbindungsprobleme, Performance-Probleme, Lags, Hänger in den Zwischensequenzen und eine Bugliste von hier bis nach Schweden. Allerdings haben sich die Entwickler auch mit beispielloser Hingabe den zahlreichen – ohne Frage schwerwiegenden – Problemen gewidmet, und mehr oder weniger täglich Patches veröffentlicht. Wir haben „Magicka“ in der Version 1.3.3.7 getestet und hatten es bereits mit einem technisch sehr viel saubereren Spielerlebnis zu tun. Abstürze und Performance-Einbrüche konnten wir ebenso wenig bemerken, wie Probleme beim Online-Spiel. Das kann jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass „Magicka“ noch einen weiten Patch-Weg vor sich hat.

Aber auch ein vollkommen bugfreies „Magicka“ ist keine Action-RPG-Offenbarung. Jenseits des fantastischen Spellcasting-Systems gibt es kaum etwas, dass sich als überdurchschnittlich bezeichnen ließe. In den Bereichen Grafik, Sound, Präsentation und Level-Design bietet „Magicka“ somit leider nur solide Hausmannskost.

Fazit

Die Arrowhead Game Studios haben uns mit einem merkwürdigen Zauber belegt, der uns all das Unfertige und Durchschnittliche vergessen lässt. „Magicka“ bietet technisch unsauberes Mittelmaß in einem grafisch gestrigen Gewand – trotzdem macht es enorm viel Spaß. Maßgeblich für das Gelingen von Spielen seiner Art ist ein astreiner Gameflow. „Magicka“ fließt butterweich. Für 16,99 € bekommt man zwar keine aufwendige Produktion mit packenden Zwischensequenzen und High-End Grafik, dafür aber wahrlich innovatives Magiesystem und einen augenzwinkernden Kettenblitz aus Spielspaß und leichter Unterhaltung.

Wertung: 76%

Weitere Themen: Magicka Demo

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