Medal of Bullshit: Der authentische Krieg des Greg Goodrich (Kolumne)

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Greg Goodrich ist entweder ein eiskalter Marketingkrieger oder ein ziemlicher Vollidiot. Als ich kürzlich bei einem Interviewtermin in London mit dem Executive Producer von „Medal of Honor: Warfighter“ sprach, wollte ich genau das endgültig klären. Ich blickte dem bärtigen Amerikaner also ganz tief in die Augen und suchte nach versteckten Hinweisen, die mir bei der Beantwortung dieser Frage helfen könnten. Ich fand nichts. Kein schelmisch verzogener Mundwinkel wenn das Wort »Authentizität« seinen Mund verlässt, kein schamhaftes Zögern bei den endlosen Ausführungen zum »hohen Grad an Realismus« in EAs neuem Militär-Shooter. Goodrich blieb mir ein Rätsel. Glaubt der Mann etwa wirklich seine eigenen Verpackungslügen oder ist er einfach nur ein verdammt guter Verkäufer?

Medal of Bullshit: Der authentische Krieg des Greg Goodrich (Kolumne)

Ja, ich weiß – ich sollte diese Frage ganz schnell als eine rhetorische ablegen und mich wieder um wichtigere Dinge als die geheime Gedankenwelt des Greg Goodrich kümmern. Doch bevor man mir jetzt Naivität in einem komplett durchvermarkteten Kulturfeld unterstellt, würde ich gerne den Rest der Geschichte erzählen.

Goodrich und ich sitzen also im Londoner Hauptquartier von Electronic Arts und machen Smalltalk. Ich erwähne die Präsidentschaftswahlen in den USA, wir tauschen poltische Allgemeinplätze aus, es werden Witze über Jon Stewart’s Daily Show gerissen. Es ist ein ganz gewöhnlicher Pressetermin.

Plötzlich wandert Goodrichs Blick nervös zu einem entfernten Fernseher. Es läuft die BBC, die Buchstaben »Breaking News« flimmern in einem unheilvollem rot über den Bildschirm. Irgendetwas Schlimmes ist passiert, in Libyen. Mein Interviewpartner steht kommentarlos auf und verfolgt die Berichterstattung angespannt aus nächster Nähe. Ein Smartphone wird gezückt, Emails und Facebook werden geprüft, eine SMS wird hektisch getextet. Goodrich ist sichtlich besorgt.

Kurz darauf kehrt er zurück und brieft mich mit knappen Hauptsätzen: »Ein tödlicher Anschlag auf das US-Konsulat in Bengasi. Ein US-Botschafter ist ums Leben gekommen. Chris Stevens. War vorher in Israel, Ägypten, Syrien und Saudi-Arabien. Ein guter Mann«.

Eine PR-Managerin betritt den Raum und gibt Goodrich ein Zeichen. Die Präsentation kann beginnen. Goodrich legt einen unsichtbaren Schalter um und wird zum Verkäufer. Die anwesenden Journalisten bekommen nun das gleiche Werbe-Mantra zu hören, mit dem EA seit Monaten auf den millionenschweren Militär-Shooter aufmerksam machen möchte. Goodrich verkauft sein Spiel und er verkauft es gut: »Die Handlung von Medal of Honor: Warfighter wurde von echten US-Elitensoldaten geschrieben, Leute wie dem US-Navy SEAL Matt Bissonnett, Leute die genau wissen, wie sich ein Militäreinsatz hinter feindlichen Linien anfühlt«.

Militärische Authentizität ist die USP von „Medal of Honor“, die Unique Selling Proposition, das Verkaufsargument, das aussagt, inwiefern sich dieser Shooter von der Konkurrenz unterscheidet und weswegen es gekauft werden sollte. Deswegen wird Goodrich auch nicht müde, die enge Zusammenarbeit von Entwickler und Militär anzusprechen. Man wolle durch die Beratung sicherstellen, dass die dargestellten militärischen Taktiken absolut authentisch sind.

Um das Produkt „Medal of Honor“ möglichst optimal im Markt zu positionieren, geht EA bei „Warfighter“ sogar noch ein Stück weiter und vertreibt zusammen mit bekannten Militärausrüstern wie „Trijicon“ und „SOG“ echte Streitäxte und Zielvisiere. Eine Maßnahme, die zeigen soll: Das hier ist realer Krieg, das hier ist so aufregend wie die echten militärischen Konflikte.

Ich habe die Solo-Kampagne von „Medal of Honor: Warfighter“

gestern Abend durchgespielt. Mit der Realität hat das rein gar nichts zu tun. Natürlich nicht! Jeder weiß doch,
dass der Pixelkrieg, den wir seit Jahren in Militär-Shootern führen (müssen), in jeder nur erdenklichen Hinsicht ein virtueller ist. Er hat keine Konsequenzen, keine zivilen Opfer, keine menschlichen Abgründe in den eigenen Reihen. Es geht ums Töten in einem luftleeren Raum. Das kann man finden wie man will – die Frage, die ich an dieser Stelle einmal stellen möchte, ist keine moralische.

Ich frage mich hingegen, wie ein Mann wie Greg Goodrich, ein offensichtlich militärisch und politisch bestens informierter Mensch, ein Spiel, in dem überall explosive Fässer herumstehen, authentisch nennen kann ohne dabei zu grinsen. Ein Spiel, in dem irgendeine höhere Macht für uns die Zeit verlangsamt, damit wir es mit einem ganzen Raum von schwerbewaffneten Terroristen aufnehmen können. Ein Spiel, in dem zwei Männer alleine ein komplettes, jemenitisches Dorf mit Handfeuerwaffen auslöschen. Ein Spiel, in dem man die Luftabwehrraketen immer dann findet, wenn gerade ein Helikopter um die Ecke kommt. Ein Spiel, dass jedes nur erdenkliche „War on Terror“-Vorurteil zitiert und sich dafür nicht an den Realitäten militärischer Interventionen, sondern allein an Hollywood orientiert.

Wie kriegt man so etwas bloß hin? Ich schätze, Greg Goodrich ist entweder ein eiskalter Marketingkrieger oder ein ziemlicher Vollidiot. Ihr entscheidet.

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Weitere Themen: gamescom 2014: Das müsst ihr wissen – Tickets, Wildcards, Spiele und Termin


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